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Betrugsskandal Verlustgeschäfte mit Wirecard: Gutachter sieht keine Schuld beim Commerzbank-Vorstand

Ein externer Prüfer hat die Geschäfte mit dem Pleitekonzern Wirecard untersucht. Fazit: Die Bank sei Betrugsopfer. Die Vorstände wären damit fein raus.
24.06.2021 - 13:13 Uhr Kommentieren
Der Finanzinvestor Cerberus, der bereits fünf Prozent an der Bank hält, erwägt die Übernahme der Staatsbeteiligung in Höhe von 15,6 Prozent nach der Bundestagswahl. Quelle: dpa
Commerzbank-Zentrale

Der Finanzinvestor Cerberus, der bereits fünf Prozent an der Bank hält, erwägt die Übernahme der Staatsbeteiligung in Höhe von 15,6 Prozent nach der Bundestagswahl.

(Foto: dpa)

Frankfurt Der Betrugsskandal bei Wirecard ist für viele europäische Banken ein Desaster. Sie hatten dem Zahlungsdienstleister zum Teil Hunderte Millionen geliehen – und erlitten nach der Pleite des bayerischen Konzerns im Sommer 2020 deshalb hohe Verluste.

Bei der Aufarbeitung des Falls stellt sich für die Institute nun die heikle Frage, ob ihr Spitzenpersonal bei der Kreditvergabe an Wirecard gegen Regeln verstoßen hat – und dafür finanziell geradestehen muss. Hinweise und Berichte, dass bei Wirecard nicht alles mit rechten Dingen zuging, gab es schließlich schon länger.

Die Commerzbank hat das Thema in den vergangenen Wochen und Monaten besonders diskutiert. Die Bank musste wegen eines geplatzten Kredits an Wirecard 187 Millionen Euro abschreiben. Auf der Hauptversammlung Mitte Mai forderte ein Aktionär, Regressansprüche gegen den Vorstand zu prüfen. Beim Darlehen an Wirecard handelte es sich aus seiner Sicht um „eine nicht vertretbare Kreditentscheidung unter Vorstandseinbindung“.

Der Aufsichtsrat habe sich mit dem Kreditengagement bei Wirecard umfassend beschäftigt und dabei kein Fehlverhalten des Vorstands feststellen können, entgegnete Aufsichtsratschef Helmut Gottschalk damals. Aufgrund der großen Relevanz des Falls und zahlreicher Wechsel im Commerzbank-Aufsichtsrat werde das Thema jedoch durch eine externe Kanzlei überprüft.

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    Die Untersuchung durch den Frankfurter Rechtsanwalt und Notar Kersten von Schenck ist inzwischen abgeschlossen – und sie kommt nach Informationen des Handelsblatts einem Freispruch für die Commerzbank-Spitze gleich.

    Gegen keine Regularien verstoßen

    Aus Sicht von von Schenck habe sich der Vorstand bei der Kreditvergabe an Wirecard korrekt verhalten und gegen keine Regularien verstoßen, sagten mehrere mit dem Thema vertraute Personen. Zum Zeitpunkt der Kreditvergabe seien die gravierenden Mängel bei Wirecard nach Einschätzung des Gutachters noch nicht ersichtlich gewesen. Die Commerzbank sei Opfer in einem Betrugsfall geworden.

    Basierend auf dieser Einschätzung hat der Aufsichtsrat Finanzkreisen zufolge die Vorstandsüberprüfung zum Thema Wirecard abgeschlossen und entschieden, keine Regressansprüche gegenüber dem Führungsgremium geltend zu machen.

    Deutschlands zweitgrößte Privatbank äußerte sich zu dem Thema nicht. Sie liegt mit ihrer Entscheidung aber im Trend. Die niederländische Großbank ING, die wie die Commerzbank rund 200 Millionen Euro an Wirecard verliehen hatte, ließ ihre Geschäfte mit dem Zahlungsdienstleister ebenfalls überprüfen und kam zum Ergebnis, dass dabei sämtliche internen Vorgaben für Kreditvergaben eingehalten wurden.

    LBBW überprüft Technologieunternehmen

    Ähnlich beurteilt die Situation auch die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), die im Rahmen eines Bankenkonsortiums ebenfalls mit rund 200 Millionen Euro bei Wirecard engagiert war. Das Institut habe nach der Pleite des Unternehmens alle Facetten der Geschäftsbeziehungen zu Wirecard intern analysiert, erklärte das Stuttgarter Institut. „Die Untersuchung hat bestätigt, dass es keine grundlegenden prozessualen oder strukturellen Mängel im Kreditprozess der Bank gibt.“

    Dessen ungeachtet trainiert Deutschlands größte Landesbank ihre Mitarbeiter im Risikomanagement in internen Workshops nun verstärkt bei der Früherkennung von Betrugsmustern. „Außerdem werden wir in bestimmten Fällen zusätzliche Sonderprüfungen einzelner Kreditengagements vornehmen, wenn kritische Presseberichte oder Analysen öffentlich bekannt werden“, teilte das Institut mit. Erste derartige Untersuchungen seien bereits durchgeführt worden.

    Darüber hinaus untersucht die LBBW „noch einmal sehr detailliert speziell ihr Portfolio an Technologieunternehmen, bei denen immaterielle Aktiva den Wert des Unternehmens entscheidend mitbestimmen“. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen bleibe aber auch in Zukunft „ein Restrisiko aus krimineller Energie bestehen“.

    Bundestag diskutiert über Wirecard-Skandal

    Wirecard brach im vergangenen Sommer zusammen, nachdem bekannt geworden war, dass Umsätze und Barmittel in Milliardenhöhe in Wirklichkeit nie existierten. Die Chefs der Finanzaufsicht Bafin und der Abschlussprüferaufsicht Apas traten wegen des größten Betrugsskandals in der deutschen Nachkriegsgeschichte zurück.

    Dies war maßgeblich auf die Arbeit eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses zurückzuführen, der in den vergangenen Monaten viele Versäumnisse im Fall Wirecard ans Licht brachte. Am Freitag soll der Abschlussbericht des Gremiums im Bundestag diskutiert und beschlossen werden.

    Wirecard-Untersuchungsausschuss: „Ein Zeugnis des Versagens“

    Auch die Rolle der Commerzbank wurde im Untersuchungsausschuss ausführlich beleuchtet. Risikovorstand Marcus Chromik erklärte dort Anfang des Jahres, die Bank habe seit 2003 eine Geschäftsbeziehung mit Wirecard gehabt und dem Unternehmen ab 2011 zusammen mit anderen Instituten Konsortialkredite eingeräumt und diese erhöht.

    Wegen kritischer Presseberichte und Vorwürfen von Leerverkäufern führte das Institut später eine sogenannte „Credit-Fraud-Analyse“ durch, in der es vor allem um die von der Commerzbank mitfinanzierte Übernahme des Payment-Geschäfts der Great-Indian-Retail-Gruppe im Jahr 2015 ging. Im Mai 2018 gab es dazu auch ein Gespräch mit dem damaligen Wirecard-Chef Markus Braun und dessen Finanzchef Alexander von Knoop.

    „Obwohl nach den Gesprächen noch weiterer Analysebedarf, der aber nicht kreditmateriell war, bestand, konnte der Erhöhung des Konsortialkredits letztendlich zugestimmt werden“, sagte Chromik vor dem Untersuchungsausschuss. Maßgeblich für die Kreditentscheidung seien die wirtschaftliche Entwicklung der Wirecard-Gruppe sowie die durch das Testat des Wirtschaftsprüfers EY belegten sehr guten finanziellen Eckdaten des Konzerns gewesen.

    In der Kritik

    Nach einem Bericht der „Financial Times“ über Geschäfte mit Scheinfirmen von Wirecard in Asien im Januar 2019 beschloss die Commerzbank dann jedoch, das Unternehmen noch genauer unter die Lupe zu nehmen und eine sogenannte Targeted Investigation durchzuführen. Diese führte wenig später zu einer Geldwäscheverdachtsanzeige bei der „Financial Intelligence Unit“.

    Die oberste Geldwäschebehörde des Bundes leitete die Liste mit 345 dubiosen Zahlungen jedoch erst im Juli 2020, also nach der Wirecard-Pleite, an die Münchener Staatsanwaltschaft weiter – und steht deshalb massiv in der Kritik.

    Auf die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft rollt eine Welle mit mehreren Hundert Schadensersatzklagen zu. Quelle: AFP (M)
    EY

    Auf die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft rollt eine Welle mit mehreren Hundert Schadensersatzklagen zu.

    (Foto: AFP (M))

    Die Commerzbank beschloss laut Chromik im Mai 2019 intern, die Geschäftsbeziehung mit Wirecard zu beenden. „Die Konten sollten schnellstmöglich geschlossen und der Zahlungsverkehr sollte gestoppt werden, um Geldwäscherisiken für die Commerzbank auszuschließen.“ Mit Wirecard sei eine Rückführung des Kredits binnen eines Jahres verabredet worden. „Kündigungsrechte unter der Konsortialfinanzierung bestanden vorher nach rechtlicher Prüfung nicht.“

    Zurückgezahlt hat Wirecard das Darlehen bis zu seinem Zusammenbruch im Sommer 2020 jedoch nicht. Die Commerzbank wurde somit aus Sicht von Chromik – wie viele andere – „Opfer eines in dieser Dimension für mich unvorstellbaren Betrugs“.

    Das Institut erwägt deshalb nach eigenen Angaben, Schadensersatzansprüche gegen das ehemalige Wirecard-Management einschließlich Ex-Chef Braun und den Abschlussprüfer EY geltend zu machen. Die Prüfungen dazu dauern Finanzkreisen zufolge noch an. Ob beziehungsweise wann es zu einer Klage gegen EY komme, sei noch nicht entschieden.

    Mitarbeit: Felix Holtermann

    Mehr: Gericht weist Antrag gegen Veröffentlichung von Wirecard-Bericht ab

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