Fintechs: Lust aufs Onlinebanking bei Senioren wecken
Ältere Menschen sind oft zögerlich, neue Technologien zu nutzen, weil diese nicht altersgerecht geplant wurde.
Foto: dpaBerlin. Für den Sprung ins kalte Wasser wählten Cornelia Schwertner und Bianca Steinke einen denkbar schlechten Zeitpunkt: Ausgerechnet mitten in der Coronapandemie gründeten sie im April 2021 ihr erstes FinTech. Doch dank der Mischung aus langer Erfahrung in der Finanzwelt, einem guten finanziellen Polster sowie unternehmerischem Mut stand schnell fest: „Jetzt oder nie“, erinnert sich Schwertner, CEO und Mitgründerin der Brygge GmbH.
Das Hamburger FinTech kümmert sich um eine Zielgruppe, die in der Branche in Deutschland noch eher außen vor bleibt: Menschen in der zweiten Lebenshälfte sowie Online-Banking-Einsteiger. „Wir haben eine leicht zu bedienende Plattform geschaffen, auf der sich die Kunden mit persönlichen Daten anmelden und ihre bestehenden Konten auf einer Oberfläche zusammenführen“, erklärt die 41-Jährige.
Die Kunden gehen keine neue Bankverbindung ein und eröffnen auch kein neues Konto. Vorteil bei Brygge: Häufig genutzte Funktionen wie Überweisungen oder Suche nach Umsätzen lassen sich laut Schwertner leichter ausführen als auf vielen anderen Websites. „Wir müssen die Oberflächen so nutzerfreundlich gestalten, dass auch ältere Menschen Lust auf Onlinebanking bekommen.“
Vor allem in Deutschland drängt die Zeit. Longevity – die Langlebigkeit der Kunden – vor diesem Thema kann sich kaum eine Branche drücken.
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Die Bundesrepublik ist schließlich eine der ältesten Gesellschaften der Welt, nur Japan und Italien sind älter. Das Medianalter, das die deutsche Bevölkerung in zwei Hälften teilt, beträgt laut der Online-Publikation Our World in Data 45 Jahre. Viele Industrieländer sind weit jünger: Die Briten im Schnitt knapp 40, US-Amerikaner 38 Jahre alt. Afrikaner haben oftmals sogar ein Medianalter von unter 20. Wollen die Banken im Zuge des drastischen Filialabbaus auch mit ihren älteren Kunden in Kontakt bleiben, müssen sie in die Offensive gehen.
Eine Zahl macht Mut: Zwischen dem Vor-Corona-Jahr 2019 und 2022 stieg die Zahl der über 65-jährigen Internetnutzer, die Onlinebanking machen, von 60 auf immerhin 80 Prozent, ermittelte der Digitalverband Bitkom. Nachholbedarf besteht trotzdem. Unter allen Befragten, also inklusive derjenigen, die nicht im Netz unterwegs sind, gingen nur 45 Prozent der über 65-Jährigen für Bankgeschäfte online.
Mit den Ursachen beschäftigt sich Herbert Kubicek, Senior Researcher am Institut für Informationsmanagement Bremen. „In einer Umfrage bei älteren Menschen ab 60 Jahren in Bremen im Jahr 2020 gab die Hälfte an, immer wieder Probleme beim Onlinebanking zu haben, obwohl sie das Internet zumindest gelegentlich nutzten“, sagt der 77-Jährige. Die größten Probleme mit der geringen Benutzungsfreundlichkeit hätten Menschen mit anerkannten Lernschwierigkeiten (siehe Interview).
Doch bei der Barrierefreiheit schaut der Gesetzgeber künftig genauer hin. Im Juni 2025 tritt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz in Kraft, das private Wirtschaftsakteure verspflichtet, Dienstleistungen und Produkte barrierefrei auf den Weg zu bringen.
Positive Aspekte des Alterns betonen
Wie klassische Bankprodukte und deren Präsentation in einer älter werdenden Gesellschaft funktionieren können, damit beschäftigt sich Milena Rottensteiner mit ihrem Team. Ihr Leitgedanke: „Wir sollten uns auf die positiven Aspekte eines längeren Lebens fokussieren, statt Longevity als Belastung zu betrachten“, sagt die Leiterin des Sparkassen Innovation Hub (S-Hub). Die Sparkassen mit ihrem hohen Anteil älterer Kunden müssten auf die Bedürfnisse dieser Zielgruppe eingehen, die sich in einer immer längeren zweiten Lebenshälfte mit ihren Finanzen auseinandersetzt.
Ziel sei es, zeitweise oder permanente Einschränkungen wie körperliche oder kognitive – auch als Folge des Älterwerdens – zu berücksichtigen. In einem jüngst eingerichteten Inklusive Design Lab will die S-Hub-Mutter Star Finanz digitale Produkte barrierefrei und inklusiv entwickeln sowie bestehende Angebote entsprechend optimieren.
Zu den aktuellen Produktentwicklungen des S-Hub gehört die Plattform mit dem Arbeitstitel „After Work“, die bei der Planung des Ruhestands rund um Finanzen, Wohnen, Gesundheit und Nachlass unterstützt und gemeinsam mit der id-fabrik, dem Innovationslabor der öffentlichen Versicherer, entwickelt wird. Integriert werden auch bestehende Angebote wie die jüngst von drei Sparkassen und Union Krankenversicherung gestartete digitale Alltagshelfer-Plattform Karla, die Senioren mit regionalen Dienstleistern, etwa Haushaltshilfen oder Physiotherapeuten, zusammenbringt.
Andere Angebote gibt es bereits. Denn wie die gesamte Finanzwirtschaft haben auch die Sparkassen zuletzt immer mehr Filialen dicht gemacht, zwischen 2019 und 2022 verringerte sich deren Zahl laut Bundesbank von 8971 auf 7326. So wird der Weg zur Bank länger. Um älteren Kunden entgegenzukommen, bieten Institute wie die Sparkasse KölnBonn deshalb Bargeldbringservices an oder schicken Sparkassenbusse in weniger gut versorgte Gebiete.
Barrierefreiheit am Geldautomaten
Unterdessen hat die Branche auch auf dem Weg zur Barrierefreiheit erste Schritte gemacht. „Bei unseren Geldautomaten und Kundenterminals haben wir uns auf die Belange von Menschen mit körperlichen Einschränkungen eingestellt, etwa mit der räumlichen Anordnung und baulichen Höhe der Automaten sowie der Ausstattung mit Braille-Schrift)“, heißt es bei der Deutschen Bank. Auch bei der Entwicklung der Angebote für das Online- und Mobile-Banking orientiere sich der Marktführer an einschlägigen Vorgaben zur Barrierefreiheit, etwa kontrastreicher Darstellung auf der Website, Sprachausgabe oder der Bildschirmlesefunktion „VoiceOver“.
Für Cornelia Schwertner von Brygge geht es nicht nur darum, Onlinebarrieren abzubauen, sondern auch das Finanzwissen zu fördern. Deshalb gibt Brygge Tipps und Hinweise. Dank einer im Hintergrund laufenden Software werden die Zahlungsströme analysiert. In den „Brygge Berichten“ – sie werden mit einem Ausrufezeichen vor einem Umsatz angekündigt - erfährt der Kunde zum Beispiel, dass das System einen neuen Zahlungsempfänger gefunden hat und empfiehlt, zu prüfen, ob die Abbuchung berechtigt ist. Bei einer höheren Bargeldabhebung gibt es Hinweise über Risiken beim Umgang mit Bargeld. Erträge erzielt Brygge vor allem durch monatliche Abo-Gebühren, die je nach Einkommenshöhe gestaffelt sind.
Noch konzentriert sich Brygge auf das B2C-Geschäft. Über Kooperationen mit Banken hoffen die Hamburger ihre Geschäftsidee künftig noch stärker bekannt zu machen. Banken könnten die Nutzung der Brygge-Plattform ihrer Kundschaft als zusätzlichen Service anbieten. „Das Filialnetz stellt für die Banken den größten Kostenblock dar. Wollen die Institute den Online-Banking-Anteil weiter deutlich steigern, müssen sie vor allem die ältere Kundschaft mit innovativen und nutzerfreundlichen digitalen Lösungen überzeugen. Wem das gelingt, der hat auch einen Wettbewerbsvorteil.“