Quartalszahlen US-Banken: Wall Street bereitet sich auf schwierige Zeiten vor – Großbanken mit deutlichen Gewinneinbrüchen
Die größte US-Bank hat im Investmentbanking-Geschäft 47 Prozent weniger Umsatz gemacht als im Jahr zuvor.
Foto: ReutersNew York, Frankfurt. Zu Wochenbeginn hatte Jamie Dimon eine deutliche Warnung ausgesprochen: Der JP-Morgen-Chef befürchtet eine „sehr, sehr ernste“ Mischung aus unterschiedlichen Risiken, dazu zählt der Banker unter anderem die steigende Inflation, aber auch den Ukraine-Krieg. Die Weltwirtschaft könnte bis Mitte nächsten Jahres in eine Rezession kippen, so Dimon. Die Vorbereitungen an der Wall Street auf diese schwierige Zeit haben bereits begonnen.
JP Morgan, Amerikas größte Bank, meldete am Freitag einen Gewinneinbruch für das dritte Quartal dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahr von 17 Prozent auf 9,7 Milliarden Dollar (etwa zehn Milliarden Euro). Das Institut verbuchte insgesamt 808 Millionen Dollar an Rückstellungen für drohende Kreditausfälle. Zum Vergleich: Ein Jahr zuvor hatte die Bank noch 2,1 Milliarden Dollar Risikovorsorge auflösen können, die sie für die Folgen der Coronapandemie gebildet hatte. Die Freisetzung dieser Mittel hatte den Gewinn damals zusätzlich angetrieben.
Der Konkurrent Wells Fargo bildete von Juli bis September dieses Jahres ebenfalls zusätzliche Rückstellungen in Höhe von 784 Millionen Dollar. „Wir rechnen mit einem stetigen Anstieg von Zahlungsausfällen und schlussendlich mit Kreditverlusten, nur der Zeitablauf bleibt unklar,“ sagte Konzernchef Charlie Scharf. Insgesamt sank der Gewinn von Wells Fargo im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 31 Prozent auf 3,53 Milliarden Dollar, was unter anderem allerdings auch auf einen Skandal um fiktive Kundenkonten zurückzuführen ist.
Auch die Citigroup stockte ihre Risikovorsorge im dritten Quartal um 370 Millionen Dollar auf. Im Vorfeld hatten Analysten geschätzt, dass die sechs größten Banken in den USA insgesamt knapp fünf Milliarden Dollar an Risikovorsorge für ausfallgefährdete Kredite zurücklegen könnten.
Investmentbanking schwächelt weiter
Neben den Rückstellungen belastet das weitestgehend brachliegende Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (Mergers & Acquisitions, M&A) die Bilanzen der Banken. Der M&A-Boom im vergangenen Jahr hatte dazu beigetragen, dass 2021 eines der profitabelsten Jahre überhaupt für die großen Wall-Street-Häuser war. 2022 haben steigende Zinsen, geopolitische Risiken und die Angst vor einer globalen Wirtschaftskrise allerdings für einen Einbruch im M&A-Geschäft gesorgt.
„Investmentbanking war das Geschäft, das durch das Konjunkturumfeld am stärksten negativ beeinflusst worden ist mit einem geringeren Appetit für Fusionen und Übernahmen“, erklärte Citigroup-Chefin Jane Fraser.
Der Wegfall von M&A-Deals ließ den Gewinn von Citi im Investmentbanking im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 60 Prozent auf 631 Millionen Dollar schrumpfen, wodurch auch der Nettogewinn des Instituts von Juli bis September im Vergleich zum Vorjahr insgesamt um fast ein Viertel auf 3,5 Milliarden Dollar fiel, wie das Geldhaus am Freitag mitteilte.
Auch US-Konkurrent Morgan Stanley verzeichnete einen Einbruch im Investmentbanking-Geschäft von 55 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Dies führte ebenfalls dazu, dass der Überschuss des Instituts im Jahresvergleich insgesamt um 30 Prozent auf 2,49 Milliarden Dollar sank.
Firmenchef James Gorman äußerte sich dennoch nicht unzufrieden mit dem Zahlenwerk für die Monate Juli bis September: „Die Leistung der Firma war robust und ausgewogen in einem unsicheren und schwierigen Umfeld.“
Bei JP Morgan betrug der Gewinnrückgang in diesem Geschäftsbereich 43 Prozent bei einem Umsatz von 1,7 Milliarden Dollar.
Drei Banken übertreffen dennoch die Erwartungen der Analysten
Trotz der fallenden Gewinne der US-Großbanken: Mit ihrem Ergebnis übertrafen JP Morgan, Citi und Wells Fargo die Erwartungen der Analysten, die mit einem noch stärkeren Rückgang gerechnet hatten.
Lediglich Morgan Stanley blieb hinter den Erwartungen der Analysten zurück. Die Aktien der Bank fielen im frühen Handel um zwei Prozent.
Bankaktien hat es in diesem Jahr bereits stark getroffen. Die Papiere von JP Morgan, Bank of America und Citigroup haben seit Jahresbeginn jeweils gut ein Drittel an Wert verloren. Damit haben sie schlechter abgeschnitten als der breit gefasste Leitindex S&P 500, der im selben Zeitraum mit rund 23 Prozent im Minus liegt.
JP-Morgan-Chef Dimon geht von weiteren Turbulenzen aus. Er befürchtet, dass der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) im Kampf gegen die Inflation keine sogenannte weiche Landung gelingen wird, bei der sie die Teuerung in den Griff bekommt, ohne dass die Wirtschaft in eine tiefe Rezession rutscht. Sollte es zu einer tiefen Wirtschaftskrise kommen, „kann man davon ausgehen, dass die Märkte noch einmal 20 bis 30 Prozent einbrechen“, sagte Dimon am Donnerstag auf der Tagung des International Institute of Finance in Washington.
Die US-Inflationsdaten für den September, die ebenfalls am Donnerstag veröffentlicht wurden, fielen höher als erwartet aus. Dimon geht davon aus, dass es noch eine ganze Weile dauern wird, bis sich die Preise normalisieren. Beobachter erwarten, dass die Fed die Leitzinsen bei ihren kommenden beiden Sitzungen im November und Dezember um jeweils 0,75 Prozentpunkte anheben wird. Einige Ökonomen hatten gehofft, dass die Fed bei ihrem harten Zinserhöhungskurs eine Pause einlegen würde. Doch dies gilt nun angesichts der anhaltend hohen Inflation als unwahrscheinlich.
Mit Agenturmaterial.