Andechser Molkerei: „Bio muss für alle erschwinglich sein“
Barbara Scheitz führt in vierter Generation die Andechser Molkerei. Das Unternehmen ist der größte Verarbeiter von Bio-Milch in Deutschland.
Foto: Andechser Molkerei ScheitzAndechs. Die Andechser Molkerei ist der größte Verarbeiter von Biomilch in Deutschland. Unternehmerin Barbara Scheitz ist Kopf der Initiative „Bio für alle“. Am kommenden Freitag hat sie mit Ökoverbänden zum politischen Frühstück nach Berlin geladen. Auch Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) wird erwartet.
Die Hauptforderung an die Politik: null Prozent Mehrwertsteuer auf Bio-Lebensmittel. Die Argumentation: „Bei konventionell erzeugten Lebensmitteln sind die wahren Kosten für die Gesellschaft gar nicht eingepreist – die immensen Schäden an Klima, Artenvielfalt und Umwelt“, sagt Scheitz.
„Wer Bio kauft, muss finanziell belohnt werden“, fordert sie. Das Ziel 30 Prozent ökologischer Landbau in der EU bis 2030 sei nur erreichbar, wenn Verbraucher auch deutlich mehr Bio-Lebensmittel kaufen. Der Trend geht in die andere Richtung: Boomte Bio in der Pandemie, kaufen die Deutschen in der Inflation erstmals weniger ökologisch erzeugte Produkte.
Die Andechser Molkerei konnte ihren Absatz zwar stabil halten. „Aber 2022 war ein schwieriges Jahr für uns – für alle Milchverarbeiter“, sagte Scheitz. Die aktuelle Milchschwemme mache die Umstellung auf Bio für Kuhhalter zudem unattraktiv. „Milchbauern brauchen eine Perspektive.“
Lesen Sie hier das ganze Interview mit der Andechser-Molkerei-Chefin Barbara Scheitz:
Frau Scheitz, unter dem Motto „Bio für alle“ veranstalten Sie mit Ökoverbänden am Freitag ein politisches Frühstück vor dem Brandenburger Tor. Was sind Ihre konkreten Forderungen an die Regierung?
Wir fordern null Prozent Mehrwertsteuer auf Bio-Lebensmittel. Denn bei konventionell erzeugten Lebensmitteln sind die wahren Kosten für die Gesellschaft gar nicht eingepreist – die immensen Schäden an Klima, Artenvielfalt und Umwelt, die durch Kunstdünger, Pestizide und Massentierhaltung entstehen.
Tut die Politik nicht schon einiges für Bio? Immerhin machen Subventionen drei Viertel des Betriebseinkommens von Biohöfen aus – bei konventionellen Betrieben ist es knapp die Hälfte.
Bis 2030 soll der Anteil ökologisch bewirtschafteter Flächen in der EU von heute elf auf 30 Prozent steigen. Das ist ein hehres Ziel, aber bisher ein bloßes Lippenbekenntnis der Politik. Denn das 30-Prozent-Ziel ist nur erreichbar, wenn Verbraucher auch deutlich mehr Bio-Lebensmittel kaufen. Bio muss für alle erschwinglich sein. Erstmals überhaupt ist 2022 der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln in Deutschland zurückgegangen.
Der Staat kann niemanden zwingen, Bio zu kaufen.
Aber der Staat kann als Abnehmer selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Deshalb fordern wir einen Bioanteil von 50 Prozent in öffentlichen Kantinen wie Schulen, Krankenhäusern oder Behörden. Mehr Konsum hilft der ganzen Biobranche, die geprägt ist von kleinen Familienbetrieben.
„Wer Bio kauft, muss finanziell belohnt werden“
In der Pandemie boomten Bio-Lebensmittel, weil sich die Menschen gesund ernähren wollten und Geld übrig hatten. Seit die Inflation deutlich gestiegen ist, ist Bio ein Ladenhüter. Und nun soll der Steuerzahler den schleppenden Absatz ankurbeln?
Wer Bio kauft, muss finanziell belohnt werden. Schließlich bringen Biokonsumenten den dringend nötigen Wandel der Landwirtschaft voran. Ein solches Belohnungssystem für Biokäufer ist seit Langem überfällig – und in Zeiten, in denen die Menschen weniger Kaufkraft haben, wichtiger denn je. Und der Staat profitiert ja von einer Steuerfreiheit für Bio.
Inwiefern? Das müssen Sie erklären.
Tatsache ist: Der Staat spart durch den Ökolandbau bereits heute jedes Jahr 1,5 Milliarden Euro an ökologischen Folgekosten. Das belegt eine Langzeitstudie der TU München. Somit ist ein Steuererlass für Bio auch wirtschaftlich betrachtet für den Staat eine sinnvolle Investition.
Die Molkerei ist bekannt für ihren Bio-Naturjoghurt in Mehrweggläsern.
Foto: Andechser Molkerei ScheitzLandwirtschaftsminister Cem Özdemir würde gerne Obst und Gemüse von der Mehrwertsteuer befreien. CSU-Chef Markus Söder hat dies sogar für alle Grundnahrungsmittel gefordert – ausgerechnet bei einer Klausurtagung im Kloster Andechs. Aus Ihrer Sicht keine Lösung?
Das würde keinen Anreiz schaffen, auf Bio umzusteigen.
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Für Kuhmilch als Grundnahrungsmittel gilt heute der ermäßigte Satz von sieben Prozent Mehrwertsteuer. Für Hafermilch dagegen gelten 19 Prozent. SPD und Grüne fordern, Pflanzenmilch steuerlich gleichzustellen, auch weil diese umweltfreundlicher sei als Kuhmilch. Wie sehen Sie das?
Ökologische Landwirtschaft basiert auf einem Kreislauf, in dem Tiere eine wichtige Funktion haben. Mist und Gülle sind wichtige Dünger für die Felder, auf denen auch Hafer für Haferdrinks wächst.
„Eine Kuh gehört auf die Weide“
Kühe gelten als „Klimakiller“. Butter etwa ist noch vor Rindfleisch das Lebensmittel mit dem größten ökologischen Fußabdruck.
Die Massentierhaltung verursacht immense Schäden. An die Tiere wird oft Soja verfüttert, das mit viel Kunstdünger und Pestiziden in Südamerika in Monokulturen angebaut wird. Bei uns bleiben Unmengen an Gülle, die das Grundwasser belasten. Ganz anders in der Öko-Landwirtschaft. Hier ist die Tierhaltung an die Fläche gebunden. Damit nicht mehr Mist entsteht, als die Äcker Dünger brauchen.
Sie haben vor drei Jahren die preisgekrönte Initiative „Klimabauern“ ins Leben gerufen. Ziel ist es, die Milcherzeugung möglichst klimaneutral zu machen. Wie kann das funktionieren?
Eine Kuh gehört auf die Weide und nicht das ganze Jahr in den Stall. Auf der Weide lockert sie mit ihren Hufen den Boden auf. Dadurch baut sie Humus auf, der ein ganz wichtiger CO2-Speicher ist. Die Kuh frisst Gras und regt es dadurch zum Wachstum an. So wird ebenfalls mehr CO2 gebunden. Und der Kuhdung bringt wichtige Nährstoffe in den Boden und sorgt so für Artenvielfalt.
Fast 100 Klimabauern engagieren sich für Andechser mit nachhaltiger Viehwirtschaft. Die Kühe bauen Humus auf der Weide auf, der ein wichtiger CO2-Speicher ist.
Foto: Andechser Molkerei ScheitzWelche Erfolge haben Ihre Klimabauern bisher erzielt?
Unsere Klimabauern konnten auf der Weide bis zu acht Prozent mehr Humus aufbauen, das ist beachtlich. Tatsache ist: Weideland speichert viel mehr CO2 als Ackerland. Deshalb sind grasende Tiere wie Kühe, Ziegen oder Schafe unverzichtbar für den Klimaschutz.
Wie belohnen Sie die Bemühungen Ihrer Klimabauern?
Pro Tonne eingespartes oder zusätzlich gebundenes CO2 bezahlt die Andechser Molkerei zehn Euro im Jahr. Außerdem bekommen sie intensive und kostenlose Beratungen durch drei Universitäten. Von unseren 570 Biohöfen, von denen wir die Biomilch kaufen, machen bereits knapp 100 als Klimabauern mit.
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Die Initiative „Bio für alle“ spricht sich auch für einen Anbau in Deutschland aus, der frei von Gentechnik ist. Sollte die Biobranche in Zeiten des Klimawandels nicht offener sein für die Möglichkeiten der modernen Gentechnik?
Der Mensch greift mit der Genschere fundamental in die Natur ein. Viel wichtiger ist es, die natürliche Artenvielfalt zu stärken, die dramatisch schwindet.
Barbara Scheitz leitet seit 2003 die Andechser Molkerei Scheitz: „Wir haben eine lange Liste von Landwirten, die schon morgen auf Bio umstellen würden.“
Foto: Andechser Molkerei ScheitzEs gibt klima- und schädlingsresistente Neuzüchtungen, die viel weniger Dünger oder Wasser benötigen. Auch die EU will diese fördern.
Den Saatgutkonzernen geht es um Patentschutz und das ganz große Geschäft damit. Die Biobranche lehnt Gentechnik in der Landwirtschaft grundsätzlich ab – genauso wie vier von fünf Deutschen. Was uns ärgert: Die EU will mit einer Gesetzesnovelle Gentechnik durch die Hintertür einführen. Wir fordern: Gentechnik muss zumindest für Verbraucher klar gekennzeichnet sein.
„2022 war ein schwieriges Jahr“
Nun zu Andechser. Ihre Molkerei ist Marktführer für Bio-Milchprodukte. Wie haben sich die Geschäfte mit Milch, Joghurt und Käse in der Inflation entwickelt?
Der Umsatz ist leicht auf 205 Millionen Euro gestiegen. Unser Absatz lag etwa gleich zum Vorjahr. Der Absatz unserer Marken war schwächer, der unserer Handelsmarken etwas stärker. Diese machen etwa ein Drittel unseres Geschäfts aus und sind wichtig für die Auslastung unserer Anlagen.
Und der Ertrag? 2020 lag er laut Bundesanzeiger bei 5,5 Millionen Euro.
Nur so viel: 2022 war ein schwieriges Jahr für uns – für alle Milchverarbeiter. Höhere Preise konnten die Mehrkosten nicht annähernd auffangen.
Dabei ist die Bio-Landwirtschaft doch weitgehend autark und deshalb von externen Kostensteigerungen relativ unabhängig.
Das stimmt. In der Bio-Landwirtschaft sind die Kosten infolge des Ukrainekriegs längst nicht so stark gestiegen wie in der konventionellen Agrarwirtschaft. Denn die ist extrem abhängig von Kunstdünger und Pflanzenschutzmitteln. Für deren Herstellung benötigt man fossile Brennstoffe, deren Preise explodiert sind.
„Der Preisschock wirkt bis heute nach“
Normale Milch war deshalb im Sommer 2022 fast so teuer wie Biomilch. Doch dann hat der Handel die Preise für Biomilch eigenmächtig angehoben, um den gewohnten Preisabstand zu wahren. Die Folge: Der Konsum von Biomilch brach um 30 Prozent ein. Bauern mussten Bioware zum Teil als konventionelle Milch verramschen. Tut Ihnen das weh?
So etwas ist bitter. Und der Preisschock wirkt bis heute bei den Verbrauchern psychologisch nach, obwohl sich die Preise für Biomilch längst wieder normalisiert haben.
Der Firmensitz der Andechser Molkerei wurde mit begrünten Dächern im Stil von Hundertwasser gebaut.
Foto: Andechser Molkerei ScheitzInzwischen gibt es eine „Milchschwemme“. Das Angebot ist viel größer als die Nachfrage – besonders bei Bio. Hinzu kommt, dass österreichische Biomilch nun zunehmend mit höherwertiger Verbandszertifizierung durch Naturland in den deutschen Markt kommt statt nur als EU-Bio. Wie stehen Sie dazu?
Das stimmt, es gibt deutlich mehr verbandszertifizierte Biomilch aus Österreich. Das nehme ich zur Kenntnis.
Die Branche hat Sorge, dass viele kleine Biobetriebe etwa im Allgäu die zusätzliche Konkurrenz nicht verkraften.
Wenn das Angebot steigt, aber die Nachfrage fehlt, wird es schwieriger – für Biobauern wie für Bio-Milchverarbeiter. Das sind fast alles traditionsreiche Familienbetriebe.
„Erst 4,5 Prozent der Milch wird ökologisch erzeugt“
Schrecken solche Entwicklungen Milchbauern ab, auf Bio umzustellen? Der Verband Bioland hat seine Werbung für Ökoumsteiger bereits eingestellt, ist zu hören.
Wir haben eine lange Liste von Landwirten, die schon morgen auf Bio umstellen würden. Das Ganze dauert zwei Jahre. Aber Milchbauern brauchen eine Perspektive. Bio-Milchprodukte sind leider immer noch eine Nische. Erst 4,5 Prozent der Milch in Deutschland sind ökologisch erzeugt.
Wer sind die typischen Konsumenten von Andechser?
Andechser-Kunden sind Genussmenschen, die Wert auf Qualität legen. Jüngere Kunden und Sportler kaufen gern Lassi, Kefir und Naturjoghurt. Der Trend geht zu puristischen Produkten ohne Früchte. Auch Spezialitäten wie Ziegenkäse oder Bergblumenkäse sind immer beliebter.
Naturjoghurt liegt im Trend. Die Andechser Bio-Molkerei ist zudem bekannt für Lassi, Kefir, Butter und ihre Käsespezialitäten.
Foto: Andechser Molkerei ScheitzDie Andechser Molkerei ist seit 1908 familiengeführt – nicht zu verwechseln mit dem örtlichen Kloster, das für sein Bier bekannt ist. Von 1999 bis 2015 gehörte dem französischen Käsekonzern Savencia zeitweise ein Drittel Ihrer Molkerei. Was waren die Beweggründe für den Teilverkauf?
Wir hatten uns erhofft, mit unserem Partner den französischen Markt zu erschließen. Dieses Ziel ließ sich nicht erreichen. Deshalb haben wir unsere Anteile zurückgekauft.
Das Kartellamt kam Ihnen dabei zu Hilfe …
Der französische Gesellschafter hatte unseren größten Wettbewerber übernommen. Deshalb wurde eine Entflechtung nötig. Finanziell war der Rückkauf eine große Herausforderung. Aber es war uns eine Herzensangelegenheit. Die Kraft der freien Entscheidung ist im Familienunternehmen unbezahlbar.
Soll die Molkerei in Zukunft ganz in Familienhand bleiben?
Ein Unternehmen ist für eine Familie identitätsstiftend. Mein 84-jähriger Vater geht noch jeden Tag durch den Betrieb. Meine Schwester arbeitet in der Firma, mein Bruder ist Bio-Landwirt. Und meine beiden Kinder haben von klein auf Anteil genommen am Geschäft. Deshalb würde ich mich sehr freuen, wenn sie eines Tages die Molkerei führen.
Frau Scheitz, vielen Dank für das Gespräch.
Erstpublikation: 24.09.2023, 13:24 Uhr.