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Gerhard Richter im Museum Dem Künstler über die Schulter geschaut: Richter überrascht mit drei Zyklen auf Papier

Zwei gelungene Gerhard Richter-Ausstellungen in Zürich und München legen offen, was den Malerstar im Innersten bewegt. Dabei sieht der Betrachter dem Künstler beim Malen quasi zu.
10.06.2021 - 15:20 Uhr Kommentieren
Ein Ergebnis täglichen Zeichnens und Nachdenkens im Lockdown (Ausschnitt). Quelle: Pinakothek der Moderne, München
Gerhard Richter „28.2.2020“

Ein Ergebnis täglichen Zeichnens und Nachdenkens im Lockdown (Ausschnitt).

(Foto: Pinakothek der Moderne, München)

München, Zürich Seine letzte Werknummer im Gesamtkatalog sind die Glasfenster für die Abtei Tholey. Bereits in den Jahren vor 2020 konzipiert, schenkte Gerhard Richter letztes Jahr den Mönchen im Saarland drei Glasfenster nach seinen abstrakten Gemälden. Und verkündete fortan der Malerei zu entsagen.

Gleichwohl rührt Deutschlands bekanntester und teuerster Maler täglich Stifte, Ölkreide und Tusche an. Wie könnte es anders sein? Bei einem Vollblutkünstler, der seit mehr als sechs Jahrzehnten malend die Kunst und die Welt reflektiert?

In der Staatlichen Graphischen Sammlung in der Pinakothek der Moderne in München überrascht der 89-Jährige jetzt die Besucher mit drei Zyklen auf Papier aus dem Coronajahr 2020. Um sich von der physischen Anstrengung der Malerei im Großformat zu befreien, hat Richter die mächtige Leinwand getauscht gegen Papier im Format von nur 21 mal 29 Zentimeter. Diese Suiten sind so kraftvoll, dass sie Ausstellungsbesucher aller Altersklassen verblüffen und faszinieren.

Was sich da von leichter Hand hingeworfen abspielt, berührt die Betrachtenden zutiefst. Vor dem per Zeitfenster-Ticket gedrosselten Besucherstrom entfalten sich Farbnebel und Frottagen, zarter Punktregen, aber auch dünne Graphen – wie wir sie von Charts zur Genüge kennen – und mit dem Lineal gezogene Tuschelinien.

Gezeichnet, aquarelliert, aus der Ölkreide gekratzt, per Frottage abgerieben entfalten sich Pendelschläge einer feinsinnigen Hand. Mal in heftigem All-Over über das ganze Blatt, bis an alle Bildränder. Mal um die Mitte konzentriert. Schwer zu beschreiben, was zu sehen ist.

Von Nahem sind es Abstraktionen von Eindrücken, Explosionen und Emotionen. Von Weitem scheinen sich Horizontlinien von Landschaften auf zu tun. Dem Landschaftsmotiv ist Richter sein Leben lang treu geblieben. In den Querformaten spiegeln sich sowohl Konzentration als auch Irritation. Woher Letzteres rührt muss offenbleiben. Vielleicht vom ersten Lockdown und den zwei Monaten davor, als das Sars-CoV-2-Virus schon die Weltnachrichten beherrschte?

Der Betrachter sieht dem Zeichner quasi beim Malen zu, beim Reflektieren und Herantasten an die Stimmung des Tages: Wie der Künstler versucht, das was durcheinander und ins Rutschen geraten ist, mit Tuschelinien wenigstens ansatzweise zurück ins Lot einer Quasi-Ordnung zu holen. Für Inhalt zu sorgen, ohne narrativ zu werden.

Mit Gemälden wie diesem fast fotorealistischen Landschaftsbild unterläuft der Künstler gezielt Erwartungen (Ausschnitt). Quelle: Sammlung Ruth McLoughlin, Monaco
Gerhard Richter „Eis“

Mit Gemälden wie diesem fast fotorealistischen Landschaftsbild unterläuft der Künstler gezielt Erwartungen (Ausschnitt).

(Foto: Sammlung Ruth McLoughlin, Monaco)

Die Schau ist von großer Kraft, aber klein im Umfang. Es sind nur 54 Blätter und drei Graue Spiegel, die den Betrachter im Sinne der Konzeptkunst mit ins Bild holen. Der fühlt sich bisweilen provoziert, wenn statt eines Motivs nur die Gestalten der Besucher oder er selbst auf dem spiegelnden Grau sichtbar werden.

Dazu gesellt sich ferner die von Gerhard Richter 1992 in einer 11er-Edition veröffentlichte kleine Metallkugel, die gleichfalls spiegelt. Sie liegt dem Wunsch des Künstlers folgend in der letzten von zwölf unbestückt belassenen Vitrinen vor dem Saal. Und wirkt doch etwas deplatziert und verloren.

Die mit feinen Farbüberlagerungen aufwartenden zwei Folgen kontrastiert Michael Hering mit einer schwarzer getuschten Suite. Deren Reiz erkennt der persönlich kuratierende Museumsdirektor im Abklatschverfahren und in Lichtbahnen, die Richter mit fein angespitztem Radiergummi ins Graphitgrau zieht.

Das Kunsthaus Zürich widmet sich Richters jahrzehntelanger Passion für Landschaftsmalerei. Quelle: REUTERS/Arnd Wiegmann
Gerhard Richter "St. Gallen"

Das Kunsthaus Zürich widmet sich Richters jahrzehntelanger Passion für Landschaftsmalerei.

(Foto: REUTERS/Arnd Wiegmann)

Weniger explizit den Blick über die Schulter des Künstlers als den Überblick über ein Hauptmotiv hat eine zweite bemerkenswerte Ausstellung im Sinn. Mit 80 Gemälden und weiteren 60 Zeichnungen, Grafiken, Fotoübermalungen und Künstlerbüchern widmet sich das Kunsthaus Zürich Richters jahrzehntelanger Passion für Landschaftsmalerei.

Schon als junger Mann misstraut Gerhard Richter der Subjektivität des eigenen Ich. Er wählt Amateurfotos als Vorlagen und malt nicht etwa eine beiläufige Wiesenlandschaft, sondern das Abbild eines Wiesenfotos. Die gut kuratierte Auswahl beginnt mit Tintenstrahldrucken von „Elbe“-Zeichnungen aus dem Jahr 1957 aus der Sammlung Olbricht. Gerhard Richter mischt dabei Mystisches mit Surrealem. Er zeigt sich experimentierfreudig und offen. Diese Offenheit wird zur Leitlinie der inspirierenden Ausstellung.

Über die Regeln, wie Landschaften im goldenen Schnitt konstruiert sein sollten, setzt sich Richter hinweg. Er nimmt sich zwar romantische Motive wie Regenbogen, Wolkenhimmel und Eisschollen vor. Doch die Art der Lichtbehandlung bei „Eis“ verhindert zuverlässig falsche romantisierende Gefühle. Richter nennt solche Bilder, die das Erwartbare unterlaufen, „Kuckuckseier“.

Die Ausstellung ist eine Übernahme aus dem Bank Austria Kunstforum in Wien. Gastkurator ist der Richter-Experte Hubertus Butin. In Zürich hat Butin die Schau gemeinsam mit Cathérine Hug eingerichtet.

Das Besondere ist, dass der Parcours die Vielseitigkeit des Richter‘schen Oeuvres konzentriert auf das eine Motiv erzählt. Darüber hinaus stellt er aber den See-, Gebirgs- und Gartenbildern nicht nur von oben gesehene Stadtlandschaften gegenüber, dondern auch Abstraktionen. Wo ihnen eine Landschaft zugrunde lag, überführte Richter deren Farben und Formen in berückendes Farbflimmern.

Das sieben Meter lange ungegenständliche Bild „St. Gallen“ ist ein solcher Fall. Der tiefe durchgehende Horizont verrät den Aufmerksamen den Ausgangspunkt dieses Gemäldes.

Sprechend ist auch die Nähe von „Parkstück“ und „Dschungelbild“, beide aus dem Jahr 1971. Letzteres zeugt von einem dynamischen Malprozess. Erd-, Grün- und Weißtöne hat Richter mit pastosem Pinselstrich zu einem undurchdringlichen Dschungelgestrüpp verwoben. Einen Raumeindruck oder etwas Gegenständliches sucht man jedoch vergebens.

„Ich mag alles, was keinen Stil hat“

Das dreiteilige „Parkstück“ hingegen ist aus denselben Farben aufgebaut. Hier ist die Illusion einer Wiese mit Laubbäumen im Hintergrund noch ablesbar, trotz des expressiven Pinselstricks. „Ich mag alles, was keinen Stil hat: Wörterbücher, Fotos, die Natur und meine Bilder“, räumt der Maler ein. Dieses Zitat fasst sein stilistisch vielseitiges Werk und die immer wieder überraschende „Landschafts“-Ausstellung prägnant zusammen.

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