Die Krise der Volkswirtschaftslehre: Was nun, Herr Smith?
Der Schotte Adam Smith - Begründer der Volkswirtschaftslehre.
Foto: HandelsblattNichts deutete darauf hin, dass aus dem Kind mal etwas Besonderes werden sollte. Der Junge war kränklich und schwach; eine Halbwaise mit einer Neigung zu Selbstgesprächen und Ohnmachtsanfällen. Ein Muttersöhnchen, das wegen seiner labilen Gesundheit erst im neunten Lebensjahr zum ersten Mal eine Schule von innen sah.
45 Jahre später sollte dieser Mann ein Buch schreiben, das wie kaum ein anderes die Wissenschaft veränderte - und unsere Welt gleich mit. Adam Smith und sein 1776 erschienenes Werk „Wohlstand der Nationen“. Der Beamtensohn aus einem kleinen Hafenort an der Ostküste Schottlands begründet damit die moderne, marktorientierte Volkswirtschaftslehre. Er schafft das intellektuelle Fundament für den Kapitalismus, die Marktwirtschaft, das freie Spiel von Angebot und Nachfrage.
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Der Blog ist seit August 2008 online, ging also einen Monat vor der Pleite der Investmentbank Lehman an den Start. Seitdem schreibt der Ökonom und Berater Dirk Elsner dort über BWL-Themen, aber auch über die Euro-Krise.
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Dieser Blog wird anonym von dem 30 Jahre alten Uni-Ökonom mit dem Pseudonym „Kantoos“ betrieben. Das Motto des Blogs: „Moderne VWL und Wirtschaftspolitik - Versuch einer Paartherapie“. Neben dem Betreiber steuern außerdem noch drei weitere Gastblogger eigene Artikel bei. Die Beiträge sind überwiegend in deutscher Sprache verfasst, vereinzelt werden jedoch auch englische Texte veröffentlicht.
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Auf www.diewunderbareweltderwirtschaft.de richtet der anonyme Blogger „Egghat“ seinen Fokus vor allem auf Themen wie die Finanzkrise sowie die aktuelle Wirtschaftspolitik.
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Hierbei handelt es sich um ein Gemeinschaftsprojekt mehrerer VWL- Professoren, das von dem Lehrstuhlinhaber für VWL an der Universität Würzburg, Prof. Dr. Norbert Berthold ins Leben gerufen wurde. Die Autoren, zu denen neben den Professoren auch einige Gastautoren zählen, sehen sich vor allem in der ordnungspolitischen Tradition.
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Der Blog wurde unter anderem von Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, mitbegründet. Hier haben sich Volkswirte der Aufgabe verschrieben, Forschung allgemeinverständlich zu präsentieren.
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Hierbei handelt es sich um den Wirtschaftsblog der Wochenzeitung „Die Zeit“. Die sechs Autoren gehen in ihren Beiträgen vorrangig dem Kapitalismus auf den Grund, stellen neue Trends vor und warnen vor versteckten Gefahren.
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Der VWL-Blog des Handelsblatts. Neben Redakteuren des Ökonomie-Teams schreiben hier auch einige externe, teilweise internationale, Gastautoren über Themen wie Konjunktur und Geldpolitik.
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Auf economicsintelligence.com veröffentlicht Handelsblatt-Redakteur Olaf Storbeck, derzeit als International Economics Correspondent in London, ausschließlich englischsprachige Blogbeiträge über Trends in der Wirtschaftswissenschaft.
Foto: ScreenshotEigeninitiative, Unternehmertum, Profitstreben - eine Wirtschaftsordnung, die sich als enorm erfolgreich erwiesen hat. Erfolgreicher vermutlich, als Smith es je selbst geahnt hat. In den vergangenen 200 Jahren ist der Wohlstand der Nationen in einer schier unvorstellbaren Weise explodiert. In den westlichen Industrieländern ist das reale Pro-Kopf-Einkommen heute mehr als 20-mal so groß wie 1820. In den 2000 Jahren zuvor war es nur um den Faktor 2,5 gewachsen.
Eine Wirtschaftsordnung aber auch, die von Zeit zu Zeit zu schweren Krisen neigt. Krisen, die Not und Elend für Millionen Menschen bringen, politische Instabilität und Krieg. Krisen auch, die das intellektuelle Gerüst der Volkswirtschaftslehre infrage stellen, die wissenschaftliche Orthodoxie erschüttern, neues ökonomisches Denken provozieren.
Von 1929 bis 1939, in den dunklen Jahren der Großen Depression, hat die westliche Welt solch eine Wirtschaftskatastrophe erlebt; seit 2007 drängt sich die Frage auf: Wiederholt sich die Geschichte?
Was vor fünf Jahren mit Problemen in einem obskuren Segment des amerikanischen Immobilienmarktes begann und am Anfang noch „Subprime-Krise“ genannt wurde, ist längst die tiefste und gefährlichste Finanz- und Wirtschaftskrise seit 80 Jahren.
Eine „Jahrhundertkrise“, wie der ehemalige US-Notenbankchef Alan Greenspan meint, den viele Beobachter dafür heute mitverantwortlich machen. „Der Schock für das Finanzsystem“, sagte der ehemalige US-Notenbanker Frederic Mishkin schon vor drei Jahren, „ist in der heutigen Krise größer als in der Great Depression“.
Inzwischen stehen eine Reihe von westeuropäischen Volkswirtschaften vor dem Staatsbankrott, und es droht ein unkontrollierter Zerfall der Euro-Zone. Deregulierte, entfesselte Finanzmärkte, von der Wirtschaftspolitik im Glauben an die Selbstheilungskraft des freien Marktes seit den 1980er-Jahren immer mehr sich selbst überlassen, bilden das Epizentrum des Bebens - gemeinsam mit Immobilienmärkten, auf denen sich über zweieinhalb Jahrzehnte eine der größten Spekulationsblasen der Wirtschaftsgeschichte aufgebläht hatte.
Die Volkswirtschaftslehre, so sind selbst führende Ökonomen überzeugt, trägt eine gehörige Portion Mitverantwortung für die Misere. „Das Fach hat die intellektuelle Basis für die Deregulierungsbewegung geliefert“, sagt der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz.
Viele ökonomische Konzepte, die bis vor wenigen Jahren allgemein akzeptiert waren und die Wirtschaftspolitik prägten, werden heute offen infrage gestellt - angefangen bei der Theorie der rationalen Erwartungen und der These von den effizienten Finanzmärkten bis hin zur Frage, welche Rolle eigentlich Banken in der Wirtschaft spielen und ob stabile Verbraucherpreise wirklich das Einzige sind, was die Geldpolitik für den Wohlstand tun kann. „Die große Rezession“, ist Keynes-Biograf Robert Skidelsky daher überzeugt, „ist eine Krise der Ideen.“
Was nun, Herr Smith?
Die Antwort suchten junge Wissenschaftler in der beschaulichen schwäbischen Universitätsstadt Tübingen, auf einer Konferenz mit dem Titel „Rethinking Economics“. Die Tagung, von Studenten organisiert, hatte gleichzeitig alles und nichts mit einem normalen wissenschaftlichen Kongress zu tun. Zu Beginn musste geklärt werden, wer noch Schlafsack oder Isomatte brauchte.
Statt Namensschildern durfte jeder etwas Malerkrepp abreißen, mit seinem Vornamen beschriften und ans T-Shirt kleben. Höflich wurden die Teilnehmer aufgefordert, ihre Pappbecher wiederzuverwenden und das Tagungszentrum sauber zu hinterlassen. Eine Putzkolonne war nicht drin im schmalen Budget, das die Studienstiftung des Deutschen Volkes aufgestockt hatte.
Das Geld reichte gerade für die Reisekosten der Referenten, die aus ganz Europa und den USA angereist waren, und eine bescheidene Verpflegung. Im Vordergrund stand die geistige Nahrung; die Teilnehmer bohrten sich vor bis zu den philosophischen Grundlagen konkurrierender Ökonomieschulen: Kant versus Aristoteles, Hume versus Plato.
Die Studenten, die sich einen der 50 Plätze sichern konnten, haben ihr ganzes bisheriges Studium vor dem Hintergrund der Finanzkrise erlebt. Ein Ereignis, das in der Lehre bis heute kaum vorkommt, über das sich die Lehrbücher ausschweigen. Wie vor 20 Jahren leiten Studenten in den ersten Semestern Nachfragekurven her, maximieren Nutzenfunktionen und verschieben Kurven in Koordinatensystemen. Krise? Welche Krise?
Doch damit gibt sich der wissenschaftliche Nachwuchs nicht mehr zufrieden. Überall in der Republik stellen Ökonomiestudenten selbst Kongresse und Seminare zu den Problemen von Wirtschaft und Wirtschaftswissenschaft auf die Beine.
„Wir sehen die Finanzkrise als Anlass zur kritischen Reflexion der Ausrichtung der VWL“, beschreibt Mit-Organisatorin Lu Liu die Motivation für die Tübinger Initiative. „An der Uni bemerken wir davon leider noch sehr wenig.“
Hochschullehrer wie der Berliner Makroökonom Michael Burda, der auch Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik ist, verteidigen ihr Fach. „Man muss erst einmal die Basismodelle gelernt und verstanden haben. Dann hat man das intellektuelle Handwerkszeug, um sie kritisieren zu können.“ Burda sieht keinen Reformbedarf für sein Fach - der Ball liege bei der Politik, die auf die falschen oder gar nicht auf Ökonomen höre.
Doch mit solchen Argumenten lassen sich die Studenten nicht mehr hinhalten. Ihr Prinzip lautet: „Jetzt helfe ich mir selbst.“ In Erfurt organisieren Studenten und Doktoranden Seminare zur Dogmengeschichte und zur Finanzkrise, an der FU Berlin haben sie eine Vortragsreihe „Alternativen zur Mainstream-Ökonomik“ auf die Beine gestellt.
Und wenn im September die deutschen VWL-Professoren zur Jahrestagung des traditionsreichen Vereins für Socialpolitik nach Göttingen reisen, werden sie dort auf eine unbequeme „Ergänzungsveranstaltung“ stoßen, die der „Arbeitskreis Real World Economics“ organisiert.
Vor acht Jahrzehnten war die Wirtschaftswissenschaft schon mal in einer ganz ähnlichen Situation. Die Große Depression, in die die Welt nach dem Börsenkrach von 1929 versank, konnten die Volkswirte mit ihren damaligen Modellen und Konzepten nicht erklären: Steigende Arbeitslosigkeit trotz fallender Löhne zum Beispiel waren mit der Theorie nicht zu packen.
Die Ökonomen empfahlen den Regierungen, auf fallende Steuereinnahmen mit einer Senkung der Staatsausgaben zu reagieren, um den Haushalt wieder ins Gleichgewicht zu bringen - und machten so alles noch schlimmer.
Ein Mann mit Schnauzbart und einem Faible für antiquarische Bücher rettete das Fach: John Maynard Keynes, der 1936 die „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ veröffentlichte. „Die orthodoxe Wirtschaftslehre“, schrieb Keynes in seinem Vorwort, „ist auf der falschen Fährte.“ Das Fach müsse daher „aus den alten Denkmustern ausbrechen“.
Die Gesamtwirtschaft, so lautete seine große, übergeordnete Botschaft, ist mehr als die Summe ihrer Einzelteile - und sie ist instabiler, als Volkswirte bis dahin gedacht hatten. Um Krisen wie die Große Depression zu vermeiden, solle der Staat aktiv gegensteuern.
Was 1936 eine Außenseiter-Meinung war, wurde innerhalb von zehn Jahren zum neuen Mainstream, der bis in die 1970er-Jahre das Fach dominierte. Schon 1946, in Keynes' Todesjahr, war es laut David McCord Wright von der University of Virginia schwierig, einen US-Volkswirt zu finden, der nicht Elemente des keynesianischen Analyseschemas nutzte - unabhängig von der politischen Haltung.
Die wirtschaftspolitischen Konzepte von Keynes gerieten zwischenzeitlich komplett aus der Mode und sind heute heftig umstritten - sein Beitrag zur methodischen Weiterentwicklung des Fachs wird aber auch von seinen Kritikern anerkannt.
1936 war es ein einzelner Wissenschaftler, der zwischen seinen beiden Stadtwohnungen in London und Cambridge sowie einem Landsitz in East Sussex hin- und herpendelte, der das Fach aus der Krise führte. Heute sind es Tausende Ökonomen weltweit.
Rund 8000 von ihnen haben sich der im vergangenen Jahr gegründeten World Economic Association angeschlossen, einer neuen Standesorganisation, die die VWL inhaltlich und methodisch erneuern will. Mehr Pluralismus, mehr Relevanz und eine größere Offenheit des Fachs liegen ihnen am Herzen.
Ähnliche Ziele verfolgt das „Institute for New Economic Thinking“ (INET), eine vom legendären Hedge-Fonds-Manager George Soros mit den Gewinnen aus seinen Spekulationen finanzierte Denkfabrik. Allein sechs Ökonomie-Nobelpreisträger gehören dem wissenschaftlichen Kuratorium an.
Rund um den Globus versorgt INET unorthodoxe Wissenschaftler mit Geld. 17,5 Millionen Dollar hat die 2009 gegründete Denkfabrik in Forschungsprojekte gepumpt - zu Themen der Finanzglobalisierung über „grünes Wirtschaftswachstum“ bis hin zu den unpublizierten Werken von Keynes.
Im April dieses Jahres traf sich INET zu seiner dritten Jahrestagung, nach Cambridge und Bretton Woods in den USA war Berlin der Tagungsort. 300 Wissenschaftler, Politiker und Journalisten hatte INET eingeflogen. Die Referenten residierten im Luxushotel Adlon, die Tagung fand nebenan in einem noblen Konferenzzentrum statt.
Egal, ob beim schlichten Studentenkongress in Tübingen oder bei der edlen Soros-Tagung in Berlin - die zentralen Kritikpunkte an der herrschenden Lehre sind stets die gleichen. Im Kreuzfeuer steht die etablierte Makroökonomie, vor allem ihre Methoden.
„Die heutigen gesamtwirtschaftlichen Modelle haben keinen Platz für eine Krise“, sagte der britisch-französische Ökonomieprofessor Alan Kirman in Tübingen. „Sie können nur Volkswirtschaften behandeln, die im Gleichgewicht sind.“
In den gängigen mathematischen Modellen unterstellen die Volkswirte, dass die Menschen immer rational agieren, alle verfügbaren Informationen stets optimal verwerten und die Finanzmärkte stabil und effizient sind. In diesen Modellen gibt es in aller Regel keinen Finanzsektor, keine Spekulationsblasen, keine Unsicherheit über die Zukunft.
Und diese Modelle prägten jahrzehntelang die Politikempfehlungen der Ökonomen. Die Botschaft an den Staat lautete allzu oft: „Hände weg!“ Wenn der Markt perfekt funktioniere und die Menschen rational agierten, richteten staatliche Interventionen mehr Schaden als Nutzen an.
Dabei hatten auch Volkswirte schon lange vor Ausbruch der Krise in Laborexperimenten und Feldstudien festgestellt, dass wir nicht so agieren, wie es die Makroökonomen annehmen, und dass Märkte zu Übertreibungen in die eine oder andere Richtung neigen.
Doch erst die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben den fast religiösen Glauben an die Selbstheilungskräfte des Marktes erschüttert. Nobelpreisträger Stiglitz bringt die neuen Zweifel auf den Punkt: „Vielleicht ist die unsichtbare Hand auf vielen Märkten deshalb unsichtbar, weil sie gar nicht da ist.“
Die unsichtbare Hand. Es ist dieser Begriff, für den Adam Smith und sein „Wohlstand der Nationen“ ewig berühmt sein werden. Eine Metapher für die Selbstheilungskraft des Marktes, für die fundamentalste Grundannahme der Marktwirtschaft. Demnach sorgt der Wettbewerb auf Märkten dafür, dass jeder Mensch seine Eigeninteressen verfolgen kann, am Ende aber trotzdem das für die Gesamtgesellschaft optimale Ergebnis erreicht wird.
„Smiths großer Erfolg verdankte sich weitgehend der Tatsache, dass er die Verfolgung des Eigennutzes zum rationalen Prinzip aller ökonomischen Aktivitäten erhob“, schrieb der 1973 verstorbene österreichisch-amerikanische Dogmenhistoriker Karl Pribram in seiner „Geschichte des ökonomischen Denkens“.
Smith selbst formuliert es so: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe.“
Die Magie und Strahlkraft seiner Metapher von der „unsichtbaren Hand“ sind ihm vermutlich gar nicht bewusst gewesen. Auf den 1097 Druckseiten verwendet er den Begriff nur ein einziges Mal - im Kapitel über Einfuhrbeschränkungen.
Smith schreibt über einen Investor, der sein Kapital lieber im Inland als im Ausland investiert: „Wenn er es vorzieht, die nationale Wirtschaft anstatt die ausländische zu unterstützen, denkt er eigentlich nur an die eigene Sicherheit und (...) strebt lediglich nach eigenem Gewinn“, schreibt Smith, bevor er seinen berühmtesten Satz schreibt: „Und er wird in diesem wie auch in vielen anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat.“
Das Buch, in dem Smith diese These aufstellt, erscheint erstmals am 9. März 1776 und ist so umfangreich, dass seine Londoner Verleger William Strahan und Thomas Cadell es in zwei Bände aufteilen. Ein Vorwort gibt es nicht, auch kein Stichwortverzeichnis.
Trotzdem wird das Buch schnell ein Bestseller, fünf Auflagen erscheinen zu Smiths Lebzeiten, er verdient ein Vermögen damit. Denn billig ist das Werk keineswegs: Die erste Auflage kostet ein Pfund und 16 Schilling, in heutigen Preisen rund 113 Pfund oder 143 Euro. Und schon 1778, beim Erscheinen der zweiten Auflage, steigt der Preis um satte 16 Prozent - Angebot und Nachfrage.
Über die richtige Interpretation der Thesen des Werks streiten Smith-Experten bis heute. Viele sind überzeugt: Die gängige Sicht auf den Schotten ist einseitig, verzerrt, eine Karikatur. „Es wird allgemein angenommen, dass Adam Smith ein extremer Marktliberaler war“, schreibt der norwegische Ökonom Agnar Sandmo in seinem Buch „Economics Evolving - History of Economic Thought“, das 2011 erschienen ist. „Diese Sicht ist falsch.“
Smith stehe nicht in einer direkten intellektuellen Linie zu Milton Friedman, dem erzliberalen Chicagoer Nobelpreisträger, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für mehr Markt und weniger Staat kämpfte und zum Vordenker der Deregulierungsbewegung der 80er- und 90er-Jahre wurde. Vor allem Ronald Reagan und Margaret Thatcher machten diese Konzepte in den 80er-Jahren zu Politik.
„Ich bin unter allen Umständen dafür, Steuern zu senken - mit jeder Begründung, immer wenn es möglich ist“, lautete Friedmans Credo. Das Missmanagement des Staates und die vielen Eingriffe in die Marktmechanismen schaffen aus seiner Sicht erst die Probleme, die sie vorgeben zu lösen - wenig Wachstum, hohe Inflation und hohe Arbeitslosigkeit. „Wenn die US-Regierung die Verantwortung für die Sahara-Wüste bekäme, würde dort innerhalb von fünf Jahren der Sand knapp“, ätzte er.
Adam Smith sah die Sache deutlich differenzierter. So habe der Staat die Pflicht, „bestimmte öffentliche Anstalten und Einrichtungen zu gründen und zu unterhalten, die ein Einzelner oder eine kleine Gruppe aus eigenem Interesse nicht betreiben kann, weil der Gewinn ihre Kosten niemals decken könnte, obwohl er häufig höher sein mag als die Kosten für das ganze Gemeinwesen“. Smith nahm an dieser Stelle vorweg, was Finanzwissenschaftler heute die „Theorie der öffentlichen Güter“ nennen.
Auch Verteilungsfragen lagen dem Schotten, dessen Porträt heute die 20-Pfund-Noten der Bank of England schmückt, am Herzen. „Armut und Fragen der Umverteilung waren ihm sehr wichtig“, sagt der Nobelpreisträger Amartya Sen. „Eigentlich hat sich Adam Smith mit nichts so sehr beschäftigt wie mit dem Thema Armut.“
Der kanadische Ökonom Jacob Viner hat in Smiths Gesamtwerk exakt 29 verschiedene Gründe für staatliche Interventionen in die Wirtschaft ausgemacht. Laissez-faire klingt anders. Gemessen an seinem Gesamtwerk, war er eher „Theoretiker einer gemischten Wirtschaft mit sozialliberalen Zügen“ als ein „Protagonist des Wirtschaftsliberalismus“, betont auch der Grazer Professor und Adam-Smith-Kenner Richard Sturn.
Vergessen ist heute auch, dass Smith neben dem „Wohlstand der Nationen“ ein zweites wichtiges Buch geschrieben hat: die „Theorie der ethischen Gefühle“, ein moralphilosophisches Werk, in dem Smith der Frage nachgeht, wie moralische Prinzipien entstehen. Er erklärt dieses Phänomen mit dem menschlichen Hang zur Empathie.
Doch diese zweite Seite von Smith ist im Laufe der Jahrhunderte aus dem Blick geraten. „Teile der ökonomischen Zunft haben nur den ersten Teil seiner Arbeit ernst genommen, den anderen haben sie ausgeblendet“, sagt Sen. „Mainstream-Ökonomen sind einer einseitigen Lesart ihrer intellektuellen Traditionen zum Opfer gefallen.“
Ein Grund dafür dürften die scharfen Systemdebatten des 19. und 20. Jahrhunderts sein - im harten Grundsatzstreit zwischen Marxisten und Liberalen blieb wenig Raum für eine differenzierte Smith-Rezeption.
Übertrieben haben es die wissenschaftlichen Nachfahren von Smith noch in anderer Hinsicht - mit Blick auf die Entwicklung der Ökonomik hin zu einer exakten Disziplin. Smith selbst war von Isaac Newton und der modernen Physik beeindruckt; er habe aber die Volkswirtschaftslehre keineswegs eins zu eins nach dem Vorbild dieses Fachs formen wollen, betont Sturn: „Smith war bewusst, dass man Wirtschaftspolitik nicht wie eine Ingenieurswissenschaft betreiben kann.“ Auch dieser Aspekt sei später aus dem Blick geraten.
Tatsächlich hat sich die Volkswirtschaftslehre im Laufe der Jahrhunderte immer stärker zu einer mathematisch geprägten Wissenschaft entwickelt - Kritiker sehen darin eine methodische Verengung, die zumindest teilweise den Blick verstellt habe. „Die Volkswirte haben Schönheit, gekleidet in beeindruckende Mathematik, mit der Wahrheit verwechselt“, konstatiert der Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugman.
Krugman hat das selbst erlebt, gleich zu Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere. Damals entwickelte er ein Außenhandelsmodell, das erstmals Größenvorteile bei der industriellen Massenproduktion berücksichtigte. Der Ansatz konnte die tatsächlichen Handelsströme besser erklären als die bis dahin gängigen Theorien und stellt das liberale, auf Adam Smith und David Ricardo zurückgehende Dogma, dass sich der Staat aus dem Handel komplett heraushalten sollte, infrage.
Jahrzehnte später bekam der Amerikaner dafür den Nobelpreis. Dabei war seine Erkenntnis eigentlich gar nicht neu, wie er unumwunden zugibt: „Ich habe bloß wiederholt, was Kritiker der konventionellen Handelstheorie seit Jahrzehnten sagten.“
Die Mainstream-Ökonomie habe diesen Gedanken jahrzehntelang ignoriert, weil es kein Modell dazu gab. Diese Erfahrung habe ihm bewusst gemacht, „in welch großem Ausmaß die Methodik der Ökonomie zu blinden Flecken führt“.
Adam Smith selbst hatte diesen Tunnelblick noch nicht - er argumentierte verbal, mit vielen historischen Bezügen statt mit abstrakten Modellen und mathematischen Formeln. Der entscheidende Pionier dabei war David Ricardo (1772 bis 1823).
Der Brite entwarf die Theorie der komparativen Kostenvorteile - ein Modell, das die intellektuelle Grundlage des Freihandels liefert und bis heute zum Standard-Lehrstoff für Ökonomie-Studenten gehört. Methodisch führte Ricardo das formale, modelltheoretische Denken in die Volkswirtschaftslehre ein - der österreichische Volkswirt Joseph Schumpeter sollte das später als „ricardianische Sünde“ bezeichnen.
Trotzdem verstand sich das Fach noch Jahrzehnte nach dem Tod von Smith und Ricardo vor allem als Gesellschaftswissenschaft. Auch der Name der Disziplin drückte dieses Selbstverständnis aus: Bis 1890 hieß sie in der englischsprachigen Welt nicht „economics“, sondern „political economy“. „Der alte Name betonte die engen Verbindungen zwischen Wirtschaft, dem politischen Leben und den gesellschaftlichen Institutionen“, sagt der Dogmenhistoriker Agnar Sandmo.
Vermutlich war es der Brite Alfred Marshall, der den alten Namen verdrängt hat: Im Jahr 1890 erschien die erste Ausgabe seines Lehrbuchs „Principles of Economics“, das über Jahrzehnte Generationen von VWL-Studenten prägen sollte und dem Fach ein mathematisches Gerüst verpasste.
Marshall ist es, der das bis heute übliche Marktmodell mit seinen Angebots- und Nachfragekurven entwickelt hat und die Theorie, dass der Lohn der Grenzproduktivität der Arbeit entspricht. Die Mikroökonomie, wie sie jedem Studenten noch heute im Grundstudium begegnet, geht in wichtigen Teilen auf Marshall zurück - eine Phase der Ökonomenausbildung, die etablierte Volkswirte hinter vorgehaltener Hand als „Gehirnwäsche“ beschreiben.
Moderne Volkswirte neigen gelegentlich zur Selbstüberschätzung. Der Chicagoer Ökonom und Nobelpreisträger Gary Becker erklärt allerhand nichtökonomische Phänomene des menschlichen Lebens - von der Arbeitsteilung in der Familie bis hin zu kriminellem Verhalten - ausschließlich mit ökonomischen Argumenten. Sogar eine Theorie der rationalen Drogensucht entwickelte Becker. Aus Nachbardisziplinen handelte sich die VWL daher den Vorwurf des Imperialismus ein.
Parallel dazu entwickelte sich seit den 50er-Jahren ein Tunnelblick innerhalb der VWL: Das Fach folgte methodisch dem von Milton Friedman ausgegebenen Dogma, dass Wirtschaftswissenschaftler in ihren Modellen nur harte ökonomische Argumente verwenden sollten.
Dieser Anspruch hat nach Ansicht von George Akerlof „einseitige Ökonomen“ hervorgebracht, die für viele Phänomene blind sind. So ignorierten sie viele Jahre lang kulturelle Faktoren komplett. Wer solche Argumente anführe, tarne damit nur das Scheitern seiner Analyse, schrieben die Nobelpreisträger George Stigler und Gary Becker in den 70er-Jahren.
Heute setzt sich unter Wirtschaftswissenschaftlern die Erkenntnis durch, dass das Fach seine selbst gewählte Isolation überwinden muss. „Wir müssen mehr mit unseren Kollegen aus der Psychologie, der Soziologie und der Neurowissenschaft reden“, sagt der Yale-Ökonom Robert Shiller.
Auch INET-Direktor Robert Johnson ist überzeugt, dass sich die Disziplin langsam, aber sicher bewegt. „Ich spüre gelegentlich noch Widerstand von Mainstream-Ökonomen, aber ich sehe auch sehr viele, die anfangen, ihre Forschungsagenda zu verändern.“
Allerdings: So deutlich die Schwächen der etablierten Volkswirtschaftslehre auf dem Tisch liegen, so offen ist die Zukunft des Fachs. So stellte Benedikt Meyer-Bretschneider, Doktorand an der Humboldt-Uni, fest: „Auf die Frage des ,Quo vadis?' gab es keine Antwort. Die Disziplin steht an einem Punkt, wo ein neues, gemeinsames Paradigma nicht in Sicht ist.“ Das, so befand der Nachwuchs-Ökonom, sei aber eigentlich auch gar nicht weiter schlimm.