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Harvard-Ökonom im Interview Amartya Sen: „Wir brauchen Wachstum, sonst können wir die Armut nicht bekämpfen“

Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels ist ein Aufklärer in der Tradition von Adam Smith. Ein Gespräch über Krisen, Hunger und Gerechtigkeit.
05.11.2020 - 09:57 Uhr Kommentieren
„Es ist wichtig, früh zu reagieren, die Bevölkerung zu informieren und zur Kooperation zu bewegen“, sagt der Ökonom zur Coronakrise. Quelle: Tania/contrasto/laif
Amartya Sen

„Es ist wichtig, früh zu reagieren, die Bevölkerung zu informieren und zur Kooperation zu bewegen“, sagt der Ökonom zur Coronakrise.

(Foto: Tania/contrasto/laif)

Frankfurt Amartya Sen mag Deutschland. „Ich war manchmal dort während meiner Jahre als Professor in Cambridge“, erzählt der diesjährige Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels. Einmal unterbrach er die Fahrt auf dem Rhein von Köln nach Mannheim in Rüdesheim und kam dort mit deutschen Studenten ins Gespräch. Mit ihnen unterhielt er sich, kaum zehn Jahre nach Ende des Kriegs, über deutsche Politik. Das war immer sein Leben als Wissenschaftler: das Gespräch suchen, Meinungen austauschen und sich dabei von jeder Ideologie fernhalten.

Auch an Baden-Baden erinnert er sich und an den Schwarzwald. „Ich hoffe, die Bäume dort sind nicht zu sehr vom Klimawandel geschädigt“, sagt er bei einem Gespräch per Video von Harvard aus, wo er seit Jahrzehnten Ökonomie und Philosophie lehrt.

Und damit sind wir beim Thema: Krisen und Katastrophen haben ihn immer beschäftigt. Als Kind bekam der 1933 in Bengalen, damals noch unter britischer Herrschaft, Geborene eine brutale Hungerskatastrophe mit. Später wurde er mit seiner These bekannt, dass Hunger, zum Beispiel Mitte des 19. Jahrhunderts in Irland, praktisch immer auch politische Ursachen hat.

Unterernährung, schlechte medizinische Versorgung, das Fehlen von Bildungschancen, gerade auch für Frauen – das sind die Themen, die er erforscht, was ihm 1998 den Wirtschafts-Nobelpreis eingebracht hat. Sie sind auf Deutsch in dem gerade wieder neu aufgelegten Buch „Ökonomie für den Menschen“ nachzulesen, im Original unter „Development as Freedom“.

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    Heute steht die Coronakrise im Vordergrund. „Es ist wichtig, früh zu reagieren, die Bevölkerung zu informieren und zur Kooperation zu bewegen“, sagt er. In den USA sei das misslungen. Als positive Beispiele nennt er Südkorea und Vietnam. Außerdem hat sich in der Krise erneut die Politik des Bundesstaats Kerala bewährt, wo die Infektionszahlen auch relativ niedrig liegen. Dort kommt zum Tragen, dass ein großer Teil der Bevölkerung lesen kann und dass es seit Langem eine soziale und medizinische Grundversorgung gibt, die gerade auch Frauen zugute kommt.

    Das hat sich auch wirtschaftlich bewährt. „Kerala war in den 60er-Jahren einer der ärmsten Staaten Indiens und ist jetzt einer der reichsten“, sagt Sen. Die Corona-Politik auf Bundesebene in Indien kritisiert er hingegen. „Dort wurde der Lockdown mit nur vier Stunden Vorankündigung verhängt“, sagt er. „Damit sind viele Leute ohne Einkommen geblieben, viele Wanderarbeiter konnten nicht nach Hause.“

    Corona hat vor Augen geführt, wie wichtig funktionierende staatliche Institutionen sind. Ganz ähnlich flammt auch im Zusammenhang mit der Klimakrise die Diskussion wieder auf, was der Markt zur Lösung der Probleme leisten kann und wie viel Staat wir benötigen. Der Kapitalismus selbst gerät wieder mehr in die Kritik. Außerdem stellt sich die Frage, ob eine wirkungsvolle Klimapolitik überhaupt mit Wirtschaftswachstum zu vereinbaren ist oder viel mehr „de-growth“, also wirtschaftliche Schrumpfung, angesagt ist, um die Grundlagen des Lebens zu schonen.

    Sen stellt hierzu klar: „Wir brauchen Wachstum, sonst können wir die Armut nicht bekämpfen.“ Er hält auch viele Diskussionen über „Kapitalismus und Sozialismus für unnütz“, denn er ist überzeugt: „Wir brauchen die richtige Mischung von Institutionen.“ Für Adam Smith, den schottischen Aufklärer und Begründer der modernen Ökonomie, sei es selbstverständlich gewesen, dass es neben Märkten auch gut funktionierende öffentliche Institutionen geben müsse, führt er an.

    Sen wurde aus Boston nach Frankfurt in die Paulskirche geschaltet. Quelle: dpa
    Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels

    Sen wurde aus Boston nach Frankfurt in die Paulskirche geschaltet.

    (Foto: dpa)

    Auf Smith führt Sen auch seine Theorie der Gerechtigkeit zurück, der er 2010 mit „Die Idee der Gerechtigkeit“ ein ganzes Buch gewidmet hat. Auch dort geht es darum, den Begriff nicht abstrakt zu definieren, sondern an menschlichen Bedürfnissen auszurichten. Mit „Climate Justice“, der Klimagerechtigkeit, die heute etwa bei der Bewegung „Fridays for Future“ eine große Rolle spielt, kann er aber nicht allzu viel anfangen. „Gerechtigkeit muss das ganze Leben umfassen“, sagt er, und die Folgen der Klimakrise seien eben nur ein Teil davon.

    Die dritte große Krise unserer Zeit ist der weltweit auftretende Populismus. Sen nennt als seine wesentlichen Elemente „Menschen zu täuschen“ und „Hass auf Minderheiten zu säen“. Dabei sind es oft die Immigranten, gegen die sich dieser Hass richtet. Dabei stellt er für Amerika fest: „Die USA gedeihen gerade durch Einwanderung.“ Auch zu diesem Komplex hat er ein Buch geschrieben: „Die Identitätsfalle“.

    Das Buch ist die Gegenthese zu dem angeblichen „Kampf der Kulturen“, über den Samuel Huntington schrieb. Die „Identitätsfalle“ entsteht, wenn andere uns eng auf ein Merkmal festlegen wollen. Sen, das darf man nicht übersehen, hat hier auch für Wohlmeinende eine Lehre bereit: Nicht jeder Migrant will noch so freundlich in erster Linie als Migrant und nicht jeder Muslim ständig als Muslim angesprochen werden; viele wollen einfach Deutsche unter Deutschen sein, ohne allerdings ihre Wurzeln verleugnen zu müssen.

    Gerechtigkeit muss das ganze Leben umfassen. Amartya Sen

    Zentral für Sen ist der Begriff der Freiheit – und er fasst ihn sehr weit. Er beschreibt in seinen Schriften Freiheit als Chance, das Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Als „sehr elementar“ benennt er „die Fähigkeit, zu überleben und nicht zu sterben“. Neben politischer Freiheit und grundlegenden Bürgerrechten erwähnt er „die Möglichkeit, Tauschbeziehungen einzugehen“, und ganz allgemein „die Freiheit der Individuen, nach ihrem Gutdünken zu handeln und selbst zu entscheiden, wo sie arbeiten, was sie produzieren, was sie konsumieren wollen“.

    Umgekehrt gelten ihm Hunger, Unterernährung, schlechte Gesundheitsfürsorge, das Fehlen von sanitären Einrichtungen oder sauberem Wasser, das Auftreten vermeidbarer Krankheiten, Mängel in der Berufsausbildung, das Fehlen gut bezahlter Arbeitsplätze und sozialer Absicherung sowie die Ungleichheit von Mann und Frau als Unfreiheit.

    Man sieht: Mit diesem Ansatz, den er mit anderen US-Linksliberalen wie Martha Nussbaum teilt, hat er ein umfassendes soziales Konzept in den Begriff der Freiheit hineingebracht: ein frontaler Angriff gegen die Rechtsliberalen, die soziale Absicherung immerzu als Gegensatz zur Freiheit darstellen. Zugleich hat er aber wenig mit der Sorte Linker zu tun, denen Wirtschaftswachstum und freie Märkte schon aus Prinzip zuwider sind.

    Amartya Sen: Die Welt teilen. Sechs Lektionen über Gerechtigkeit.
    C.H. Beck
    München 2020
    128 Seiten
    12 Euro

    Passend zur Verleihung des Friedenspreises bringt der Beck-Verlag einen schmalen Band mit Aufsätzen von Sen unter dem Titel „Die Welt teilen – Sechs Lektionen über Gerechtigkeit“ heraus. In den Essays geht es um Fehler bei der Bekämpfung von Unterernährung, die Bedeutung der Medien für die Freiheit, die Schulbildung und „Armut, Krieg und Frieden“.

    Für ein weiteres Buch sucht er noch einen deutschen Verlag: Er hat „Erinnerungen“ an sein Leben in Indien, Birma, Oxford und Cambridge aufgeschrieben; keine Autobiografie im klassischen Sinne, sondern eine lockere Erzählung von Erlebten. Dieses Buch endet allerdings im Alter von Mitte 30. Sen dazu: „Weiter führe ich es nicht fort, sonst wird es zu dick.“

    Mehr: Amartya Sen: Friedenspreis für den Kämpfer für Gerechtigkeit

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