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Honoré DaumierDer Markt ist noch lange nicht ausgereizt

Der französische Künstler Honoré Daumier genießt als Karikaturist des politischen und juristischen Lebens noch immer hohes Ansehen. Das zeigt Sotheby’s Millionenzuschlag kürzlich in New York. Insgesamt herrscht seit zehn Jahren jedoch eine nur noch gedämpfte Nachfrage. An Material mangelt es nicht. Noch zu entdecken ist der Maler Daumier.Christian Herchenröder 21.05.2013 - 19:57 Uhr Artikel anhören

Honoré Daumiers "Don Quichotte (um 1866/68) aus den Alten Nationalgalerie Berlin. (Ausschnitt)

Foto: Jörg P. Anders, Liebermann Haus Berlin

Berlin. Der Rekordpreis von 2,6 Millionen Dollar, der am 7. Mai 2013 bei Sotheby's für das Juristenaquarell „Die Advokaten“ von Honoré Daumier geboten wurden, lenken den Blick auf einen Künstler, der in den letzten Jahren trotz seiner Bedeutung beträchtlich unterbewertet war. Nur bei Kennern hat sich das Wissen gespeichert, dass der große französische Karikaturist auch ein grandioser Maler war. Im kleinen wie im großen Format war er ein bildmächtiger Vorläufer der Impressionisten. Eine von der Stiftung Brandenburger Tor geförderte Ausstellung im Berliner Max Liebermann Haus hat neben Zeichnungen, Graphik und Skulpturen viele dieser eindringlichen Gemälde versammelt, in denen Spuren furioser Pinselschwünge, rigorosen Abkratzens und Übermalens in die Zukunft weisen.

Mann am Seil

Hier hängt das Hochformat „Der Mann am Seil“ aus dem Museum Boston, das mehr ist als eine Bewegungsstudie: eine Allegorie des gefährdeten Menschen, wenn nicht sogar ein symbolisches Selbstporträt des mittellosen Künstlers, der in dieser Zeit als Mitarbeiter der Zeitschrift „Charivari“ entlassen wird. Das Bild „Der Maler“ aus Reims ist in seiner verschleierten, sparsamen Farbgebung revolutionärer als die meisten Selbstbildnisse des deutschen Impressionisten Max Liebermann, der Daumier über alles schätzte und den er den „größten Franzosen“ nannte.

Karikaturen zum Überleben

Als Maler musste Daumier zeitlebens um Anerkennung ringen, die meist direkt auf den Lithographiestein gezeichneten Karikaturen waren sein Broterwerb. Sie waren seit Beginn des 20. Jahrhunderts ein auch in Deutschland geschätztes Sammelgut. Aus einem damals noch reichen Vorrat in Antiquariaten und Auktionen konnten sich Großsammler wie der Kulturwissenschaftler Eduard Fuchs noch zu günstigen Preisen bedienen. Sie erwarben etwa die wohlfeilen Charivari-Drucke der Lithographien mit rückseitigem Text, die für eine Veröffentlichung in Alben auf festem weißem Papier gedruckten Darstellungen („sur blanc“), oder gar Probe- und Zustandsdrucke.

Honoré Daumiers "Die Nesträuber (Dénicheurs d'oiseaux)", um 1867-1868 aus der Sammlung Julietta Scharf. (Ausschnitt)

Foto: Max Liebermann Haus, Berlin

Honoré Daumiers Aquarell-Zeichnung "Trinklied (La chanson à boire)" entstand um 1864/65. (Ausschnitt)

Foto: Max Liebermann Haus, Berlin

Bereits 1901 arrangierte die Berliner Galerie Cassirer eine Sonderschau mit Daumier-Gemälden. Die sind heute weniger gefragt als die farbigen Zeichnungen. Das liegt auch zum Teil an dem Erhaltungszustand mancher Werke, denn Daumier hat wie viele Maler des 19. Jahrhunderts Asphaltfarben verwendet, die unaufhaltsam dunkeln.

Juristenblätter waren immer teuer

Zahlreich sind in der Berliner Ausstellung die stets teuren Juristenblätter. Doch auch die Darstellungen zur Tagespolitik (besonders zum deutsch-französischen Krieg), zur Frauenbewegung, zum Kunstbetrieb, zur Theaterwelt fehlen nicht. Auch sie waren bei Daumier-Sammlern heiß begehrt – das heißt, bis vor einem Jahrzehnt. Als der Frankfurter Händler Helmut H. Rumbler 1999 einen Verkaufskatalog mit fast 200 Graphiken des Franzosen publizierte, war die Welt noch in Ordnung. Damals lagen die Preise für die Abzüge auf weißem Papier bis 16.000 Mark. Soviel verlangte Rumbler damals für einen Probedruck des Gerichtsblatts „Die große Treppe des Justizpalastes“ von 1848.

Kein Mangel an Material

Inzwischen ist der Markt eher gedämpft, obwohl es an Material nicht mangelt. Immer wieder erscheinen in Graphikauktionen ganze Daumier-Konvolute, die wählerisch beboten werden. Als im Juni bei Kornfeld in Bern die exzeptionelle Sammlung Lotar Neumann versteigert wurde, blieben selbst Hauptblätter wie „Le Ventre législatif“, „Enfoncé Lafayette“ oder „Nadar“ weit unter den Schätzungen. Selbst die komplette Serie der „Moeurs conjugales“ auf weißem Papier blieb mit netto 22.000 Schweizer Franken unter der Taxe. Dafür wurde die lavierte Federzeichnung „Zwei Trinker“, die jetzt in der Ausstellung neben anderen herausragenden Zeichnungen des Franzosen gezeigt wird, 2004 bei Kornfeld für netto 290.000 Franken zugeschlagen. Ein 46 x 36 cm großes Gemälde aus der berühmten Wäscherinnen-Serie („Le Fardeau“) hatte im Mai 2008 bei Christie's lediglich 361.000 Dollar erzielt. Der Daumier-Markt ist äußerst unausgewogen. Er ist noch lange nicht ausgereizt. Die Ausstellung im Max Liebermann Haus, Berlin, läuft bis 2. Juni. Der Katalog kostet 28 Euro.

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