Neureiche Krypto-Investoren: Wie die Krypto-Boys die Welt und gleichzeitig ihr Konto retten wollen
Ein DJ bei einem Treffen von Bitcoin-Anlegern in San Francisco.
Foto: JASON HENRY/The New York Times/RSan Francisco. Seit Kurzem besitzt Grant Hummer keinen festen Wohnsitz mehr – nicht weil er obdachlos und verarmt wäre, sondern weil er so reich ist.
Der Multimillionär wechselt alle paar Wochen die Adresse. Wie viele Neureiche in der sogenannten Kryptoszene rund um neue virtuelle Währungen wie den Bitcoin fürchtet er Kidnapping oder Erpressung. Auch an diesem Abend im „Oddjob“, einer Szenebar in San Franciscos Stadtteil South of Market, wirkt er nervös und entscheidet sich für einen Platz ganz hinten in der Ecke, wo er den ganzen Raum im Blick hat.
Der 32-Jährige zählt zu den Großen der Szene, ebenso wie sein Kumpel Jonathan Fickel. Der 26-jährige Fickel investierte angeblich 400.000 Dollar in die Kunstwährung Ether, als deren Kurs bei 80 Cent notierte, und besitzt heute ein Vermögen im dreistelligen Millionenbereich. Ob das stimmt, weiß indes niemand. Unter denjenigen, die ihr Vermögen mit Bitcoin, Ether oder anderen Cybermünzen machten, gilt es eh als verpönt, Reichtum zu zeigen.
Einzige Ausnahme: Lamborghinis. Seit ein Foto des russisch-kanadischen Co-Gründers von Ethereum, Vitalik Buterin, mit dem Italosportwagen auftauchte, ist die Marke offenbar akzeptiert. Auf der Aktivismusplattform Change.org setzt sich eine Petition mittlerweile dafür ein, dass die Geschosse künftig mit Ether bezahlt werden können.
Im Grunde kann in dieser Szene jedenfalls jeder einfach behaupten, reich zu sein. Beim Duo Hummer und Fickel spricht vieles dafür, dass es stimmt: 40 Millionen Dollar Eigenkapital steckten die beiden in ihren 100-Millionen-Dollar-Fonds Chromatic Capital, der in die noch junge Finanztechnologie Blockchain investiert. „Wenn ich wollte, könnte ich morgen nach Thailand abreisen und müsste nie mehr arbeiten“ – Hummer stellt seine Cola auf den Tisch und wischt die Haare aus dem Gesicht. Unter den braunen Augen schimmern dunkle Ringe. „Aber das will ich nicht. Manchmal denke ich, ich bin besessen.“ Es geht um mehr, aber worum genau?
„Wenn ich wollte, könnte ich morgen nach Thailand abreisen und müsste nie mehr arbeiten. Aber das will ich nicht.“
Foto: JASON HENRY/The New York Times/RIm Silicon Valley entsteht gerade eine neue Generation von Investoren, Träumern und Aktivisten. Die meisten von ihnen sind Mitte zwanzig bis Anfang dreißig, waren früher Banker, Programmierer oder hatten auch nur Ärger mit der Polizei. Nun engagieren sie sich für die dezentrale Infrastruktur Blockchain und neue Zahlungssysteme wie Bitcoin oder Ether, die Glücksritter auf scheinbar magische Weise zu Reichtum verhelfen. Entsprechend wird die Szene dominiert von Nerds wie Hasardeuren, selbst ernannten Weltrettern und gnadenlosen Egoisten, Freaks und Finanzprofis. Manche sind gar alles auf einmal. Und es ist wieder so ein Männerding: Angeblich sind nur drei Prozent der Kryptoanleger weiblich.
Das gepflegte Understatement zeichnete jedenfalls schon ihre Vorgänger aus, heutige Internetmilliardäre wie Mark Zuckerberg, Larry Page und Sergej Brin, die auch mal die Macht neu verteilen wollten. Doch neuerdings gelten Facebook, Google und die anderen Riesen als monopolistische Plattformen, die Freiheit nicht mehr fördern, sondern bedrohen.
Da träumen viele Kryptokids wieder deutlich anarchischer. „Es ist kein Zufall, dass die Leute ausgerechnet heute über dezentrale Netzwerke sprechen“, sagt die Bitcoin-Investorin Vivian Ford. „Wir sind an einem Wendepunkt. Die Menschen wünschen sich ein neues Internet.“ Ihnen sind Gewinne aus dem Kryptowährungsgeschäft am Ende nur Mittel zum Zweck.
Früher habe das Netz eine reiche Auswahl an Blogs und Websites bereitgehalten, warnt der Oxford-Professor Tim Berners-Lee, der als Begründer des World Wide Web gilt. Heute kontrollierten ein paar wenige Konzerne, welche Ideen und Meinungen sich online verbreiteten. Der britische Physiker und Informatiker zählte zu den Cyberpunks der 90er-Jahre, die sich gegen Kontrolle und Überwachung im Netz wendeten und damit die Grundlagen für die Blockhain schufen.
„Baby, wir haben es geschafft!“
„Wir verteidigen unsere Privatsphäre mit Verschlüsselung, anonymem Mailversand, digitalen Signaturen und mit elektronischem Geld“, heißt es schon im „Cyberpunk’s Manifesto“ von 1993, mit dem der Aufstieg der dezentralen Infrastrukturen begann. Blockchain stand dabei lange im Schatten der Kryptowährungen. Der Kurs des Bitcoins schnellte 2017 von 1012 auf den zwischenzeitlichen Rekordstand von mehr als 20.000 Dollar. Im Silicon Valley erzählte man sich Geschichten wie die von Chris Larsen, Mitgründer der Kryptowährung Ripple, der kurzzeitig reicher gewesen sei als Mark Zuckerberg.
Alles scheint möglich. Joe Buttram etwa wuchs in San Franciscos Sozialviertel Hunter’s Point auf. Heute leitet der 27-Jährige ein Syndikat, das millionenschwere Kryptodeals organisiert. An den Satz seiner Freundin beim Einzug ins eigene Haus mit Garten erinnert er sich noch: „Baby, wir haben es geschafft!“ Angst vor dem Absturz treibt Buttram nicht mehr um. „Wenn man mal richtig arm war, kann einem nicht mehr viel passieren.“
Der 27-jährige Kryptoprofi Joe Buttram bei einer Party in San Francisco.
Foto: JASON HENRY/The New York Times/RDer neue Boom förderte indes zugleich die Schwäche der digitalen Münzen zutage. Die Spekulationsblase pumpte sich bis auf einen Marktwert von 600 Milliarden Dollar auf. Selbst eine Witzwährung namens „Useless Ethereum Token“ sammelte in weniger als drei Tagen über 40.000 Dollar ein. Dabei war schon der Name Satire. Als der Getränkehersteller Long Island Ice Tea seinen Namen in „Long Blockchain“ verwandelte, schnellte der Kurs um fast 500 Prozent in die Höhe.
Wo spekuliert wird, gibt es Gewinner. Wo Gewinner sind, gibt es auch Verlierer. Der Bitcoin stürzte bereits dramatisch ab. Anderen Cyberwährungen wie Ether, das zu Ethereum gehört, oder XRP, dem elektronischen Geld von Ripple, ging es ähnlich. Hinter ihnen stehen keine Staaten oder Volkswirtschaften, die den Kurs beeinflussen und stabil halten können.
Inzwischen jedoch rückt die Technologie in den Fokus, die den Hype überhaupt erst ermöglichte. „Die Ära des Bitcoins ist vorbei, doch der Aufstieg von Blockchain beginnt gerade erst“, sagt Investor Hummer. Als einen „Kreislauf von Angst und Gier“ bezeichnet Joseph Lubin, Co-Gründer von Ethereum, den Bitcoin-Crash. Alles erinnere an das Ende der Dotcom-Ära.
Damals trieben überzogene Hoffnungen in die New Economy die Aktienkurse in die Höhe. Ende März 2000 brach der Markt zusammen. Aber die „kreative Zerstörung“ fördere auch hier Innovationen, sagt Lubin. Damals wie heute. Für jede geplatzte Firmenidee sei eine neue ersonnen worden, genauso werde es bei der Blockchain-Technologie sein. „Forbes“ schätzt die elektronischen Vermögenswerte des 53-jährigen Kanadiers auf bis zu fünf Milliarden Dollar.
Der legendäre Investor Tim Draper glaubt, dass dezentrale Netzwerke künftig den Großteil des weltweiten Handels abwickeln. Nach Ansicht des früheren Morgan-Stanley-Analysten Sam Feinberg besitzt die Blockchain „das Potenzial, die globale Weltordnung umzuwälzen“.
Das radikale Potenzial fällt bei näherer Betrachtung der „Blockketten“-Technologie sofort auf. Die Funktionsweise ähnelt den Prinzipien der Buchführung. Synonym verwenden Programmierer den Begriff „Distributed Ledger“, zu Deutsch: „verteiltes Kontobuch“.
In der Blockchain baut jeder Datensatz auf dem anderen auf. In einer Kette speichert jeder „Block“ den elektronischen Fingerabdruck seines Vorgängers mit ab. Die Information fließt wiederum in die Berechnung des nächsten Fingerabdrucks ein, bis ein Datensatz gleichzeitig auf Abermillionen Rechnern liegt. Die Blockchain braucht keine vertrauensvermittelnde Drittinstanz wie eine Bank oder gar den Staat. Sie funktioniert dezentral und gilt als kaum manipulierbar.
Die Magie von „Crypto Castle“
Sogenannte „Miner“ überprüfen mit ihren Rechnern fortlaufend die Integrität der Kette. Für ihre Arbeit wiederum entlohnt sie das System automatisch mit sogenannten „Tokens“. Ein solches Token kann zum Beispiel ein Bitcoin sein. Die gehypte Münze ist damit einerseits das Endprodukt der Blockchain, andererseits aber auch selbst handelbar.
Doch Geldgeschäfte sind nur die ersten Anwendungsfälle. Alle Arten von Dienstleistungen können ebenfalls auf der Blockchain hinterlegt – und bezahlt – werden. Und schon lauern diese nächsten Revolutionen, etwa das Musik- oder Mediengeschäft noch einmal völlig umzukrempeln.
Und ihnen allen voraus laufen abenteuerlustige Pfadfinder wie Grant Hummer, der sich gerade an seiner Cola festhält. Magisch wirken nicht sie, sondern ihre Postulate: Die Generation Blockchain programmiert und propagiert eine Welt ohne Mittelsmänner, Regierungen und andere Autoritäten. In ihrer Zukunft könnten die Menschen ein Implantat mit Chip im Unterarm tragen, der sie dauerhaft mit der Blockchain verbindet.
So stellt es sich auch der Programmierer Hummer vor. Es gäbe keine Chefs mehr, Wahlen fänden digital statt, ihre DNA hinterlegten die Menschen sicher in der Blockchain. „Ich habe immer gedacht, die Zivilisation neu zu ordnen sei ziemlich cool.“
Doch so weit ist es noch nicht. Die technische Infrastruktur steht noch ganz am Anfang. Die Datenverarbeitung in der Blockchain geht noch nicht schnell genug und braucht unglaubliche Rechenleistung, also auch Energie. Schon die Bitcoin-„Miner“ verbrennen bei ihrer Arbeit unglaubliche Ressourcen. Die in Island beheimateten Schürfer der elektronischen Münzen dürften in diesem Jahr mehr Strom verbrauchen als alle Privathaushalte auf der Insel zusammen.
Die ständig wechselnde Wohngemeinschaft ist eine Mischung aus Büro, LAN-Party und Couchsurfing und gehört zu den beliebtesten Anlaufpunkten für die Kryptofantasten.
Foto: JASON HENRY/The New York Times/RHummer vergleicht die Situation mit der Frühphase des Internets, den Zeiten von AOL, als die Modems minutenlang piepsten und knarzten, bis man endlich online war. Er selbst investiert mit seinem Blockchain-Fonds in Firmen, die sparsamere Rechenprozesse und umweltschonendere Technologien entwickeln.
Das „Crypto Castle“ in San Francisco zählt dabei zu den beliebtesten Anlaufpunkten für die Kryptofantasten. Die ständig wechselnde Wohngemeinschaft ist eine Mischung aus Büro, LAN-Party und Couchsurfing. Strandende Bitcoin-Evangelisten übernachten hier in Stockbetten zu viert in einem Zimmer. Sie kenne keinen Ort, an dem Menschen so schnell in eine Idee hineingesogen würden, sagt Vivian Ford, die wenige Wochen nach ihrem Einzug Bitcoins kaufte, „das beste Investment, das ich je gemacht habe“.
Ein Gang durchs „Schloss“ zeigt, dass dies kein normaler Wohnort ist. Den Kühlschrank übersäen Sticker aus der Kryptowelt. An einem Rucksack pappt ein Button mit der Aufschrift „HODL“. Das Kurzwort entsteht beim panischen Tippen von „hold“ (zu Deutsch: „halten“) auf der Tastatur.
Die Szene verwendet es als Synonym für das Herzrasen angesichts von Kursverlusten samt der dann einsetzenden Angst, Unsicherheit und Zweifel, also „fear, uncertainty, doubt“ (FUD). HODL trotz FUD – so lautet das kampfeslustige Motto der Generation Blockchain.
„Mir ist es egal, ob ich morgen pleite bin oder Milliardär, das würde nicht ändern, was ich tue.“
Foto: JASON HENRY/The New York Times/R„Mir ist es egal, ob ich morgen pleite bin oder Milliardär, das würde nicht ändern, was ich tue“, sagt WG-Gründer Jeremy Gardner und lässt sich in die durchgesessene Couch fallen. Alle zehn Minuten zieht der 26-Jährige an der Wasserpfeife.
Gardner spezialisierte sich auf sogenannte Initial Coin Offerings (ICOs), mit denen sich Firmen Geld beschaffen können, ohne an die Börse zu gehen oder sich um Risikokapital zu bewerben. Sie erzeugen eine eigene digitale Währung und geben die Tokens als Aktien aus. Investoren kaufen die Tokens und erhalten damit einen Anteil an der Firma, bestimmte Dienstleistungen – oder sie können die Tokens weiterhandeln.
Es ist eine fremde, wilde, neue Welt, gegen die sich die einstige Goldgräberzeit des amerikanischen Traums wie ein Gebetskreis ausnimmt. Ripple-Chef Brad Garlinghouse hält viele ICOs für Betrug. Die US-Börsenaufsicht SEC fürchtet, dass die Methode Geld für Geschäftsmodelle und Firmen einsammelt, die gar nicht existieren.
„Ich denke immer über die Technologie nach, das ist mein Leben, aber ich bin in der Lage, auch mal Pause zu machen.“
Foto: JASON HENRY/The New York Times/REs seien schon viele Abzocker unterwegs, lässt selbst Gardner durchblicken und bläst Rauchringe in die Luft. Andererseits wäre es ja auch „dumm, ohne finanzielle Hintergedanken in das Geschäft zu gehen“.
So wild die Szene ist, so widersprüchlich sind also ihre Ziele und Träume. Klar ist, dass einige dem Digitalen weniger vertrauen als gern behauptet. Die Bitcoin-Investorin Vivian Ford etwa bunkert ihre Gewinne auf einer Festplatte im guten alten Bankschließfach.
Und es gibt noch weitere Widersprüche. Die Blockchain-Technologie soll angeblich dem Wohle aller dienen. Um den finanziellen Beitrag zur Gesellschaft schummeln sich etliche Akteure aber gern herum – und verschieben ihre Reichtümer an allen Fahndern vorbei in Steuerparadiese wie Puerto Rico.
Kongress-Finale im Stripclub
Die Blockchain-Boys predigen dezentrale Infrastrukturen, die Macht liegt dann aber doch nur in den Händen weniger. Mit Ehrfurcht spricht Joe Buttram von den sogenannten „Walen“, den Großhändlern im Kryptoreich, die mit einem größeren Ausverkauf ihrer Anlagen angeblich das ganze System zum Einsturz bringen könnten. Keiner kennt sie oder weiß, ob sie nicht ebenso ein Mythos sind wie Satoshi Nakamoto. Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich bis heute der Bitcoin-Erfinder.
Auch Großinvestor Gardner ist zwiespältig: Sein neues Geld investiert er mal in ein Cannabis-Start-up, mal in eine Cocktailbar in South of Market. Er wohnt immer noch wie ein Student. Protzendes Gehabe liegt ihm nicht und könnte zudem seine Blockchain-Mission vom Weltumsturz verraten, der es angeblich nicht um Geld geht. „Ich denke immer über die Technologie nach, das ist mein Leben, aber ich bin in der Lage, auch mal Pause zu machen.“
Früher stieß Gardner oft mit der Polizei zusammen. Ein paarmal wurde er verhaftet, flog von der Schule. Heute trifft er sich mit anderen Millionären wie gerade erst in Miami. Die Veranstalter der dortigen „North American Bitcoin Conference“ luden ihre 5000 Gäste jüngst zur Abschlussfeier in den Stripclub E11ven.
Mit Geschäftspartner Brock Pierce sammelt Gardner 75 Millionen für den Hedgefund Ausum Ventures ein. Auch der 37-jährige Pierce ist eine umstrittene Figur. Er rief zahlreiche Projekte ins Leben. Jahrelang plagten ihn Gerichtsverfahren. Pierce musste sich wegen Beihilfe bei einer Zivilklage verantworten. Der Prozess wurde eingestellt. Pierce bestreitet die Vorwürfe und will zugleich eine Milliarde seines Vermögens für die Errichtung einer dezentralen autonomen Gemeinschaft auf der Blockchain spenden. „Ich werde mehr Geld verdienen“, erklärte er. „Da mache ich mir gar keine Sorgen.“
Viele Leute interessierten sich nicht für die Zukunft der Technologie oder gar der Gesellschaft, kritisiert Cathie Yun. „Ihnen geht es nur ums Geld.“ Die 23-jährige Systemingenieurin arbeitet bei einem Start-up, das Schnittstellen zwischen der neuen Blockchain-Technologie und der alten Industrie errichten will. Und sie ist voller Hoffnung: „Selbst wenn einige ihr Geld und das Interesse verlieren, wird die Blockchain überleben.“ Scheitern würden Akteure, aber nicht das Programm: „Dazu ist die Idee zu groß.“
Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°3/2018. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 13. April 2018 am Kiosk erwerben.