Max Ernst: Geheimnis der Bronzegießer ausgegraben
Galerien in Manhattans Kunstbezirk Chelsea schauen immer häufiger in den Rückspiegel der Geschichte. Vor allem Paul Kasmin machte mit ehrgeizigen Ausstellungen von sich reden. Im vergangenen Jahr beleuchtete er etwa den einflussreichen New Yorker Kollegen Alexandre Iolas (1955-87), der den Surrealismus in die USA brachte, oder auch den wegweisenden Kurator Henry Geldzahler, der 1969 das ehrwürdige Metropolitan Museum oft Art zu einer riesigen Überblicksausstellung „New York Painting and Sculpture: 1940-70“ überzeugte. Kasmins besonders ergiebige Mine ist das Pariser Künstlerviertel Impasse Ronsin. Dort, im 15. Arrondissement nahe am Montparnasse, unterhielten in den Nachkriegsjahren viele heutige Berühmtheiten ihre Ateliers. Zu den eng befreundeten Künstlern gehörten Jean Tinguely, Niki de Saint Phalle, William Copley, Constantin Brancusi, François-Xavier Lalanne und auch Max Ernst. Einige hatten schon Solo-Shows in der Galerie, jetzt ist Ernst (1891-1976) an der Reihe.
Ausgelebte Doppelbegabung
Ausschließlich sein bislang unterbewertetes und auch in den großen US-Museums-Retrospektiven nicht genügend gewürdigtes kleines Skulpturenoeuvre wird noch bis zum 5. Dezember gezeigt. „Da können New Yorker noch viel lernen“, so Nick Olney, Senior Director der Galerie. Nicht jeder kennt das Max Ernst Museum in Brühl, das einen beinahe vollständigen Überblick über diese Facette von Ernsts Produktion liefern kann. Hier stehen 60 Skulpturen aus seinem Nachlass als Dauerleihgabe der Kreissparkasse Köln. Rund ums Highlight, die bekannte schlanke, 1,80 Meter hohe Kalksteinfigur „La Plus Belle” (1967), versammelt die Galerie 14 Bronzen, die in den Jahren 1934 bis 1967 konzipiert wurden.
Humorvolle Zusammenstellungen
Ernst kombinierte gefundene Alltagsgegenstände wie Dosen, Eierkartons, Blumentöpfe oder Muscheln zu humorvollen Figuren. Dem Regisseur Peter Schamoni erklärte er 1963: „Wenn ich mit meiner Malerei in eine Sackgasse komme, so bleibt mir die Skulptur als Ausweg übrig, denn Skulptur ist noch mehr eine Spielerei als Malerei. Bei der Skulptur spielen beide Hände eine Rolle, wie bei der Liebe.“
Von den Zeitgenossen wurden diese Assemblagen nicht ernst genommen – eine Ausnahme war der Kritiker Clement Greenberg. Nachdem er Ernsts neue Gruppe von Gipsskulpturen im Sommer 1944 sah, fand er: „Max Ernst beweist sich als unermesslich besserer Bildhauer denn als Maler“.
Mückenplage als Inspirationsschub
Dabei waren die Werke eher zufällig entstanden: das von Ernst auf Long Island für die Saison gemietete Haus wurde so sehr von Mücken belagert, dass an Schwimmen und Sonnenbaden nicht zu denken war. Schnell funktionierte er die Garage zum Atelier um und schuf heute so hochbewertete Werke wie „Le Roi jouant avec la reine“. Der Lebzeitenguss von 1954 und mit Provenienz des Malerkollegen William Copley ausgestattet, hält seit 2002 den Auktionsrekord von 2,4 Millionen Dollar. Auch „Un ami empressé“ (Guss 1957), der soeben im November bei Christie’s 869.000 Dollar einspielte, gehört dazu.
Die ersten Skulpturen entstanden fast ausschließlich in Gips. Bronzegüsse konnte sich Ernst erst ab 1954 leisten, als er den großen Preis für Malerei auf der Biennale von Venedig erhielt und die Nachfrage anstieg.
Unter den 15 Werken bei Kasmin, die fast alle aus dem Besitz der Ernst-Enkel Amy und Eric sowie von Dorothea Tannings Nichte, Mimi Johnson, stammen, stehen neun Bronzen bei Preisen zwischen 200.000 und 850. 000 Dollar zum Verkauf. Die Steinskulptur „La Plus Belle“ eine Hommage an seine vierte Frau Dorothea Tanning, war schnell vergeben, für sie waren 3 Millionen Dollar anvisiert, ebenso eine Handvoll der Bronzen. Mit Ausnahme von „Gai“ (1935, Guss 1956) und „Êtes-vous Niniche?“ (1955/6, Guss 1957) sind es posthume Güsse der Neunziger und vom Anfang der 2000-Jahre, die eine geplante 12er-Auflage vervollständigten.
Späte Güsse teuer wie Lebzeitengüsse
Der Nachlass ließ bei den Gießereien Susse Fondeur, Paris, und Modern Art Foundry, Long Island City, mit denen Ernst zusammenarbeitete, gießen. Dort gab es auch noch Aufzeichnungen zu den Patinarezepten. Im Sinne der vollständigen Transparenz erhielten die späten Güsse ein eigenes Nummerierungssystem. „Wenn die Markierung auf einem solchen Guss 2/3 lautet, dann existieren bereits neun Lebzeitengüsse“, erklärt Olney. Für die Preisgestaltung spiele die Gusszeit keine Rolle, so Olney. Einige Marktteilnehmer mögen ihm da nicht zustimmen, doch die versteigerten posthumen Bronzen unterstrichen das. Gerade bestätigte „Le grand génie“(1967, Guss 1999 bis 2003) seine Taxe bei 970.000 Dollar.