Chaostage in Frankfurt: Commerzbank-Chef Zielke verzichtet beim Abgang auf 1,5 Millionen Euro
Der Vorstandschef der Commerzbank wird nach seinem Ausscheiden insgesamt einen mittleren einstelligen Millionenbetrag erhalten.
Foto: ReutersFrankfurt, Berlin. Nervöse Mitarbeiter, unzählige Telefonate und wilde Personalspekulationen: Nach den Rücktrittsankündigungen von Vorstandschef Martin Zielke und dem Aufsichtsratsvorsitzenden Stefan Schmittmann herrscht bei der Commerzbank hektische Betriebsamkeit.
Am Mittwoch will der Aufsichtsrat von 9 bis 18 Uhr zusammenkommen, um über den Kurs von Deutschlands zweitgrößter Privatbank zu beraten. Was am Ende beschlossen wird, ist im Vorfeld des Treffens noch weitgehend offen. Die Dynamik der Aufsichtsratssitzung sei schwer einzuschätzen, sagen Beteiligte.
Mit dem Thema vertraute Personen gehen davon aus, dass der Aufsichtsrat zunächst der Empfehlung des Präsidial- und Nominierungsausschusses folgen und den vorzeitigen Abschied von Zielke beschließen wird. Ob dabei schon ein konkretes Datum für Zielkes Abschied bekanntgegeben wird, ist jedoch unklar, schließlich gibt es bisher noch keinen Nachfolger. Der Vorstandschef hat angekündigt, spätestens Ende des Jahres abzutreten.
Zielkes Vertrag sieht laut Handelsblatt-Informationen vor, dass er sein Grundgehalt von zuletzt 1,67 Millionen Euro pro Jahr bis zum Ende seines Kontrakts im November 2023 weiterbezahlt bekommt.
Darüber hinaus hat Zielke intern angekündigt, auf eine variable Vergütung von rund 1,5 Millionen Euro zu verzichten, die ihm vertraglich ebenfalls zustehen würde, wie mehrere mit dem Thema vertraute Personen sagten. Abhängig von seinem genauen Austrittstermin werde der 57-Jährige damit insgesamt einen mittleren einstelligen Millionen-Betrag erhalten. Die Commerzbank äußerte sich dazu nicht.
Intern werden Firmenkundenchef Roland Boekhout und Finanzchefin Bettina Orlopp die besten Chancen auf die Zielke-Nachfolge eingeräumt. Darüber hinaus könnte der Aufsichtsrat auch externe Kandidaten unter die Lupe nehmen. Eine Entscheidung über einen neuen CEO soll Insidern zufolge aber erst fallen, wenn ein neuer Aufsichtsratschef bestimmt ist.
Neuer Chefkontrolleur aus der Schweiz?
Ob dies bereits am Mittwoch gelingt, war 15 Stunden vor Beginn der Sitzung noch unklar. Denn nach der Absage des deutsch-britischen Finanzmanagers Nicholas Teller gibt es innerhalb des Gremiums nicht mehr viele Mitglieder, die für den Vorsitz in Frage kommen.
Als ein Kandidat gilt Tobias Guldimann, der seit 2017 im Aufsichtsrat sitzt und Vorsitzender des Prüfungsausschusses ist. Der Schweizer hat von 1986 bis 2013 für Credit Suisse gearbeitet und ist mittlerweile als selbstständiger Berater in der Finanzbranche tätig. Der 58-Jährige genießt innerhalb des Gremiums einen guten Ruf. Allerdings ist bisher unklar, ob Guldimann Chefkontrolleur werden will.
Ein Medienbericht, die Bundesregierung habe den ehemaligen Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen als Commerzbank-Aufsichtsratschef ins Spiel gebracht, ist nach Informationen des Handelsblatts nicht zutreffend.
Amtsinhaber Schmittmann legt sein Amt zum 3. August nieder. Falls sich die Beteiligten bis dahin auf keinen anderen Chefkontrolleur einigen, würde fürs Erste der stellvertretende Aufsichtsratschef Uwe Tschäge übernehmen. Er ist Vorsitzender des Gesamt- und Konzernbetriebsrats und hatte zuletzt gefordert, dass der anstehende Stellenabbau sozial verträglich vonstattengehen muss. „Hier erwarte ich auch vom Bund als Großaktionär Unterstützung“, sagte Tschäge.
Der Staat hält nach der Rettung der Commerzbank in der Finanzkrise 15,6 Prozent an dem Institut. Die Bundesregierung hat jedoch mehrfach betont, sich nicht ins operative Geschäft einmischen zu wollen.
Die SPD-Bundestagsfraktion erwarte von der Commerzbank jedoch „sozial verträgliche Unternehmensentscheidungen“, sagte SPD-Finanzexperte Jens Zimmermann. „Dazu gehört natürlich aber auch die Sicherung des Fortbestandes des Unternehmens.“ Er sei überzeugt, dass die Bundesregierung dieses Ziel im Rahmen ihrer Einflussmöglichkeiten auch bei den anstehenden Personalentscheidungen verfolge.
Sewing will nicht „noch mehr arbeiten“
Die noch vom alten Vorstand erarbeite Strategie der Commerzbank sieht vor, dass bis 2023 rund 10.000 Stellen gestrichen werden – und damit in etwa jeder vierte Arbeitsplatz. Darüber hinaus sollen von den aktuell 1000 Filialen noch rund 550 übrigbleiben. Bei einem Teil davon handelt es sich dem Plan zufolge allerdings nur noch um sogenannte Service Points mit wenigen Mitarbeitern.
Die einmaligen Kosten für den Umbau wurden im Strategieplan mit 1,3 Milliarden Euro beziffert, was intern einige allerdings als sehr optimistische Schätzung ansehen. Darüber hinaus ist in den Planungen die Rede vom Aufbau einer Qualifizierungsgesellschaft, in die im Rahmen des Stellenabbaus zahlreiche Commerzbank-Mitarbeiter wechseln könnten.
Was von dem Konzept tatsächlich umsetzt wird, ist ungewiss, schließlich wird die Neuausrichtung der Bank maßgeblich vom neuen CEO abhängen. Bei der anstehenden Aufsichtsratssitzung wird die Strategie des alten Vorstands nach Einschätzung von Beteiligten allenfalls eine Nebenrolle spielen.
Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing machte am Dienstag bei einer Veranstaltung der Nachrichtenagentur Bloomberg deutlich, dass er derzeit kein Interesse an einem neuen Fusionsanlauf mit der Commerzbank hat. „Wir konzentrieren uns auf uns selbst“, sagte Sewing.
Auch Zielkes Amt als Präsident des Privatbankenverbands BdB, das dieser nach dem Rückzug bei der Commerzbank ebenfalls aufgeben muss, will Sewing nicht übernehmen. „Mein Tag ist heute schon sehr, sehr arbeitsreich“, sagte der Deutsche-Bank-Chef. „Und ich habe keine Lust, noch mehr zu arbeiten.“