Vermögensverwaltung: Europäischer Fondsmarkt konzentriert sich – Indexfonds sind ein maßgeblicher Treiber
Der US-Fondsriese zählt zu den Gewinnern der Konzentration im Asset-Management.
Foto: BloombergFrankfurt. Das Phänomen ist unter dem Stichwort „Google-Effekt“ bekannt. Wer im Internet nach einer Seite oder Inhalten sucht, tut das vor allem mit der Suchmaschine von Google, dieser Erfolg nährt sich selbst, und Konkurrenten wie Yahoo oder Bing werden immer weiter verdrängt.
Dieser „Winner takes it all“-Effekt ist typisch für die Netzwirtschaft, er breitet sich aber auch auf dem europäischen Fondsmarkt aus. Auch die Anleger greifen immer öfter nur noch bei ausgewählten Anbietern zu. Das bedeutet: Investoren kaufen bei immer weniger Fondshäusern.
Die turbulenten Börsen im laufenden Jahr beschleunigen diesen Trend noch einmal. „In den Corona-Monaten hat sich die Spreu brutal vom Weizen getrennt“, meint Thomas Schulte, Partner und Asset-Management-Experte bei der Unternehmensberatung BCG. Sein Fazit: „Die Gewinneranbieter haben extrem abgeräumt.“
Die BCG-Experten berechneten für das Handelsblatt die Konzentration auf dem europäischen Fondsmarkt. Sie betrachteten alle Häuser mit positiven Nettozuflüssen. In dieser Gruppe sammelten während der vergangenen drei Kalenderjahre die zehn Häuser mit den größten Zuflüssen 36 Prozent aller neuen Mittel ein. Im ersten Halbjahr des laufenden Jahres sicherten sie sich dagegen 52 Prozent der Gelder (siehe Grafik).
In absoluten Beträgen: Die zehn Favoriten erhielten 156 von 298 Milliarden Euro. „Da hat sich die Struktur deutlich verschoben“, meint Schulte. Er findet den Trend auch durch die schrumpfende Anzahl der Gewinner belegt. Nur 653 Häuser bekamen im ersten Halbjahr netto Geld von den Anlegern. In den Jahren davor war es fast die Hälfte mehr gewesen.
Ähnlich bewertet Christoph Witzke die Lage. „Vermögensverwalter mit breitem Produktangebot und erfolgreichen Strategien sammeln viel Geld ein. Das konzentriert sich“, sagt der Leiter Anlagestrategie bei Deka Investment.
Billigprodukte locken Anleger
Schulte sieht im Boom der Indexfonds einen maßgeblichen Motor der Konzentration. Unter den drei Anbietern mit den höchsten Zuflüssen im ersten Halbjahr finden sich Blackrock und Vanguard, die zusammen allein 48 Milliarden Euro einsammelten. Beide US-Adressen sind bekannt für ihre Indexfonds, Anlagevehikel also, die nicht von Managern aktiv gesteuert werden, sondern passiv bestimmte Indizes nachbilden.
Eine wichtige Rolle spielen die börsengehandelten Varianten, die sogenannten Exchange Traded Funds, kurz ETF. Diese Produkte ziehen Anleger vor allem dank ihrer geringen Gebühren an. ETF auf populäre Aktienindizes wie den MSCI World oder den Euro Stoxx 50 verlangen häufig nur rund 0,1 Prozent des Kapitals als Jahresgebühr. Aktiv betreute Pendants rangieren in einer völlig anderen Größenordnung von ein bis zwei Prozent.
Diesen Unterschied nehmen Anleger gerade in Nullzinszeiten als Vorteil für Indexfonds wahr. Eingesparte Gebühren bedeuten schlicht eine höhere Endrendite für Investoren. Nach einer Schätzung von Blackrock dürfte sich das Kapital der ETF in Europa in fünf Jahren knapp verdoppeln und dann annähernd zwei Billionen Euro erreichen.
Profiteure sind vor allem die ganz großen Mitspieler auf dem Feld, denn wegen der geringen Gebühren und daher niedrigen Margen ist das Geschäft nur für Anlagegesellschaften mit hohen Investmentsummen rentabel. Daraus ergibt sich eine praktisch natürliche Konzentration auf wenige Anbieter. „Die größten Häuser können Kunden die attraktivsten Konditionen geben“, so sagt es Schulte.
Nachhaltigkeit ist das Topthema
Das ETF-Geschäft begann in Europa zu Beginn des Jahrtausends. Ein weit jüngerer Trend in der Branche ist der zum nachhaltigen Investieren. Hier stehen bei den Anlagen ökologische und soziale Belange sowie gute Unternehmensführung im Blickpunkt. Aus dem englischen Sprachraum entlehnt, wird dieser Ansatz gern mit dem Kürzel ESG bezeichnet.
Vor allem die Debatte um den Klimawandel machte diese Ideen auch in der Finanzbranche populär. Davon profitiert auf der Anbieterseite beispielsweise Blackrock mit ESG-Indexprodukten. In die Gruppe gehört ebenfalls NN Investment Partners mit vielen nachhaltigen Angeboten. Der niederländische Asset-Manager sammelte mit seinen Fonds im ersten Halbjahr zwölf Milliarden Euro ein, so viel wie der Konkurrent Vanguard. Zu den Bestsellern zählten dabei Fonds wie der „Green Bond“. Er investiert in Anleihen für umweltbezogene Investments.
NN Investment Partner ist ein aktiver Manager, versucht also durch Einzeltitelauswahl bessere Renditen zu erzielen als ein Vergleichsindex. Anja Nieberding, Deutschlandchefin von NN Investment Partners, vertraut auf aktive Titelauswahl ohne Indexbindung, weil man dadurch ein sogenanntes Greenwashing vermeiden könne. Damit sind Firmen gemeint, die sich nach außen als nachhaltig darstellen, diese Anforderungen aber nicht erfüllen. Nieberding rät außerdem bei Interesse an diesen Ansätzen: „Anleger sollten nachhaltige Produkte genauer unter die Lupe nehmen, denn in manchen Fällen haben Anbieter existierende Fonds einfach nur umbenannt.“
Praktisch alle Anbieter sind auf den Nachhaltigkeitstrend aufgesprungen, der von Protestbewegungen wie Fridays for Future, Umweltschutzorganisationen, aber auch von Investoren, der Politik und den Aufsehern vorangetrieben wird „Wer da nicht mithält, der kann Marktanteile verlieren“, glaubt BCG-Mann Schulte. Die Vermögensverwalter fühlten sich auf diesem Feld schon gut aufgestellt. Doch das sei gefährlich. „Viele wiegen sich in falscher Sicherheit, sie unterschätzen, wie viel Geld noch in solche Ansätze fließen wird“, warnt Schulte.
Nachhaltige Investments: Kapital könnte sich verdreifachen
Laut Experten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC wird der nachhaltige Investmentansatz den gesamten europäischen Fondsmarkt transformieren. Die Fachleute erwarten, dass sich das Kapital dieser Produkte in den kommenden fünf Jahren mehr als verdreifachen und 5,5 Billionen Euro erreichen wird. Das dürfte laut Schulte die Konzentration bei den Anbietern noch einmal beschleunigen.
Beim Trend zu Indexfonds und gerade beim nachhaltigen Investieren seien gutes Marketing und ein gutes Vertriebsnetz extrem wichtig. Für ihn ist klar: „Auch hier haben die größeren Spieler tiefere Taschen, um sich zu positionieren.“
BCG-Mann Schulte sieht die großen Themen Indexierung und Nachhaltigkeit als entscheidend für Anleger und Anbieter. Im ersten Halbjahr hätten Fonds mit solchen Ansätzen netto 96 Milliarden Euro eingesammelt, aus aktiv verwalteten Fonds ohne solche Ausrichtungen seien dagegen 15 Milliarden Euro abgezogen worden.
Das ist laut der Analyse ein völlig neues Bild. In den Vorjahren verteilten sich die Netto-Anlagegelder noch etwa jeweils hälftig auf die beiden nun favorisierten Ansätze und klassische aktive Verwaltung ohne Fokus auf Indizes oder Nachhaltigkeit. Schulte richtet den Blick nach vorn: „Bei den ESG-Strategien sind die Marktanteile unter den Anbietern noch nicht so verteilt wie bei den ETF“, glaubt er.
US-Anbieter dominieren in Europa
Im Indexbereich spielen Blackrock und Vanguard mit Abstand die entscheidende Rolle. Überhaupt dominieren angelsächsische Anbieter die gesamte Absatzstatistik des europäischen Fondsmarktes im ersten Halbjahr. Sie sind laut Schulte die großen Profiteure des „Winner takes it all“-Themas. Dagegen hätten Manager aus Deutschland „noch Aufholbedarf“. Die heimischen Anbieter sammelten insgesamt lediglich acht Milliarden Euro ein.
Der BCG-Mann hat dafür eine einfache Erklärung: „Die deutschen Anbieter gehören in der Breite nicht zu den führenden Adressen bei den beiden großen Anlagethemen.“
Am besten steht noch die DWS mit Zuflüssen von sechs Milliarden Euro da. Ganz hinten liegt Allianz Global Investors mit Mittelabzügen von drei Milliarden Euro. Hier holten Anleger Gelder zurück, die in klassisch aktiv verwalteten Fonds verwaltet wurden, das heißt ohne Indexbindung oder ohne nachhaltige Ausrichtung.
Die Strategen der Deka sehen das eigene Haus bei ESG-Investments gut aufgestellt. „Wir haben hohe Zuflüsse bei unseren Nachhaltigkeitsprodukten und bauen das Angebot aus“, sagt Witzke. Als Beispiel nennt er den Anleihefonds „Deka-Nachhaltigkeit Renten“. Bei Union Investment sind die Nettozuflüsse im Privatkundengeschäft nach Angaben des Hauses bereits zur Hälfte den nachhaltig ausgerichteten Strategien zuzurechnen. Der Topseller war der Mischfonds „Unirak Nachhaltig Konservativ“ für Aktien und Anleihen.
Schulte sieht den Google-Effekt auf dem europäischen Fondsmarkt als dauerhaft an. Allerdings sei dieser Trend im ersten Halbjahr durch die Corona-Effekte kurzfristig überlagert worden. Das ist bereits am Gewinner zu erkennen: JP Morgan Asset Management sammelte mit 52 Milliarden Euro deshalb die meisten Gelder ein, weil Anleger angesichts der März-Kursstürze an praktisch allen Märkten in die stabilen Geldmarktfonds des Hauses flüchteten. Dieser Angsteffekt spielt inzwischen keine Rolle mehr.
Längerfristig wird die Ausdünnung auf dem europäischen Fondsmarkt laut Schulte anhalten: „Die Konzentration auf immer weniger Anbieter geht weiter, auch weil die Trends zu Indexfonds und zu nachhaltigen Anlagen intakt sind.“