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Drehscheiben für Asiatika „Das ist der zweite Möbelboom“: Chinas Sammler entdecken ihre Liebe zu Antiquitäten aus dem eigenen Land

Nagel, Lempertz und Koller sind beste Adressen für authentische Asiatika. Denn viele stammen aus Sammlungen aus dem 19. oder frühen 20. Jahrhundert.
29.12.2020 - 17:13 Uhr Kommentieren
Die edel designte Antiquität stieg von taxierten 20.000 auf 401.000 Euro mit Aufgeld. Quelle: Nagel Auktionen
Ein Paar Armlehnstühle aus dem 17. Jahrhundert

Die edel designte Antiquität stieg von taxierten 20.000 auf 401.000 Euro mit Aufgeld.

(Foto: Nagel Auktionen)

München Möbel des 17. Jahrhunderts und traditionelle chinesische Malerei brachten den deutschsprachigen Asiatika-Versteigerern Ende des Jahres hohe Zuschläge. Den Top-Zuschlag der Saison lieferte das Stuttgarter Auktionshaus Nagel mit einem Brutto-Erlös von 867.000 Euro für eine Zitan-Stapelbox.

Nach ihrem Kalender begingen die Chinesen 2020 das Jahr der Ratte. Für den Handel mit Kunst aus dem Reich der Mitte aber war es das Jahr der Ming- und Qing-Möbel. Nagel konnte in seiner Asiatika-Auktion Mitte Dezember einige dieser ästhetisch ausgewogenen, reduzierten Einrichtungsgegenstände aus dem 17. Jahrhunderts anbieten und brachte Sammler aus Fernost in Kauflaune. In der Verkaufsbilanz des Stuttgarters spielen sie eine Hauptrolle.

Von taxierten 20.000 Euro kletterte der Preis für ein Paar Armlehnstühle in Form einer Beamtenmütze auf 401.000 Euro (alle Preise inkl. Aufgeld). Für Chinesen war das Paar geadelt. Es war Teil der Sammlung Friedrich und Ruth Boss. Die Leibärztin der letzten Kaiserin Chinas hatte es als Geschenk ihrer Majestät erhalten.

Alles Kaiserliche und Höfische zieht bei Chinas Sammlern. Und das Holz Huanghuali gilt als aristokratisches Gütezeichen. Das spürte Nagel, als ein rund 400 Jahre alter Tisch bei 123.000 Euro weitergereicht wurde. Zwei andere Stuhlpaare aus der Sammlung Boss wechselten erst bei 142.500 Euro und 259.000 Euro den Besitzer. Taxiert waren sie auf 2000 und 3000 Euro.

„Das ist der zweite Möbelboom“, sagte Nagels Asiatika-Experte Michael Trautmann zum Handelsblatt. Der erste liegt etwa zehn Jahre zurück. Den Auslöser für die derzeitige Welle sieht Trautmann in der Ausstellung von Ming-Möbeln der renommierten Händlerin Grace Wu Bruce in der Hongkonger Sotheby´s-Niederlassung vor drei Jahren. Seitdem rückt das durch den Kommunismus und Chinas rigorose Abrisspolitik im Mutterland kaum vorhandene antike Mobiliar wieder in den Fokus chinesischer Sammler.

Im Alter von 16 Jahren heiratete 1922 Wanrong den chinesischen Kaiser Puyi. Eine ihrer vertrauten Ärztinnen war die deutsche Medizinerin Ruth Boss. Quelle: Nagel Auktionen/Familienarchiv des Einlieferers
Die blutjunge Kaiserin Wanrong

Im Alter von 16 Jahren heiratete 1922 Wanrong den chinesischen Kaiser Puyi. Eine ihrer vertrauten Ärztinnen war die deutsche Medizinerin Ruth Boss.

(Foto: Nagel Auktionen/Familienarchiv des Einlieferers)

Aufwind dürfte der Möbelmarkt durch ein paar erstaunliche Zuschläge bei Christie‘s und Sotheby‘s erfahren haben. Im „Exceptional Sale“ im Oktober 2020 erzielte Christie´s für einen Beistelltisch und eine thronähnliche Bank mit seitlichen Drachen-Wangen aus der Qing-Periode (1644-1660) jeweils etwas über 1,5 Millionen US-Dollar.

Kurz zuvor hatte Sotheby´s für ein Paar Kabinette der gleichen Zeit in Hongkong umgerechnet 7,4 Millionen Dollar, das Zehnfache der Taxe eingefahren. Insider haben nur eine Erklärung: Vergleichsstücke kleineren Formats gehörten einst zur Ausstattung des Qing-Hofes.

Große Nachfrage trotz Corona

Der neue Blick auf alte Möbel hat bei Nagel auch zu einem Einsatz von 239.600 Euro für ein Paar fein geschnitzte Sammlungskabinette aus dem 19. Jahrhundert geführt. Die exzellente Qualität und die Verwendung von Zitan-Holz, das seit dem 18. Jahrhundert nur für kaiserliche Aufträge verwendet werden durfte, riefen ein Bietergefecht hervor.

Der wirtschaftliche Abschwung Chinas durch die Corona-Epidemie hat die Nachfrage nach Kunst und Antiquitäten nicht gebremst. Allein mit chinesischer Kunst setzte Nagel etwas über 10 Millionen Euro um. 76 Prozent der 1300 Lose fanden einen Abnehmer.

Nur die Zahl der außergewöhnlichen Objekte aus alten europäischen Sammlungen schrumpft schon seit Jahren. Das schlägt sich selbst bei den Marktführern nieder. Ohne Sensationsobjekte wachsen die Umsätze nicht mehr in den Himmel. Sotheby´s setzte im Dezember mit seinen Asiatika-Auktionen in Paris und Hongkong umgerechnet rund 7 Millionen Euro um. Christie´s verkündet für die letzten Versteigerungen der Saison rund 10,5 Millionen Euro.

Die größte Begehrlichkeit bei Nagel rief eine kleine Zitanholz-Stapelbox aus dem späten 16. Jahrhundert hervor. Das Gegenstück zu dem Kästchen mit aparten Einlegearbeiten aus Silber, Stein und Perlmutt bewahrt das Nationalmuseum Taiwan. Das wird als Herausforderung empfunden. Die äußerst qualitätvolle Arbeit machte einen Satz von 60.000 auf 876.500 Euro. „Aber der Markt ist bereit, auch die mittlere Ware zu akzeptieren“, bemerkte Trautmann.

Unberechenbare Käufer

Aus dem Meer der fünfstelligen Zuschläge für die noch immer gefragten buddhistischen Bronzen und Thangkas genannten Gebetsbilder ragt dann ein Erlös von 375.600 Euro wie ein Leuchtturm heraus. Die Summe wurde bewilligt für eine große Figur des Erleuchtung verheißenden Buddhas Mahasthamaprapta aus dem 17. Jahrhundert.

Wie unberechenbar das Käuferverhalten ist, erfuhr Artcurial in Paris. Drei Tage vor Weihnachten wurde in deren Asien-Auktion für 1,3 Millionen Euro die Kalkstein-Statue eines Bathisattva versteigert. Die Figur ist im Stil der sechs Dynastien gearbeitet, den ersten Jahrhunderten seit der Zeitrechnung. Alter ungewiss. Revivals gab es sowohl im 11. und 12. Jahrhundert als auch um 1900.

Das Netsuke, ein japanischer Gürtelanhänger, hat die Form eines liegenden Ochsen. Es ist aus Elfenbein geschnitzt. Quelle: Lempertz
Nur 5,9 Zentimeter groß

Das Netsuke, ein japanischer Gürtelanhänger, hat die Form eines liegenden Ochsen. Es ist aus Elfenbein geschnitzt.

(Foto: Lempertz)

Fast eine White Glove-Auktion, eine Versteigerung ohne Rückgänge, gelang dem Schweizer Auktionshaus Koller im Dezember, als es 77 traditionelle chinesische Tusch-Malereien marktfrisch und zu moderaten Taxen aus einer Berliner Privatsammlung aufrief. Ein Querschnitt durch das 20. Jahrhundert bis in die 1980er-Jahre etwa.

Den höchsten Einsatz erforderte mit 207.700 Schweizer Franken ein Blatt von He Haixia mit der Darstellung des östlichen Endes der großen Mauer. Sieben Mal stiegen die Erlöse in den sechsstelligen Bereich. Dazu gehört auch das Motiv zweier Bambusstangen von Xu Beihong. Das Gewächs symbolisiert in China Widerstandsfähigkeit. Datiert war das Blatt auf den 2. September 1945, den Tag der Kapitulation Japans. Jetzt kostete es 134.500 Euro.

Koreanische Tuschearbeiten machen Furore

Der Verkauf dieser Sammlung zeigt, wie groß mittlerweile das Interesse der Chinesen an der jüngeren Kulturgeschichte des Landes ist. Alle wichtigen Blätter gehen nach China, zehn verbleiben in der Schweiz. Koller hat mit seinem Asiatika-Angebot einschließlich Japan und Südostasien brutto 3,5 Millionen Schweizer Franken umgesetzt.  Die Sensation in Zürich aber war eine Folge von vier koreanischen Tuschearbeiten aus dem 19. Jahrhundert. Die Hofdamen-Motive gehen für 415.100 Franken an einen Bieter in den USA.

Die entfachte Begeisterung für Tuschmalerei jüngeren Datums erlebte auch Lempertz. Um sieben kleine, auf 4500 Euro taxierte Szenen aus der Peking-Oper konkurrierten zehn Chinesen. 1958 wurden die Arbeiten in der DDR in einem der schmalen Büchlein des Insel-Verlags gedruckt und gelangten in die Sammlung eines Leipziger Buchgestalters. Seitdem waren sie in Familienbesitz. Inklusive einer Neujahrskarte und eines Briefs des Künstlers übernimmt das Konvolut für 227.500 Euro ein chinesischer Bieter.

Ein kleiner Ochse aus Elfenbein

Lempertz beziffert bei einer losbezogenen Quote von nur 60 Prozent den Umsatz der Dezemberauktionen mit Asiatika auf 2,5 Millionen Euro. Seinen prominenten Platz als Anbieter von Netsukes konnte das Haus untermauern. Bei den figürlichen Gürtelanhängern stach diesmal ein Elfenbein-Ochse des 18. Jahrhundert für 25.000 Euro hervor. Die Verkäufe nach China aber bleiben die gewichtigen Umsatzbringer. Auch im kommenden Jahr des weißen Büffels werden die wichtigsten Kunden für Europas Asiatika-Versteigerer aus diesem Reich kommen.

Mehr: Asiatike: Nagel versteigert Geschenke der Kaiserin von China

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