Nachwuchskünstler Leon Löwentraut: Malen nach Zahlen
„Es wird Rückschläge geben, darauf bin ich gefasst.“
Foto: Martin Langhorst für Handelsblatt MagazinDüsseldorf. Gerade erst hat er seinen 18. Geburtstag gefeiert. Das bedeutet für normale Teenies, dass sie sich Alkohol an der Tanke kaufen oder den Führerschein machen dürfen. Derlei gilt auch für den Gymnasiasten Leon Löwentraut. Der darf darüber hinaus ab jetzt aber auch seine Verträge mit Galeristen in London oder Singapur selbst abschließen.
Denn es gibt mindestens zwei Leons. Der eine gibt Nachhilfe und bereitet sich aufs Abitur vor. Der andere öffnet gerade wie ein sehr junger Malerfürst nonchalant die Tür zu seinem Atelier. Wobei Atelier für dieses kleine Zimmer im ersten Stock einer verlassenen Schraubenfabrik im Düsseldorfer Süden vielleicht doch ein zu großes Wort ist. Mal-Kasten wäre vielleicht treffender. Aber dass es bei ihm auch auf die Begleittöne ankommt, ist schnell zu merken.
Hier jedenfalls entstehen die meisten seiner oft großformatigen Bilder. An der Wand lehnt ein fast fertiges, mindestens zwei mal zwei Meter großes Werk. Wer genau hinschaut, mag die Andeutungen dreier Körper entdecken, von denen zwei auf dem Kopf zu stehen scheinen. Ein bisschen so bunt und wild wie der frühe Picasso vielleicht, was der Nachwuchs nur zu gern aufnimmt: „Ich lasse mich gern und oft von Picasso inspirieren.“
Der „blonde Picasso“
Und weil er das so oder ähnlich nicht zum ersten Mal formuliert hat, nennen ihn die Medien auch schon mal den „blonden Picasso“. Er mag das zwar nicht mehr hören, aber manchmal kann Marketing eben auch zu erfolgreich sein. Die Geister, die er rief, entlocken der etablierten Kunstszene bislang eher ein Achselzucken. Markus Müller, Direktor des Picasso-Museums in Münster und Professor für Kunstgeschichte, sagt kühl: „Löwentraut ist unterhalb meiner Wahrnehmungsschwelle.“ Renommierte Galerien und Museen in seiner Heimatstadt Düsseldorf möchten sich nicht zu seinen Arbeiten äußern. Entweder weil sie ihnen noch nicht geläufig sind oder weil sie dem Jungen erst mal Zeit geben wollen. Wer ist schon fertig in diesem Alter?
Bücher über Löwentrauts künstlerisches Vorbild in seinem Atelier.
Foto: Martin Langhorst für Handelsblatt MagazinEinen – wenn auch volatilen – Markt für seine Werke gibt es indes bereits. Löwentrauts Arbeiten („Ich will mit meinen Bildern gute Laune verbreiten, deshalb bevorzuge ich helle Farben“) erzielen angeblich schon Preise bis zu 10.000 Euro. Und sie sind derart begehrt, dass er gar nicht so viel und schnell malen kann, wie es seine Kundschaft gern hätte.
Das großformatige Bild mit den drei Körpern ist eine Auftragsarbeit für den TV-Fernsehkomiker Oliver Pocher. Ein anderes Bild ging an Frank Rosin, den TV-Sternekoch aus Dorsten. Vielleicht macht Löwentraut Entertainment-Kunst für Entertainer, denn im Fernsehen war er selbst natürlich auch schon – bei Stefan Raab, als der im vergangenen Jahr noch seine Late-Night-Show hatte.
Malergenie oder Marketinggenie?
Raab stellte ihn als künftigen Star des Kunstbetriebs vor. Und wie es sich fürs Unterhaltungsgeschäft gehört, inszeniert Löwentraut seine Auftritte immer ein bisschen lauter als andere. Bei einem Besuch in London hüllte er sich komplett in weißes Leinentuch und trug dazu einen schwarzen Schlapphut. Auch mit nacktem Oberkörper hat er schon vor seinen Bildern posiert. „So viel Gabe für die Vermarktung würde man manchem auch reiferen Künstler wünschen“, sagt Peter Femfert, Geschäftsführer der „Galerie“, Gesellschaft für Kunsthandel in Frankfurt. „Er weiß sehr gut, dass eine Sammlerklientel auf der Suche nach Talenten und großem Potenzial Künstler wie ihn sucht.“
Malergenie? Marketinggenie? Oder beides? Wer steht da nun vor einem? Löwentrauts sommersprossige Miene erscheint angestrengt ernst, wenn er von den Anfängen seines künstlerischen Wirkens zu erzählen beginnt. Der Start war demnach ziemlich unspektakulär. Wie Millionen andere Kinder auch fing er mit vier, fünf Jahren an zu malen, vorsichtig geführt von seiner Mutter, einer Krankenschwester.
Verhaltensauffällig wird er erst später. Weniger durch die Bilder als damit, dass er selbst TV-Sender und Zeitungen kontaktiert. „Mein Traum war es, seit ich denken kann, Künstler zu werden“, sagt er. „Dafür tue ich alles.“ Die Berichte lockten erste kleinere Galerien an. Mittlerweile hat Löwentraut in London bei The Muse Gallery ausgestellt, zuletzt in Hamburg bei der Galerie Michael Poliza. Er hat nun einen Berater und Ausstellungsplaner, der Christoph Wesche heißt und sagt: „Ich habe zuvor noch nie eine Ausstellung ausgerichtet, in der die Bilder innerhalb von 30 Minuten ausverkauft waren.“
Zwei Welten prallen aufeinander
Gemanagt wird das Projekt Leon von seinem Vater Jörg, einem Handelsvertreter aus Kaarst. Gerade erst wurden im Swiss Club in Singapur etliche Löwentrauts gezeigt. Anschließend wandern die Werke dort in die Bruno Gallery. Leon Löwentraut sagt: „Ich hätte natürlich nichts dagegen, wenn auch dort alle Bilder verkauft würden.“ Dann folgt ein Anflug von Bescheidenheit: „Es wird bestimmt Rückschläge geben, darauf bin ich gefasst, aber ich stehe ja auch noch relativ am Anfang meiner Entwicklung.“
Hier malt Leon Löwentraut seine oft großformatigen Bilder.
Foto: Martin Langhorst für Handelsblatt MagazinDass sein Wohnort Düsseldorf auch Heimat vieler Kunststars wie Joseph Beuys, Günther Uecker oder Jörg Immendorff ist und mit der Kunstakademie über einen bedeutenden Ausbildungsbetrieb verfügt, passt zu seinen Plänen: „Ich will und muss noch viel lernen, vor allem neue Techniken. Die Düsseldorfer Kunstakademie wäre dafür sicher ein guter Platz.“
Löwentraut in den hohen, stillen Hallen der Düsseldorfer Akademie – das klingt ja erst mal, als wenn ein Jungschauspieler aus „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ zum Ensemble der Royal Shakespeare Company wechselt. Das soll zwar weder die TV-Soap diskreditieren noch die britische Elite-Theatertruppe. Nur prallen da eben zwei Welten aufeinander, die auch andernorts in einem Spannungsverhältnis stehen.
Freude bereiten und berühmt werden
„Geld frisst Kunst – Kunst frisst Geld“ hieß ein „Pamphlet“, das vor zwei Jahren die bizarren Wechselbeziehungen in einer Welt beschrieb, die Kunst eben auch als Renditeobjekt begreift. Definiert die Kunst letztlich den Preis, oder sagt ein Preisschild etwas über den Wert der Kunst? Ist Löwentrauts Arbeit also junges Genie oder Malen nach Zahlen?
Er hatte gerade die Führerscheinprüfung bestanden und gleich noch sein erstes Auto abgeholt – einen wuchtigen Audi Q5. Löwentraut erklärte entschuldigend, in kleinere Autos passten seine großformatigen Bilder einfach nicht hinein. Beim Besuch in dessen Düsseldorfer Atelier erinnerte sich unser Autor Peter Brors insgeheim, wie er selbst in dem Alter tickte: „Mit 18 wusste ich zumindest, dass meine Begabung nicht beim Malen liegt. Ich hab’s dann lieber mit Schreiben versucht.“
Foto: Martin Langhorst für Handelsblatt MagazinIhn selbst bewegt zweierlei: Er will Freude bereiten. Und er will berühmt werden. Später einmal sollen seine Werke in den größten Museen der Welt hängen. Löwentraut hat auf dem Weg dahin keine Berührungsängste, wenn es um Kommerz geht: Das Unternehmen Airbar GmbH hat mit ihm eine Edition von alten, künstlerisch aufgearbeiteten Lufthansa-Trolleys entwickelt. Löwentraut ist nach James Rizzi und Charles Fazzino der dritte Maler, mit dem die Firma aus Westfalen zusammenarbeitet. Die rollenden Saftbars kosten nun 2999 Euro.
Wie viel davon bei Löwentraut landet, will er nicht verraten.