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Europäische Zentralbank Die Inflation ist gering, der Euro stark – die EZB bleibt trotzdem entspannt

Die Notenbank will den Euro-Kurs stärker in den Blick nehmen, der zuletzt stark aufgewertet hat. Mancher Akteur hatte aber offenbar mehr erwartet.
10.09.2020 - 19:29 Uhr Kommentieren
Die Notenbank sieht keine Notwendigkeit, ihre Maßnahmen anzupassen. Quelle: dpa
Regenwolken über der Europäischen Zentralbank

Die Notenbank sieht keine Notwendigkeit, ihre Maßnahmen anzupassen.

(Foto: dpa)

Frankfurt Die Erwartungen waren hoch, und sie sind zumindest zum Teil enttäuscht worden: Christine Lagarde, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), hat am Donnerstag keine weitere Aufweichung der Geldpolitik in Aussicht gestellt.

Sie betonte zwar mehrfach, der relativ hohe Euro-Kurs spiele indirekt eine Rolle für die Geldpolitik, weil er Einfluss auf die Preise habe. Der EZB-Rat habe „ausgiebig“ darüber diskutiert, betonte sie nach der Sitzung des Gremiums aus EZB-Direktoren und den Präsidenten der nationalen Notenbanken im Euro-Raum. Aber was vielen Beobachtern fehlte, war ein konkreter Hinweis darauf, dass die EZB tatsächlich gegensteuern könnte. Die europäische Gemeinschaftswährung hat seit Anfang Juni um rund sechs Prozent gegenüber dem US-Dollar aufgewertet.

Neue Beschlüsse hat sie ohnehin nicht gefasst, was abzusehen war. Aber viele Ökonomen und Investoren hätten zumindest einen Hinweis auf künftige Beschlüsse erwartet. So beschrieb Katharina Utermöhl, die Europavolkswirtin der Allianz, im Vorfeld ein mögliches Szenario mit „Reden im September, Handeln im Dezember“.

Auch die derzeit sehr niedrige Inflation im Euro-Raum kommentierte Lagarde relativ entspannt. Die Preise sind zuletzt leicht gefallen, und die EZB erwartet erst im kommenden Jahr eine Wende nach oben. Für das gesamte Jahr lautet die Inflationsprognose der Notenbank auf 0,3 Prozent bei einem Schrumpfen der Wirtschaft um 8,0 Prozent, für 2021 dann auf 1,0 Inflation bei 5,0 Prozent Wachstum und für 2022 auf 1,3 Prozent Inflation bei 1,3 Prozent Wachstum.

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    Lagarde betonte, sie sehe keine Gefahr eines Abrutschens in eine Deflation. Die zuletzt sehr schwachen Zahlen seien unter anderem auf die Kappung der Mehrwertsteuer in Deutschland zurückzuführen.

    Grafik

    Alles in allem hatten die Märkte von Lagarde aber anscheinend eine noch weichere Linie erwartet: Jedenfalls stieg der Euro gegenüber dem Dollar schon während der Pressekonferenz am Nachmittag kurzzeitig auf 1,19 Dollar.

    Robin Brooks, Chefökonom der Großbankenorganisation IIF in Washington, kommentierte: „Das größte Risiko in der Pressekonferenz war, dass die niedrige Inflation heruntergespielt wird und sich alles am Euro festbeißt. Leider scheint es genauso abzulaufen.“

    Frederic Ducrozet von der Schweizer Bank Pictet schrieb auf Twitter zu Lagardes entspannter Darstellung der sehr niedrigen Inflation sogar: „Das können Sie nicht ernst meinen, das war selbst für Inflationsexperten eine Überraschung, und der kurzfristige Ausblick ist schrecklich.“ Er warnte davor, zu spät zu reagieren: „Die Geschichte der EZB ist voll Episoden des Zögerns, was später nur dazu führte, dass man umso mehr tun musste.“

    Ganz anders äußerte sich Jörg Krämer, der Chefökonom der Commerzbank: „EZB-Präsidentin Lagarde hat auf der heutigen Pressekonferenz auf die Euro-Stärke politisch korrekt reagiert und keine Gegenmaßnahmen angekündigt. Aber täuschen Sie sich nicht. Um die Jahreswende dürfte die EZB ihre Geldpolitik weiter lockern – und das erst recht, falls der Euro weiter aufwerten sollte.“

    Ulrike Karstens, Europavolkswirtin der Fondsgesellschaft DWS, meinte: „Neu ist die Aufnahme des Wechselkurses in das Eingangsstatement, was ein klares Zeichen für die Besorgnis des Zentralbankrates ist.“

    Lagarde selbst hatte darauf hingewiesen, dass der Kurs früher keine Erwähnung gefunden hat. Der Ökonom Ebrahim Rahbari von der Citigroup glaubt, dass die EZB erst dann deutlich auf den Wechselkurs reagieren wird, wenn der Euro noch weiter steigt – zum Beispiel noch einmal um fünf Prozent.

    Das Thema Wechselkurs ist heikel – vor allem weil der Kurs traditionell keine Zielgröße für die Notenbank sein darf. Um Zinsen kümmern sich die Geldpolitiker, um die Währung die Regierungen – so lautet die Regel, die allerdings bei freien Wechselkursen nicht mehr so ganz funktioniert. Die Notenbanker sind aber auch deswegen zurückhaltend bei dem Thema, weil sie sich nicht den Vorwurf zuziehen wollen, bewusst die eigene Währung zu drücken, um den heimischen Unternehmen zu helfen.

    Auf der anderen Seite ist der Kurs aber ein wichtiger Faktor für das gesamte wirtschaftliche Geschehen. Außerdem, auch darüber redet niemand allzu gern, spielt er eine wichtige, mitunter sogar tragende Rolle bei der Umsetzung geldpolitischer Ziele: Eine weiche Währung führt zu höheren Importpreisen und kann die Wirtschaft antreiben – beides zusammen sollte dazu führen, dass die Inflation etwas steigt und sich dem gewünschten Ziel von zwei Prozent nähert.

    Die Erwartungen an die EZB waren deswegen so hoch, weil zuvor die US-Notenbank (Fed) eine neue Strategie angekündigt hatte, die auf eine weichere Geldpolitik hinausläuft. Danach kam sofort die Frage auf, ob die EZB mit ähnlichen Ankündigungen nachziehen werde.

    Die Fed will künftig ein Überschießen ihres Inflationsziels von zwei Prozent tolerieren, sie strebt nur noch eine „durchschnittliche Inflationsrate“ von zwei Prozent über einen längeren Zeitraum an. Das bedeutet „immer höhere Aktienbewertungen, niedrige Risikoaufschläge bei Zinspapieren und ein immer schwächerer Dollar“, schrieb Andreas Steno Larsen, Chefstratege der Nordea Bank.

    Strategie könnte angepasst werden

    Lagarde hat bestätigt, dass die Inflationsmessung und die Definition des Inflationsziels wichtige Punkte in der Strategiedebatte der EZB sein werden, die im laufenden Monat – verschoben durch die Corona-Pandemie – erst richtig startet. Sie wehrte sich aber dagegen, im Vorhinein schon mögliche Ergebnisse anzusprechen.

    Allianz-Ökonomin Utermöhl vermutet, dass die EZB im Rahmen ihrer eigenen Debatte „wahrscheinlich ebenfalls signalisiert, dass sie auch ein zeitweiliges Überschießen der Inflation tolerieren“ würde. Allerdings nicht, indem sie wie die Fed nur noch eine durchschnittliche Inflationsrate ansteuert. Sondern, das erwarten auch andere Ökonomen, sie wird wahrscheinlich die zwei Prozent explizit als „symmetrisches Ziel“ definieren, nachdem sie bisher offiziell eine Inflation von „nahe an, aber unter“ zwei Prozent anstrebt.

    Allerdings betont die EZB bereits seit vergangenem Jahr, dass ihr Inflationsziel symmetrisch sei. Gemeint ist damit bisher schon, dass eine zu niedrige Inflation genauso bekämpft wird wie eine zu hohe Inflation. Lagarde nannte noch weitere Themen der Strategiedebatte wie etwa die Digitalisierung, darunter einen möglichen digitalen Euro, den Klimawandel und die Kommunikation.

    Weil die EZB keine neuen Beschlüsse gefasst hat, bleibt der offizielle Leitzins bei null und der praktisch wichtigere Einlagenzins bei minus 0,5 Prozent. Die EZB wird bis mindestens Ende des Jahres weiter Zinspapiere für 20 Milliarden Euro monatlich kaufen, zusätzlich kann sie im Rahmen dieses geldpolitischen Programms noch 120 Milliarden zusätzlich flexibel einsetzen. Das eigens wegen der Pandemie geschaffene Notfallprogramm behält das bisherige Volumen 1350 Milliarden Euro, die nach Bedarf für Anleihekäufe eingesetzt werden können.

    Einige Ökonomen, etwa Elga Bartsch von der Fondsgesellschaft Blackrock, hatten im Vorfeld für eine Ausweitung um weitere 500 Milliarden plädiert. Lagarde machte deutlich, dass sie eine volle Nutzung des bisherigen Volumens erwartet, über eine Ausweitung sei aber nicht diskutiert worden. Das Programm ist im Juni bereits um 600 Milliarden aufgestockt worden. Weil sich die Lage an den Finanzmärkten entspannte, wurde das Ankaufprogramm zuletzt etwas weniger genutzt.

    Eine Frage der Glaubwürdigkeit

    Bisher wurden vom Volumen erst 500 Milliarden Euro ausgeschöpft. Die Notenbank hat also noch viel Spielraum. Im August hat sie für netto gerade einmal 60 Milliarden Euro zusätzliche Anleihen über das Programm erworben. Allerdings sind die Käufe in den Sommermonaten normalerweise immer etwas niedriger – wegen der geringeren Liquidität an den Märkten.

    Zuletzt hatte EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel in einem Interview gesagt, dass sie das Volumen des Programms derzeit für „angemessen“ halte und dass die EZB die wöchentlichen Kaufvolumina auch wegen der entspannteren Lage an den Finanzmärkten etwas reduziert habe.

    Lagarde lobte mehrfach dieses unter der Bezeichnung PEPP bekannte Notfallprogramm. Es sei sehr effektiv, habe die Risikoaufschläge bei Staatsanleihen von Ländern mit schwächeren Finanzen im Rahmen gehalten und somit einer möglichen „Fragmentierung“ der Euro-Zone entgegengewirkt.

    Mehr: Podcast Handelsblatt Today: Die EZB ist die Feuerwehr in der Coronakrise.

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