Stresstest: EZB kritisiert mangelhaften Umgang der Banken mit Klimarisiken
Mit dem Klimastresstest will die EZB feststellen, wie gut die Institute gegen mögliche Folgen des Klimawandels gewappnet sind.
Foto: dpaFrankfurt. Fast alle europäischen Banken bezeichnen Nachhaltigkeit als wichtiges Anliegen. Doch beim Umgang mit Klimarisiken gibt es bei den Geldhäusern noch großen Nachholbedarf. Das zeigen die Ergebnisse des ersten Klimastresstests der Europäischen Zentralbank (EZB).
„65 Prozent aller Banken haben nach unserer Einstufung schwach abgeschnitten“, sagte Frank Elderson, der Vize-Chef der EZB-Bankenaufsicht. Die meisten Institute hätten Klimarisiken noch nicht in ihre Kreditrisikomodelle einbezogen, lediglich 20 Prozent berücksichtigten diese bei der Kreditvergabe.
Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling machte deutlich, dass es unter den teilnehmenden Geldhäusern große Unterschiede gab. „Ein Großteil der europäischen Großbanken sieht sich Klimarisiken noch nicht systematisch an, andere sind bei dem Thema dagegen bereits sehr fortschrittlich“, sagte Wuermeling dem Handelsblatt. „Die deutschen Institute schneiden hierbei insgesamt gut ab.“
Am EZB-Klimastresstest nahmen 104 Finanzinstitute teil, darunter die Deutsche Bank und die Commerzbank. Durchfallen konnten Geldhäuser bei der Übung nicht, individuelle Ergebnisse der Banken wurden nicht veröffentlicht.
Aus Sicht des obersten EZB-Bankenaufsehers Andrea Enria ist jedoch klar, dass die Geldhäuser Konsequenzen ziehen müssen. „Banken im Euro-Raum müssen ihre Bemühungen zur Messung und Steuerung des Klimarisikos dringend verstärken, die aktuellen Datenlücken schließen und die anerkannten Verfahren übernehmen, die es in der Branche bereits gibt“, sagte der Italiener.
Greenpeace: „Die Ergebnisse sind erschreckend“
Die Übung der EZB bestand aus drei Teilen. Im ersten wurde untersucht, ob die Banken intern Stresstests durchführen, um ihre Klimarisiken zu messen – 59 Prozent der Institute tun das bisher nicht. Im zweiten Teil wurde geprüft, wie nachhaltig die Einnahmenquellen der Banken sind. Das Ergebnis: Aktuell stammen fast zwei Drittel der Erträge aus treibhausintensiven Branchen.
Im dritten Teil, an dem nur 41 Banken teilnahmen, mussten die Geldhäuser durchrechnen, welche Belastungen auf sie in verschiedenen Klimaszenarien zukämen. Im ersten Szenario wurde angenommen, dass die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzt wird.
Das mittlere Szenario ging davon aus, dass passende politische Vorgaben zunächst fehlen, dann aber zu einem späteren Zeitpunkt harte Einschnitte und Regeln folgen, um zumindest das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Im dritten Szenario blieben Klimaschutzmaßnahmen aus und die Erde erwärmte sich um drei Grad. Eine Folge davon wären deutlich mehr Naturkatastrophen.
In den Szenarien zwei und drei summierten sich die Verluste bei den teilnehmenden Banken jeweils auf rund 70 Milliarden Euro. Aus Sicht der Deutschen Kreditwirtschaft (DK) zeigen die Ergebnisse, dass die Auswirkungen der Klimarisiken auf den Bankensektor tragbar sind.
Die EZB und auch Experten wie Henning Dankenbring von der Beratungsfirma KPMG führen die vergleichsweise niedrigen Belastungen dagegen vor allem auf das Design der Übung zurück. „Hierbei wirkt sich aus, dass der Stresstest vor dem Beginn des Russland-Ukraine-Konflikts entwickelt wurde“, erklärte Dankenbring. Die tatsächlichen Energiepreissteigerungen seit März 2022 überträfen teilweilweise bereits die Annahmen im Stresstest.
Mauricio Vargas von Greenpeace fordert, die Szenarien müssten realistischer und der Stresstest transparenter werden. „Die Öffentlichkeit muss erfahren, wie einzelne Banken abgeschnitten haben.“ Die Ergebnisse der Übung nannte er erschreckend. „Viele Banken unterschätzen nach wie vor die Risiken durch die Klimakrise.“
Banken bekommen Hausaufgaben von der EZB
Alle Banken haben von der EZB individuelles Feedback erhalten – und sollen die Schwachpunkte nun abstellen. Auf ihre Kapitalanforderungen haben die Ergebnisse des Stresstests keine direkten Folgen.
Indirekte Auswirkungen könnten es laut EZB-Kontrolleur Elderson aber geben, schließlich fließen die Resultate in die jährliche Überprüfung der Banken (SREP) ein. Wenn Geldhäuser hier in Kategorien wie Geschäftsmodell, Governance oder Risikomanagement nicht gut abschneiden, kann die Finanzaufsicht von ihnen zusätzliche Kapitalpuffer verlangen.
Elderson machte zudem deutlich, dass die EZB in der Zukunft weitere Klimastresstests plant – und dass diese dann möglicherweise direkte Auswirkungen auf die Kapitalanforderungen der Banken haben. Klimarisiken hätten für die EZB höchste Priorität, sagte Elderson. Irgendwann würden sie in den risikobasierten Ansatz der Finanzaufsicht integriert.
Aus Sicht von Commerzbank-Risikovorstand Marcus Chromik war der erste EZB-Klimastresstest eine gute Übungen für den Bankensektor. „Aber eines ist auch klar geworden: Alle Beteiligten – also Aufsicht, Banken und Unternehmen – haben noch ein gutes Stück Weg zu gehen.“ Entscheidend sei vor allem, dass die Firmenkunden der Banken ihren CO2-Ausstoß reduzierten.
Karolin Kirschenmann vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) sieht vor allem die Politik in der Pflicht. Banken könnten bei der Finanzierung des Umbaus der Wirtschaft eine wichtige Rolle spielen, sagte sie. „Der Finanzsektor kann die Transformation unterstützen, jedoch nicht als Ersatz für eine fehlende oder zu wenig ambitionierte Klimapolitik einspringen.“