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  3. Kunstsammlung der Rockefellers wird für guten Zweck versteigert

Gemälde, Skulpturen und Porzellan im MilliardenwertRockefellers Kunstschatz kommt unter den Hammer

Die einst reichste Familie Amerikas und die Kunst: Es ist die Geschichte einer leidenschaftlichen Beziehung. Jetzt wird eine der umfassendsten Privatsammlungen der Welt versteigert – für einen guten Zweck.Peter Brors, Susanne Schreiber 14.04.2018 - 13:36 Uhr Quelle: Handelsblatt MagazinArtikel anhören

In der Bibliothek seines Wohnhauses in Manhattan ist er umringt von teuren Kunstwerken wie Picassos „Fillette à la corbeille fleurie“.

Foto: Paris Match via Getty Images

David Rockefeller trägt zum weißen Hemd eine dunkelrote Krawatte und einen schwarzen Anzug mit Einstecktuch. Er sitzt auf einem beigefarbenen Sessel, der auf einem hellroten und reich gemusterten Teppich steht. Dabei hält er eine Zeitung in Händen.

Auf einem kleinen Tisch links neben ihm liegen einige Bücher. Zu seiner Rechten ist ein Kamin zu sehen, auf dessen Sims zwei mit Kristallen verzierte Kerzenständer platziert sind. Und direkt hinter dem Mann mit dem weltberühmten Namen wird ein großes Fenster von langen, schwarzen Vorhängen mit bunten Blumen gesäumt.

Das Foto von einem der reichsten Unternehmer der Welt strahlt Ruhe und Erhabenheit aus. Es ist 2006 in Rockefellers Wohnung in Manhattan in der East 65th Street aufgenommen worden. Dass die Augen des Betrachters gleichwohl zunächst kaum Notiz nehmen von dem eleganten Mann, liegt an einem farblos wirkenden Mädchen.

Claude Monets Seerosenbild und Juan Grisʼ „Tisch des Musikers“ (o.)

Foto: Christie's Images Ltd. 2018

Tatsächlich ist auf der Fotografie neben Rockefeller vor allem auch ein mittelgroßes Gemälde zu bestaunen. Es zeigt ein unbekleidetes Mädchen von der Seite mit einem Blumenkorb vor einem blau-grauen Hintergrund – und besticht durch seine Schlichtheit. 1905 von Pablo Picasso gemalt und mit dem Titel „Fillette à la corbeille fleurie“ versehen, gehört es zu den absoluten Meisterwerken des spanischen Malers.

Die Fotografie mit Rockefeller und dem Gemälde von Picasso – es symbolisiert die enge Verbindung zwischen einer der reichsten Familien Amerikas und der Kunst. Eine Beziehung, für die jetzt eine neue Zeitrechnung beginnt.

Rockefeller, der im März 2017 im Alter von 101 Jahren verstorben ist, hat in seinem Testament verfügt, dass fast 1000 Kunstwerke aus der familieneigenen Sammlung zugunsten wohltätiger Einrichtungen versteigert werden sollen. Das Auktionshaus Christie’s führt die Versteigerungen an fünf Tagen ab Mitte Mai durch – und zwar im legendären Rockefeller Center an der 5th Avenue.

„Die Liebe zur Schönheit war für mich die größte Motivation beim Aufbau der Sammlung“, hatte Rockefeller nach Auskunft von Peter Johnson einst gesagt. Johnson arbeitet seit 40 Jahren als Chefarchivar für die Familie. Der inzwischen ergraute Historiker mit der professoralen Ausstrahlung hat David Rockefeller auf mehr als 100 Reisen rund um die Welt begleitet.

Abby Aldrich und John D. Rockefeller Jr. mit ihren sechs Kindern, David ist der Jüngste.

Foto: Rockefeller Archive Center

Das Handelsblatt Magazin hat Johnson und Rockefellers Enkelin Ariana, eine in den USA bekannte Designerin, in London getroffen, um zu erfahren, wie eine der herausragendsten Privatsammlungen weltweit entstanden ist, mit Bildern von Matisse, Miró, Monet, Renoir, Gauguin, van Gogh und eben Picasso.

Hinzu kommen Skulpturen und Figuren aus dem Iran, aus Syrien und Indien, Amphoren aus dem alten Griechenland, Antikmöbel aus Großbritannien, einzigartige Kutschen und Schmuck von Tiffany sowie Porzellan, das für Napoleon gefertigt wurde, aus der chinesischen Ming-Dynastie oder aus Meißen stammt. Es ist ein Kunstschatz von unglaublicher Dimension, der nun zum öffentlichen Aufruf gelangt. Allein Picassos Mädchen-Gemälde wird von Experten auf 70 bis 100 Millionen Dollar taxiert.

Der Auktionserlös wird an zwölf gemeinnützige Einrichtungen verteilt, denen Rockefeller und seine Frau Peggy besonders eng verbunden waren. Dazu gehören die Harvard University und das Museum of Modern Art in New York - wie überhaupt die Familie eine lange Tradition hat, mit Spenden der Gesellschaft vom eigenen Reichtum etwas zurückzugeben. Archivar Johnson schätzt die Summe, die allein David Rockefeller schon zu seinen Lebzeiten gespendet hat, auf „eine Milliarde Euro“.

Peggy Rockefeller, David Rockefellers Frau, schuf stets eine einladende Atmosphäre. Das George-Washington-Porträt hatte zuerst Davids Eltern gehört.

Foto: Christie's Images Ltd. 2018

Daneben hat Rockefeller aber (natürlich) auch an seine sechs Kinder gedacht. Jedes Kind durfte sich vor der Auktion aus den Häusern Erinnerungsstücke bis zu einem Wert von einer Million Dollar aussuchen. Enkelin Ariana entschied sich als Souvenir übrigens für die Einstecktücher ihres Großvaters, die dieser, wie sie in London erzählt, immer mit besonderer Aufmerksamkeit ausgesucht und getragen habe.

Die besonders wertvollen Gemälde gelangen somit allesamt in die öffentliche Versteigerung. Jussi Pylkkänen, Christie’s Global-Präsident und Chefauktionator, sagt: „Noch nie zuvor ist eine so umfassende und bedeutende Kunstsammlung zu philanthropischen Zwecken versteigert worden.“

Experten schätzen den Gesamtwert der Rockefeller-Sammlung auf bis zu zwei Milliarden Dollar. Zum Vergleich: 2009 hatte die Versteigerung der Sammlung des Modeschöpfers Yves Saint Laurent 417 Millionen Dollar eingebracht.

Die Familie Rockefeller und Christie’s verbindet eine lange gemeinsame Geschichte. Das britische Auktionshaus ist seit 1980 Mieter an der Rockefeller Plaza. Und David Rockefeller war dort stets ein gern gesehener Kunde.

Zuletzt hatte er 2007 Christie’s ein Hauptwerk seiner Sammlung zum Verkauf übergeben. Mark Rothkos strahlende Farbabstraktion „White Center“ brachte schließlich in der Auktion wesentlich mehr ein als die erwarteten 40 bis 50 Millionen Dollar. Versteigert wurde das Werk letztlich für 72,8 Millionen Dollar. Rockefellers Kommentar: „Nicht schlecht für ein Bild, für das ich 10.000 Dollar bezahlt habe.“

Dass die Rockefellers überhaupt so viel Kapital für Kunst investieren konnten, hängt eng mit dem unternehmerischen Geschick der Familie zusammen, das sie im Vordigitalzeitalter zum reichsten Clan Amerikas machte. Vor allem mit Öltransportgeschäften legte Davids Großvater John D. Rockefeller im 19. Jahrhundert, angetrieben von einer protestantischen Arbeitsethik, die Basis für seinen späteren Reichtum.

Hinzu kam ein extremer Zwang zur Sparsamkeit. In der Literatur übermittelt ist eine Episode, wonach Rockefeller senior meist nur Fünfcentstücke als Trinkgeld gab. Ein Fünfer, so soll er mal einen sparsam dreinblickenden Beschenkten belehrt haben, sei immerhin der Jahreszins einer Dollar-Note.

Mit Fleiß, Geschick und Zukäufen (Eisenbahngesellschaften) arbeitete er daran, ein Öltransport-Monopol zu entwickeln – was ihm zeitweise, bis Pipelines gebaut wurden, auch gelang und sagenhafte Renditen bescherte.

Daheim wuchs Enkel David unterdessen in enger Beziehung zur Kunst auf. Sein Elternhaus war bestückt mit antiken, mittelalterlichen und Renaissance-Schätzen seines Vaters. Auf der siebten Etage betrieb seine Mutter Abby Aldrich Rockefeller eine private Galerie für moderne Kunst.

Archivar Johnson berichtet, dass sich David Rockefeller schon in seiner Kindheit für Kunst interessierte, und erzählt folgende Geschichte, die ihm der junge Rockefeller anvertraute. „Als meine Geschwister und ich noch Kinder waren“, hatte sich David einst erinnert, „lobte meine Mutter eine griechische Amphore aus dem 5. Jahrhundert als Preis aus für das am besten aufgeräumte Zimmer. Die Amphore stand schließlich in meinem Zimmer, bis ich ans College ging. Und später schmückte sie mein Büro bei der Chase-Bank.“

In jungen Jahren schon reiste David Rockefeller viel und gern ins Ausland, um Sprachen zu lernen und Kunst zu entdecken. Kurz nach der Machtergreifung durch Adolf Hitler führte ihn seine Leidenschaft für fremde Länder mehrfach auch nach Deutschland (die Vorfahren der Familie stammten wohl aus dem Westerwald). Enkelin Ariana erzählt mit zittriger Stimme, dass er Hitler damals sogar fotografiert habe.

Davids Eltern beim Zelten in Montana im Jahr 1926.

Foto: Rockefeller Archive Center

Bei einem seiner längeren Aufenthalte in Deutschland wohnte er beim Sohn des Malers Franz von Defregger und studierte besonders gründlich die europäischen Expressionisten und die berühmten Barock- und Rokoko-Künstler.

Gleichzeitig lernte er, die religiösen und moralischen Prinzipien der Familie zu verinnerlichen. Als Sohn des reichsten Manns der USA hatte er die Pflicht, nicht nur das Familienvermögen zu mehren, sondern auch einen Dienst an der Gesellschaft zu verrichten.

Nach Abschluss seines Studiums in Chicago wurde er für 18 Monate Sekretär des New Yorker Bürgermeisters Fiorello LaGuardia auf einer sogenannten Ein-Dollar-pro-Jahr-Stelle des öffentlichen Dienstes. Von 1941 bis 1942 diente Rockefeller als Assistent des Direktors im Vorläufer des US-Verteidigungsministeriums. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs meldete er sich für den Kriegsdienst. Währenddessen arbeitete er in Nordafrika und Frankreich beim Geheimdienst.

So sahen sich Peggy und David Rockefeller am liebsten: auf ihrem Segelboot vor Maine.

Foto: Rockefeller Archive Center

Ab 1946 begann Rockefellers Karriere bei der Chase National Bank. Vorsitzender war Davids Onkel Winthrop W. Aldrich, Sohn des Senators Nelson W. Aldrich und Bruder von Rockefellers Mutter. Nach einigen Fusionen firmiert die Bank heute als JP Morgan Chase. Von 1969 bis 1980 war Rockefeller CEO der Bank. Zu dieser Zeit hielt er auch 1,7 Prozent der Anteile und war damit größter Einzelaktionär.

Für David Rockefeller gab es, privat bedingt, Berührungspunkte zu allen US-Präsidenten seit Dwight D. Eisenhower. Dabei unterstützte er einige Präsidenten als inoffizieller Emissär bei diplomatischen Missionen auf höchster Ebene. Präsident Jimmy Carter bot ihm die Position des Finanzministers und den Vorsitz der Zentralbank Federal Reserve an. Rockefeller lehnte ab und baute ohne öffentliches Amt eigene Beziehungen zur internationalen Politik auf: zu Fidel Castro, dem Schah von Persien, Nikita Chruschtschow, später auch zu Michail Gorbatschow.

Neben der Wirtschaft und der Politik begleitete stets auch die Kunst sein Leben. Als Sohn der Mitgründerin des Museum of Modern Art (MoMa) wuchs er mit moderner Kunst auf. „1948 wurde ich ins Board des MoMa berufen und hatte seither exklusiven Zugang zu neuen Ausstellungen, die mich zunehmend gefesselt und in ihren Bann gezogen haben“, zitiert Archivar Johnson den Banker.

Als Rockefeller zum Präsidenten von Chase Manhattan ernannt wurde, begann er mit dem Aufbau der bankeigenen Corporate Collection. Mit über 30.000 Werken gilt die Firmensammlung bis heute als eine der wichtigsten weltweit. „Meine Frau und ich waren zutiefst davon überzeugt, dass die Schönheit der Kunst auch unser alltägliches Leben bereichern würde“, sagte Rockefeller.

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Handelsblatt Magazin N°3 – April 2018

Er beließ es nicht nur beim Sammeln von meisterhaften Gemälden, sondern sammelte vor allem auch Porzellan. Besonders deutsches Porzellan hatte es ihm angetan. Von einem Besuch in München brachte er seinen Eltern Teller und Tassen aus Meißen mit.

In Peking, so erzählt es Archivar Johnson, lobte er bei einem Dinner in der Botschaft das „herrliche Service“. Dass sein Vater just dieses Porzellan Jahre zuvor der US-Regierung für diplomatische Anlässe geschenkt hatte, wusste der Sohn in diesem Moment nicht.

Porzellan aus China und aus napoleonischer Zeit, das der verbannte Kaiser auf Elba nutzte, behielt die Familie. Und es kam fast täglich bei Rockefellers zu Hause zum Einsatz. Handgeschriebene Zettel informierten darüber, für wie viele Gäste sich das jeweilige Service beim Eindecken eignen würde. Man könnte auch sagen: David und Peggy lebten mit der Kunst und nicht mit Trophäen, wie man es heute so manchem neureichen Sammler nachsagt.

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Das Gleiche gilt für Picassos „Mädchen“. Es hing über all die Jahre in Rockefellers Lieblingszimmer, der Bibliothek. Die Legende sagt über das Bild, dass das Mädchen nicht nur Blumen, sondern auch ihren Körper verkauft hat. Und dass Rockefeller das eher traurige Bildnis als Mahnung betrachtete, in der Schnelllebigkeit von Wirtschaft und Politik die Menschlichkeit nicht zu vergessen.

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°3/2018. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 13. April 2018 am Kiosk erwerben.

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