Gerrit van Honthorst: Lebenslust im Kerzenschein
Lebenslustig bei Nacht: Das vom Montral Museum restituierte Ölgemälde "Das Duett" (1624) von Gerrit van Honthorst (1592-1656). Es wurde im Juni 2013 bei Christie's für 3,37 Millionen Dollar zugeschlagen.
Foto: Christie's Images Ltd. 2013Florenz. Dass Caravaggio einer der einflussreichsten Künstler des 17. Jahrhunderts war, hat die Forschung erst in den letzten 50 Jahren fundamental aufgearbeitet. Großen Sammlern und Museumsleitern war das schon immer klar und sie zögerten nicht, Werke der wichtigsten Adepten seiner Hell-Dunkel-Malerei anzukaufen. Dabei standen nicht nur die italienischen Meister dieser barocken Stilrichtung, sondern auch ihre niederländischen Zeitgenossen im Blickpunkt; vor allem aber die Künstler der Utrechter Malerschule, von denen nicht wenige in Rom ihre stärksten Impulse empfingen.
Im Dreigestirn ihrer Protagonisten, zu denen Hendrik Terbrugghen und Dirck van Baburen gehören, ist Gerrit van Honthorst (1590-1656) der geschmeidigste und langlebigste. Die Uffizien in Florenz widmen diesem erst in den letzten fünf Jahren zum heiß begehrten Marktmillionär avancierten Maler eine chronologisch gehängte Einzelschau.
„Gerard der Nachtstücke“
Drei der vier ausgestellten Gemälde aus dem Besitz des Museums wurden bereits im 17. Jahrhundert von den Medici-Regenten erworben, was für die frühe Wertschätzung dieses Holländers spricht, dem seine italienischen Zeitgenossen dank seiner Vorliebe für Kerzen- und Fackelbeleuchtung den Rufnamen „Gherardo delle notte“ (Gerard der Nachtstücke) gaben.
Volle zehn Jahre hat der Schüler von Abraham Bloemaert seit 1610 in Rom gearbeitet, wo er in dem Kardinal Scipione Borghese, dem großen Mentor Caravaggios, seinen wichtigsten Förderer fand. Caravaggio selbst, der bereits 1609 verstarb, hat er nicht mehr selbst erlebt, aber seine Bilder in der Sammlung des Kardinals, in Kirchen und in anderen römischen Kollektionen (Conti, Mattei, Doria Pamphilj) gesehen und aus deren Studium seine eigene künstlerische Handschrift gewonnen.
Eigene Lösung für Lichtführung
In Florenz sind bahnbrechende Werke versammelt. Auch seinem Einfluss auf holländische, italienische und französische Meister wird mit exzellenten Beispielen nachgespürt. Leider haben sich die holländischen Museen mit Leihgaben zurückgehalten. Mit einer Ausnahme: das Amsterdamer Rijksmuseum hat den „Violinisten mit Weinglas“ nach Florenz geschickt. Diese nach der Rückkehr ins Heimatland 1623 entstandene Halbfigur eines uns fröhlich Zuprostenden hat eine räumliche Wirkung, die sich stark von den Musikantenporträts seiner Utrechter Zeitgenossen abhebt.
Doch schon im Jahrzehnt vorher sucht und findet Honthorst eigene Lösungen für ein Bildprogramm. Es bedient sich der in der römischen Künstlergemeinde favorisierten Themen. Das früheste, in Florenz ausgestellte Gemälde, eine „Verspottung Christi“ aus der Kirche Immacolata Concessione in Rom, wurde lange als eigenhändiges Werk angezweifelt, gilt jetzt aber aufgrund der Lichtführung und der im Katalog herausgehobenen Qualität der Christusfigur als authentisch. Als Paradebeispiel eines an Caravaggio geschulten Nachtstücks ist die vom Radiallicht einer Fackel nur partiell erhellte Szene, in der Judith das Schwert kurz vor der Enthauptung des Holofernes zieht (im Besitz der Pariser Galerie Didier Aaron, die das Nachtbild 2013 mit 3 Millionen Euro bezifferte).
Eine der wenigen Leihgaben aus Holland: Gerrit van Honthorsts "Violonist mit Weinglas" aus dem Rijksmuseum Amsterdam. Quelle: Uffizien
Foto: Handelsblatt„Der Violinist und die Lautenspielerin“ von Gerrit van Honthorst kam bei Sotheby's in New York unter dan Hammer und erzielte 7,5 Millionen Dollar (Jan. 2014)
Foto: Sotheby’s 2014Was die Medici-Herrscher Ferdinando II und Cosimo II faszinierte, waren Honthorsts nicht minder magisch beleuchtete Bankettszenen, in denen physiognomisch subtil gezeichnete Figuren tafeln und musizieren. Die um 1613 entstandene sogenannte „Hochzeitsszene“ aus den Uffizien, in der mehr Dunkel als Licht herrscht, ist aufgrund ihres intensiven Mienen- und Gestenspiels wohl eher als Bordellszene zu deuten.
Die einige Jahre später entstandene, wesentliche hellere „Wahrsagerin“, die Ferdinando II 1627 seiner Mutter Maria Maddalena d'Austria schenkte, ist eine psychologisch ausgekostete Szene, in der die Augen aller mit Spannung auf der Hellseherin ruhen. Nur diejenige, die ihre Hand darbietet, scheint sich einen Rest Skepsis bewahrt zu haben.
Zuschläge zwischen 4 und 8 Millionen Dollar
In den zwei Versionen der „Anbetung“ geht alles Licht von dem Jesusknaben aus. Das ist kein von Caravaggio in die Kunstgeschichte eingeführtes Motiv. Es scheint eher, als habe Honthorst sich hier an flämischen Vorbildern der Zeit um 1500 orientiert und daraus den Phänotypus einer nordischen Italianità (italienisch inspirierter Typus, der seine nordische Herkunft nicht verleugnen kann) entwickelt. Die „Anbetung der Hirten“ aus einer deutschen Privatsammlung wurde 2010 in einer Christie's-Auktion zum damaligen „Weltrekordpreis“ von 1,1 Millionen Pfund (1,7 Millionen Dollar) versteigert.
Das war ein Gelegenheitskauf, wenn man die seitdem in den angelsächsischen Auktionen erzielten Preise rekapituliert. Sie galten Bildern, die in der Ausstellung als jüngere Marktbeispiele nicht vertreten sind. Etwa dem „Violinisten und der Lautenspielerin“, die im Januar 2014 bei Sotheby's 7,5 Millionen Dollar erzielte. Im Juni 2013 wurde bei Christie's das vom Montreal Museum den Erben eines jüdischen Sammlers restituierte Gemälde „Das Duett“ für 3,37 Millionen Dollar zugeschlagen.
Das Spätwerk wird ausgeklammert
Die Washingtoner Nationalgalerie erwarb im Herbst 2013 bei der New Yorker Galerie Adam Williams Fine Art für kolportierte 20 Millionen Dollar (!) eine kapitale, vielfigurige „Musikalische Gesellschaft“, die 1623 in Utrecht entstand. In ihr ist die römische Lichtmagie in eine homogene blonde Helligkeit aufgelöst. Hier artikuliert sich schon der spätere höfische Honthorst, der nach einem kurzen Intermezzo in London das holländische Herrscherhaus mit mehr oder minder relevanten Auftragswerken bediente.
Der späte Honthorst ist hier mit Bedacht ausgespart. Nur das 1655 datierte Bild „Susanna und die Alten“, das auf eine 30 Jahre früher entstandene Federzeichnung zurückgeht, zeugt von diesem glatten, um feinmalerische Virtuosität bemühten Spätstil. Dafür sind in Florenz andere Bilder versammelt, die man so schnell nicht vergisst. Dazu gehört eine „Vanitas“ aus dem Ashmolean Museum in Oxford, auf dem eine weibliche Halbfigur als Allegorie der Justitia eine Waage hält. Die rechte Hand hält dem Betrachter einen Spiegel entgegen, vor dem ein Schädel ruht. Schon dieses Stillleben ist von höchster Qualität. Im Katalog wird das Gemälde mit Recht als Paradebeispiel der italienischen Reifezeit des Künstlers bezeichnet.
Ideenstark in Rom
Honthorsts Werk der römischen Periode ist reich an ungewöhnlichen Motiven. Der Jesusknabe hält seinem Vater Joseph in der Werkstatt das Licht. In der „Enthauptung des Johannes“ sieht Salome, die Silberschüssel im Arm, kühl dem Tötungsakt zu. In der „Verleugnung des Petrus“ lässt das Kerzenlicht nur eine monochrome Gesamtwirkung zu, alle Lokalfarben sind ausgelöscht.
Nur ein Bild mit aufregender Perspektive fehlt in Florenz: ein Plafondgemälde von 1622, auf der sieben Musikanten von einer Brüstung auf den Betrachter herunterschauen. Diese illusionistische Darstellung geht auf ein Fresko von Orazio Gentileschi zurück, das Honthorst im römischen Palazzo Pallavicini-Rospigliosi gesehen hat. Die Holztafel war im April 1970 bei Christie's für 12.600 Pfund (damals 30.300 Dollar) an das Getty Museum gefallen. Das waren noch Zeiten, in denen Bilder dieses Kalibers zum Schnäppchenpreis zu haben waren.
„Gerrit van Honthorst, Gherardo delle notte“, Uffizien, Florenz, bis 24. Mai 2015, Katalog in italienischer Sprache 34 Euro