Märkte Insight: Italien rückt unter Meloni wieder in den Fokus der Finanzmärkte
Regierungschefin Meloni weiß genau, dass sie das EU-Geld braucht, meint Autor Frank Wiebe.
Foto: imago images/ Pacific Press AgencyItalien ist viel zu oft schlechtgeredet worden. Die Regierung dort hat jahrelang Primärüberschüsse erwirtschaftet, also abgesehen von den Zinseinnahmen mehr eingenommen als ausgegeben.
Die hohe Staatsverschuldung von rund 140 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ist weitgehend ein Erbe der Vergangenheit. Die Leistungsbilanz war jahrelang positiv, rutschte 2022 ins Minus, die Prognosen deuten aber wieder auf künftige Überschüsse hin. Die Italiener sparen zudem privat traditionell sehr viel, was für die Gesamtverschuldung des Landes gut ist.
Wichtig auch: Die neue Regierungschefin Giorgia Meloni hat es bisher vermieden, sich in finanziellen Angelegenheit offen mit der Europäischen Union (EU) anzulegen. Die Rechtspopulistin weiß genau, dass sie das EU-Geld braucht.
Zuletzt haben einige Zahlen aber doch wieder Anlass zur Sorge gegeben. Melonis Regierung plant für das laufende Jahr jetzt mit einem Defizit von gut fünf Prozent. Das ist nicht nur deutlich mehr als nach den immer noch geltenden Regeln im Euro-Raum vorgesehen ist. Es passt auch schlecht dazu, dass die Zinsen inzwischen deutlich höher sind.
Die Zinsen für deutsche Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit sind zuletzt merklich auf knapp 2,9 Prozent gestiegen. Das ist viel und bedeutet in absehbarer Zeit eine reale, also nach Abzug der Inflation berechnete Belastung. Die italienische Regierung muss aber mit knapp 4,8 Prozent fast zwei Prozentpunkte mehr zahlen, und das bei bereits hohem und zugleich stark steigendem Schuldenstand.
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Ein Ausweg ist hier schwierig zu erkennen. Eine harte Sparpolitik würde die Konjunktur zusätzlich zu den hohen Zinsen belasten und die relative Schuldenlast damit kaum erleichtern.
Entlastung durch EZB ist endlich
Hinzu kommt: Die Europäische Zentralbank (EZB ) entlastet das Land immer noch durch Anleihekäufe unter dem Schirm des Covid-Notfallankaufprogramms (PEPP), das ihr relativ große Freiheit gibt, beim Nachkauf für auslaufende Zinspapiere einzelne Länder zu bevorzugen. Aber wie lange lässt sich dieses Programm, das ausdrücklich an die Pandemie geknüpft war, noch glaubwürdig aufrechterhalten?
Die neue Woche wird jedenfalls von der Frage geprägt sein, welche Perspektiven die Anleger nach dem schwachen dritten Börsenquartal mit den immer noch ansteigenden Anleiherenditen sehen, die auch die Aktien belasten.
Was in der neuen Woche wichtig wird
Am Freitag verschafften die erfreulichen Inflationszahlen für den Euro-Raum, mit 4,3 Prozent Preissteigerung im Jahresverlauf und deutlichem Abwärtstrend, den Aktien etwas Auftrieb. Der Deutsche Aktienindex (Dax) stieg um 0,4 Prozent auf 15.387 Punkte.
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Die Wall Street stand unter Druck der hohen Anleiherenditen: Für die zehnjährigen US-Staatspapiere gab es fast 4,6 Prozent, die kürzeren Laufzeiten bringen sogar mehr als fünf Prozent. Der US-Aktienindex S&P 500 verlor knapp 0,3 Prozent auf 4288 Punkte, wobei die Schwergewichte Alphabet (Google), Amazon und Meta überproportional nachgaben.
Notenbanker und Wirtschaftsdaten im Fokus
Am kommenden Mittwoch hält EZB-Präsidentin Christine Lagarde eine Rede, bei der Investoren genau auf Andeutungen über den weiteren Verlauf der Geldpolitik achten werden. Außerdem werden Daten zu den Produktionspreisen im Euro-Raum veröffentlicht, die voraussichtlich den Abwärtstrend der Inflation bestätigen.
Am Freitag wird es neue Zahlen zum Auftragsbestand in der deutschen Industrie geben, der zuletzt recht schwach aussah. Eine weitere Enttäuschung könnte die Rezessionssorgen erhöhen und neben Aktien auch Unternehmensanleihen treffen.
Weitergehen dürfte in den kommenden Wochen auch die Analyse der Inflationsphase. Einen interessanten Beitrag dazu hat vor wenigen Tagen die EZB-Direktorin Isabel Schnabel geleistet. Sie stellte fest, dass die Geldmenge, die in Zeiten niedriger Inflation kaum eine Rolle für die Preise spielte, in Ausnahmesituationen wie den letzten Jahren wieder mehr Aufmerksamkeit verdient.
Erstpublikation: 01.10.2023, 15:17 Uhr.