Traditionelle afrikanische Kunst: Überzeugender Auftritt
München. Christie's versteigerte in Paris am 16. Juni insgesamt 50 Skulpturen aus dem Nachlass von Hilde und Dieter Scharf mit einem beeindruckenden Gesamterlös von 6,83 Millionen Euro inklusive Aufgeld. Es ist das bislang höchste Auktionsergebnis für indigene Kunst in diesem Jahr.
Der 2001 verstorbene Dieter Scharf war bekannt als profunder Kenner symbolistischer und surrealistischer Kunst. Mit sicherem Gespür hatte er die bedeutende Sammlung seines Großvaters Hugo Gerstenberg, einem der wichtigsten Berliner Kunstmäzene des frühen 20. Jahrhunderts, erweitert. Viele dieser Werke sind heute in der Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg öffentlich zugänglich. Bereits in früheren Jahren wandte sich Scharf jedoch einer neuen Leidenschaft zu: der traditionellen Kunst Afrikas.
Auf Anraten eines Schweizer Sammlers begann Scharf, seine frühen Ankäufe kritisch zu hinterfragen – und nutzte dies als Ausgangspunkt für den systematischen Aufbau einer der besten Sammlungen traditioneller afrikanischer Kunst in Deutschland. Dokumentiert ist sie im Buch „Sehen lernen: Eine Sammlung Afrikanischer Figuren“.
Im Zentrum der Auktion bei Christie’s standen Werke aus Zentralafrika und Mali. Im Vorfeld war unklar, wie sich das Fehlen besonders prominenter, ikonischer Stücke sowie die eher geringe internationale Sichtbarkeit der Sammlung auf die Nachfrage auswirken würden.
Das Ergebnis der Versteigerung unterstrich die herausragende Stellung von Christie’s in diesem Markt und die hohe Qualität der Werke eindrucksvoll: 98 Prozent wurden verkauft, lediglich ein Objekt ging zurück. Den höchsten Zuschlag erhielt eine Skulptur der Yombe aus der Demokratischen Republik Kongo. Die im Schneidersitz ein Kind haltende Mutterfigur wird dem „Master of Kasadi“ zugeschrieben, von dem nur wenige Werke bekannt sind. Der Hammerpreis lag bei 900.000 Euro, inklusive Aufgeld wurden 1,13 Millionen Euro realisiert. Ein Fragment einer Luba-Figur aus der DR Kongo brachte brutto 1 Million Euro ein.
Die Nachfrage war insgesamt robust – ein Dutzend Werke wurde über dem oberen Schätzpreis zugeschlagen. So erzielte eine Reiterfigur der Dogon aus Mali 441.000 Euro, deutlich über der Taxe von 200.000 bis 300.000 Euro. Auch vermeintlich kleinere Arbeiten entwickelten beachtliche Dynamik: Eine nur 15 Zentimeter große Figur der Chokwe verdreifachte mit 54.000 Euro ihre obere Schätzung. Eine auf 50.000 bis 70.000 Euro bewertete Statue der Tabwa erreichte 453.000 Euro.
Besonders stabile Preise wurden für klassische Figurentypen und etablierte Herkunftsregionen gezahlt: Zwei Reliquiarfiguren der Fang wurden mit 850.000 bzw. 479.000 Euro verkauft. Eine Skulptur der Baule brachte 466.000 Euro ein. Sie wird dem sogenannten Meister von Essankro zugeschrieben, benannt nach einer kleinen Stadt der Elfenbeinküste. Charakteristisch für seinen Stil sind maskenhafte Gesichtszüge, geschlossene Augen und eine ausgeprägte Schlankheit der Figuren.
Die Versteigerung belegt: Der Markt für hochwertige traditionelle afrikanische Kunst lebt – vorausgesetzt, Qualität und Vermarktung überzeugen.