Buchkritik: Diverse Demokratien müssen zeigen: In der Vielfalt liegt die Kraft
Demokratien können zeigen, was sie Autokratien entgegensetzen können.
Foto: imago images/YAY ImagesEs waren eindringliche, aufwühlende Worte, die Vitali Klitschko vergangene Woche bei seiner Schalte in den Münchener Stadtrat wählte. „Wir kämpfen nicht nur für unsere Stadt, für unser Land“, sagte der Bürgermeister Kiews.
„Wir kämpfen heute für Werte, für Prinzipien, die Russen gerade brechen. Wir kämpfen auch für euch, für jeden in Deutschland.“ Und weiter: „Lieber sterben wir, als Aggressoren in unsere Stadt zu lassen. Wir gehen niemals auf die Knie, niemals werden wir Sklaven sein.“
Klitschko ist einer der prominentesten Botschafter der Ukraine. Seine Worte sind Sinnbild für das, was Russlands Präsident Wladimir Putin unterschätzt hat. „Putin hat immer suggeriert, dass die Ukraine aufgrund der Unterschiede zwischen Ost und West gar keine echte Nation sei. Und dass viele Menschen die Soldaten Putins mit offenen Armen empfangen würden“, sagt der deutsche Politikwissenschaftler Yascha Mounk, der an der amerikanischen Johns Hopkins University lehrt. „Aber trotz aller Unterschiede zwischen den Regionen riskieren Millionen Ukrainer sogar ihr eigenes Leben, um ihre Nation zu verteidigen.“
So divers sie auch sein mag: Die ukrainische Demokratie ist stark. Das, so Mounk, zeigt sich gerade deutlich. Und, das unterstreicht Klitschko mit seinen Worten. Sie fühlen sich mit den westlichen Staaten verbunden – verbunden im Glauben an die freiheitliche demokratische Grundordnung. Mounk hat gerade genau zu diesem Thema ein Buch geschrieben: „Das große Experiment. Wie Diversität die Demokratie bedroht und bereichert.“
Sein Buch fällt in eine Zeit, in der es mehr denn je auf starke Demokratien und Verbünde ankommt. Demokratien, die eben nicht immer gleichförmig, mono‧ethnisch sind, sondern divers. Gespickt mit unterschiedlichen Erfahrungen und Hintergründen und doch voll von Gemeinsamkeiten.
Ende des moralischen Relativismus
„In einer Zeit, in der Diktaturen wie die von Wladimir Putin global an Macht gewinnen, ist es an uns zu zeigen, dass wir eine attraktive Gegenvision haben und dass wir fähig sind, mit unseren Problemen umzugehen“, sagt Mounk im Gespräch mit dem Handelsblatt.
„Wir müssen zeigen, dass Wladimir Putin unrecht hat, wenn er sagt, dass wir aufgrund unserer Diversität unfähig seien, mit unseren eigenen Problemen klarzukommen oder einen starken gesellschaftlichen Zusammenhalt aufrechtzuerhalten.“ Putins Behauptung, dass Russland stärker, weil weniger divers sei, habe sich in den vergangenen Monaten als falsch herausgestellt.
Mounk, Jahrgang 1982, hat ukrainische Wurzeln, seine Großeltern wurden dort geboren. Er selbst wuchs in München auf, Kiews Partnerstadt. Entsprechend beobachtet Mounk die deutsche Haltung in den vergangenen Wochen nach eigenen Aussagen mit Freude.
„Das Bombardement ukrainischer Städte, der Tod von so vielen Zivilisten – das hat es unmöglich gemacht, hier den traditionellen moralischen Relativismus in der deutschen Außenpolitik weiter fortzuschreiben“, sagt er. Aber: „Solange Deutschland von russischem Gas abhängig ist, bleiben wir das schwächste Glied in der westlichen Allianz.“ So könne Putin immer bis zu einem bestimmten Punkt die Politik vorschreiben.
„Gerade in diesem Kontext ist es wichtig, genügend gesellschaftlichen Zusammenhalt zu haben, damit uns Diktatoren und Extremisten nicht gegeneinander ausspielen können“, sagt Mounk. Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte sei dies gar nicht so einfach.
Als die Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde, war sie relativ homogen. Als die Gastarbeiter kamen, beförderte die politische Klasse die Illusion, Deutschland sei kein Einwanderungsland und die Leute würden schon zurück in ihre Heimat gehen. Taten sie aber nicht.
Ein Lernprozess, der die Deutschen so kurz nach dem Krieg viel Energie gekostet habe. Mounk ist trotzdem optimistisch. Der Blick in die Geschichte oder die Ferne zeige, „dass wir im Vergleich zu den meisten diversen Gesellschaften gut dastehen“. Innere Geteiltheit, auch geografische Spannungen gebe es in fast jedem Nationalstaat. Trotzdem, so Mounk, glaube er, dass die meisten Menschen unterschätzten, was in Deutschland an Zusammengehörigkeitsgefühl vorhanden sei.
In seinem Buch erörtert er, wie erfolgreiche diverse Demokratien wachsen können, welche Rolle Staat und Patriotismus dabei spielen und in welchem Maße sich Einwanderer und Mitglieder anderer Minderheiten in die Mehrheitsgesellschaft „integrieren“ sollten.
Ein Buch, das im Grunde die Folge eines Missverständnisses ist. Bei einem Interview in den „Tagesthemen“ der ARD im Jahr 2018 fragte Moderatorin Caren Miosga Mounk nach den Gründen des Erstarkens des Populismus in Deutschland. Mounks Antwort: „Wir wagen hier ein Experiment, das in der Geschichte einzigartig ist, und zwar, eine monoethnische und monokulturelle Demokratie in eine multiethnische zu verwandeln. Das kann klappen, das wird, glaube ich, auch klappen, aber dabei kommt es natürlich auch zu vielen Verwerfungen.“
Wie das Experiment gelingen kann
Wenig später sah Mounk sich einem Shitstorm ausgesetzt von Menschen, die sich als vermeintliche Versuchskaninchen verstanden, rassistisch, Verschwörungstheorien frönend. Dabei hatte er nur seiner Überzeugung Ausdruck verleihen wollen: Demokratie in einer diversen Gesellschaft kann funktionieren.
In seinem Buch beschreibt er, anschaulich und in gut verständlicher Sprache, wie dieses „Experiment“ gelingen kann. Gleich mehrere Dinge stimmen ihn zuversichtlich: Die meisten diversen Demokratien auf der Welt seien heute viel gerechter und inklusiver als vor fünfzig oder hundert Jahren.
„Europäische Länder wie Deutschland und Spanien haben den Faschismus überwunden, ihre Vorstellungen davon, wer wirklich zu ihren Gesellschaften gehört, erheblich erweitert und eine sehr diverse Alltagskultur aufgebaut.“
Und: „Obwohl viele ethnische Gruppen echte historische Gemeinsamkeiten haben, sind die Unterschiede zwischen ihnen gleichzeitig viel fließender, als die meisten Menschen denken. Viele Behauptungen über die durchschnittlichen Unterschiede zwischen Mitgliedern verschiedener Gruppen sind deutlich übertrieben oder komplett falsch.“
Gleichwohl verschweigt Mounk die Schwierigkeiten diverser Demokratien nicht. Die Streitpunkte zwischen Mehrheits- und Minderheitengruppierungen, die offensichtlichen Unterschiede zwischen den ethnischen Gruppen in einem Land.
Ob das Experiment wirklich gelingt, „ob ein Konflikt beigelegt wird oder eskaliert, hängt von den Entscheidungen der Mächtigen ab, von den herrschenden Institutionen und dem Ausmaß, in dem normale Menschen in der Lage sind, vertrauensvolle und kooperative Beziehungen zu unterhalten“, schreibt er. Das gilt wohl auch für den Ukrainekrieg.
Mounks Buch – ein wertvoller Beitrag in der heutigen Zeit.