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Ausstellung in Frankfurt Künstler sind die besseren Spione

Strategien der Geheimhaltung und Aufklärung sind eine Goldgrube für zeitgenössische Künstler. Was als Ausstellung funktioniert, enttäuscht als Webauftritt.
26.11.2020 Update: 27.11.2020 - 22:03 Uhr Kommentieren
Das Still aus dem 2010 entstandenen Film beschwört eine klassische Begegnung aus dem Agentenfilm. Quelle: Per Tingleff
Noam Toran „If we never meet again“

Das Still aus dem 2010 entstandenen Film beschwört eine klassische Begegnung aus dem Agentenfilm.

(Foto: Per Tingleff)

Frankfurt Niemand möge glauben, Künstler hätten nichts mit Spionage zu tun. Das Gegenteil ist der Fall wie die Ausstellung „We Never Sleep“ in der Frankfurter Schirn Kunsthalle anschaulich vorführt. Noch ist sie auf unbestimmte Zeit Pandemie bedingt geschlossen. Doch wie präsentiert sie ihr originelles Thema digital, zählte die Schirn doch einst unter ihrem ehemaligen Generaldirektor Max Hollein zu den Vorreitern der Digitalisierung.

Wer sich während des Lockdowns ein Bild machen will, ist nun jedoch auf den Kurzführer zum Herunterladen, den klassischen Ausstellungskatalog und einen unübersichtlichen Onlineauftritt angewiesen. Die Schirn gefällt sich in einem Verwirrspiel, das der undurchsichtigen Welt der Spionage zwar Ehre macht, aber für den, der Orientierung sucht, erst einmal ein Desaster ist.

Wer sich die Ausstellung vor dem Lockdown noch ansehen konnte, unternahm einen überwältigenden Parforce-Ritt durch spionagebezogene Werke von über 40 zeitgenössischen Künstlern im Wechsel mit kuriosen historischen Apparaturen, codierten Geheimdokumenten und Zeugnissen der Populärkultur mit ihren glamourösen Bildern und Spionageromanen. Doch kaum etwas davon findet sich auf der Website des Museums wieder.

Unsere langjährige Erfahrung und Expertise in der digitalen Kommunikation und Vermittlung zeigt, dass eine Eins zu Eins-Übertragung einer analogen Ausstellung ins Digitale nicht funktioniert. Denn das Erleben eines Kunstwerks im Original in der Ausstellung ist fundamentaler Unterschied zur Begegnung mit dessen digitaler Reproduktion“, begründet Pressesprecherin Johanna Pulz die Abstinenz. Sie verweist auf unterschiedliche, spezifisch für die verschiedenen Plattformen, Kommunikationskanäle und Zielgruppen zugeschnittene Vermittlungsformate.

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    Die Multi-screen Videoinstallation nimmt die massenhafte Eroberung der sozialen Medien durch staatliche und staatsähnliche Propagandaanstalten, die im Gefolge des Arabischen Frühlings stattfand, in den Blick. Quelle: Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2020, Foto: Norbert Miguletz
    Metahaven "The Sprawl: Propaganda about Propaganda"

    Die Multi-screen Videoinstallation nimmt die massenhafte Eroberung der sozialen Medien durch staatliche und staatsähnliche Propagandaanstalten, die im Gefolge des Arabischen Frühlings stattfand, in den Blick.

    (Foto: Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2020, Foto: Norbert Miguletz)

    Leider führt auch der Katalog nicht weiter. Er begreift sich als „relativ unabhängige Ressource“, weniger als dokumentierendes oder kommentierendes Begleitwerk. Bleiben Podcasts, die Aspekte des Themas langatmig vertiefen. Ein guter Gag sind die Insekten, die wie winzige Spione während der Inspektion des Onlineauftritts auf dem Bildschirm herumlaufen. Dazu gesellen sich zitternde „Escape“-Buttons, die beim Anklicken Videos abspielen, auf denen spionagetaugliche Technologien kreativ zweckentfremdet werden.

    Aufschlussreich sind auf der unteren Bildleiste auch die in Echtzeit wiedergegebenen Internetzugriffe auf Angebote der Website. So bekommt der Nutzer eine Vorstellung von den Datenmengen, die von einer solchen „Spyware“ eingesammelt werden. Erst vor Kurzem enthüllte die Schirn, dass hinter dieser interaktiven, sich entwickelnden Intervention die Künstler Gabriel Lester und Jonas Lund stehen.

    Bespitzelt durch den besten Freund

    Von den Kurzführungen erfährt nur, wer auf Facebook oder Instagram unterwegs ist oder den Newsletter abonniert hat. Wer Youtube ansteuert, kommt in den Genuss von Künstlerinterviews, die während der Laufzeit eines nach dem anderen produziert werden. Inzwischen sind sie auch auf der Website abrufbar.

    Bleibt der bilderlose Kurzführer, der immerhin einen Überblick über die alphabetisch sortierten Exponate liefert. Da folgen etwa auf das Objekt einer „Baumwurzel mit versteckter Kamera“ aus dem Stasimuseum Berlin der an die UdSSR adressierte Propagandafilm des Designerpaars Charles und Ray Eames über „einen Tag im Leben der Vereinigten Staaten“ von 1959 und Cornelia Schleime mit ihrer Fotoarbeit „Auf weitere gute Zusammenarbeit“, mit der sie 1993 auf die aus ihren Stasi-Akten publik gewordene Bespitzelung durch ihren besten Freund reagierte.

    Blick in die Ausstellung
    Im Labyrinth der Spionage

    Blick in die Ausstellung "WE NEVER SLEEP" in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt.

    (Foto: Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2020, Foto: Norbert Miguletz)

    Künstler können Opfer sein wie die ehemalige DDR-Bürgerin Schleime, oder sie lassen sich instrumentalisieren wie das Ehepaar Eames oder werden selbst zu einer Art von Spionen, die etwas aufklären wollen.

    Das extremste Beispiel liefert die Gruppe „Forensic Architecture“. Das Kollektiv aus Designern, Architekten, Filmemachern und IT-Spezialisten untersucht Verbrechensschauplätze und rekonstruiert Tathergänge wie einen der NSU-Morde in Kassel 2006 oder den Überfall venezolanischer Sicherheitskräfte auf einen Gegenspieler der Regierung von Präsident Nicolás Maduro im Jahr 2018.

    Der Künstler als Späher

    Im Prinzip werden Künstler bereits zu Spähern, wenn sie – was ihr Job ist – sich ein Bild machen von dieser Welt. Erst recht, wenn sie Orte zeigen, die vor der Öffentlichkeit geheim gehalten werden.

    Systematisch dokumentiert etwa Taryn Simons mit ihrer Großbildkamera die nicht zugänglichen Räume Amerikas für ihre Serie „American Index“ (2007). Immer gingen jeweils langwierige Verhandlungen voraus, wie etwa für die in Frankfurt ausgestellten Fotos aus dem CIA oder der Behörde, die den transatlantischen Datenverkehr managt. Simons Landsmann Trevor Paglen benutzt astronomische, mit starken Brennweiten ausgestattete Teleskope, um geheime Militär- und Geheimdienstanlagen zu fotografieren.

    Die Künstlerin bezieht sich auf die Umsturzideen der „Prepper“-Szene und deren Vorkehrungen für einen Katastrophenfall. Quelle: Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2020, Foto: Norbert Miguletz
    Henrike Naumann „Tag X“

    Die Künstlerin bezieht sich auf die Umsturzideen der „Prepper“-Szene und deren Vorkehrungen für einen Katastrophenfall.

    (Foto: Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2020, Foto: Norbert Miguletz)

    Auf die Spitze getrieben hat Henrike Naumann ein Szenario, das um Pläne für einen gewalttätigen Systemwechsel in Deutschland kreist. In ihrem Environment „Tag X“ werden Möbel und Haushaltsaccessoires im Stil der 1980er-Jahre zu potenziellen Waffen für den von langer Hand vorbereiteten Umsturz. Als Teil der bizarren Wohnzimmereinrichtung läuft auf einem Bildschirm eine Collage, in das Filmmaterial aus dem Stasi-Archiv eingeflossen ist.

    Den Hintergrund lieferten Vorstellungen aus der sogenannten „Prepper“-Szene, die sich mit Vorräten und Vorkehrungen auf den Katastrophenfall vorbereiten oder sogar – wie das 2018 aufgedeckte rechtsextreme Netzwerk aus Soldaten, Polizisten und Verfassungsschützern – auf eine Machtübernahme.

    Künstler können auch ungewollt zu erfolgreichen Spähern werden, so wie Jill Magid. Die amerikanische Künstlerin wurde vom Niederländischen Geheimdienst (AIVD) mit einer Arbeit beauftragt, die das „menschliche Gesicht“ der Institution vermitteln sollte. Sie traf 18 Agenten, durfte die Gespräche jedoch weder aufzeichnen noch Fotos machen. Resultat ihrer Begegnungen waren 18 von Hand beschriebene Blätter, auf denen sie jede kleinste Beobachtung ihrer Begegnung festhielt.

    Sieben der schriftlichen Porträts, die 2008 unter dem Titel „18 Spies“ auf dem Markt erschienen, wurden vom AIVD konfisziert. Am Ende hatte die Künstlerin zu viel über ihre Gesprächspartner herausgefunden.

    Die Ausstellung „We Never Sleep“ läuft in der Schirn Kunsthalle Frankfurt bis 10. Januar 2021. Der Katalog, erschienen im Snoeck Verlag, Köln, kostet 24 Euro an der Museumskasse, 34 Euro im Buchhandel; der Kurzführer ist kostenlos.

    Mehr: Impressionisten im Museum Barbarini: Wie ein Ausstellungsvorhaben zu teuer bezahlten Ankäufen verführte

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