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Schweizer Investmentbank„Fusionen machen nicht an den Landesgrenzen halt“ – Vontobel-Präsident sieht Europas Banken vor Konsolidierung

Der deutsch-schweizerische Top-Banker spricht über grenzübergreifende Fusionen, den Rückstand europäischer Banken zur US-Konkurrenz – und seine frühe Kryptowette.Jakob Blume, Peter Brors 28.11.2021 - 10:39 Uhr Artikel anhören

Der Vontobel-Verwaltungsratschef rechnet mit einer Übernahmewelle in der Bankbranche.

Foto: Handelsblatt

Zürich. Herbert Scheidt, Verwaltungsratspräsident von Vontobel und langjähriger Cheflobbyist der Schweizer Banken, warnt davor, dass die europäischen Banken den Anschluss an die US-Konkurrenz verlieren. Ein Grund dafür sei die Bankenregulierung in Europa, die den „Austausch an Finanzdienstleistungen nicht erleichtert, sondern sogar erschwert“. Der Bankenmarkt sei noch immer zu stark fragmentiert.

Daher erwartet der deutsch-schweizerische Top-Banker grenzübergreifende Fusionen: „Zusammenschlüsse sind mittelfristig notwendig, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen“, sagt Scheidt. „Wir werden uns vom nationalen Denken im Bankwesen verabschieden müssen.“

Auch die Schweizer Banken können sich seiner Ansicht nach dem Druck zu Konsolidierung nicht entziehen. Ihnen hilft jedoch die Spezialisierung auf die Vermögensverwaltung, die weltweit boomt. „Den großen deutschen Banken fehlt dieser Wettbewerbsvorteil“, sagt Scheidt.

Der Manager erwartet daher, dass die Schweizer Banken Treiber einer Fusionswelle in Europa sein werden: „Weil die Geschäftsmodelle der schweizerischen Banken so solide sind, werden sie bei einer Konsolidierung der Branche im Zweifel eher eine aktive Rolle einnehmen“, ist Scheidt überzeugt.

Herr Scheidt, Sie haben kürzlich den Vorsitz der schweizerischen Bankiersvereinigung abgegeben, doch die Probleme in der Branche sind nicht geringer geworden. Auf welche Zukunft steuert der Finanzplatz Schweiz zu?
Der multilaterale Weg gerät immer mehr in Gefahr. Das hat natürlich Konsequenzen für kleinere Volkswirtschaften wie die Schweiz. Die Schweiz ist eine Exportnation, und die Banken gehören zur Exportindustrie. Die fortschreitende Deglobalisierung verändert die Art und Weise, wie wir Geschäfte machen. Das zeigt sich auch an den Verhandlungen zu Basel III …

… dem internationalen Rahmenabkommen zu Mindeststandards in der Bankenregulierung.

Die Verhandlungen ziehen sich seit Jahren hin. Doch in der Tendenz ist erkennbar, dass der internationale Austausch an Finanzdienstleistungen nicht erleichtert, sondern sogar erschwert wird.

Woran machen Sie das fest?
Bei der Finanzmarkt-Direktive Mifid II ist es besonders offensichtlich: Die Länder haben viel Freiraum bei der Auslegung und Umsetzung der Richtlinie. Italien beispielsweise ermöglicht den grenzübergreifenden Austausch von Bankdienstleistungen nur, wenn das ausländische Institut eine Niederlassung in Italien hat. Auch in Deutschland sind die Regeln sehr komplex. Das trifft vor allem die kleineren Banken, die unter hohen Kosten eine Niederlassung in diesen Ländern eröffnen müssen.

„US-Banken haben eine Reihe an Standortvorteilen“

Die meisten Schweizer Banken verdienen im aktuellen Umfeld glänzend. Sind die Kosten für Niederlassungen in wichtigen Märkten tatsächlich ein Problem?
Ich sehe die Gefahr, dass die Kosten für die Bankenregulierung generell weiter steigen, auch für die Großbanken. Die Institute müssen schon heute sehr viel Kapital in den einzelnen Märkten vorhalten, in denen sie aktiv sind. Wenn sie in Amerika Geschäft machen wollen, reicht es nicht, dass das nötige Kapital in der Schweiz vorhanden ist. Das sind zusätzliche Kosten und mit ein Grund, weshalb die Margen vieler Schweizer Banken im Vergleich zu den US-Wettbewerbern geringer sind.

Ist das der einzige Grund, warum die US-Banken so viel profitabler sind?
Sie haben eine Reihe von Standortvorteilen. Von den großen staatlichen Wachstumsprogrammen in den USA profitieren die heimischen Institute sehr. Zudem gab es in den USA nie negative Zinsen. Hinzu kommt, dass die US-Banken nach der Finanzkrise 2008 gezwungen wurden, sich zu rekapitalisieren. Sie konnten sich früher als die Wettbewerber in Europa nach der Krise wieder auf das Geschäft konzentrieren. Daher sind die Margen der US-Banken höher.

Der Credit Suisse fällt es derzeit besonders schwer, sich auf das Geschäft zu konzentrieren, wegen einer Serie von Skandalen. Leidet darunter der Ruf der gesamten schweizerischen Finanzindustrie?
Das sehe ich nicht so. Das sind institutsspezifische Themen. Das muss die Bank mit ihren Aktionären und Kunden diskutieren. Die Credit Suisse untersucht die Vorfälle sehr genau, die Finanzaufsicht Finma ebenfalls, aber für den Gesamtmarkt hat das keine Auswirkungen.

Wie können die Banken auf dem europäischen Kontinent zur US-Konkurrenz aufholen?
Zu den steigenden Ausgaben für die Regulierung kommen noch Investitionen in die digitale Transformation. Dafür ist nicht jeder gerüstet. Jedes Institut muss sich genau überlegen, welches Geschäftsmodell es in Zukunft fahren will. Die neuen digitalen Wettbewerber zwingen die Banken dazu, sich zu spezialisieren.

„Europa ist zu kleinteilig“

Ist das Universalbank-Modell tot, bei dem Banken Dienstleistungen wie Einlagengeschäft, Vermögensverwaltung und Investmentbanking aus einer Hand anbieten?
Da muss man differenzieren: Die US-Universalbanken haben eine Größenordnung erreicht, dass sie noch alle Kundengruppen bedienen können. Aber wenn eine mittelgroße deutsche Bank noch immer am Universalbankmodell festhält, kann das nicht gut gehen.

Sind grenzübergreifende Fusionen nötig, damit europäische Banken die nötige kritische Größe erreichen?
Europa ist zu kleinteilig, das zeigt sich schon im Investmentbanking. Der Anteil der US-Banken am globalen Investmentbanking ist in den vergangenen zehn Jahren konstant geblieben. Der Marktanteil der europäischen Banken ist im gleichen Zeitraum um die Hälfte geschrumpft. Zusammenschlüsse sind mittelfristig notwendig, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Wir werden uns vom nationalen Denken im Bankwesen verabschieden müssen. Doch das ist ein sehr politisches Thema.

Welche Rolle werden die schweizerischen Banken im Übernahmepoker spielen?
Sowohl die Großbanken als auch die bedeutenden Privatbanken haben schon aus ihrer Historie heraus eine enorme Spezialisierung in der Vermögensverwaltung. Deshalb stehen sie heute so gut da. Den großen deutschen Banken fehlt dieser Wettbewerbsvorteil. Und weil die Geschäftsmodelle der schweizerischen Banken so solide sind, werden sie bei einer Konsolidierung der Branche im Zweifel eher eine aktive Rolle einnehmen.

Wann rechnen Sie mit der Fusionswelle?
Ich habe auch keine Kristallkugel. Aber die Notwendigkeit haben die CEOs und Aufsichtsräte der europäischen Banken erkannt. Der Druck zu handeln wird vor dem Hintergrund steigender Regulierungskosten und der nötigen Investitionen in Technologie und Nachhaltigkeit immer größer.

„Fusionen machen nicht an den Landesgrenzen halt“

Wie wichtig ist eine europäische Bankenunion, um grenzübergreifende Fusionen zu ermöglichen?
Eine Bankenunion für Europa ist richtig und wichtig, um die Größenvorteile eines gemeinsamen Wirtschaftsraums zu heben. Die USA sind noch immer der größte Finanzplatz der Welt, China ist der am schnellsten wachsende Markt. Doch danach muss Europa kommen, und die Schweiz muss ein Teil dieses Wirtschaftsraums sein, in welcher Form auch immer. Fusionen machen ohnehin nicht an den Landesgrenzen halt.

Die Schweiz hat vor Kurzem das Rahmenabkommen mit der EU gekündigt. Aktuell können sich die Verhandler noch nicht einmal auf eine gegenseitige Anerkennung der Börsenäquivalenz einigen. Wie soll die Schweiz in dieser Gemengelage Teil einer europäischen Bankenunion werden?
Zunächst gilt: Ob eine Schweizer Bank, wie immer sie auch heißen mag, eine Fusion mit einer deutschen oder französischen Bank eingeht, hängt nicht vom Rahmenabkommen ab. Wenn es für Kunden, Eigentümer und Mitarbeitende Sinn macht, dann wäre das auch heute möglich. Dennoch bedaure ich es sehr, dass das Abkommen nicht zustande gekommen ist. Es braucht einen klaren und gefestigten Weg zwischen der Schweiz und der EU – und insbesondere zwischen der Schweiz und Deutschland.

Wie kann das gelingen?
Man muss dem Prozess nun Zeit geben. Vielleicht ergeben sich unter einem neu formierten schweizerischen Bundesrat in zwei Jahren neue Möglichkeiten. Fest steht jedoch: Die Schweizer denken oftmals europäischer als manches Mitglied der EU. Und ein Kompromiss muss auch den Schweizer Eigenarten gerecht werden. Das Land eint ein hohes Maß an Aversion gegen eine zentralisierte Obrigkeit. Und das ist nun mal der Ruf von Brüssel, nicht nur in der Schweiz. Sticheleien vonseiten der EU, wie die fehlende Anerkennung der Börsenäquivalenz, bewirken das Gegenteil von dem, was sie bezwecken sollen.

„Investieren ist das neue Sparen“

Wie stark belastet das Thema Schwarzgeld die Beziehungen zwischen Europa und der Schweiz bis heute?
Das Thema haben wir völlig bereinigt. Die Schweiz ist erbarmungslos, was das Thema nicht deklarierte Gelder angeht. Die Transformation, die die Branche durchlaufen hat, ist gigantisch. In den Jahren nach dem Fall des Bankgeheimnisses und dem automatischen Informationsaustausch sind Gelder in zweistelliger Milliardenhöhe abgeflossen. Diese hat die Schweiz in den vergangenen Jahren über das Geschäft mit professionellen Kunden und vermögenden Privatkunden jedoch wieder zurückgewonnen.

Unter Ihrer Führung hat Vontobel eine ähnliche Transformation durchgemacht. Sie sind aus dem Investmentbanking ausgestiegen und haben das Geschäft mit institutionellen Kunden stark ausgebaut. Wieso haben Sie sich ausgerechnet diese Nische gesucht?
Nach dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 habe ich gesehen, dass die Abhängigkeit vom volatilen Investmentbanking nicht vernünftig ist. Stattdessen haben wir neben dem Wealth-Management-Geschäft das mit anderen Banken und Vermögensverwaltern ausgebaut. Wir sind früh davon ausgegangen, dass Investieren das neue Sparen ist und dass bei anderen institutionellen wie privaten Anlegern eine hohe Nachfrage nach intelligenten Investmentlösungen besteht.

Früher als viele Konkurrenten hat Vontobel den Kunden Zugang zu regulierten Krypto-Investments ermöglicht. Was waren die Gründe?
Wir wollten Erfahrungen sammeln, wie die sogenannte Distributed-Ledger-Technologie (DLT) in der Praxis funktioniert. Daher haben wir Zertifikate aufgelegt, mit denen Investoren von der Wertentwicklung bei Kryptowährungen profitieren können, ohne diese selbst halten zu müssen. Stattdessen müssen wir die Krypto-Assets halten. Das hat uns gezwungen zu lernen, mit der Technologie und den Risiken umzugehen.

Welchen Vorteil versprechen Sie sich davon?
DLT verändert die Rolle der Banken fundamental. Der Mittelsmann, der die Banken traditionell sind, wird ausgeschaltet. Bei komplexen Transaktionen wird der Markt immer noch einen Mittelsmann brauchen. Aber der Druck, sich zu spezialisieren, wird noch größer. Wir begreifen diese Veränderungen jedoch als Chance und sehen uns für die Zukunft sehr gut positioniert.

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Vielen Dank für das Gespräch.

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