Einigung beim Deutschlandticket: Das 49-Euro-Ticket bleibt – vorerst
Die Verkehrsminister sollen jetzt ein Konzept für die Umsetzung des Tickets 2024 erarbeiten.
Foto: dpaBerlin. Am Montagabend konnten sich der Kanzler und die Länderchefs auf eine Zwischenlösung zum Deutschlandticket einigen. Bis Mai 2024 bleibt alles beim Alten, dann droht das Ticket teurer zu werden.
Vorhergegangen war ein wochenlanger Streit und Warnungen vor einem Aus des Deutschlandtickets. Kanzler Olaf Scholz (SPD) und die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten verständigten sich jetzt darauf, in diesem Jahr nicht verbrauchte Mittel 2024 zum Ausgleich finanzieller Nachteile durch das günstigere Ticket bei Verkehrsunternehmen einzusetzen.
Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) begrüßte die Einigung und bezeichnete das Ticket am Dienstag als großen Erfolg. Er rief die Landesverkehrsminister jedoch auf, „sachlich am Erfolg des Deutschlandtickets zu arbeiten und aufzuhören, es ohne Not infrage zu stellen“. Der Beschluss bekräftige noch einmal das im vergangenen Jahr vereinbarte Finanzkonzept und zeige, dass die von den Ländern losgetretene Debatte über die Finanzierung des Deutschlandtickets vollkommen überflüssig gewesen sei.
Der Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz, Boris Rhein (CDU) aus Hessen, sagte schon vor der Runde mit Scholz, das Ticket für Busse und Bahnen im Nahverkehr in ganz Deutschland sei ein Erfolgsmodell.
„Wir wollen es weiterführen.“ Dazu einigten sich Bund und Länder nun auf ein Vorgehen – aber mit noch offenen Punkten. In den Blick rückt auch der Preis von bisher 49 Euro im Monat, der ausdrücklich als „Einführungspreis“ gilt. Die Verkehrsminister sollen jetzt ein Konzept für die Umsetzung des Tickets 2024 erarbeiten.
Deutschlandticket: Operation Umschichtung
Seit dem 1. Mai dieses Jahres gibt es das Deutschlandticket für 49 Euro. Nach einer Verabredung von Ende 2022 schießen beide Seiten in diesem und im nächsten Jahr schon je 1,5 Milliarden Euro zum Ausgleich von Einnahmeausfällen bei Bus- und Bahnbetreibern zu. Doch Knackpunkt waren zuletzt etwaige Mehrkosten darüber hinaus. Dass Bund und Länder sie ebenfalls je zur Hälfte tragen, ist nur für das Einführungsjahr 2023 vereinbart.
Laut einer Prognose des Verbands der Verkehrsunternehmen dürften die Verluste für die Branche dieses Jahr 2,3 Milliarden Euro betragen, nachdem das Ticket erst Anfang Mai startete
Foto: IMAGO/Wolfgang Maria WeberVerkehrsbranche und Länder forderten das lange auch für 2024. Davon war nun keine Rede mehr. Als Puffer soll ungenutztes Geld von 2023 dienen können, wozu eine Gesetzesänderung nötig ist. Das Regionalisierungsgesetz soll dafür bis Mitte des nächsten Jahres angepasst werden. Mit dem angepeilten Konzept der Verkehrsminister soll „eine weitere Nachschusspflicht durch Bund und Länder“ 2024 ausgeschlossen werden.
Genaue Zwischenabrechnung
Welche Mehrkosten es wirklich gibt, lässt sich noch nicht beziffern. Bund und Länder peilen daher eine genaue „Spitzabrechnung“ für 2023 und 2024 an, die nach Vorliegen endgültiger Daten für beide Jahre von den Ländern gemacht werden soll.
Laut einer Prognose des Verbands der Verkehrsunternehmen dürften die Verluste für die Branche dieses Jahr 2,3 Milliarden Euro betragen, nachdem das Ticket erst Anfang Mai startete. Im vollen Jahr 2024 sollen es dann 4,1 Milliarden Euro sein. Bei sechs Milliarden Euro Zuschüssen für 2023 und 2024 könnte sich unter dem Strich also eine Lücke von 400 Millionen Euro ergeben. Genau Zahlen dazu gibt es allerdings erst im nächsten Jahr, wenn die Kostenrechnungen für 2023 vorliegen.
Verkehrsminister sollen Finanzkonzept vorlegen
Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sagte vor der Beratung mit Scholz, die Übertragung nicht verbrauchter Mittel von 2023 schaffe die Grundlage, dass das Ticket auch im nächsten Jahr weitergehen könne. „Ob und in welcher Form das Auswirkungen auf die Preisgestaltung haben wird, das müssen uns die Verkehrsminister sagen.“
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Insofern werde der Ball da an die Fachminister zurückgegeben. Bund und Länder beauftragen die Verkehrsministerkonferenz, ein Konzept vorzulegen - und zwar rechtzeitig vor dem 1. Mai 2024.
Dann wird das Ticket ein Jahr alt. Dafür sollen sich Bund und Länder über die weitere Finanzierung und einen Mechanismus zur Fortschreibung des Ticketpreises verständigen, „der auch eine Erhöhung beinhalten kann“.
Laut Dirk Flege vom Interessenverband Allianz pro Schiene bleiben zentrale Fragen trotz der vorübergehenden Einigung offen. "Bund und Länder müssen sich gleich zu Jahresbeginn auf ein Gesamtpaket verständigen, das neben einer langfristigen Finanzierung auch die Einführung eines bundesweiten Sozialtickets sowie die dringend nötige Angebotsausweitung des ÖPNV enthält," sagt Flege. Außerdem müsse die Mitnahme von Kindern geregelt werden und ein bundeseinheitliches Studierendenticket geben, fordert Flege.
Die heikle Preis-Frage des Deutschlandtickets
Dass der verlockende Start-Preis von 49 Euro einmal wie andere Tarife auch steigen kann, war prinzipiell immer klar. Eine spätere Preiserhöhung haben sich die Verkehrsminister von Bund und Ländern schon beim Start offengehalten. Deswegen wurde aus dem Neun-Euro-Ticket auch offiziell kein 49-Euro-Ticket, sondern das Deutschlandticket. Das Bundesverkehrsministerium sprach bereits von einer vereinbarten „Dynamisierung in Form eines automatischen Inflationsausgleichs“ ab 2024. Nun kommt eine mögliche Anhebung als Finanzierungselement für 2024 konkret auf den Tisch.
Die Umweltorganisation Greenpeace kritisierte prompt, Scholz wolle sich mit dem D-Ticket schmücken, dafür zahlen wolle er aber nicht. Das könne nicht funktionieren. „Wenn die Kundinnen und Kunden jederzeit mit einer Preiserhöhung rechnen müssen, dann würgt das den Erfolg des Tickets ab, noch bevor es überhaupt richtig angekommen ist“, sagte Greenpeace-Expertin Clara Thompson.
Bund und Länder betonten, das Ticket weiterentwickeln, vereinfachen und digitaler machen zu wollen. Und Ziel sei auch, „mit einer erfolgreichen Umsteigeoffensive mögliche Finanzierungsdefizite so weit wie möglich zu senken“.
Bundesverkehrsminister Wissing rief die Landesverkehrsminister auf, „sachlich am Erfolg des Deutschlandtickets zu arbeiten und aufzuhören, es ohne Not in Frage zu stellen“.
Foto: dpaBundesverkehrsminister Wissing sieht das Deutschlandticket als großen Erfolg. Die Länder sollten diese Chance erkennen und alles dafür tun, damit die Abo-Zahlen weiter steigen. „Die nächsten Schritte dafür sind mehr Digitalisierung des ÖPNV-Angebots, der Verzicht auf Konkurrenzprodukte und eine konsequente Vereinfachung der Strukturen.“
Ingo Wortmann, Präsident des Interessenverband VDV sieht hier auch die Branchen in der Verantwortung, das beschlossene Konzept des Deutschland-Tickets konkret weiter auszugestalten, um das Ticket dauerhaft zum Erfolg zu machen. "Wir verstehen dies auch als Auftrag an die Branche, hierzu geeignete Vorschläge einzubringen."
Mit Agenturmaterial