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Digitale Kunst Non Fungible Token: Der Geist ist aus der Flasche

NFTs werden im Kunstmarkt nicht verschwinden wie eine Modeerscheinung. Zeit, sich zwei Ausstellungen digitaler Kunst in Kölner Galerien anzusehen.
08.07.2021 - 12:10 Uhr Kommentieren
„Breadcrumbs: Art in the age of NFTism“ hat der amerikanische NFT-Künstler Kenny Schachter kuratiert. In der multimedialen Erlebnislandschaft können Besucherinnen und Besucher den Spuren früher und neuer Anwender von digitaler Kunst folgen. Quelle: Galerie Nagel-Draxler / Foto: Simon Vogel
Blick in die Ausstellung bei Nagel-Draxler

„Breadcrumbs: Art in the age of NFTism“ hat der amerikanische NFT-Künstler Kenny Schachter kuratiert. In der multimedialen Erlebnislandschaft können Besucherinnen und Besucher den Spuren früher und neuer Anwender von digitaler Kunst folgen.

(Foto: Galerie Nagel-Draxler / Foto: Simon Vogel)

Köln Seit Christie’s Mitte März ein NFT des bis dato völlig unbekannten Grafikdesigners Beeple für spektakuläre 69,3 Millionen Dollar versteigerte, hadert die Kunstwelt: mit Käufern, die für irre Summen Dateien kaufen, mit Onlineplattformen, die mit dem Kunsthandel bislang nicht in Verbindung gebracht wurden und mit Künstlern, die ihre Vermarktung selbst in die Hand nehmen.

Nur wenige Galerien haben sich bislang auf die plötzlich erschienene, den herkömmlichen Betrieb aufscheuchende Kunstwelt des Non Fungible Token einlassen wollen. NFT sind Echtheitsnachweise für digitale Dateien.

In Köln reagierten die Galerien Nagel-Draxler und Priska Pasquer mit jeweils eigenen unkonventionellen Ausstellungskonzepten. Christian Nagel und Saskia Draxler entschieden sich für eine multimediale Erlebnislandschaft, in der Besucherinnen und Besucher den Spuren früher und neuer Anwender von digitaler Kunst folgen können. Als Kurator für ihre „Breadcrumbs: Art in the age of NFTism“ betitelte Schau engagierten sie den amerikanischen Kurator und Digitalkünstler Kenny Schachter. Die Ausstellung läuft bis 21. August.

Saskia Draxler spricht von einer „begehbaren Website“ mit physischen und virtuellen Bestandteilen. Es gibt Texte, gemalte Leinwände von Künstlern, die auch NFTs machen, Ausdrucke digitaler Kunstwerke und Kunst auf Bildschirmen entsprechend den vielfältigen Möglichkeiten, NFTs sichtbar zu machen. Denn wer sich so einen Datensatz kauft, kann ihn ausdrucken und als digitale Datei auch in 3D oder auf einem Bildschirm ausspielen.

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    Virtuell werden die NFTs über die Plattform OpenSea präsentiert, die mit der Ether-Blockchain und der damit verbunden Kryptowährung ETH arbeitet.

    Die Natur hat die nutzlos gewordene Architektur bereits überwuchert. Um die Ausstellung „Winds of Change, NFT Art Exhibition“ zu besuchen, legen sich Besucher einen Avatar zu. Quelle: Priska Pasquer u. Christiane Maria Schneider
    Im Flug über die virtuelle Galerie von Priska Pasquer

    Die Natur hat die nutzlos gewordene Architektur bereits überwuchert. Um die Ausstellung „Winds of Change, NFT Art Exhibition“ zu besuchen, legen sich Besucher einen Avatar zu.

    (Foto: Priska Pasquer u. Christiane Maria Schneider )

    Pasquer ist radikaler und lässt ihre Gäste fliegend Kurs auf eine virtuelle Galerie nehmen. Sie liegt offshore auf einer Insel im Meer; denn anders als Nagel-Draxler braucht die Kunsthändlerin für die Präsentation von NFTs keine physische Galerie.

    Pasquers im Februar gegründete „Virtual Gallery“ funktioniert auch in Pandemiezeiten. Jede Besucherin, jeder Besucher kann den virtuellen Ausstellungsort, einen Nachbau der oberen Etage ihrer ehemaligen Galerieräume, als Avatar besuchen und sich mit anderen Anwesenden unterhalten.

    Die Exponate müssen nicht wie NFTs zwangsläufig digitaler Natur, aber digitalisiert sein. Das heißt, dass auch physische Ausstellungen in der virtuellen Galerie nachgebaut und virtuell besichtigt werden können.

    Die Fliegerei über die Insel kann je nach Browsertyp etwas mühselig sein. Doch Fliegen muss sein. Denn die NFT-Exponate sind außerhalb der Galerie auf Stützen im Meer angebracht und sehen aus wie riesige Werbetafeln. Die Galerie selbst hat sich die Natur zurückgeholt. Pflanzen überwuchern die Architektur. Das physische Galeriekonzept ist kein Ort für die neue, rein digitale Praxis der NFTs, will Pasquer damit signalisieren.

    „Die Arbeiten werden am Bildschirm betrachtet, im digitalen Raum von Clubhouse diskutiert, auf digitalen Plattformen gehandelt und mit digitaler Währung bezahlt“, begründet Pasquer die Gestaltung, für die sie den iranischen Digitalkünstler Mohsen Hazrati engagierte. Deshalb ist es für sie nur konsequent, ihre erste NFT-Gruppenschau bis 26.8. ausschließlich im virtuellen Raum zu zeigen. „Winds of Change“ lautet ihr vielsagender Titel.

    Das NFT „Dance of the Opium Poppies“ schickt die Betrachter auf einen psychedelischen Trip. Das Werk wird auf der Plattform Foundation bei Redaktionsschluss für 0,30 Ether oder umgerechnet 552 Euro angeboten. Quelle: Priska Pasquer, Köln
    Elena Bajo

    Das NFT „Dance of the Opium Poppies“ schickt die Betrachter auf einen psychedelischen Trip. Das Werk wird auf der Plattform Foundation bei Redaktionsschluss für 0,30 Ether oder umgerechnet 552 Euro angeboten.

    (Foto: Priska Pasquer, Köln)

    Weder Pasquer noch Nagel-Draxler machen Schlagzeilen mit Millionenumsätzen. So bewegen sich sogar die mit Spannung erwarteten, am 25. Juni frisch geminteten Werke des von Nagel-Draxler vertretenen, sehr begehrten DotPigeon zurzeit bei 4,444 Ether. Das entspricht bei Redaktionsschluss 8200 Euro. Drei Ether oder umgerechnet 5536 Euro kostete Eva Beresins animierte Malerei mit einer Maus, die im weit aufgerissenen Rachen eines Glatzköpfigen verschwindet.

    Mit Kursschwankungen und -abstürzen muss gerechnet werden, ebenso wie mit Weiterverkäufen an höher bietende Kaufinteressenten – und das alles ablesbar auf der Website von OpenSea.

    Pasquer arbeitet mit der kuratierten Plattform „Foundation“, zu der als Künstler nur Zugang erhält, wer eingeladen wird. „Da sind die Cracks“, erklärt die Galeristin selbstbewusst. Hier würden nur Unikate, keine Editionen gemintet. Eine Ausnahme muss sie deshalb für die als Edition aufgelegte eine Arbeit des Künstlerpaars Banz & Bowinkel machen und OpenSea nutzen.

    Wie Nagel-Draxler sammelt Pasquer Erfahrungen, vor allem im Umgang mit einer fremden, neuen Sammlerklientel. Die kaufte ihr ein Video von Radenko Milak, das 2015 in ihrer Ausstellung liegen blieb, nun als NFT sofort ab.

    „Wir verkaufen an Menschen, die wir nicht kennen“, fasst Saskia Draxler ihre Erfahrungen zusammen. Und sie weiß jetzt schon, dass dieses Format nicht verschwinden wird. So staunte die Galeristin nicht schlecht, wie schnell die drei Digitaldrucke Koichi Satos zu seinem NFT „Preacher Big Daddy Bunny“ verkauft waren. Im herkömmlichen Kunstbetrieb war der in New York lebende Künstler niemandem ein Begriff, dafür aber den riesigen Gemeinden, die sich über die Social-Media-Kanäle um den Amateur scharen.

    „Da, wo man richtig viel Geld hinlegen muss, würde ich abraten“, sagt Draxler. Viele dieser Bilder hätten unterirdisches Niveau. Draxler: „Uns interessiert, ob es darüber hinausgeht.“ Für Schachter, der in Köln mit dem Vorurteil aufräumen will, „dass es sich um eine Modeerscheinung und/oder nicht um Kunst handelt“, steht fest: „Diese Art der Verbreitung digitaler Kunst wird nicht verschwinden – nicht jetzt, nicht in absehbarer Zeit, vielleicht nie. Die ETH ist im Äther, der Geist ist aus der Flasche. Es gibt kein Zurück mehr.“

    Mehr: Non Fungible Token: Eine pfiffige Idee zum Gelddrucken oder innovative Kunst?

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