Kurssprünge nach Falschmeldungen: Schmu an der Wall Street
Screenshot der gefälschten Bloomberg-Website.
Foto: HandelsblattSan Francisco. Es ging alles sehr schnell. Innnerhalb von nur vier Tagen mieteten Unbekannte die Webadresse „bloomberg.markets“ an und konstruierten eine Webseite, die dem Angebot der Finanznachrichten-Agentur Bloomberg täuschend ähnlich sah.
Die Betrüger stellten einen gefälschten Artikel mit Autorenzeile eines echten Bloomberg-Mitarbeiters online und schickten die gefälschte Nachricht ins Internet: Twitter stehe kurz davor, für rund 31 Milliarden Dollar übernommen zu werden.
Die Aktie des Kurznachrichtendienstes aus San Francisco schoss nach dieser Mitteilung am Dienstagabend um fast neun Prozent in die Höhe. Nachdem sich die Nachricht als falsch entpuppt hatte, sackte der Aktienkurs des angeschlagenen Unternehmens wieder in sich zusammen.
„Pump and Dump“ – zu deutsch etwa „Kurs aufblasen und verkaufen“ – ist der Überbegriff für solche Manipulationen und sie sind an der Wall Street keineswegs neu. Früher wurden Gerüchte von Mund zu Mund mit unbekannter Quelle weitergegeben. Auch gefälschte Analysen oder erfundene Verträge über Riesensummen wurden in Umlauf gebracht, seinerzeit noch auf Papier. Das Kalkül der Manipulatoren: Sie kaufen vor Verbreitung der Nachrichten Wertpapiere, mit der sie von der erwarteten Kursreaktion – Kursplus oder -minus – profitieren werden.
Attacken auf Intel und Avon
Heute finden solche Fälschungen im Internet statt, wo sie via sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter blitzschnell um die Welt gehen. Weil die Nutzer beziehungsweise die Anleger aus vergangenen Schäden klüger und vorsichtiger geworden sind, haben die Drahtzieher solcher Aktionen ihre Strategie geändert: Immer öfter werden seriöse Medien dazu missbraucht, kursbewegende Falschmeldungen zu verbreiten.
Ein ganz besonders dreist eingefädelter Coup war im Mai aufgeflogen, als es manipulierte Pflichtmitteilungen in die Datenbank Edgar der Börsenaufsicht SEC schafften. Untern anderem ging es um eine angebliche Übernahme des amerikanischen Kosmetikkonzerns Avon zu einem Preis weit über dem Börsenkurs. Die Börsenaufsicht hat mittlerweile Anklage gegen einen bulgarischen Staatsbürger, zwei Investmentfirmen und zwei Scheinunternehmen eingereicht und deren Bankkonten mit Millionenbeträgen eingefroren.
Schon 2012 sollen die Angeklagten einen ähnlichen Versuch mit einer Schokoladenfirma durchgeführt haben, der im Zuge der Untersuchungen ebenfalls aufflog. Aber besonders der Fall der SEC-Datenbank lässt aufhorchen. Sie gilt als „Heiliger Gral“ der Anlegerinformationen. Doch das System hat seine Schwächen. Wer einmal den Registrierungsprozess bei der SEC bestanden hat, der kann von da an unkontrolliert Informationen hochladen – was und wann immer er will. Eine Prüfung vor der Veröffentlichung in der Datenbank findet nicht statt.
Auch politische Motive können der Hintergrund für Finanz-Attacken sein. Intel-Aktien brachen nach einer gefälschten Pressemitteilung ein, wonach der Chiphersteller aus einem sechs Milliarden Dollar schweren Investment in Israel aussteigen wolle. Hintergrund sei Israels Vorgehen im Gaza-Konflikt. Der Intel-Betrugsversuch trug die gleiche Handschrift wie der Twitter-Schwindel: Eine täuschend echt nachgebaute Intel-Presseseite und eine gefälschte Mitteilung mit angeblichen Zitaten, hier vom Intel-Vorstandschef.
Falschmeldungen von seriösen Absendern
Warum solche Mitteilungen so schnell die Reise durch den Cyberspace antreten, ist schnell erklärt. Immer mehr Suchmaschinen durchforsten Tag und Nacht alle möglichen einschlägigen Webseiten und Social-Media-Kanäle nach börsenrelevanten Informationen. Manchmal mit durchschlagendem Erfolg. Die Finanzanalysten von Selerity fanden im April auf der Webseite von Twitter die vorzeitig veröffentlichten Quartalszahlen des Unternehmens. So etwas sind Sternstunden für Daten-Analysten, es sei denn, die Informationen oder Zahlen sind gefälscht. Zumindest bei den Twitter-Quartalszahlen war das seinerzeit nicht der Fall war.
Besonders gefährlich wird es, wenn die Falschmeldungen tatsächlich auf realen Seiten an die Öffentlichkeit gelangen. Im April 2013 vernichteten zwölf Worte auf der Twitter-Präsenz der Nachrichtenagentur AP kurzzeitig Milliarden von Dollar an den Börsen. „BREAKING:“, war da zu lesen. „Two explosions in the White House and Barack Obama is injured.“ Die Aktienkurse gingen daraufhin steil nach unten – noch bevor AP Minuten später klarstellen konnte, dass das Twitter-Konto gehackt worden war.
Manchmal sind es aber auch die Unternehmen selbst, die Kursschwankungen Tür und Tor öffnen. „Tesla kündigt neues Modell W an“ blitzte kurz vor Handelsschluss am 1. April auf den Bildschirmen von Aktienhändlern auf. Diesen einen Satz, ein sogenanntes Snippet, verbreiteten die großen Finanzagenturen Reuters und Bloomberg.
Ein neues Elektroauto aus Kalifornien? Automatisierte Handelsalgorithmen setzen solche Schlagzeilen automatisch in Kaufbefehle um – und in Sekundenbruchteile sprang die Tesla-Aktie um 0,75 Prozent nach oben. Die von Elon Musk gegründete Firma war auf einen Schlag 125 Millionen Dollar mehr wert.
Allein: Die Meldung war eine Ente, ein Aprilscherz, der eigentlich auf den ersten Blick zu erkennen gewesen wäre. Denn in der Meldung kündigte Tesla eine Armbanduhr an. „Dieses unglaubliche Gerät von Tesla zeigt nicht nur die Zeit, sondern auch das Datum“, hieß es weiter. Und auf einem Foto war eine Armbanduhr zu sehen, aus der ein Miniatur-Big-Ben ragte.
Für die Chefin der US-Börsenaufsicht, Kara Stein, war die Episode ein Zeichen für die „möglichen Fallstricke, die blindes Vertrauen in technischen und auf Algorithmen basierenden Handel“ mit sich bringe. Eine Zurechtweisung Teslas seitens der SEC blieb aus – wohl weil eben nur Computer auf die Nachricht reinfallen konnten, nicht aber mit Vernunft handelnde Investoren.
Denn nur wenn Menschen durch Adhoc-Mitteilungen getäuscht oder auf eine falsche Fährte gelockt werden, wäre eine Falschmeldung nach den SEC-Regularien ein Problem. Doch wer Computer verwirrt, dem droht keine Strafe.