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RezensionAnders arbeiten, um zu (über)leben

So viele Menschen wie nie fühlen sich angesichts der diversen Krisen und Anforderungen in ihrer Arbeit überfordert. Die ehemalige Managerin Elly Oldenbourg schlägt mit ihrem Buch einen Ausweg aus dieser Krise vor. Tanja Kewes 04.02.2024 - 10:43 Uhr
In Zeiten von Multikrisen brauche es eine neue Art des Arbeitens, argumentiert Autorin Elly Oldenbourg.   Foto: imago/Westend61

Düsseldorf. Der Zeitpunkt, an dem Elly Oldenbourg nicht mehr konnte und wollte, kam früh. Mit Anfang 30 verabschiedete sie sich aus ihrer Vollzeitstelle als Marketingmanagerin bei einem internationalen Konzern und reduzierte ihre Arbeitszeit auf drei Tage pro Woche. 

„Nach einigen Jahren, in denen es immer nur höher, schneller, weiter ging, war ich müde. In meinem Kopf rattertes es pausenlos. Leiste ich genug? Bin ich genug? Was bin ich ohne meinen Job?“, erinnert sich und schreibt Oldenbourg.

Ihre vier neuen „Non-Corporate-Tage“, wie sie diese nennt, nutzte Oldenbourg nicht nur für Freizeit und Familie. In dieser Zeit beschäftigte sie sich mit dem Thema Zukunft der Arbeit. Sie besuchte entsprechende Konferenzen, arbeitete als Coach und gründete schließlich den „Morgen.Salon“, eine Art philosophisches Café in Hamburg.

Ihre dabei entwickelte Vision, „unsere Welt über den Hebel der Arbeit zu verändern“, hat die 39-Jährige nun veröffentlicht. Ihr Buch „Workshift“ mit dem Untertitel „Warum wir heute anders arbeiten müssen, um unser Morgen zu retten“ ist ein Erstlingswerk, das sich zu lesen lohnt. 

Auf 239 Seiten argumentiert Oldenbourg, warum es angesichts von  Klimawandel, Fachkräftemangel und Künstlicher Intelligenz eine neue Art des Arbeitens braucht. Sie arbeitet sich dabei an den vier „Wirkungsfeldern“ Zeit, Kollaboration, Vielfalt und Kennzahlen ab.

Oldenbourg beschreibt, inwiefern wir lang, aber häufig auch unproduktiv arbeiten, wie wir uns in Machtspielen blockieren, in welchem Ausmaß Homogenität Innovation frisst und warum die Wirtschaft nur auf Wachstum(skennzahlen) setzt. 

Elly Oldenbourg: Workshift.
Campus Verlag,
Frankfurt 2024,
239 Seiten,
30 Euro,
Das Buch erscheint am 7. Februar.

Vor diesem Hintergrund hat sie ihr Buch auch „Workshift“ genannt. Wörtlich übersetzt bedeutet das Wort „Arbeitsschicht“, in Anlehnung an die starren Strukturen, die es aufzubrechen gilt.   

Oldenbourgs Buch ist eine Art Plädoyer für eine flexiblere, weniger zeitgebundene Auffassung des Faktors Arbeit. Geschrieben hat sie es zusammen mit der Wirtschaftsjournalistin, Autorin und geübten Ghostwriterin Anne Jacoby, die schon einige Bestseller zu den Themen Wirtschaft und Gesundheit mit verfasst hat. 

Das Buch beginnt mit einer fundamentalen kritischen Bestandsaufnahme. „Unser aktuelles Arbeits- und Anreizsystem produziert Menschen, die sich zwischen ökonomischer Sicherheit und seelischem Wohlbefinden entscheiden müssen“, schreibt Oldenbourg. Nicht umsonst seien Burnout-Raten hoch, boome die Mindfulness-Szene und fänden Coachingpraxen so viel Zulauf.

Wandel der Arbeitsbedingungen beginnt bei Führungskräften

Bei ihrer Analyse blickt die 39-Jährige über ihre eigene privilegierte Position, die es ihr ermöglichte, über 18 Jahre in Teilzeit und in Tandems im Marketing und Vertrieb von internationalen Konzernen ihre Karriere zu machen, hinaus auf die Welt. Sie schreibt: „Nicht vergessen dürfen wir dabei, dass sich etwa 20 Prozent der hiesigen Bevölkerung nicht einmal entscheiden können, weil sie in Armut leben.“ Sie seien wirtschaftlich so abgehängt, dass die Option „Wohlbefinden“ für sie gar nicht infrage komme.

Oldenbourgs Anliegen ist es zwar, auch für diese „Abgehängten“ langfristig Verbesserungen zu schaffen. Sie setzt jedoch beim Wandel der Arbeitsbedingungen bei den Fach- und Führungskräften an. 

Die in Deutschland weit verbreitete Teilzeit ist für Oldenbourg nicht die Lösung, eher eine „Mogelpackung“. Sie führe nur dazu, dass man „uninteressantere Aufgaben“ und „signifikant weniger Geld“ bekomme und mehr „im Stress“ sei. Ein zukunftsfähigeres Arbeitsmodell und damit ein Ausweg aus dieser Krise der Arbeit ist für Oldenbourg das Jobsharing. Dabei müsse der Einzelne „weniger arbeiten, aber besser“ – eine Win-win-Situation für die Beteiligten.

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Unternehmen würden damit qualifizierte und erfahrene Fach- und Führungskräfte an sich binden, und diese wiederum könnten ihre Arbeit besser mit ihrem privaten Leben – Freizeit, Familie, nebenberufliche Selbstständigkeit – vereinbaren. Alle profitierten von einer doppelten, oft komplementären Kompetenz, Expertise und Kreativität. Bei gut eingestellten Tandems entstünden keine Kommunikations- oder Erreichbarkeitslücken. 

Oldenbourgs Buch ist somit keinesfalls nur deskriptiv oder pessimistisch. Die studierte Betriebswirtin argumentiert leidenschaftlich und sehr konkret dafür, was nötig ist: flexiblere (Arbeits-)Zeiten, zugewandte und produktive Formen der Zusammenarbeit, eine neue Bereitschaft, Vielfalt zu leben, und Mut, Leistung neu zu messen und zu bewerten.

„Workshift“ ist aktuell nicht das einzige Buch, das sich mit der Gegenwart und Zukunft der Arbeit kritisch auseinandersetzt und versucht, neue Ansätze für einen notwendigen Wandel aufzuzeigen. Im Herbst gewann die ehemalige LinkedIn-Managerin Sara Weber mit „Die Welt geht unter, und ich muss trotzdem arbeiten?“ den Leserpreis des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises. Auch sie zeigt darin Ansätze für die Zukunft des Arbeitens auf.

Jobsharing als Antwort auf veränderte Arbeitswelt

Und gleich zwei Titel richten den Blick gezielt auf das Thema Jobsharing als Antwort auf eine veränderte Arbeitswelt. Da ist zum einen „Shared Leadership“, in dem die Autoren Randolf Jessl und Thomas Wilhelm Theorie und Praxis verbinden. Jessl ist Executive Coach und Leadership Trainer, Wilhelm war Führungskraft in der Medienindustrie. Ihr Credo: „Gute Führung hat einen Kern, der zeitlos ist. Und eine Schale, die sich ändert. Neue Werte, neue Technologien, neue Herausforderungen wirken darauf ein, wie Führung gelebt wird und wann sie erfolgreich ist.“

Randolf Jessl, Thomas Wilhelm: Shared Leadership.
Haufe,
Freiburg 2023,
300 Seiten,
49,99 Euro

Zum anderen ist da „Co-Leadership“ von Stefanie Junghans und Janina Schönitz, die ganz ähnlich argumentieren. Junghans ist eine erfahrene Personalmanagerin (SAP, Haniel), Schönitz eine Transformationsmanagerin (Deutsche Bahn). Sie eint – und das beschreiben sie in ihrem Buch – ihre positiven Erfahrungen als Teilzeit-Chefinnen. 

Sie haben ein Buch geschrieben, das nicht nur von der Aufmachung her populär daherkommt. Sie teilen dort auch ungewöhnlich offen ihre Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Praxis. Ihr Ziel: „Wir möchten mit diesem Buch den Weg bereiten für viele weitere Tandems, weil wir glauben, dass Co-Leadership ein wesentlicher Hebel für die Gestaltung der Zukunft der Arbeitswelt ist.“

Stefanie Junghans, Janina Schönitz: Co-Leadership.
Verlag Franz Vahlen,
München 2023,
222 Seiten,
24,90 Euro

Das Erstlingswerk von Oldenbourg bietet all dies zusammen: Es verweist auf wissenschaftliche Studien, nimmt Bezug auf Krisen und Transformationen, spiegelt praktische Erfahrungen und gibt dazu noch jede Menge persönliche Ein- und Ansichten einer zweifachen Mutter preis. Kurzum: Es bietet eine ideale Mischung aus Theorie und Praxis, meidet abgehobenes Managementliteraturgehabe und mündet in einer „Bedienungsanleitung für eine neue [Arbeits-]Welt“.

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Oldenbourg empfiehlt dabei das Jobsharing „als Königsdisziplin der Kollaboration“, erklärt alternative Bewertungsinitiativen wie das „Sustainability Accounting Standards Board (SASB)“ und plädiert für die  „Vollkostenrechnung“ als „maßgeblichen Hebel für fundamentale Veränderung in Unternehmen“. Kurzum, sie ist sich sicher: „Wenn wir Neues erreichen wollen, dürfen wir nicht an überholten (Zeit-)Strukturen, Arbeitsmodellen oder Leistungsansprüchen, vor allem nicht an alten Maßstäben und Idealen festhalten.“

Ihr Schreibstil ist kurzweilig, bisweilen sogar frech. So heißt ein Kapitel bei ihr: „Performance-Party killt Produktivität“. Sie kreiert zudem eigene Wörter wie „Busyness“, womit sie „hirnlose Geschäftigkeit“ meint. Stilistisch nutzt sie auch immer wieder das Mittel der rhetorischen, provokanten Frage, etwa: „Warum denken wir so, als stünden wir immer noch an Henry Fords Fließband?“

„Großartiges Buch mit konkreten Ideen“

Schon vor Erscheinen des Buches ist es der Autorin gelungen, eine Vielzahl an positiven Stimmen zu ihrem Buch und Leseempfehlungen einzuholen, die nun die grünen Buchklappen schmücken. Oldenbourg scheint gemeinsam mit dem Campus-Verlag ihr über die Jahre generiertes und gepflegtes Netzwerk erfolgreich genutzt zu haben.  

Für Ana-Christina Grohnert, einst Personalvorständin bei der Allianz und seit vielen Jahren Vorstandsvorsitzende der Diversitätsinitiative „Charta der Vielfalt“, ist klar, dass sich „eine flexible, gerechtere und verantwortungsbewusstere Arbeitswelt für die Wirtschaft“ nicht nur „rechnet“, sondern  auch „unsere Demokratien resilienter und den Planeten gesünder macht“. Workshift sei „ein großartiges Buch mit konkreten Ideen, was wir dafür in Unternehmen tun müssen“. Ihre Empfehlung lautet deshalb: „Unbedingt lesen!“

Der Unternehmer Christoph Hoffmann, Mitgründer der 25hours Hotels, lobt: „Ihr Buch hat mich schwer beeindruckt: Als visionärer Geist skizziert sie zwischen Ernsthaftigkeit, Fakten und Humor, Enthusiasmus und Pragmatismus nicht nur, was alles sehr wohl möglich, sondern vor allem jetzt gestaltbar ist.“

Und Maja Göpel, Transformationsforscherin, Bestsellerautorin und Rednerin, hebt hervor: Elly Oldenbourg zeige, dass die Formel „Mehr vom Gleichen, nur effizienter“ auf den Friedhof der Ideen gehöre. Dies sei ein Buch, das sehr konkrete Tipps gebe, wie menschengemachte Strukturen unseren eigentlichen Bedürfnissen wieder besser dienen könnten. 

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Das Handelsblatt-Fazit: „Workshift“ sollten Fach- und Führungskräfte und Unternehmer aller Branchen lesen. Denn besonders im rohstoffarmen Hochlohnland Deutschland ist der Faktor Arbeit entscheidend. Und gerade hier ist die Unzufriedenheit unter abhängig Beschäftigten groß, und die Herausforderungen an die natürliche Intelligenz wachsen jeden Tag. 

Und Elly Oldenbourg selbst?

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Sie lebt nicht nur vor, was sie im Buch beschreibt. Sie hat sich ganz verabschiedet aus der starren Mühle. Sie hat nach der Geburt ihres zweiten Kindes auch ihren geteilten Führungsjob bei Google aufgegeben, um sich jetzt erst einmal auf die Vermarktung ihres Buches zu konzentrieren. Zudem macht sie weiter als Gastdozentin am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), als Gastgeberin ihres philosophischen Salons, als Wertebotschafterin bei der Bildungsinitiative #GermanDream, und als Aufsichtsrätin beim World Future Council.

Für die Zukunft schließt sie nichts aus. Außer eines, was bei den vielen bildungspolitischen Ansätzen und Aussagen ihres Buches fast verwundert: Ein politisches Amt kann sie sich nicht vorstellen zu übernehmen. Zu sehr wolle sie nicht in der Öffentlichkeit stehen. 

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