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Kurssprünge nach FalschmeldungenSchmu an der Wall Street

Der automatisierte Börsenhandel führt zu Problemen: Computer nehmen Falschmeldungen für bare Münze, das Internet erleichtert Kursmanipulationen. Doch es sind nicht immer Kriminelle, die falsche Kursschwankungen auslösen.Axel Postinett und Martin Dowideit 15.07.2015 - 13:49 Uhr Artikel anhören

Screenshot der gefälschten Bloomberg-Website.

Foto: Handelsblatt

San Francisco. Es ging alles sehr schnell. Innnerhalb von nur vier Tagen mieteten Unbekannte die Webadresse „bloomberg.markets“ an und konstruierten eine Webseite, die dem Angebot der Finanznachrichten-Agentur Bloomberg täuschend ähnlich sah.

Die Betrüger stellten einen gefälschten Artikel mit Autorenzeile eines echten Bloomberg-Mitarbeiters online und schickten die gefälschte Nachricht ins Internet: Twitter stehe kurz davor, für rund 31 Milliarden Dollar übernommen zu werden.

Die Aktie des Kurznachrichtendienstes aus San Francisco schoss nach dieser Mitteilung am Dienstagabend um fast neun Prozent in die Höhe. Nachdem sich die Nachricht als falsch entpuppt hatte, sackte der Aktienkurs des angeschlagenen Unternehmens wieder in sich zusammen.

Ausgewählte Manipulationen an der Wall Street
Ein „Flash Crash“ wurde im Mai 2010 durch den Hochfrequenzhandel ausgelöst: Durch einen blitzartigen Kurseinbruch lösten sich innerhalb weniger Minuten fast eine Billion Dollar Marktwert in Luft auf. Der Kurs des Dow Jones fiel um rund 1.000 Punkte. Einige Aktien verloren in der Zeit rund die Hälfte ihres Wertes. Der Spuk dauerte eine halbe Stunde lang an. Der sogenannte Hochfrequenzhandel, bei dem Tausende Transaktionen binnen Millisekunden durch Computer ausgelöst werden, stand schon vorher in der Kritik. Ausgelöst haben soll den Sturz ein Spekulant, der aus einer Londoner Wohnung heraus handelte. Der Beschuldigte habe die Kurse sogenannter E-Mini-Futures auf den wichtigen Index S&P 500 manipuliert, so die Vorwürfe der Ermittlungsbehörden. Das sei der Auslöser des kurzzeitigen Crashs gewesen.
Am 23. April 2013 meldete der Twitter-Account der US-Nachrichtenagentur eine Explosion im Weißen Haus. Die Meldung war jedoch falsch – Hacker hatten das Nutzerkonto übernommen. Dennoch brach die Börse innerhalb von Sekunden um mehr als ein Prozent ein. Möglicher Grund: Computer werteten die Meldung als wahr und lösten Verkaufssignale aus.
Eine gefälschte Pressemitteilung, vermeintlich vom Chip-Hersteller Intel abgesetzt, kündigte das Ende eines Sechs-Milliarden-Dollar-Projekts des Konzerns in Israel an.
Die Aktie des Kosmetiksunternehmens setzte am 14. Mai 2015 zu einer rasanten Achterbahnfahrt an wegen einer angeblichen Übernahmeofferte, die sich letztlich als Fälschung entpuppte. Das Angebot wurde elektronisch an das Meldesystem der US-Börsenaufsicht SEC übermittelt, war voller Tippfehler und Extra-Leerzeichen. Sogar der vermeintliche Käufer wurde unter zwei verschiedenen Namen aufgeführt. Dennoch reagierten Handelscomputer.
Eine gefälschte Webseite, die dem Angebot der Finanznachrichten-Agentur Bloomberg täuschend ähnlich sah, meldete im Juli 2015 eine bevorstehende Übernahme des sozialen Netzwerks Twitter. Die Meldung war eine Fälschung, doch die Aktie machte kurzzeitig einen Satz nach oben, bevor sie sich wieder auf normalem Niveau einpendelte.
Einen April-Scherz verbreitete der Elektroauto-Hersteller am 1. April 2015 kurz vor Börsenschluss. Das Problem: Die Überschrift klang wie die tatsächliche Ankündigung eines neuen Produkts. Die Überschrift wurde von Finanzagenturen in ihre Systeme übernommen und Computer starteten Aktienkäufe – fälschlicherweise in Erwartung einen neuen Automodells.

„Pump and Dump“ – zu deutsch etwa „Kurs aufblasen und verkaufen“ – ist der Überbegriff für solche Manipulationen und sie sind an der Wall Street keineswegs neu. Früher wurden Gerüchte von Mund zu Mund mit unbekannter Quelle weitergegeben. Auch gefälschte Analysen oder erfundene Verträge über Riesensummen wurden in Umlauf gebracht, seinerzeit noch auf Papier. Das Kalkül der Manipulatoren: Sie kaufen vor Verbreitung der Nachrichten Wertpapiere, mit der sie von der erwarteten Kursreaktion – Kursplus oder -minus – profitieren werden.

Attacken auf Intel und Avon

Heute finden solche Fälschungen im Internet statt, wo sie via sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter blitzschnell um die Welt gehen. Weil die Nutzer beziehungsweise die Anleger aus vergangenen Schäden klüger und vorsichtiger geworden sind, haben die Drahtzieher solcher Aktionen ihre Strategie geändert: Immer öfter werden seriöse Medien dazu missbraucht, kursbewegende Falschmeldungen zu verbreiten.

Arten von Kauf- und Verkauforders
Bei dieser unlimitierten Order werden die Aktien ohne weitere Bedingungen zum nächstmöglichen Preis verkauft.
Gibt der Anleger die Order billigst, werden die Aktien ohne weitere Bedingungen zum nächstmöglichen Preis gekauft.
Der Anleger nennt für den Kauf oder Verkauf von Wertpapieren einen Höchst- oder Mindestkurs. Ober- oder unterhalb dieser Grenze werden dann keine Aktien geordert.
Der Anleger kann eine Grenze angeben, oberhalb der Aktien gekauft werden sollen. Ohne weiteren Zusatz erfolgt die Order zum nächstmöglichen Preis.
Zusätzlich zur Grenze, ab der Aktien gekauft werden sollen, kann der Anleger auch ein Limit für den maximalen Preis angeben.
Ein Trailing Stop-Buy basiert auf einer Stop-Buy-Order. Es wird also ein Kurs festgesetzt, bei dem gekauft werden soll. Allerdings passt sich der Stop-Buy automatisch an, wenn der Kurs fällt.Ein Beispiel: Bei einem aktuellen Kurs von 100 Euro wurde der Trailing-Stop-Buy auf 110 Euro festgesetzt. Fällt dann der Kurs auf 95 Euro, fällt auch der Stop-Buy auf 105 Euro. Der Abstand zwischen Kurs und Stop-Buy wird also beibehalten. Er kann in Euro oder Prozent angegeben werden.
Sobald ein bestimmter Kurs unterschritten wird, werden die Aktien verkaufen. Ohne weiteren Zusatz erfolgt die Order zum nächstmöglichen Preis.
Will der Anleger unterhalb einer bestimmten Grenze Aktien verkaufen, jedoch nicht jeden Preis zahlen, kann er die Stop-Loss-Order auch mit Limit einrichten.
Analog zur Stop-Loss-Order wird auch beim Trailing Stop-Loss ein Kurs festgesetzt, bei dem Aktien verkauft werden sollen. Dieser Stop-Loss wird bei steigenden Kursen jedoch automatisch angepasst.Ein Beispiel: Bei einem aktuellen Kurs von 100 Euro wurde der Trailing-Stop-Loss auf 90 Euro festgesetzt. Steigt dann der Kurs auf 105 Euro, steigt auch der Stop-Loss auf 95, der Abstand zwischen Kurs und Stop-Loss wird also beibehalten. Er kann in Euro oder Prozent angegeben werden.
Bei einer Order nach dem Prinzip One-Cancels-Other werden quasi zwei Orders abgegeben. Damit ist der Anleger gleichzeitig für steigende und fallende Kurse gerüstet. Das Stop-Limit sichert den Anleger bei einem Kurssturz ab und mit dem oberen Verkaufslimit kann er sich auf einen Kurs festlegen, bei dem er Gewinne mitnehmen möchte.

Ein ganz besonders dreist eingefädelter Coup war im Mai aufgeflogen, als es manipulierte Pflichtmitteilungen in die Datenbank Edgar der Börsenaufsicht SEC schafften. Untern anderem ging es um eine angebliche Übernahme des amerikanischen Kosmetikkonzerns Avon zu einem Preis weit über dem Börsenkurs. Die Börsenaufsicht hat mittlerweile Anklage gegen einen bulgarischen Staatsbürger, zwei Investmentfirmen und zwei Scheinunternehmen eingereicht und deren Bankkonten mit Millionenbeträgen eingefroren.

Der Markt für maschinengelesene Nachrichten
Vor allem Datenströme aus Finanznachrichtendiensten wie Bloomberg oder Reuters werden erfasst, durch Computer semantisch analysiert und mit Vergleichswerten abgeglichen. Legen etwa die iPad-Verkaufszahlen bei Apple stärker zu als erwartet, wird ein positives Signal an die Kunden gesandt und in vielen Fällen automatisch Zukäufe ausgelöst.
Auf 250 bis 300 Millionen Dollar Jahresvolumen wird der Markt für Software zum maschinellen Lesen und Auswerten von Nachrichten geschätzt.
Der Markt wächst schätzungsweise 30 bis 40 Prozent pro Jahr.
Die automatische Analyse des Nachrichtenstroms eines Bloomberg-Finanzterminals kann 30.000 Dollar im Monat kosten.
Vor allem Fonds, die nach Algorithmen handeln, setzen Handelssignale auf Basis automatisch gelesener Nachrichten ein.
Einer Umfrage eines Fachmagazin zufolge setzt jeder sechste auf Algorithmen basierende Fonds automatisch ausgewertete Nachrichtenquellen ein. Sie verwalten Vermögen in Milliardenhöhe.
Eigene Recherche sowie Interview mit SemLab-Geschäftsführer Bram Stalknecht.

Schon 2012 sollen die Angeklagten einen ähnlichen Versuch mit einer Schokoladenfirma durchgeführt haben, der im Zuge der Untersuchungen ebenfalls aufflog. Aber besonders der Fall der SEC-Datenbank lässt aufhorchen. Sie gilt als „Heiliger Gral“ der Anlegerinformationen. Doch das System hat seine Schwächen. Wer einmal den Registrierungsprozess bei der SEC bestanden hat, der kann von da an unkontrolliert Informationen hochladen – was und wann immer er will. Eine Prüfung vor der Veröffentlichung in der Datenbank findet nicht statt.

Auch politische Motive können der Hintergrund für Finanz-Attacken sein. Intel-Aktien brachen nach einer gefälschten Pressemitteilung ein, wonach der Chiphersteller aus einem sechs Milliarden Dollar schweren Investment in Israel aussteigen wolle. Hintergrund sei Israels Vorgehen im Gaza-Konflikt. Der Intel-Betrugsversuch trug die gleiche Handschrift wie der Twitter-Schwindel: Eine täuschend echt nachgebaute Intel-Presseseite und eine gefälschte Mitteilung mit angeblichen Zitaten, hier vom Intel-Vorstandschef.

Falschmeldungen von seriösen Absendern

Warum solche Mitteilungen so schnell die Reise durch den Cyberspace antreten, ist schnell erklärt. Immer mehr Suchmaschinen durchforsten Tag und Nacht alle möglichen einschlägigen Webseiten und Social-Media-Kanäle nach börsenrelevanten Informationen. Manchmal mit durchschlagendem Erfolg. Die Finanzanalysten von Selerity fanden im April auf der Webseite von Twitter die vorzeitig veröffentlichten Quartalszahlen des Unternehmens. So etwas sind Sternstunden für Daten-Analysten, es sei denn, die Informationen oder Zahlen sind gefälscht. Zumindest bei den Twitter-Quartalszahlen war das seinerzeit nicht der Fall war.

Besonders gefährlich wird es, wenn die Falschmeldungen tatsächlich auf realen Seiten an die Öffentlichkeit gelangen. Im April 2013 vernichteten zwölf Worte auf der Twitter-Präsenz der Nachrichtenagentur AP kurzzeitig Milliarden von Dollar an den Börsen. „BREAKING:“, war da zu lesen. „Two explosions in the White House and Barack Obama is injured.“ Die Aktienkurse gingen daraufhin steil nach unten – noch bevor AP Minuten später klarstellen konnte, dass das Twitter-Konto gehackt worden war.

Manchmal sind es aber auch die Unternehmen selbst, die Kursschwankungen Tür und Tor öffnen. „Tesla kündigt neues Modell W an“ blitzte kurz vor Handelsschluss am 1. April auf den Bildschirmen von Aktienhändlern auf. Diesen einen Satz, ein sogenanntes Snippet, verbreiteten die großen Finanzagenturen Reuters und Bloomberg.

Ein neues Elektroauto aus Kalifornien? Automatisierte Handelsalgorithmen setzen solche Schlagzeilen automatisch in Kaufbefehle um – und in Sekundenbruchteile sprang die Tesla-Aktie um 0,75 Prozent nach oben. Die von Elon Musk gegründete Firma war auf einen Schlag 125 Millionen Dollar mehr wert.

Allein: Die Meldung war eine Ente, ein Aprilscherz, der eigentlich auf den ersten Blick zu erkennen gewesen wäre. Denn in der Meldung kündigte Tesla eine Armbanduhr an. „Dieses unglaubliche Gerät von Tesla zeigt nicht nur die Zeit, sondern auch das Datum“, hieß es weiter. Und auf einem Foto war eine Armbanduhr zu sehen, aus der ein Miniatur-Big-Ben ragte.

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Für die Chefin der US-Börsenaufsicht, Kara Stein, war die Episode ein Zeichen für die „möglichen Fallstricke, die blindes Vertrauen in technischen und auf Algorithmen basierenden Handel“ mit sich bringe. Eine Zurechtweisung Teslas seitens der SEC blieb aus – wohl weil eben nur Computer auf die Nachricht reinfallen konnten, nicht aber mit Vernunft handelnde Investoren.

Denn nur wenn Menschen durch Adhoc-Mitteilungen getäuscht oder auf eine falsche Fährte gelockt werden, wäre eine Falschmeldung nach den SEC-Regularien ein Problem. Doch wer Computer verwirrt, dem droht keine Strafe.

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