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MärkteDas Coronavirus hält die Börsen im Bann – Was Anleger jetzt wissen müssen

Die Märkte beruhigen sich wieder etwas, doch das Coronavirus bleibt ein Thema für die Börsen. Was Anleger jetzt wissen sollten.Andrea Cünnen, Carsten Herz, Martin Kölling und Anke Rezmer 28.01.2020 - 16:06 Uhr aktualisiert

Frankfurt. Die Börsen werden stärker schwanken, es wird Rückschläge geben. So lauten seit Wochen die Einschätzungen vieler Strategen für das laufende Börsenjahr. Jetzt ist es so weit: Die Börsen sind zu Wochenbeginn deutlich abgerutscht. Allen Warnungen vor Korrekturen zum Trotz verunsichert das die Anleger – auch wenn sich die Börsen heute wieder stabilisieren.

Die Unsicherheit ist deshalb groß, weil der Auslöser des Rückschlags unerwartet kommt. Das Lungenerkrankungen auslösende Coronavirus aus China hat die Börsen derzeit unter Kontrolle. Die ersten Fälle registrierten die chinesischen Behörden im Dezember – am 11. Januar gab es den ersten Todesfall.

Inzwischen haben sich in China mehr als 4500 Menschen mit dem Virus infiziert, mehr als 100 Menschen sind gestorben. Auch in Thailand, den USA, Frankreich und jetzt auch in Deutschland wurden die ersten Fälle gemeldet.

Investoren fragen sich vor allem, wie stark die Konjunktur in China, der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft nach den USA, in Mitleidenschaft gezogen wird und wie das die Weltkonjunktur beeinflusst. Die elf Millionen Einwohner zählende Stadt Wuhan, in der die Erkrankung erstmals aufgetreten ist, steht unter Quarantäne. Der öffentliche Verkehr steht in Teilen des Landes still. Die Regierung in Peking verlängerte die Feiertage zum Neujahrsfest landesweit bis zum 2. Februar, in Schanghai ist sogar bis zum 9. Februar frei.

Mit der Ausbreitung des Virus haben auch die Börsen blitzschnell reagiert. Wenige Tage nachdem sie neue Höchststände markiert hatten, sackten sie zu Wochenbeginn ab. Der Dax verlor am Montag 2,7 Prozent und verzeichnete damit den größten Tagesverlust seit Anfang Oktober. In den USA gaben die Börsen, die schon am Freitag rund ein Prozent verloren hatten, um mehr als anderthalb Prozent ab.

Auch in Asien sind die Investoren verunsichert. Die Börsen in China selbst sind wegen des chinesischen Neujahrsfests geschlossen. Japans Nikkei-Index verlor in den vergangenen beiden Handelstagen mehr als zweieinhalb Prozent. In Chinas Nachbarland Südkorea brach der Kospi-Index am Dienstag um mehr als drei Prozent ein.

Das Handelsblatt beantwortet die drängendsten Fragen für Anleger:

Warum reagieren die Märkte so stark?

Das hat zwei Gründe. Erstens weckt das Coronavirus ungute Erinnerungen an das Sars-Virus. Das hatte 2002/03 von China ausgehend eine weltweite Pandemie mit 8000 Infizierten zur Folge, etwa 800 Menschen starben.

Die Weltbank und die Weltgesundheitsorganisation WHO bezifferten den damals entstandenen Schaden für die Weltwirtschaft auf insgesamt 30 Milliarden US-Dollar. Vor allem Hongkong und Singapur waren stark betroffen.

Zweitens waren die Märkte ohnehin reif für eine Korrektur. Im vergangenen Jahr sind die Börsen kräftig gestiegen, obwohl die Wirtschaft langsamer wuchs und die Unternehmen weniger verdienten. Die Börsen sind also der tatsächlichen Entwicklung weit vorausgelaufen. Entsprechend sind die Bewertungen an den Aktienmärkten deutlich gestiegen. Das alles macht Börsen anfällig.

Sind schon Anzeichen von Panik an der Börse zu erkennen?

Nein. In Deutschland dreht der Dax am Dienstag wieder leicht ins Plus. Auch die Volatilitätsindizes, eine Art Angstbarometer für die Börsen, haben sich schon wieder etwas beruhigt. Der VDax, der die erwartete Schwankung für den Dax in den nächsten Wochen widerspiegelt, sinkt am Dienstag bereits wieder leicht auf 17 Punkte.

Am Montag war der VDax von zwölf auf bis zu 18 Punkte in die Höhe geschossen. Das lag aber immer noch deutlich unter dem jüngsten Hoch von 24 Punkten vom August. In den USA ist das Bild ähnlich.

„Investoren verlassen sich offenbar auf die jüngsten Experteneinschätzungen wie die des Robert-Koch-Instituts, dass sich das Virus langsam vermehrt und ausbreitet, jedoch nicht so gefährlich ist wie zunächst befürchtet“, sagt Martin Lück, Chefanlagestratege für den deutschsprachigen Raum und Osteuropa beim Vermögensverwalter Blackrock. Wenn sich der vorsichtige Optimismus bestätige, hätte der Aktienmarkt seine „Corona-Delle“ bereits gesehen.

Wie schlimm werden die Auswirkungen des Virus auf die Konjunktur sein?

Das lässt sich seriös noch nicht sagen und trägt zur Verunsicherung bei. Banken wie JP Morgan sprechen lediglich von „deutlichen Abwärtsrisiken“ für die weitere konjunkturelle Entwicklung in China. Der Chefvolkswirt von IHS Markit, Rajiv Biswas, warnt sogar vor einem „schwarzen Schwan“ für Asiens Konjunktur, also einer unwahrscheinlichen, nicht eingeplanten Krise.

In China sind vor allem die lokale Tourismusindustrie betroffen wie auch der Einzelhandel sowie Kinos, Freizeitparks und andere Unternehmen der Unterhaltungsindustrie. Darüber hinaus könnte auch die produzierende Wirtschaft und damit die globale Lieferkette getroffen werden.

Der Grund: Viele Unternehmen wollen die Ferien, die sie ihren Mitarbeitern zum wichtigen chinesischen Neujahrsfest gewähren, verlängern, um die Ausbreitung der Epidemie zu bremsen.

Die wirtschaftlichen Folgen sind aber allesamt noch schwer abzusehen. Das trägt zur Verunsicherung der Investoren bei. Dazu kommt: „Wir wissen nicht, ob die Chinesen die ganze Wahrheit veröffentlichen, auch wenn sie mehr auf Transparenz achten“, betont Lück von Blackrock.

Welche Branchen sind besonders betroffen?

Betroffen sind international vor allem Aktien aus dem Reisesektor und der Luftfahrt. Sie gehören zu den ersten Firmen, deren Tickets storniert werden, wenn die Menschen zu Hause bleiben. Dazu kommt, dass China entschieden hat, den Verkauf von Pauschalreisen einzustellen.

Besonders unter Druck stehen auch die Aktien von Luxusgüterherstellern wie Kering, LVMH oder Hermes. Chinesische Touristen gelten als wichtige Kunden für Gucci-Kleidung, Champagner oder teure Uhren. Laut der Beratungsfirma Bain & Company entfielen im vergangenen Jahr 35 Prozent des weltweiten Luxusgüterabsatzes und 90 Prozent des Marktwachstums auf chinesische Kunden.

Auch Autoaktien leiden verstärkt. China ist der weltweit wichtigste Absatzmarkt für Autos. Jedes Jahr werden in China rund 23 Millionen neue Autos verkauft. Dazu sind viele Rohstoffe, allen voran der Ölpreis gefallen. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass Investoren eine schwächere Konjunktur fürchten.

In China selbst hält Michael Hasenstab, Fondsmanager bei Franklin Templeton, vor allem den Konsum- und den Reisesektor für gefährdet. Die US-Bank JP Morgan verweist auf Gefahren für den Einzelhandel.

Die Strategen von JP Morgan geben aber auch zumindest ein wenig Entwarnung: Sollte das neue Coronavirus in den kommenden Wochen ähnlich massive Folgen wie Sars haben, würden sie allerdings deutlich geringer ausfallen als 2003. Damals waren die Umsätze im zweiten Quartal im chinesischen Einzelhandel kurzfristig eingebrochen. Da sich aber die Geschäfte im Einzelhandel mittlerweile stark auf den Onlinehandel verlagert haben, sei aktuell nicht mit ähnlich starken Rückschlägen zu rechnen.

Gibt es Firmen, die von der Angst vor dem Coronavirus profitieren?

Ja, die gibt es, aber bislang nur vereinzelt. Zu Wochenbeginn gab es quer durch alle Branchen Verluste. Profitieren konnten aber Aktien aus der Gesundheitsbranche von bislang eher unbekannten Unternehmen.

Die Aktien der US-Firma BioCryst, die an einem Mittel gegen das Virus arbeiten, stiegen deutlich. Die Papiere des Impfstoffanbieters Novavax klettern ebenfalls um knapp 20 Prozent. Aber auch Shandong Lukang Pharma, das unter anderem Antibiotika herstellt, kletterten deutlich ins Plus. Auch Zhende Medical legten stark zu.

In der Hoffnung auf einen Nachfrageschub wegen des Coronavirus stiegen Anleger auch bei Alpha Pro Tech ein. Die Aktien des US-Anbieters von Mundschutz und Schutzmasken kletterten zeitweise um 25 Prozent und markierten den höchsten Stand seit rund fünf Jahren.

Sollte die Unsicherheit an den Märkten anhalten und sich das Virus weiter ausbreiten, werden an der Börse aber wohl wenig konjunkturanfällige Werte gefragt sein. Dazu gehören vor allem Aktien des täglichen Konsumgüterbedarfs und aus dem Bereich Gesundheit.

Als Krisenwährung gilt zudem der Goldpreis, der zu Wochenbeginn ebenfalls weiter stieg. Gleichzeitig flohen Anleger – trotz der Minus- und Minizinsen – erneut in sichere Staatsanleihen.

Wie massiv kann das Virus die Börse drücken?

Das Thema wird die Weltbörsen in der kommenden Woche sicher beschäftigen. Es wird maßgeblich von der weiteren Nachrichtenlage zur Ausbreitung und Bekämpfung des Virus abhängen, ob sich die Märkte bald beruhigen. Sollte dies der Fall sein, kann es für die Finanzmärkte durchaus wieder nach oben gehen. Das Sars-Virus hielt die Weltbörsen damals rund fünf Monate im Bann und drückte die Kurse, danach ging es wieder aufwärts.

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Die nächsten Wochen könnten entscheidend sein. Unzählige Chinesen sind wegen des chinesischen Neujahrfests auf Reisen, so könnte das Risiko einer Pandemie und der hiermit verbunden negativen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft in den nächsten Tagen noch steigen. Im Unterschied zu 2002 wurde das Virus diesmal allerdings schon nach zwei Wochen identifiziert. Zudem reagierten die Behörden rasch und konsequent.

Nach Meinung der Topstrategen Frank Engels und Peter Oppenheimer von Union Investment und Goldman Sachs wird der Ausbruch des Coronavirus die Wirtschaft und die Märkte nicht über Gebühr belasten. Die Ökonomen von Goldman Sachs gehen davon aus, dass sich jeder Rücksetzer durch die Verbreitung der Viren auf das Wirtschaftswachstum und die Vermögenspreise als kurzlebig erweisen wird. Das hätten Erfahrungen mit früheren Viren wie Sars von 2002 bis 2003 oder der Schweinegrippe von 2009 bis 2010 gezeigt.

Die Strategen von JP Morgan haben die Reaktionen der Aktienmärkte auf vergangene Pandemien untersucht. Hier dauerten die Börseneinbrüche nur wenige Wochen und erholten sich danach wieder kräftig. Viele Investoren werden hoffen, dass dies auch diesmal so ist.

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