Morning Briefing Plus: Scheindynamik
Liebe Leserinnen und Leser,
willkommen zurück zu unserem Blick auf eine Woche, in der sich die Bundesregierung nach langem Ringen dann doch auf ein Reformpaket geeinigt hat.
Das Bürgergeld wird abgeschafft. Damit löst Schwarz-Rot eines der größten Versprechen ein. In der Union sorgte das für gute Laune. „Es ist wichtig, dass das Bürgergeld jetzt weg ist“, schrieb mir einer der Spitzenköpfe. Ein anderer: „Ich bin sehr zufrieden.“ Und das zu Recht.
Ich fürchte nur, dass diese Zufriedenheit länger anhalten könnte, als es gut für das Land wäre. Parallel zum politischen Jubel präsentierte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche nämlich eine Zahl, die man schnell mit ökonomischem Aufbruch verwechseln könnte: Mit 1,3 Prozent Wachstum rechnet sie im Jahr 2026.
Diese Zahl sendet aus zwei Gründen ein falsches Signal.
Erstens weckt sie den Eindruck, als sei die deutsche Wirtschaft wieder in Schwung – dabei basieren 0,5 Prozentpunkte des Wachstums auf dem Schuldenpaket der Bundesregierung. Es ist Wachstum auf Pump.
Zweitens droht genau diese Scheindynamik den Reformeifer in Berlin zu bremsen – gerade bei Union und SPD, die 2026 in fünf Landtagswahlen ziehen.
Wichtiger als jede kurzfristige Zahl ist aber eine andere, über die kaum jemand spricht: das Potenzialwachstum – also das Maß, wie stark eine Volkswirtschaft wachsen könnte, wenn alles rundliefe. Dieses Potenzial sinkt in Deutschland bis 2030 auf 0,2 Prozent.
Mit solchen Wachstumsraten lässt sich ein immer weiter wachsender Wohlfahrtsstaat nicht finanzieren – zumindest nicht, ohne sich immer weiter zu verschulden.
Der einzige Ausweg sind echte Strukturreformen, von denen eigentlich alle wissen, dass sie kommen müssen: mehr geleistete Arbeitsstunden, mehr qualifizierte Migration, mehr Produktivität, mehr Mut zur Innovation.
Reformen beginnen selten mit großen Worten, sondern mit der stillen Einsicht, dass das Alte nicht mehr trägt. Bei der Union hat sich das herumgesprochen. Nun liegt es an der SPD, zu verstehen, dass echtes Wachstum nicht zu verwechseln ist mit Wohlstand auf Kredit.
Was uns diese Woche noch beschäftigt hat:
1. Es war eine Woche, in der auch die Zukunft der deutschen Autoindustrie verhandelt wurde. Am Donnerstag hatten Kanzler Friedrich Merz und Finanzminister Lars Klingbeil zum Auto-Krisengipfel nach Berlin eingeladen. Exklusive Zahlen, die unser Autoteam ausgewertet hat, zeigen das wahre Problem der Branche: Während der Autoabsatz in vielen Regionen wächst, fallen die deutschen Hersteller zurück. Warum? Weil sie auf die falschen Modelle gesetzt haben. Lesen Sie hier die Details.
2. Es gibt nur wenige Deutsche, die US-Firmen führen. Einer davon ist BCG-Chef Christoph Schweizer. In einem großen Interview haben wir mit ihm über die Wirtschaftspolitik Donalds Trumps, den BCG-Gaza-Skandal und die Zukunft seiner Branche im Zeitalter von KI gesprochen. Mit seinem positiven Blick auf die USA hat er viele Handelsblatt-Leser neugierig gemacht. Denn das Interview ist einer der meistgelesenen Texte der Woche.
3. Über Wochen haben Philipp Alvares de Souza Soares (Silicon Valley), Sandra Louven (Madrid) und Stephan Scheuer (Düsseldorf) zum Telekommunikationskonzern Telefónica recherchiert – und mit ihrem Text schreckten sie die ganze Branche auf. Sie fanden heraus, dass der Mutterkonzern in Spanien die Ablösung von Deutschland-Chef Markus Haas vorbereitet und offenbar einen umfassenden Umbau plant. Alle Details lesen Sie hier.
4. Wer an kommerzielle Raumfahrt denkt, denkt an die USA, an Elon Musk und SpaceX. Doch das Bremer Start-up Polaris will jetzt für die Bundeswehr ein sogenanntes „Raumflugzeug“ ins All bringen – und liegt Experten zufolge „auf Augenhöhe mit den Amerikanern“. Wie realistisch die Pläne sind, was die Bundeswehr konkret plant, und wieso Raumflugzeuge den geopolitischen Wettlauf im Weltraum mitentscheiden, hat Thomas Jahn für Sie aufgeschrieben.
5. Sam Altman will nicht weniger, als OpenAI zum nächsten Apple machen. Felix Holtermann war für das Handelsblatt vor Ort, als der OpenAI-Chef seine Vision eines KI-Plattformkonzerns präsentierte. Wichtigste Ankündigung: OpenAI will nun auch Apps anderer Anbieter auf seiner Plattform zulassen. Wir erinnern uns, welchen Schub diese Entscheidung einst dem iPhone gegeben hat.
6. Roland Busch denkt nicht daran, seinen Chefposten bei Siemens abzugeben. Und dennoch ist seine Nachfolge „permanentes Gesprächsthema“ im Konzern, hört mein Kollege Axel Höpner. Da ist einerseits Cedrik Neike, der die kriselnde Sparte Digital Industries führt. Und andererseits Technologiechef Peter Körte, Architekt der neuen „One Tech Company“-Strategie. Ich schätze beide. Sie sind klug, nahbar, ehrgeizig – und verstehen sich trotzdem bestens. Lesen Sie hier das Porträt eines Duells, das nicht nur für Siemens, sondern für die Zukunft der deutschen Industrie wichtig ist.
7. Wenn Sie nur noch Zeit für einen Text haben, dann lesen Sie unseren großen Drohnen-Report. Ein Handelsblatt-Team analysiert darin, wie die unbemannten Fluggeräte nicht nur den Krieg verändern. Sie beschreiben, mit welchen Technologien sich die Bundeswehr auf die neue Bedrohung vorbereitet, wie neue Anbieter die Innovationslandschaft der Verteidigungsindustrie revolutionieren, welche Start-ups gerade gut im Geschäft sind – und warum der Westen einiges von der Ukraine lernen kann. Die Reporterinnen und Reporter haben mit hochrangigen Militärs, Politikern und Industrievertretern gesprochen, von London bis Tallinn recherchiert, und sie versuchen, die Frage zu beantworten: Ist Europa bereit für den neuen Krieg?
8. Der Westen habe „noch nicht wirklich begriffen“, dass Putin einen „Krieg der Erpressung“ führe. Das sagt der ehemalige Oberkommandierende der US-Landstreitkräfte in Europa, Ben Hodges, im Interview mit meinem Kollegen Frank Specht. Hodges empfiehlt, bei zukünftigen Vorfällen russische Schattenflotten zu beschlagnahmen, Kampfjets abzuschießen und Drohnen aus der Luft zu holen.
9. Kaum ein anderer Politiker treibt das Spiel mit Öffentlichkeit und Medien so sehr auf die Spitze wie er. Auf Social Media folgen ihm Hunderttausende Menschen. Besonders beliebt sind seine „#söderisst-Postings“ mit Haxe, Döner, Big Mac, Bratwurst.
Unser Reporter Sebastian Dalkowski hat einen Selbstversuch gewagt und sich durch das Instagram-Menü von Markus Söder gegessen. Eine Reportage darüber, wie viel Identität in einer Leberkässemmel stecken kann. Und warum auch der Schweinebraten hochpolitisch ist.
Und damit wünsche ich Ihnen ein geschmackvolles Wochenende.
Herzlichst
Ihr
Sebastian Matthes