Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Interview Hannover-Rück-Chef Henchoz: „Die Rückversicherer müssen effizienter werden“

Der Hannover-Rück-Chef spricht über seine neue Drei-Jahres-Strategie, das starke Wachstum der Branche in Asien und die Auswirkungen der Coronakrise.
20.10.2020 - 18:48 Uhr Kommentieren
Der Vorstandschef der Hannover Rück stellt am Mittwoch seine neue Strategie vor. Im Handelsblatt nennt er bereits die wichtigsten Eckpunkte. Quelle: Hannover Rück/Werner Bartsch
Jean-Jacques Henchoz

Der Vorstandschef der Hannover Rück stellt am Mittwoch seine neue Strategie vor. Im Handelsblatt nennt er bereits die wichtigsten Eckpunkte.

Frankfurt, München Seit anderthalb Jahren steht Jean-Jacques Henchoz an der Spitze der Hannover Rück. Am Mittwoch verkündet der Schweizer nun, mit welcher Strategie er den weltweit drittgrößten Rückversicherer hinter Munich Re und Swiss Re in die kommenden drei Jahre führen will. „Wir müssen uns fragen, wo wir noch wachsen können“, sagt der 56-Jährige im Interview mit dem Handelsblatt.

Dabei hat er mehrere Felder ausgemacht. Zum einen soll der Konzern bei der Pflege der Großkunden noch zulegen. „Bisher haben wir da keinen spartenübergreifenden strukturierten Ansatz, und wir brauchen eine bessere Datenbasis“, gibt sich Henchoz, der den Großteil seines Arbeitslebens beim Wettbewerber Swiss Re verbracht hat, durchaus selbstkritisch.

Strategisch sieht er in Zukunft große Chancen für sein Unternehmen in Asien. „Wir werden unsere Präsenz dort verstärken“, kündigt er an. Von den erwarteten großen Wachstumsaussichten auf dem Kontinent wollen auch die Hannoveraner profitieren. Seiner Einschätzung nach werden in zehn Jahren dort 40 Prozent des globalen Prämienvolumens verdient. Aktuell sind es gerade 15 Prozent.

Dabei spielen die Digitalisierung und die damit verbundene technische Modernisierung seines Hauses eine bedeutende Rolle. Vor allem, weil sich auch die Kunden verändern. „Wir wollen innovativer werden, neue Ideen entwickeln und neue Produkte aufsetzen – und diese mit mehr digitaler Kompetenz global nutzen“, so Henchoz. Die Zusammenarbeit mit digitalen Neulingen in der Branche, den sogenannten Insurtechs, soll dabei ausgebaut werden.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Eine enorme Herausforderung für die gesamte Branche ist die Coronakrise. Henchoz vergleicht die Auswirkungen mit den Anschlägen vom 11. September 2001 und der schwersten Hurrikansaison im Jahr 2005. „Vom Gefühl her ist es ähnlich wie damals – allerdings ist das Thema jetzt deutlich komplexer.“

    Den möglichen Aufstieg der Hannover Rück in den Deutschen Aktienindex (Dax) betrachtet Henchoz dagegen eher zurückhaltend. „Ob wir im Dax oder MDax sind, spielt für mich keine große Rolle“, gibt er sich gelassen. Wichtiger sei, dass der Aktienkurs weiter kontinuierlich klettere und so der Firmenwert gesteigert werde.

    Lesen Sie hier das ganze Interview:

    Herr Henchoz, Sie haben jetzt gut anderthalb Jahre an der Spitze der Hannover Rück hinter sich. Hätten Sie gedacht, dass die Zeit so turbulent wird?
    Nun, das war sicher nicht absehbar. Der Sprung von der Swiss Re nach Hannover war natürlich für mich zunächst einmal eine große Lernkurve. In den ersten Monaten habe ich mich vor allem mit der Analyse unseres Geschäfts beschäftigt – und in diesem Jahr wischte dann die Coronakrise alles andere zur Seite.

    Sie sind ein erfahrener Rückversicherungsmanager. Haben Sie eine vergleichbare Situation schon einmal erlebt?
    Nun, ich sehe nur zwei Ereignisse, die annähernd der Erschütterung gleichkommen, die Corona auf die Versicherer hat: Das ist der Terroranschlag vom 11. September 2001 sowie die schwerste Hurrikansaison im Jahr 2005, die enorme Schäden hinterließ. Vom Gefühl her ist es ähnlich wie damals – allerdings ist das Thema jetzt deutlich komplexer.

    Auf dem Investorentag am 21. Oktober stellen Sie den Investoren Ihren neuen Strategieplan vor. Ist das auch ein leiser Abschied von der Ära Ihres Vorgängers Ulrich Wallin?
    Von Abschied würde ich nicht sprechen. Vieles, was die Hannover Rück ausmacht, werden wir weiter bewahren. Wir werden unsere große Expertise für die Zeichnung von Versicherungsrisiken, also das Underwriting, weiter pflegen, das soll unser Merkmal bleiben. Wir wollen weiter pragmatisch und schnell auf Kundenwünsche eingehen und Kostenführer bleiben. An der Philosophie des Unternehmens wird sich nichts ändern.

    Doch eine neue Strategie ist nur sinnvoll, wenn sich auch etwas ändert. Was sind denn die Kernpunkte, die die neue Ausrichtung von der alten unterscheidet?
    Wir müssen uns fragen, wo wir noch wachsen können. Da sehe ich im Rahmen unseres neuen dreijährigen Strategieplans mehrere Felder: Zum einen können wir beim Key-Account-Management, also der Pflege von Großkunden, noch zulegen. Bisher haben wir da keinen spartenübergreifenden strukturierten Ansatz, und wir brauchen eine bessere Datenbasis. Zweitens sehe ich große Chancen in Asien. Wir werden unsere Präsenz dort verstärken. In zehn Jahren werden 40 Prozent des globalen Prämienvolumens in Asien verdient. Zurzeit sind es 15 Prozent, aber dieser Anteil wird rasch zulegen.

    Beschleunigt Corona bei Ihnen auch die technische Modernisierung?
    Ja, eine weitere Säule der neuen Strategie ist die Digitalisierung. Zum einen verändern sich unsere Kunden entsprechend – und wir müssen ihnen folgen. Zum anderen gibt es neue Anbieter wie die Insurtechs, denen wir einiges anbieten wollen. Wir wollen innovativer werden, neue Ideen entwickeln und neue Produkte aufsetzen – und diese mit mehr digitaler Kompetenz global nutzen. Da sehe ich noch Entwicklungspotenzial und Investitionsbedarf, etwa für Personal. Wir können das aber aus dem laufenden Wachstum finanzieren und dabei unsere Kostenquote halten.

    Corona sorgt jedoch an vielen Stellen für große Unsicherheit. Lassen sich überhaupt mitten in der Krise seriös neue Mittelfristziele formulieren?
    Die Aufgabe ist tatsächlich viel anspruchsvoller geworden, da stimme ich Ihnen zu. Wir müssen mit Bandbreiten arbeiten. Aber grosso modo glauben wir, dass Corona nichts an unserer künftigen Ausrichtung ändern wird, sondern nur an dem Zeitraum, bis wann wir einige Ziele unserer neuen Strategie erreichen. Nun dürfte manches bis zu einem Jahr länger brauchen als ursprünglich gedacht. Manches, was wir uns für 2023 vorgestellt haben, wird nun vermutlich erst 2024 kommen.

    Auch die Munich Re will dieses Jahr noch einen neuen Mittelfristplan vorstellen. Ist die Branche dabei, sich in Teilen neu zu erfinden?
    Nun, Wandel ist für die Branche nicht unüblich. Aber das Geschäftsmodell der Branche funktioniert natürlich seit mehr als 100 Jahren ähnlich. Es geht also um neue Akzente. Die Rückversicherungsbranche ist sicher eine Branche, die effizienter werden muss. Die Kosten in der Erst- und der Rückversicherung müssen runter. Der britische Versicherungsmarkt Lloyd’s of London geht das Thema Kosten beispielsweise schon aktiv an. Wir können auf Dauer nicht mehr so viele Kosten auf die Kunden abwälzen. Bei den Tarifen müssen die Preise dagegen weiter steigen, denn auch die Risiken wachsen.

    Sie haben bereits angekündigt, dass Sie angesichts der Corona-Pandemie und der Häufung von Wirbelstürmen mit anhaltenden Preissteigerungen rechnen. Kommt jetzt die viel beschworene Preiswende?
    Ich bin überzeugt, dass in den Preisrunden mit den Erstversicherern im Jahr 2021 die Raten weiter steigen werden. Die zunehmenden Naturkatastrophenschäden, die Coronakrise sowie die Entwicklung der Zinssätze lassen gar keine andere Wahl.

    Der Klimawandel macht die Tarife immer unberechenbarer und teurer. Fürchten Sie, dass der Moment kommt, wo bestimmte Naturkatastrophen faktisch nicht mehr versicherbar sind?
    Die Möglichkeit besteht. Es kann Risiken geben, die keine Policen mehr decken. Wenn die Temperaturen weiter steigen und die Schäden aus Dürre und Sturm zunehmen, werden bestimmte Gefahren letztlich nicht mehr bezahlbar sein. Doch wir können nicht nur über Preissteigerungen reden. Wir müssen auch mehr tun, um die Schäden zu minimieren und möglichst abzuwenden, indem wir Baustandards anpassen oder in bestimmten Regionen nicht bauen.

    Die Branche wirbt bei der Politik für einen Pandemiefonds, an dem sich auch der Staat beteiligt. Täuscht der Eindruck, dass die Idee in Berlin wenig Gegenliebe findet?
    Nun, ich denke, die Politik hat gerade andere Prioritäten. Aber es ist wichtig, dass jeder versteht, dass das Risiko einer weltweiten Pandemie nicht von privaten Versicherern allein zu tragen ist – dazu sind die Schäden zu hoch. Es braucht also die Mithilfe der Staaten, wenn eine Versicherungslösung gewünscht ist. Wir sollten also mit der Debatte nicht zu lange warten, sonst verlieren wir das Thema aus den Augen. Vorbild könnten die Terrorversicherungen sein, die ebenfalls als letzten Bürgen den Staat vorsehen.

    Die Hannover Rück hat im zweiten Quartal einen überraschend herben Gewinneinbruch erlitten, während die Munich Re deutlich besser durch die Zeit kam. Sonst war es meist umgekehrt. Was ist da schiefgelaufen?
    Unser zugrunde liegendes Geschäft läuft eigentlich recht gut. Es waren im zweiten Quartal tatsächlich fast ausschließlich Reservierungen für Corona-Folgen, die bei uns ins Kontor geschlagen haben. Ein ernsthafter Vergleich lässt sich erst auf Grundlage der Jahreszahlen 2020 anstellen – Quartalszahlen sind da wenig aussagekräftig.

    Sie haben bisher keine neue Gewinnvorhersage für 2020 gegeben, das Jahr hat aber nur noch gut zwei Monate. Wann geben Sie eine Prognose ab?
    Wir denken gerade sehr intensiv darüber nach. Ich bin überzeugt, dass wir Anfang November sagen können, ob wir einen neuen Ausblick geben werden.

    Der Branchentreff in Monte Carlo hat dieses Jahr erstmals nur als Videokonferenz stattgefunden. Freuen Sie sich schon auf die Côte d’Azur im nächsten Herbst – oder kann es sein, dass es bei Ihnen auch 2021 bei einem virtuellen Treff bleibt?
    Es war gut, die Kunden dieses Jahr wenigstens per Videostream zu sprechen. Aber irgendetwas fehlt. Ich vermisse den persönlichen Kontakt und würde mich freuen, wenn ich unsere Geschäftspartner wieder persönlich sehen kann.

    Die Börse erwägt, den Dax-30 um weitere Firmen zu erweitern. Ein Kandidat für den größeren Kreis wäre die Hannover Rück, die dort schon mal notiert war. Wären Sie enttäuscht, wenn das Comeback misslingt?
    Nein, wirklich nicht. Das steht für mich nicht im Vordergrund. Für uns ist es wichtig, dass der Kurs der Aktie weiter kontinuierlich klettert und wir den Unternehmenswert steigern. Aber ob wir im Dax oder MDax sind, spielt für mich keine größere Rolle.

    Die Hannover Rück hatte vor einigen Jahren einen Großteil des Aktien-Portfolios verkauft. Haben Sie jetzt in der Coronakrise wieder aufgestockt?
    Ja, das haben wir tatsächlich. Wir haben Ende März für rund 300 Millionen Euro Papiere eingekauft. Das ist kein großes Paket bezogen auf unser Gesamtportfolio von knapp 50 Milliarden Euro – aber derzeit liegt es ordentlich im Plus.

    Und hat der Privatmann Henchoz die Gelegenheit genutzt?
    Leider nein. Ich hatte in dieser Zeit so viel zu arbeiten, dass ich leider keine Gelegenheit hatte, an etwas anderes zu denken. Ich muss wohl weiter auf meine eher langweilige Pension als Altersversorge setzen.

    Herr Henchoz, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Munich-Re-Chef: Pandemien könnten häufiger werden – „mit deutlich gefährlicheren Erregern“.

    Startseite
    0 Kommentare zu "Interview: Hannover-Rück-Chef Henchoz: „Die Rückversicherer müssen effizienter werden“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%