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  4. Siemens Energy: Milliardendeal in Indien könnte den Krisenkonzern entlasten

EnergietechnikSiemens Energy verhandelt über Verkauf von Anteilen in Indien

Bislang wehrt sich Siemens dagegen, eigene Garantien für die einstige Energietochter abzugeben. Der Konzern hofft stattdessen auf einen milliardenschweren Deal in Indien.Axel Höpner 31.10.2023 - 13:36 Uhr Artikel anhören

Der kriselnde Energiekonzern Siemens Energy hofft auf Staatshilfen.

Foto: dpa

München. Im Ringen um Staatshilfen für Siemens Energy könnte ein Milliardengeschäft in Indien den Durchbruch bringen. Großaktionär Siemens verhandele mit der einstigen Energietochter darüber, Anteile an einem gemeinsam gehaltenen Unternehmen in dem Land zu kaufen, hieß es am Dienstag aus Verhandlungskreisen. So wolle Siemens einen Beitrag zur Stärkung von Siemens Energy leisten und eine Gesamtlösung ermöglichen.

Siemens Energy hatte in der vergangenen Woche bestätigt, die Bundesregierung um milliardenschwere Staatsgarantien gebeten zu haben. Der Aktienkurs brach daraufhin zeitweise um 40 Prozent ein. Verantwortlich für die Krise des Dax-Konzerns sind vor allem hohe Verluste im Geschäft mit der Windkraft. Deshalb und wegen des gestiegenen Zinsniveaus sind die Banken zurückhaltender bei Garantien für Großprojekte geworden. Daher braucht das Unternehmen staatliche Bürgschaften.

Banken und die Bundesregierung sollen dazu auch bereit sein, heißt es aus Verhandlungskreisen. Denn solche Garantien werden nur selten tatsächlich fällig. Allerdings besteht der Bund auf einer Beteiligung des Großaktionärs Siemens, der 25 Prozent an der ehemaligen Energiesparte hält. Siemens sei für die Probleme nach der Abspaltung mitverantwortlich. Bei Managementfehlern dürfe daher nicht allein die Gesellschaft die Kosten tragen. Daher solle auch Siemens zusätzliche Garantien in Milliardenhöhe geben.

Eine Entflechtung in Indien ist ohnehin notwendig

Siemens-Chef Roland Busch aber sperrt sich bislang gegen eine Beteiligung am Garantiepaket. Man sei zunächst einmal den eigenen Aktionären verpflichtet, hieß es in Unternehmenskreisen. Zudem fehlten wichtige Informationen für so eine Entscheidung

Nun aber kommt ein möglicher Milliardendeal in Indien ins Spiel: Siemens Energy ist noch mit 24 Prozent an der börsennotierten Siemens Ltd. in Mumbai beteiligt, die Produkte beider Unternehmen vertreibt. „Das Thema muss so oder so irgendwann gelöst werden“, heißt es in Industriekreisen. „Es wäre in jedem Fall eine Entflechtung notwendig.“

Siemens-Chef Roland Busch sieht sich vor allem seinen Aktionären verpflichtet – und verlangt eine Gegenleistung für Hilfen.

Foto: IMAGO/Political-Moments

Daher könnte Siemens einige Anteile von Siemens Energy am indischen Gemeinschaftsunternehmen kaufen, die an der Börse mehr als drei Milliarden Euro wert sind. Allein dieses Aktienpaket kommt damit auf den halben Wert, den der gesamte Siemens-Energy-Konzern nach dem jüngsten Kurssturz an der Börse noch erreicht. Über den möglichen Verkauf hatte die Nachrichtenagentur Bloomberg zuerst berichtet.

Ein Kauf des kompletten Pakets sei allerdings nicht geplant, heißt es aus Verhandlungskreisen. Zum einen brauche Siemens Energy gar nicht so viel Geld für die Bilanzstärkung. Zum anderen müsse das Geschäft auch operativ entflochten werden. Es müssten also Geschäfte von Siemens Energy aus dem Gemeinschaftsunternehmen herausgelöst werden. Dies könnte dann möglicherweise mit der Restbeteiligung verrechnet werden.

Warum ein Verkauf hilfreicher sein könnte als Garantien

Mit dem Verkauf der Anteile würde eine Milliardensumme in die Kasse von Siemens Energy fließen. So würde die eigene Bilanzsituation verbessert und die Eigenkapitalbasis gestärkt. Der Konzern hatte zuletzt erst auch sein Geschäft mit Hochspannungskomponenten für einen dreistelligen Millionenbetrag an einen Finanzinvestor verkauft.

„Formaljuristisch“ gebe es keinen Zusammenhang zwischen Garantien und Portfolioverkäufen, heißt es in Industriekreisen. Bei der diskutierten Staatshilfe geht es schließlich um Garantien für Projekte wie zum Beispiel neue Stromnetze und Windparks in Höhe von etwa 15 Milliarden Euro. Hier erwarten Koalitionspolitiker laut Verhandlungskreisen bislang eine Siemens-Beteiligung von fünf Milliarden Euro oder mehr.

Doch könne ein Milliardenverkauf der Anteile Siemens Energy möglicherweise mehr helfen als weitere Garantien, wird im Umfeld von Siemens argumentiert. Denn eine starke Kapitalbasis hilft in weiteren Verhandlungen mit Banken und bei der Einschätzung des Unternehmens durch die Ratingagenturen.

Siemens wiederum könne seinen Aktionären einen Gegenwert vorweisen, den man bekommen habe, nämlich mehr Kontrolle über die Geschäfte im boomenden indischen Markt. „Das wäre eine Win-win-Situation.“ Mit dieser Lösung könnten alle Beteiligten ihr Gesicht wahren, heißt es in Verhandlungskreisen.

Einige Experten sehen die Staatshilfe für Siemens Energy kritisch. „Das ist aus mehreren Gründen problematisch: Staatliche Garantien schaffen Fehlanreize für Unternehmen, da sie eine Vollkasko-Mentalität fördern“, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, der „Rheinischen Post“.

Siemens selbst sei nun gefragt. Der Konzern habe die Abspaltung durchgezogen „möglicherweise auch mit der Absicht, viele Risiken der Energiesparte nicht mehr übernehmen zu müssen und sie auf den Staat übertragen zu können“. Auch Ifo-Präsident Clemens Fuest betonte, dass es Aufgabe der Gläubiger und Aktionäre sei, die Firma zu sanieren und auf Ansprüche zu verzichten.

Siemens-Aktionäre sind gegen umfangreiche Garantien

Ob nun ein Kauf der Anteile in Indien die Kritiker besänftigen könnte, ist offen. Die beteiligten Unternehmen wollten die Informationen nicht kommentieren. Noch ist der Anteilskauf in Indien nicht beschlossen, und auch um eine Gesamtlösung wird weiter gerungen. Denn viele Details gelten aktuell als ungeklärt. Zudem muss die Bundesregierung entscheiden, ob sie weiterhin auf Garantien von Siemens besteht – und wenn ja, in welcher Höhe.

Gerade bei den Siemens-Anlegern sind solche Garantien aber umstritten. Die Aktionäre würden am liebsten die Verbindungen zu Siemens Energy kappen – und sie nicht wieder neu ausbauen, hieß es aus Industriekreisen.

Der ehemalige Mutterkonzern hatte seine Beteiligung an der einstigen Tochter eigentlich reduzieren wollen. Doch angesichts der schwachen Kursentwicklung waren diese Pläne zuletzt vertagt worden.

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Seit Jahren ziehen die Verluste bei den erneuerbaren Energien den gesamten Konzern tief in die roten Zahlen. Das liegt zwar auch an den schwierigen Marktbedingungen. Die meisten Anbieter schreiben Verluste. Doch ist die Situation bei Siemens Energy besonders ernst, wie auch Aufsichtsratschef Joe Kaeser zuletzt einräumte.

Siemens hatte seine Windkraftsparte einst mit der des Konkurrenten Gamesa fusioniert. Eine echte Integration fand aber über Jahre hinweg nicht statt. Die erste gemeinsam entwickelte Windturbine 5.X wurde zum Desaster. Wegen schwerer Qualitätsprobleme musste der Verkauf weltweit gestoppt werden. Teure Reparaturen und Rückrufe belasten die Bilanz.

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