Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
1000-Stunden-Test

Umgerechnet 41 Tage und 16 Stunden musste seit seit 1993 jede einzelne Armbanduhr aus der „Master“-Linie von Jaeger-LeCoultre auf den Prüfstand.

(Foto: Jaeger-LeCoultre)

Kolumne: Zeit ist Geld Was Patek Philippe oder Montblanc für die Genauigkeit ihrer Uhren tun

Der Branchenexperte Gisbert L. Brunner erklärt die wichtigsten Uhrenzertifikate und wofür sie stehen – jetzt im dritten und letzten Teil.
  • Gisbert L. Brunner
27.11.2020 - 12:53 Uhr Kommentieren

Genf war schon immer eine Reise wert – auch und gerade für Uhrmacher. Dort nämlich gab es schon im 19. Jahrhundert ein später mehrfach überarbeitetes Gesetz über die freiwillige Qualitätskontrolle von Taschenuhren am Genfer Observatorium. Eine deutliche Verschärfung erfuhr das Regelwerk mit Wirkung vom 5. April 1957. Ihr zufolge mussten Uhren seither nicht weniger als elf Qualitätsforderungen inklusive Ganggenauigkeit erfüllen.

Vor der Zuerkennung mussten Armbanduhren mit maximal 30 Millimeter Werkdurchmesser ein 18-tägiges Prüfprogramm über sich ergehen lassen. Die vorletzte Fassung datierte auf den 22. Dezember 1994. Ihr zufolge waren nummerierte Werke bei der Genfer Uhrmacherschule und dem dort angesiedelten „Büro zur freiwilligen Kontrolle Genfer Uhren” vorzulegen.

Das amtlich vereidigte Personal, allesamt Schweizer Staatsbürger frei von Interessenkonflikten, akzeptierte nur mechanische Uhrwerke, deren Zusammenbau und Reglage im Kanton Genf erfolgte. Und es überprüfte zwölf Festlegungen zum Qualitätsniveau aller Bestandteile und ihrer Verarbeitung. Von Ganggenauigkeit war dabei keine Rede mehr.

Genau das änderte sich wieder mit dem zum 125. Geburtstag neu gefassten „Poinçon de Genève”. Anspruchsvolle Genfer Manufakturen hatten die alten Vorschriften als zu lasch erachtet. Aber erst am 1. Juni 2012 erlangten die nach mehrjähriger Vorbereitungsarbeit teils runderneuerten, teils adaptierten, in jedem Fall deutlich verschärften Regelungen ihre rechtliche Gültigkeit.

Wie zuvor müssen die mechanischen Uhrwerke und ggf. die zusätzlichen Module (zum Beispiel Kalenderwerke) im Kanton Genf montiert, justiert und eingeschalt worden sein. Ferner gehören das auf höchster Uhrmacherkunst basierende Werk und das Gehäuse aber untrennbar zusammen.

Am 1. Juni 2012 wurden die nach mehrjähriger Vorbereitungsarbeit verschärften Regelungen gültig. (Foto: Vacheron Constantin)
Genfer Siegel auf Vacheron Constantin Kaliber 1731

Am 1. Juni 2012 wurden die nach mehrjähriger Vorbereitungsarbeit verschärften Regelungen gültig.

(Foto: Vacheron Constantin)

Das intensive, zwei Wochen dauernde Prüf-Prozedere verlangt die Einsendung der Pläne, Komponenten, Werke oder Module. Zugelieferte Komponenten oder Baugruppen unterliegen den gleich strengen Richtlinien. Im Gegensatz zu Silizium-Komponenten sind Kunststoff-Bauteile kategorisch ausgeschlossen. Zu guter Letzt drehen sich die Dinge noch um die fertige Uhr, und zwar ihre Wasserdichtigkeit, Funktion, Gangautonomie sowie vor allem auch Ganggenauigkeit.

Nach sieben aufeinanderfolgenden Tagen in unterschiedlichen Positionen darf die Abweichung von der Norm nicht mehr als eine Minute betragen. Die bekannten Marken Vacheron Constantin und Roger Dubuis liefern heute alle Uhren mit diesem Siegel. Aber auch das ist noch nicht alles im großen Zertifikate-Dschungel. Denn einige Marken wollten es noch genauer.

Streng und gnadenlos: der 1000-Stunden-Test von Jaeger-LeCoultre

1000 Stunden sind eine enorme Zeitspanne für einen Test. Umgerechnet 41 Tage und 16 Stunden musste seit 1993 jede einzelne Armbanduhr aus der „Master“-Linie von Jaeger-LeCoultre auf den Prüfstand. Deshalb setzen diese Zeitmesser völlig neue Maßstäbe in Sachen Zuverlässigkeit und Ausdauer. Der seit 2004 auf alle Uhren ausgedehnte „Master“-Test gilt als eine der strengsten Prüfungen für Armbanduhren überhaupt.

Anders als bei der offiziellen Chronometerprüfung werden samt und sonders fertig eingeschalte, selbstverständlich mit Zifferblatt und Zeigern versehene Exemplare auf die knallharte Teststrecke geschickt. Dort erfolgt die Prüfung nach klar definierten Maßgaben abwechselnd in sechs Positionen bei verschiedenen Temperaturen. Hinsichtlich der Regulierung haben sich die Verantwortlichen bei Jaeger-LeCoultre selbst ein Präzisionsspektrum verordnet. Zulässig sind minimale Gangabweichungen von täglich einigen Sekunden.

Die verschiedenen Prozesse stehen bei Jaeger-LeCoultre unter strikter Außenkontrolle, um Systemfehlern vorzubeugen. (Foto: Jaeger-LeCoultre)
Knallharte Teststrecke

Die verschiedenen Prozesse stehen bei Jaeger-LeCoultre unter strikter Außenkontrolle, um Systemfehlern vorzubeugen.

(Foto: Jaeger-LeCoultre)

Verschärfend kommt hinzu, dass sich die Testkandidaten zeitweise in Bewegung befinden, dann wieder in völliger Bewegungslosigkeit. Mal stehen sie unter Einwirkung gezielter Stöße oder unter dem Einfluss wechselnder Magnetfelder, die weit über den allgemein gebräuchlichen Normen liegen. Auch ein Druck von 50 Meter Tauchtiefe gehört zum Programm. Auf diese Weise muss jede Uhr von Jaeger-LeCoultre in den ersten 1000 Stunden ihres Lebens vermutlich härtere Anforderungen über sich ergehen lassen als während ihrer eigentlichen Bestimmung am Handgelenk ihres späteren Besitzers.

Bleibt sie ohne Fehl und Tadel, erhält sie ein unübersehbares Zeichen. Gemeint ist ein Siegel auf dem Gehäuseboden oder – bei Sichtböden – eine Spezialgravur auf dem Werk. Außerdem trägt jede Uhr das Datum und die gravierte Signatur des verantwortlichen Meister-Uhrmachers von Jaeger-LeCoultre. Schummeln gibt es nicht: Die verschiedenen Prozesse stehen unter strikter Außenkontrolle, um eventuellen Systemfehlern wirkungsvoll vorzubeugen.

Montblanc und seine Prüfung

Gut 20 Tage immerhin dauert der „Laborttest 500“ bei Montblanc. Er simuliert alle Bedingungen, unter denen eine Uhr funktionieren sollte. Zu diesem Zweck installierte die Manufaktur im Schweizer Jura ein spezielles Prüflabor. Dort müssen alle Armbanduhren vor dem Verlassen der Fabrikationsstätte antreten. Eigens entwickelten Instrumenten obliegt die Überwachung und Bewertung. Test eins, Dauer vier Stunden, gilt etwa der Aufzugsleistung und korrekten Endmontage. Lockere Schrauben fallen spätestens bei den Vibrationen der Chappuis-Maschine heraus. Insgesamt 80 Stunden währt der Genauigkeitstest in verschiedenen Positionen auf einer sogenannten „FEMTO“-Apparatur.

Der 336 Stunden dauernde „Cyclotest“ simuliert die Bedingungen, denen Uhren im Alltagsleben ausgesetzt sind. Hier zeigt sich auch, ob die theoretische und praktische Gangautonomie übereinstimmen. Weitere 80 Stunden nimmt die Prüfung der Funktionstüchtigkeit inklusive eventuell vorhandener Zusatzfunktionen bei verschiedenen Temperaturen in Anspruch. Wenn innerhalb von zwei Stunden noch der Wasserdichtigkeitstest über die Bühne gegangen ist, zeigt der elektronische Daumen hoffentlich nach oben. Falls nicht, heißt es: zurück und nachbessern!

Patek Philippe und sein eigener Poinçon

Nach langer interner Diskussion verabschiedete sich auch Patek Philippe 2009 sukzessive vom zu laschen Genfer Siegel. An seine Stelle trat das im Laufe mehrerer Jahre entwickelte Patek-Philippe-Siegel. Dieses bezieht sich gleichermaßen auf Kriterien zur Konstruktion, technischen Realisation, handwerklichen Ausführung und zur unverzichtbaren Präzision hochrangiger Uhrwerke. Des Weiteren bindet Patek Philipe auch andere Komponenten wie Gehäuse, Zifferblatt, Zeiger oder Bandstege in das komplexe Regelwerk ein. Überdies garantiert die Manufaktur ihren Kunden die lebenslange Wartung der noblen Zeit-Produkte.

Alle Aspekte lassen sich in einem detaillierten Kriterienkatalog nachlesen. Beispielsweise erfordern die Komponenten eines Automatikwerks nicht weniger als 1200 Fertigungsschritte. Die Prüfmechanismen nehmen insgesamt mehrere Hundert Stunden in Anspruch. Die fertig montierten Baugruppen haben sich ebenfalls eingehenden Kontrollen zu unterziehen. Je nach Komplexität durchlaufen die fertigen Uhrwerke Prüfverfahren, welche sich über bis zu 30 Tage erstrecken können. Und die komplette Uhr muss selbstverständlich nochmals auf den Prüfstand.

Nach bestandenem Prüfverfahren gibt es das entsprechende Siegel. (Foto: Patek Philippe)
Geprüft von Patek Philippe

Nach bestandenem Prüfverfahren gibt es das entsprechende Siegel.

(Foto: Patek Philippe)

Verschiedene Kontrollen, Präzisionsmessungen, Tests mit Tragsimulation und Funktionskontrollen nehmen bis zu 20 Tage in Anspruch. Dabei geht es auch um einen gewissenhaften Genauigkeitscheck. Hier unterscheidet die Manufaktur aus technischen Gründen zwischen kleinen Uhrwerken bis und größeren ab 20 Millimeter Durchmesser. Bei Ersteren gelten Toleranzen zwischen -5 und +4 Sekunden pro Tag, während sich Letztgenannte zwingend im engen Spektrum zwischen täglich -3 und +2 Sekunden bewegen müssen. Und zwar ausnahmslos im schützenden Umfeld ihres Gehäuses.

Die „Qualité Fleurier“-Garantiemarke

Im Städtchen Fleurier ist die Uhrmacherei seit 1730 zu Hause. Nach dem Ende der Quarz-Krise brachten Parmigiani und die Chopard Manufacture wieder Leben ins Val-de-Travers. Gemeinsam mit Bovet initiierten sie ein objektives Zertifizierungsverfahren namens „Qualité Fleurier“, das 2004 debütierte und eine vierstufige Prüfung umfasst. Die Beurteilung der technischen und ästhetischen Uhrwerk-Kriterien erfolgt anhand eines Teilesatzes, der eine Sichtprüfung aus 30 Zentimeter Abstand bestehen muss.

Ein unabhängiger Prüfer achtet dabei unter anderem auf die vorschriftsmäßige Anbringung der Zierschliffe oder die sorgfältige Bearbeitung der Kanten. Zur handwerklichen Seite kommt eine „Chronofiable“-Zuverlässigkeitsprüfung, welche bei einer Stichprobe die Alterung des Werks, die Wirkung von Zug- und Schubkräften auf Aufzugswelle, Drücker und Drehlünette, ferner Magnet-, Schlag- und Wasserdichtheitstests umfasst.

Zudem verlangt die Zertifizierungsstelle das ausnahmslose Bestehen der offiziellen COSC-Chronometerprüfung. Erst dann kommt der eigens entwickelte „Fleuritest“, eine komplexe Maschine, welche die Ganggenauigkeit der fertigen Uhr innerhalb eines 24-stündigen-Zyklus abfragt.

Gisbert L. Brunner ist Experte für kostbare Uhren. Quelle: Privat, Patek Phillippe
Der Autor

Gisbert L. Brunner ist Experte für kostbare Uhren.

(Foto: Privat, Patek Phillippe)

Der computergesteuerte Apparat simuliert reale Tragesituationen. Ein optisches System ermittelt alle Gangabweichungen. Täglich dürfen nicht mehr als plus fünf Sekunden zusammenkommen. Bei negativen Werten, also einem Nachgehen der Uhr, verweigert die Stiftung auch hier das Zertifikat. Ging alles gut, bekommt der Einlieferer das Plazet zur Verwendung des Logos mit quadratischem Rahmen, der einen Kreis mit den Buchstaben F und Q einschließt, dazu ein Zeugnis mit der Nummer von Uhr und Uhrwerk.

Ordnung muss schließlich sein. Wer an der „QuaIité Fleurier“ partizipieren möchte, muss zuvor ein kostspieliges Jahresabonnement erwerben. Darüber hinaus schlägt jeder einzelne Qualitätscheck samt Zertifikat nochmals finanziell zu Buche. Immerhin: Der Kunde hat auch hier die Gewissheit ganz besonderer Kontrolle.

Wer im deutschsprachigen Raum nach einem echten Experten für Uhren sucht, kommt an Gisbert L. Brunner nicht vorbei. Der mittlerweile pensionierte bayerische Beamte hat Hunderte von kostbaren Zeitmessern gesammelt, aber auch Dutzende von Büchern über die unterschiedlichsten Marken geschrieben.

Mehr: Kolumne Zeit ist Geld (19): Wie Rolex, Omega und Wempe die Präzision ihrer Uhren messen.

Startseite
0 Kommentare zu "Kolumne: Zeit ist Geld: Was Patek Philippe oder Montblanc für die Genauigkeit ihrer Uhren tun"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%