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Sandro BotticelliEin diskreter Deal und seine Folgen

Dem Herzog von Hamilton gehörten einst Zeichnungen von Botticelli und prächtig illuminierte Handschriften. Weil sein Enkel dringend Geld benötigte, veräußerte er die Sammlung an die Berliner Museen. Das Kupferstichkabinett erinnert nun an einen umstrittenen Deal des späten 19. Jahrhunderts.Michael Zajonz 03.11.2015 - 15:50 Uhr Artikel anhören

Sandro Botticelli: "Vergil und Dante im achten Kreis der Hölle: Bestrafung der Kuppler und Verführer, der Schmeichler und Huren (Die Göttliche Komödie, Inferno XVIII)", ca. 1481-1495. Deckfarben, Feder in Braun über Metallstift auf Pergament. Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Foto: Philipp Allard

Foto: Handelsblatt

Berlin. Wann und wo Alexander Douglas, der zehnte Herzog von Hamilton, seinen größten Fang machte, ist nicht überliefert. Warum jedoch Sandro Botticellis sublime Zeichnungen zu Dantes „Divina Commedia“ die holzvertäfelte Library von Hamilton Palace im Südwesten Schottlands für immer verlassen mussten, daran erinnerte man sich im Vereinigten Königreich noch lange. Es war der Enkel des Herzogs, der mit dem Verkauf der Sammlung an die Berliner Museen 1882 seine immensen Schulden decken wollte. Übrigens vergeblich: 1927 wurde Hamilton Palace, das größte Privathaus Schottlands, dem Erdboden gleichgemacht.

Nun erinnert das Kupferstichkabinett mit der Ausstellung von 32 Botticelli-Zeichnungen und 18, teils prächtig illuminierten Handschriften aus der Hamilton-Kollektion an einen der spektakulärsten Kunstkäufe des späten 19. Jahrhunderts. „Kaum ein Ereignis hat die Kunstwelt am Ende des 19. Jahrhunderts mehr bewegt als der Verkauf der Sammlung Hamilton“, erklärt Heinrich Schulze Altcappenberg. Er betreut als Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts den kunsthistorisch relevanteren Teil der Schätze. Weitere Manuskripte dieser Sammlung verwahrt die Berliner Staatsbibliothek.

Sandro Botticellis Federzeichnung "Beatrice erläutert Dante die Ordnung des Kosmos (Die Göttliche Komödie, Paradiso II)" von ca. 1481-1495. Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Foto: Philipp Allard

Foto: Handelsblatt

Die Auktion, die nicht stattfand

Das außergewöhnliche Ausstellungsangebot des Kupferstichkabinetts vertieft und ergänzt die große Botticelli-Schau des Londoner Victoria & Albert-Museum, die derzeit in Berlin gastiert. Zuletzt waren die Zeichnungen des Renaissancemalers in Berlin im Jahr 2000 ausgestellt. Nun wird an ihrem Beispiel einmal mehr die Geschichte der eigenen Institution unter die Lupe genommen.

Am Anfang des Rundgangs erblickt man Sotheby’s Auktionskatalog von 1882. Er erinnert daran, dass Douglas’ Enkel die Kollektion ursprünglich versteigern lassen wollte, darunter den „Codex Hamilton 201“ mit 84 eingebundenen „Commedia“-Zeichnungen Botticellis auf Pergament. Der Katalog kam nie zur Auslieferung, der Hamilton-Sale fand nicht statt. Ausgestellt ist das Exemplar, in dem der seit 1876 amtierende Direktor des Kupferstichkabinetts, Friedrich Lippmann, mit Kopierstift die Lose markiert hatte, die er später direkt vom Eigentümer erwarb.

Sandro Botticelli: "Luzifer in ganzer Gestalt (Der große Satan) (Die Göttliche Komödie, Inferno XXXIV,2)", ca. 1481-1495. Feder in Braun über Metallstift auf Pergament. Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Foto: Philipp Allard

Foto: Handelsblatt

Cristoforo Orimina: Szenen aus der Apokalypse (in der sogenannten Hamilton-Bibel), um 1350. Deckfarben und Gold auf Pergament. Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Foto: Jörg P. Anders

Foto: Handelsblatt

Diskret eingefädelt hatte Lippmann den Deal mit Rückendeckung von Wilhelm Bode und Richard Schöne, den Architekten der Berliner Museumsexpansion. Interessiert war Lippmann vor allem an Botticellis Zeichnungen. Da man sich nicht dem Risiko der Auktion aussetzen mochte, der Duke of Hamilton vorab jedoch nur en bloc verkaufen wollte, mussten die Berliner für fast 700 bibliophile Handschriften die enorme Ankaufssumme von 1,48 Millionen Goldmark – heute etwa 10 Millionen Euro – aufbringen. Das gelang nur dank persönlich disponibler Mittel von Kaiser Wilhelm I.

Engländer fürchteten Verlust von Kulturgut

Als in Berlin und London die deutschen Kaufabsichten durchsickerten, brach ein Sturm der Entrüstung los. Selbst Queen Victoria und ihre nach Berlin verheiratete älteste Tochter (die deutsche Kronprinzessin Viktoria war Schirmherrin der Berliner Museen) zeigten sich in ihrem Briefwechsel „not amused“. Die Deutschen erregte der Preis, in England witterte man den Ausverkauf nationaler Werte.

John Ruskin startete einen Spendenaufruf, um die Schätze im Land zu halten – mit wenig Erfolg. Erreicht wurde lediglich, dass Manuskripte mit expliziten Bezügen zur britischen Geschichte vom Verkauf ausgenommen wurden. Sie gelangten später ins British Museum.

Kunsthistorisch ohne Vergleich

Botticellis Zeichnungen zur „Göttlichen Komödie“, von denen sich sieben weitere Blätter in der Biblioteca Apostolica im Vatikan befinden, entstanden zwischen 1481 und um 1500 und verkörpern die Summe eines Künstlerlebens. Schon zu ihrer Entstehungszeit singulär, sind sie weder mit modernen Buchillustrationen noch mit den damals geschätzten illuminierten Handschriften vergleichbar.

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Erlesene Beispiele solcher von Hand geschriebener und illustrierter Bücher bot auch die Sammlung Hamilton. Etwa die im Kupferstichkabinett mit ausgestellte, um 1350 in Neapel entstandene Hamilton-Bibel. Es ist jenes sündhaft kostbare Buch, das Raffael auf seinem Porträt von Papst Leo X. prominent ins Bild setzte.

In Großbritannien, wo die Berliner Schau ab Februar 2016 in der Londoner Courtauld Gallery Station machen wird, freut man sich bereits auf eine Rückkehr der Hamilton-Schätze auf Zeit.

„Der Botticelli-Coup. Schätze der Sammlung Hamilton im Kupferstichkabinett“, Kupferstichkabinett am Kulturforum, Berlin, bis 24. Januar 2016. Der Katalog (Wienand Verlag) kostet im Museum 25,90 Euro, im Buchhandel 29,80 Euro

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