Kommentar: Der vergreiste Dax – Es fehlt an Kapital für junge Unternehmen

Der Dax wurde am 1. Juli 1988 eingeführt und zeigte damals einen Indexstand von 1.163,52 Punkten.
Foto: ReutersMehr als die Hälfte der Dax-Konzerne stammt aus der Bismarck- und Vor-Kaiserzeit. Am 1. Oktober 1847 gründete Werner Siemens mit Georg Halske die Telegraphen Bau-Anstalt in Berlin, anderthalb Jahrzehnte später schufen Johann Friedrich Weskott und Friedrich Bayer in Wuppertal ihre Farbenfirma.
Als Friedrich Jacob Merck 1668 die Stadt-Apotheke in Darmstadt erwarb und so den Grundstein für den zweitältesten Dax-Konzern legte, stand die Pest in Erfurt vor dem Ausbruch und die Trümmer des 30-jährigen Krieges waren noch allgegenwärtig. 1585 gilt als Geburtsstunde des ältesten Dax-Konzerns, der Deutschen Börse, als die Frankfurter Kaufleute erstmals einheitliche Wechselkurse festlegten.
Sind diese Dax-Konzerne aufgrund ihres Alters schlechter als der 2008 entstandene Onlinehändler Zalando oder die 2003 von Martin Eberhard und Marc Tarpenning gegründete Firma Tesla? Mitnichten. Merck beliefert weltweit alle großen Halbleiterunternehmen mit Vorprodukten. Die Deutsche Börse hat eines der zuverlässigsten Handelssysteme. Es ist weniger störanfällig als die Wall Street.
Die Gleichung alt gleich schlecht und jung gleich gut geht nicht auf. Dennoch entfacht Amerika mit seinen vielen jungen und rasch sehr groß gewordenen Unternehmen um Amazon, Google (Alphabet) und Nvidia einen Sog, der zukunftsträchtige Innovationen immer stärker in die USA lockt.
Weil es dort überdurchschnittlich viele Firmen mit neuartigen Geschäftsmodellen gibt, siedeln sich dort viele erst noch entstehende Firmen (Start-ups) an. Diese locken finanzstarke Investoren an, was auch die Anziehungskraft für gute Analysten verstärkt. Sie versorgen die Kapitalgeber mit Informationen, um gute und aussichtslose Geschäftsmodelle voneinander unterscheiden zu können.
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Diesen Automatismus gibt es in Deutschland nicht. Es fehlt an Kapital, das seine Anlage in Ideen, Start-ups und etablierte Konzerne sucht. „Risiko“ bedeutet in der hiesigen Wahrnehmung allzu oft „Verlust“ . An den Finanzmärkten dagegen bedeutet Risiko immer auch Chance – zwar mit stärkeren Kursschwankungen, aber mit langfristig höherem Ertragspotenzial.
Das ist im Übrigen der Grund, warum Risikokapital und Aktien bestens für die Altersvorsorge geeignet sind, vorausgesetzt die Vorsorge startet – wie in den USA üblich – zu Beginn des Erwerbslebens.
Positiver Nebeneffekt: Die Börsenindizes schwanken in den USA weniger stark als in Deutschland, weil die milliardenschweren amerikanischen Pensionsfonds Monat für Monat das Geld ihrer Kunden anlegen.
Am Ende ist allen gedient: den Pensionären, Aktionären und der Volkswirtschaft, die immer neue Ideen anlockt. Davon können sich unsere Volksvertreter, egal ob Schwarz, Rot oder Grün, noch viel abgucken.