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EZB Warum die Wohnkosten bald stärker in die Inflation einfließen sollen – und wo die Probleme liegen

Bislang sind die Kosten für selbst genutztes Wohneigentum im Euro-Raum anders als in den USA nicht in der Berechnung enthalten. Das soll sich bald ändern. Doch das ist nicht so einfach.
24.06.2021 - 17:25 Uhr Kommentieren
In Deutschland, den Niederlanden und Frankreich sind die Preise fürs Wohnen zuletzt besonders stark gestiegen. Quelle: picture alliance/dpa
Reihenhäuser in Berlin

In Deutschland, den Niederlanden und Frankreich sind die Preise fürs Wohnen zuletzt besonders stark gestiegen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Frankfurt Die Europäische Zentralbank (EZB) ringt derzeit um ihre neue Strategie. Am vergangenen Wochenende berieten die Ratsmitglieder dazu auf einer Klausurtagung in der Nähe von Frankfurt. Einige Beobachter rechnen bereits damit, dass die EZB im Juli die Ergebnisse vorstellen könnte.

Ob das gelingt, hängt aber davon ab, wie schnell sich die Notenbanker in strittigen Punkten einigen, etwa bei der Frage, inwieweit sie eine Inflation von über zwei Prozent tolerieren würden.

In einigen Punkten herrscht seit längerer Zeit Einigkeit. Das gilt vor allem für die stärkere Einbeziehung von Wohnkosten in die Inflationsberechnung. Bislang sind die Kosten für selbst genutztes Wohneigentum im Euro-Raum anders als in den USA darin nicht enthalten.

Doch angesichts stark steigender Wohnungspreise sorgt das immer wieder für Debatten. Kritiker argumentieren, dass die Inflation eigentlich höher wäre als offiziell ausgewiesen. Mit Änderungen will die EZB diesem Vorwurf entgegentreten. Allerdings ist dies nicht so einfach umzusetzen.

Die wichtigsten Fragen zu den geplanten Änderungen:

Wie werden Wohnkosten bisher in der Inflation berücksichtigt?

Im Euro-Raum berücksichtigen die Statistiker im für die EZB maßgeblichen harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) nur Mieten, die mit einem Gewicht von 6,5 Prozent einfließen. Die Kosten für selbst genutztes Wohneigentum sind hingegen nicht enthalten. Laut einer Schätzung der britischen Barclays Bank hätten sie ungefähr einen Anteil von neun Prozent.

In den nationalen Verbraucherpreisindex (VPI), den in Deutschland das Statistische Bundesamt erhebt, fließen sie hingegen ein. Auch in den USA werden sie im von der Notenbank Fed bevorzugten Preisindex für den persönlichen Verbrauch (PCE) berücksichtigt.

Was spricht für eine stärkere Einbeziehung?

Wohnkosten sind für viele Haushalte der größte Ausgabenposten. Außerdem steigen die Preise für Immobilien in einigen Euro-Ländern deutlich stärker als die Preise anderer Güter und Dienstleistungen. Das gilt vor allem für die drei großen Euro-Länder Deutschland, Frankreich und die Niederlande.

Laut einer aktuellen EZB-Studie entfielen auf diese drei Staaten zuletzt etwa drei Viertel des gesamten Anstiegs der Immobilienpreise im Währungsraum. Besonders krass ist die Entwicklung in den Niederlanden. Dort stiegen die Häuserpreise im Mai mit einem Plus von fast 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr so stark wie seit zwanzig Jahren nicht mehr. Kritiker der Geldpolitik der EZB argumentieren oft, dass die Inflation zu niedrig ausgewiesen würde.

Warum hat es bisher keine Änderungen gegeben?

Das hat vor allem zwei Gründe. Zum einen sind Häuser und Wohnungen auch Vermögenwerte. Menschen kaufen Häuser nicht nur, um darin zu wohnen, sondern auch, um wie bei Aktien oder Anleihen Wertsteigerungen damit zu erzielen. Beides ist schwierig zu trennen.

In den Verbraucherpreisindex sollen aber nur Verbraucherpreise und keine Vermögenspreise einfließen. Die EZB soll mit ihrer Geldpolitik nicht die Preise von Aktien, Anleihen oder anderen Vermögenswerten steuern.

Außerdem braucht man zeitnahe Werte für die Schätzung der Kosten für selbst genutztes Wohnen. Bislang werden die Daten im Euro-Raum nur quartalsweise erhoben. Gerade wegen der nötigen Trennung von Vermögens- und Verbraucherpreisen ist die Erhebung aber kompliziert.

In Deutschland behilft sich das Statistische Bundesamt damit, dass es für diejenigen, die in ihrem eigenen Haus wohnen, die Nettokaltmieten ansetzt, die laut Mietspiegel dafür angefallen wären. Diese Herangehensweise ist im gesamten Euro-Raum aber nicht möglich, weil in einigen Ländern wie Spanien die Menschen kaum zur Miete wohnen. Eine Möglichkeit für die Erhebung sind Befragungen von Haushalten zur Zahlungsbereitschaft.

Eine andere Möglichkeit wäre die Kalkulation nach dem sogenannten Nettoerwerbskonzept. Dabei fließen die Kaufpreise neu gebauter Wohnungen und Häuser in die Inflationsstatistik ein, nicht aber die Preise von Wohnungen aus dem Bestand.

Wer ist für Änderungen zuständig?

Zuständig für die Inflationsmessung ist das europäische Statistikamt Eurostat. Es kann aber Änderungen an der Messung nicht selbst beschließen. Diese müsste die EU-Kommission auf den Weg bringen – mit Zustimmung der EU-Staaten. Schon in der Vergangenheit hat es Bestrebungen für eine stärkere Berücksichtigung der Wohnkosten bei der Inflationsberechnung gegeben. Bisher verliefen diese jedoch im Sande. Eine offizielle Unterstützung der EZB würde dem Vorhaben aber mehr Nachdruck verleihen.

Wie lange dauert die Umsetzung?

Vermutlich mehrere Jahre. In der Übergangszeit sind Zwischenlösungen denkbar. So kann die EZB deutlich machen, wie sie die Entwicklung der Wohnkosten stärker in ihrer Geldpolitik berücksichtigt und welche Preisindizes dafür relevant sind.

Welchen Einfluss hätte das für die Inflation?

Laut früheren Schätzungen der EZB würde dies die Inflation im Euroraum um maximal 0,2 Prozentpunkte erhöhen. Auf einen ähnlichen Wert kommt auch Silvia Ardagna von Barclays. Ihrer Prognose zufolge würde dies die Inflation um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte erhöhen. Sie näherte sich damit etwas dem Ziel von aktuell „unter, aber nahe zwei Prozent“ an. Tendenziell käme das Verfechtern einer strafferen Geldpolitik wie Bundesbank-Präsident Jens Weidmann entgegen. Über längere Zeit kann der Effekt aber unterschiedlich ausfallen.

Einige Ökonomen argumentieren, dass die Inflation bei einer stärkeren Einbeziehung der Wohnkosten in der Phase nach der Euro-Krise in den Jahren 2012 und 2013 niedriger ausgefallen wäre als bei der aktuellen Berechnungsweise.

Mehr: Bundesbank erwartet 2022 Tiefpunkt bei der Sparquote

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