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Kunstmarkt im Umbruch Galeristen-Star Johann König: „Es ist einiges schiefgegangen“

Der Berliner Kunsthändler über Exzesse auf dem Markt und notwendige Preistransparenz, den Bedeutungsverlust der Szene in Corona-Zeiten und seine dennoch überraschend guten Geschäfte.
28.01.2021 - 15:05 Uhr Kommentieren
Der Galerist engagiert sich für angesagte Künstlerinnen und Künstler. Sein letzter Zugang ist die Wahl-Berlinerin Chiharu Shiota. Quelle: Gene Glover für Handelsblatt
Johann König

Der Galerist engagiert sich für angesagte Künstlerinnen und Künstler. Sein letzter Zugang ist die Wahl-Berlinerin Chiharu Shiota.

(Foto: Gene Glover für Handelsblatt)

Berlin Mit Kunst zu handeln, ist bisweilen selbst eine Kunst. Johann König beherrscht sie wie kaum ein anderer Galerist in Deutschland: Er handelt nicht nur mit Werken von internationalen Stars wie Katharina Grosse, Norbert Bisky oder Elmgreen & Dragset. Er wirbt auch in Podcasts, mit seinem eigenen Kunstmagazin und immer neuen spektakulären Präsentationen in seiner zur Galerie umgebauten Berliner Kirche St. Agnes, wo das Handelsblatt ihn zum Interview traf, für sich, seine Künstler und die ganze Branche – gern auch mit provokanten Thesen.

Der Kunstmarkt braucht mehr Transparenz, fordert er nun: „Die Luxusmärkte boomen, nur der Kunstmarkt stagniert. Weil er eben so intransparent ist.“ In der Vergangenheit hätten Affären wie die um den Düsseldorfer Kunstberater Helge Achenbach, der den Aldi-Erben Berthold Albrecht mit überteuerter Kunst betrog, „enorme Erschütterungen hervorgerufen.

Je transparenter ein Markt ist, umso seltener kann so etwas künftig noch passieren“, sagt König. Zwar werde es „auch dann hohe Preise geben, aber dann werden die auch nachvollziehbar sein“. Corona wirke da wie ein Beschleuniger: „Weil auch unser Geschäft nun weitaus digitaler geworden ist, wuchs zugleich die Preistransparenz.“

Seine Branche müsse „noch viel mehr aus der Käufer-Perspektive denken. Das kann man sich durchaus von all den erfolgreichen Plattform-Modellen bis hin zu Amazon abschauen“, so König, der grundsätzlich optimistisch ins Jahr blickt: Anders als bei der Finanzkrise 2009, als Milliardenwerte verpufften, sei „aktuell Geld durchaus vorhanden. Es kann nur nicht im gleichen Maße wie früher ausgegeben werden.“

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    Und die Leute würden auch „Kunst kaufen wollen, vielleicht auch, weil es nicht die schlechteste Anlagemöglichkeit ist“. Skeptischer ist er dagegen, was die Zukunft der großen Kunstmessen angeht: „Wir haben vor allem gemerkt, dass wir auf die großen Messen, die ja zuletzt alle ausgefallen sind, gar nicht so angewiesen sind, wie wir immer dachten.“

    Lesen Sie hier das ganze Interview:

    Wie geht es der Kunst, Herr König? Und wie geht’s den Künstlern, aber auch Ihnen als Galerie?
    Gut.

    Allen dreien?
    Es mag ein bisschen verrückt klingen, aber gerade, weil die Kunst derzeit bedroht ist, wird viel über sie gesprochen. Und weil auch unser Geschäft nun weitaus digitaler geworden ist, wuchs zugleich die Preistransparenz. Ich halte das für richtig und wichtig. Der ganze Markt profitiert davon.

    Die Installation erinnert an Shiotas Beitrag für die Biennale in Venedig. Diesmal hängen Briefe, nicht Schlüssel, an roten Bändern zwischen Boots-Skeletten. Quelle: König Galerie/Roman März/VG Bild-Kunst, Bonn 2021
    Chiharu Shiota „I Hope…“

    Die Installation erinnert an Shiotas Beitrag für die Biennale in Venedig. Diesmal hängen Briefe, nicht Schlüssel, an roten Bändern zwischen Boots-Skeletten.

    (Foto: König Galerie/Roman März/VG Bild-Kunst, Bonn 2021)

    Sie haben auf Messen auch schon Preisschilder an die Kunstwerke gehängt, was manche empörend fanden.
    Irritiert waren anfangs einige Kollegen, Kritiker und Messe-Veranstalter. Die Kunden, die Sammler und Museen waren dagegen sehr dankbar. Und nur an denen sollten wir uns eigentlich auf einer Kunstmesse orientieren, oder? Mittlerweile mache ich das mit den Preisen seit drei Jahren. Und die Irritation hat sich gelegt.

    Sie reden jedenfalls gern übers Geld, oder?
    Nicht über Geld an sich, ich rede gern über den Markt und seine Mechanismen, weil ich überzeugt bin, dass sich Marktneulinge nur dann auch finanziell auf Kunst einlassen, wenn sie auch das Drumherum verstehen. Ansonsten finden es doch alle einfach nur irre, weil sie’s für überteuert halten. Wir müssen mit Transparenz mehr Vertrauen schaffen, denn in der Vergangenheit ist leider auch einiges schief gegangen.

    Sie meinen zum Beispiel die Affäre um den Düsseldorfer Kunstberater Helge Achenbach, der jahrelang ins Gefängnis musste, weil er den Aldi-Erben Berthold Albrecht mit überteuerter Kunst betrogen hatte?
    Zum Beispiel, ja. Der Fall hat wirklich enorme Erschütterungen hervorgerufen und in den Medien sehr viel mehr Platz eingenommen. Je transparenter ein Markt ist, umso seltener kann so etwas künftig noch passieren. Natürlich wird es auch dann hohe Preise geben, aber dann werden die auch nachvollziehbar sein.

    In digitalen Zeiten lässt sich diese Transparenz doch auch gar nicht mehr verhindern, oder?
    Es wäre schon ein Fehler, es überhaupt noch versuchen zu wollen. Die Luxusmärkte boomen, nur der Kunstmarkt stagniert. Weil er eben so intransparent ist.

    Manche Künstler dürften weiterhin etwas dagegen haben, dass ihre Arbeiten zu sehr als Ware gesehen werden.
    Natürlich ist Kunst viel mehr. Und ihre Vermittlung sehe ich ja als unsere allererste Aufgabe. Trotzdem gibt es auch bei ihr gewisse Ähnlichkeiten etwa zum Finanzmarkt. 

    Inwiefern?
    Künstlerinnen und Künstler mit langer Karriere und großem Renommee sind für Käufer quasi die Blue Chips, vielleicht vergleichbar mit dem Dax. Da kann man nicht viel verkehrt machen. Und dann gibt es die Neulinge mit Potential, vielleicht vergleichbar mit Angel Investments. Das macht es ja auch spannend. Zumal Sie nicht vergessen dürfen: Die atemberaubende Mehrheit der Sammler und Käufer kauft Kunst eben doch nicht als Geldanlage, sondern weil sie sich in ein Werk verlieben. 

    Das Schiff in der Installation „I Hope…“ schwebt in einem überwältigenden Raum. Quelle: König Galerie/Sunhi Mang/VG Bild Kunst, Bonn 2021
    Chiharu Shiota

    Das Schiff in der Installation „I Hope…“ schwebt in einem überwältigenden Raum.

    (Foto: König Galerie/Sunhi Mang/VG Bild Kunst, Bonn 2021)

    Kunst und Kultur haben es schwer, sich in Corona-Zeiten Gehör zu verschaffen. Hat die Szene einen Bedeutungsverlust erlebt – oder sich früher womöglich selbst überschätzt?
    Beides dürfte stimmen. Die Kunst ist tatsächlich völlig hinten runter gefallen in den Corona-Debatten und kam bisweilen allenfalls noch im Entertainment-Zusammenhang von Spaßbädern oder Bordellen vor. Es gibt leider aber auch noch das landläufige Klischee, Kunst sei ja nur was für Reiche. Das Gegenteil ist der Fall: Die wichtigste Kunst hat ihr Zuhause in Museen, wo sie für uns alle da ist. Insofern ist sie weit weniger elitär als etwa die hochsubventionierte Oper. Wir alle müssen da noch viel Vermittlungsarbeit leisten. 

    Was hat Corona für den Kunstmarkt verändert?
    Was den Verkauf von Kunst angeht, haben wir vor allem gemerkt, dass wir auf die großen Messen, die ja zuletzt alle ausgefallen sind, gar nicht so angewiesen sind, wie wir immer dachten. 

    Auf solchen Messen ist jeder Quadratmeter Platz für eine Galerie extrem teuer, gerade für die Kleinen …
    … und für die bleibt der Ausfall der Messen eine größere Herausforderung. Galerien, die nicht in den Metropolregionen zu Hause sind, haben auf Messen wenigstens die Chance, dass die Nachfrage quasi im Vorbeigehen ihr Angebot kauft. Für uns war Corona da eher ein Segen. Man kam ja gar nicht mehr richtig zum Art Consulting, sondern war das halbe Jahr unterwegs von einer Messe zur nächsten und schleppte immer neue Kunst in die Welt. Wirtschaftlich war das zwar erfolgreich. Aber nicht nur unter Aspekten von Umweltschutz, Nachhaltigkeit oder Zeitmanagement waren sie auch ein Desaster. Jetzt haben wir sehr viel mehr Zeit für das Beraten von Sammlungen.

    Sie wollen also gar nicht mehr auf die Art Basel, wenn sie denn mal wieder stattfindet.
    Gerade die bleibt natürlich Pflichtprogramm. Aber viele andere Messen kann ich auch bleiben lassen, zumal wir in dem Vakuum ja unsere eigene Messe gründen konnten. 

    Im Spätsommer haben Sie Ihre Kunst-Kirche St. Agnes hier in Berlin für Sammler, Künstler und andere Galerien als Marktplatz geöffnet. Brachte angeblich 4000 Besucher und 2,5 Millionen Euro Umsatz…
    … von dem wir ja nur eine Verkäuferprämie von 20 Prozent erhielten, Käufer zahlen bei uns anders als in der Auktion kein Aufgeld. Vor allem war das Modell neu, anders und aus sich heraus erfolgreich. Auch weil alle Preise transparent waren. Wir wiederholen die Verkaufsausstellung dieses Jahr, vielleicht sogar in weiteren Städten.

    Der französische Künstler Saadane Afif beklagte Ihren „Trödelmarkt“ und fühlte sich verraten als „Opfer“ einer unsolidarischen Aktion. Wie anstrengend oder auch naiv sind Künstler, wenn es ums Geld und den Markt geht, auf dem sie sich bewegen?
    Ach, seine Kritik war vollkommen in Ordnung. Die Geschichte seiner eigenen Arbeiten in diesem Zusammenhang würde hier jeden Rahmen sprengen. Künstler halte ich an sich für die ultimativen Unternehmer, sie gehen ja auch immer die höchsten Risiken ein, aber neue Ideen stoßen häufig erst einmal auf Skepsis.

    Und Sie als Galerist?
    Wir müssen noch viel mehr aus der Käufer-Perspektive denken. Das kann man sich durchaus von all den erfolgreichen Plattform-Modellen bis hin zu Amazon abschauen.

    Briefe hängen wie Fetzen an roten Fäden der Installation  „I Hope…“. Quelle: König Galerie/Sunhi Mang/VG Bild Kunst, Bonn 2021
    Chiharu Shiota

    Briefe hängen wie Fetzen an roten Fäden der Installation „I Hope…“.

    (Foto: König Galerie/Sunhi Mang/VG Bild Kunst, Bonn 2021)

    Wie digital wird der Kunstmarkt noch werden?
    Nur online wird er nicht funktionieren. Wir selbst haben digital zwar schon viel verkauft. Aber die Online-Kaufentscheidung kann nur funktionieren, wo mir etwas offline schon vertraut ist.

    Was hatte Ihr Unternehmen, die König Galerie, 2019 für einen Umsatz?
    Es waren etwa 25 Millionen Euro.

    Und im Corona-Jahr 2020?
    Waren es nur noch rund 20 Millionen. Dafür fiel der Gewinn höher aus. Mir geht es ja nicht ums Geld an sich, sondern um die Möglichkeit, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln dann wieder neue Projekte umsetzen zu können. Da interessiert mich viel mehr die Frage, was Galeriearbeit oder Kunstvermittlung künftig sein soll und kann. Als Branche sind wir ja seltsame Zwitterwesen zwischen Wirtschaft und Kunst.

    In Zeiten der Direktvermarktung fragt man sich tatsächlich, was Galerie als Handel noch leisten kann.
    Eben. Das Missverständnis über unsere Funktionen beginnt übrigens schon bei dem Glauben, eine Galerie würde ihre 50-Prozent-Provision nur für den Vertrieb bekommen. Die Abwicklung einer Transaktion ist ja nur der letzte Schritt eines langen, gemeinsamen Weges mit den Künstlern. Als König Galerie transformieren wir uns durch unsere Art der Kunstvermittlung ganz allmählich zu einem Medienhaus.

    Als im November der Lockdown Light begann, mussten zwar die Museen schließen, die Galerien durften als Einzelhandel aber weiter geöffnet bleiben. Was hat’s gebracht?
    Gute Geschäfte. Wir haben hier noch mehr für den Publikumsverkehr geöffnet, auch unseren Sale-Room, der sonst nicht öffentlich zugänglich ist. Auch Menschen, die nicht kaufen, hatten ja einen großen Hunger nach Kunst. 

    Mussten Ihre gut 40 Beschäftigten irgendwann in Kurzarbeit gehen?
    Kurzzeitig. Das habe ich aber schnell beenden können. Stattdessen habe ich ihre Vermittlungsprovision erhöht. 

    Klingt eher nach Drückerkolonne.
    Gar nicht. Ich wollte unseren Leuten ein bisschen dabei helfen, sich selbst zu überwinden, aus dieser Stimmung der Angst und Apathie herauszukommen. Die Corona-Krise ist ja eine völlig andere als die Finanzkrise 2009, als Aber-Milliarden an Börsenwerten und Ersparnissen sich in Luft auflösten. Der Turbo-Kunstbetrieb ist damals förmlich implodiert. Aktuell ist Geld ja durchaus vorhanden. Es kann nur nicht im gleichen Maße wie früher ausgegeben werden. Und die Leute wollen Kunst kaufen, vielleicht auch, weil es nicht die schlechteste Anlagemöglichkeit ist. In Deutschland hat man obendrein dabei noch außerordentliche Steuervorteile.

    Was erwarten Sie sich für dieses Jahr?
    Anfangs dachte man ja, es würde in der Galerie-Szene jede Menge Pleiten geben. Davon gehe ich nicht mehr aus. Es wird aber einen schnellen Wandel geben, was die Zahl und Bedeutung der Messen angeht.

    Was verändert Corona vielleicht grundsätzlich mit uns?
    Ich bin gespannt, was der Bogen von #MeToo bis zum Social Distancing angesichts der Pandemie für das menschliche Miteinander generell bedeuten wird. Und es bleibt natürlich die Frage: Wer soll das eigentlich alles bezahlen?

    Fragt der Galerist aus Berlin, das eh immer von der Finanzkraft der anderen Bundesländer gelebt hat.
    Als ich meine Galerie vor 20 Jahren gegründet habe, hätte ich nicht gedacht, dass ich mir mal eine starke, konservative, wirtschaftsfreundliche Stimme für die Stadt wünschen würde.

    Sehnen Sie sich nach einem Regierenden Bürgermeister aus dem konservativen Lager?
    Ich wäre schon froh, wenn wir wenigstens eine konservative Opposition hätten, die diesen Namen wirklich verdient.

    Herr König, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Mindshift Podcast: Johann König: „Das ist ja das Tolle an der Kunst, dass sie so frei ist.“

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