1. Startseite
  2. Arts und Style
  3. Literatur
  4. Rezension: Ein Frühstück, mindestens 14 Rohstoffe

RezensionEin Frühstück, mindestens 14 Rohstoffe

Die Menschen in den Industriestaaten vergessen oft, wie abhängig ihr Wohlstand von Rohstoffen ist. Wer sie besitzt und handelt, hat Einfluss und Macht. Zwei Bücher erklären die Zusammenhänge.Judith Henke 17.02.2024 - 13:19 Uhr
Verdunstungsbecken für die Lithiumgewinnung: Wichtige Rolle bei der Erreichung der Klimaziele. Foto: REUTERS

Frankfurt. Wenn Sie diese Buchrezension lesen, nutzen Sie womöglich ein Smartphone. Sie sitzen in Ihrer beheizten Wohnung, in der Licht brennt. Vielleicht frühstücken Sie nebenbei, trinken dazu Kaffee oder Orangensaft.

Eine gemütliche, friedliche Situation – für die rund um den Globus Menschen hart arbeiten, in 40 Grad Celsius warmen Schächten schwitzen, vielleicht sogar ausgebeutet werden. Berge werden gesprengt, radioaktive Abfälle gelangen in die Umwelt, Handelskriege werden geführt. 

Denn was Sie – und die meisten anderen in Industrieländern lebenden Menschen – gerne vergessen: Ihr komfortables Lese-Frühstück verbraucht viele Rohstoffe: Kupfer, Nickel, Silizium, Neodym, Aluminium, Tantal, Zinn, Eisen, Indium, Gold, Kaffee, Orangen, Lithium, Gas - und das sind nur ein paar Beispiele. Nur dank dieser Rohstoffe konnte sich die Menschheit stetig weiterentwickeln, konnten immer mehr Menschen der Armutszone entkommen.

Ein schmutziges Geschäft

Und trotzdem gelten die Förderung, Weiterverarbeitung und der Handel mit Rohstoffen als schmutziges Geschäft. Zwei aktuelle Bücher zwingen den Leser nun dazu, sich mit diesem Geschäft auseinanderzusetzen. Sie zeigen zum einen die Schattenseiten der Rohstoffwelt auf, aber werfen zum anderen auch ein Licht auf die Fortschritte, die die Rohstoffe und der Handel mit ihnen der Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft gebracht haben.

Die Autoren beider Bücher sind Wirtschaftsjournalisten, die sich in ihrem Berufsleben lange mit Rohstoffen beschäftigt haben. Die Werke ergänzen sich perfekt.

Ed Conway, Wirtschaftsredakteur beim britischen TV-Sender Sky News und Kolumnist für die Tageszeitung „The Times“, erklärt in seinem Buch „Material World“, warum gerade die Rohstoffe Sand, Salz, Eisen, Kupfer, Öl und Lithium die Menschheitsgeschichte prägen.

Tiefe Salzbergwerke, riesige Schluchten

Conway nimmt den Leser mit auf seine Reise durch die Welt. Er wagt sich in ein fast 1,5 Kilometer tiefes Salzbergwerk und fährt durch ein verlassenes chilenisches Dorf in der Nähe einer riesigen Schlucht, in der Kupfer abgebaut wird.

Buchtipps

Das sind Ihre Buch-Favoriten des Jahres

Mehr und mehr wird dabei klar: Dass die Menschheit Rohstoffe abbauen, verarbeiten und schließlich in Hightech-Geräten nutzen kann, grenzt an ein Wunder. Aber wie vernetzt die Rohstoff-Welt ist, über alle Kontinente hinweg, ist mindestens genauso erstaunlich.

Eine Lithium-Mine in der Atacama-Wüste in Chile. Foto: REUTERS

Und hier knüpfen die Bloomberg-Journalisten Javier Blas und Jack Farchy mit ihrem Buch „The World for Sale“ an. Sie schildern, wie wenige, sehr mächtige – und zugleich überraschend unbekannte – Männer über Jahrzehnte fast den gesamten Rohstoffhandel verantworteten, als Erste den Eisernen Vorhang durchbrachen, über das Überleben ganzer Staaten entschieden und internationale Konflikte anheizten. 

Obwohl sich „Material World“ und „The World for Sale“ thematisch gut ergänzen, sind es zwei grundlegend verschiedene Bücher. The „World for Sale“ liest sich wie ein Politthriller, aus dem ein Hollywood-Regisseur mühelos einen spektakulären Film machen könnte. „Material World“ hingegen ist ein aufwendig recherchiertes Sachbuch, das gleich mehrere Fachrichtungen streift: Geologie, Technik, Geschichte, Wirtschaft, Materialforschung, Chemie, Physik und Biologie.

Vogelperspektive auf Rohstoffe

Conway nimmt eine Vogelperspektive ein, indem er die Förderung, die Logistik und die Weiterverarbeitung der Rohstoffe zu Endprodukten über mehrere Jahrhunderte hinweg betrachtet. Trotzdem wird er nicht zu allgemein. Sein Trick: Er hat sich vorab die sechs Rohstoffe ausgesucht, die er für besonders wichtig hält.

Kupfer und Lithium spielen wichtige Rollen bei der Erreichung der Klimaziele. Öl genießt im selben Kontext eher einen zweifelhaften Ruf, aber noch ist die Menschheit auf das „schwarze Gold“ angewiesen. Sand, Salz und Eisen fristen im Vergleich dazu eher ein Schattendasein, wirken zunächst langweilig.

Ed Conway: Material World.
Hoffmann und Campe Verlag
Hamburg 2024
544 Seiten
26 Euro

Doch Conway belehrt den Leser eines Besseren: Sand wird nicht nur zu Glas weiterverarbeitet, sondern auch zu Siliziumchips, ohne die kein Computer oder Smartphone funktioniert. Salz ist nicht nur Grundnahrungsmittel, sondern hält auch das Trinkwasser sauber. Und auch die Herstellung von Siliziumchips wäre ohne die vielen Gase und Säuren, die aus Salz weiterverarbeitet wurden, nicht möglich.

Eisen wird zu Stahl verarbeitet, ein Material, durch das die Produktivität der Landwirtschaft und Industrie um ein Vielfaches stieg. Gemeinsam mit Beton, ein Sandprodukt, bildet Stahl das Fundament unserer Städte.

Marktwirtschaft in der Steinzeit

„Material World“ ist vor allem dann stark, wenn es geschichtlich wird. Im britischen Dorf Boulby wurde bei Ausgrabungen beispielsweise eine Art Salzfabrik aus der späten Steinzeit gefunden.

Lange bevor Gesellschaften die Vorteile einer freien Marktwirtschaft erkannten, spezialisierten sich Menschen und taten sich zusammen, um ein Gut in einer größeren Menge zu produzieren und an andere zu verkaufen.

Javier Blas, Jack Farchy: The World for Sale.
Plassen Verlag
Kulmbach 2023
500 Seiten
29,90 Euro

Seine Schwächen hingegen hat „Material World“ dann, wenn es sehr technisch wird, etwa bei der Verarbeitung von Silizium zu Chips. Doch auch, wenn diese Passagen sich trocken lesen, sind sie wichtig: Sie zeigen, wie global vernetzt die Lieferketten mittlerweile sowohl bei der Förderung als auch bei der Weiterverarbeitung von Rohstoffen sind. Und wie fragil diese Lieferketten zugleich sind.

„Die letzten Haudegen des globalen Kapitalismus“

Und diese Fragilität machen sich einige wenige, sehr reiche Männer zunutze: Rohstoffhändler von Firmen wie Vitol, Glencore und Cargill. Blas und Farchy beschreiben sie als „die letzten Haudegen des globalen Kapitalismus“. Rohstoffhändler wagen es, dort Geschäfte zu machen, wo sonst keiner hingeht – sei es wegen des hohen Risikos oder wegen ethischer Bedenken. Und sie haben die Macht, die Geschichte zu beeinflussen. 

Jahresbestseller

Das sind die meistverkauften Wirtschaftsbücher in Deutschland

So waren es Rohstoffhändler, die sich als Erste hinter den Eisernen Vorhang wagten, um mit der Sowjetunion Rohstoffgeschäfte zu machen. Embargos sind, wie Blas und Farchy in mehreren Beispielen aufzeigen, für die Handelshäuser oft die besten Chancen, Gewinne zu machen. Denn irgendwer ist in der Regel immer bereit, für Öl, Gas, Metalle oder Getreide zu zahlen – und dank ihrer Netzwerke wissen die Händler auch, wer.

Mehr Transparenz, weniger Globalisierung

Doch mittlerweile schwinden die Vorteile der Rohstoffhändler: Früher war der Zugang zu Informationen begrenzt, ein Vorteil, den sie ausnutzen konnten. Einige Handelshäuser, etwa Glencore, sind nun sogar börsennotiert und zur Transparenz verpflichtet.

Verwandte Themen
Literatur
Glencore

Und mehrere Skandale haben Regierungen und die Zivilgesellschaft dazu gebracht, den Rohstoffhändlern mehr auf die Finger zu sehen. Zudem scheint es so, als sei die Globalisierung, von der die Händler profitiert haben und die sie auch selbst vorangebracht haben, auf dem Rückzug.

Doch eins ist klar, das zeigen beide Bücher: Wer Rohstoffe besitzt und handelt, hat weiterhin Einfluss und Macht. Und die Energiewende, die sehr materialintensiv ist, wird die Nachfrage nach vielen Rohstoffen noch weiter antreiben.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt