Geldpolitik: Finanzmanager „beunruhigt“ wegen jüngsten Marktschocks um Powell
New York. Für einen kurzen Moment am Mittwoch kam die Sorge vor einem „Liberation Day 2“ an die Wall Street: Die Aktienmärkte drehten ins Minus. Der Dollar schwächte sich im Vergleich zu anderen Währungen deutlich ab. Investoren warfen US-Staatsanleihen mit längerfristigen Laufzeiten aus dem Portfolio.
Nach dem „Liberation Day“ Anfang April hatten Anleger schon einmal so reagiert, als US-Präsident Donald Trump überraschend hohe Importzölle angekündigt hatte. Dies sei eine „Befreiung“ der USA von der Ungleichbehandlung durch ihre Handelspartner, sagte Trump damals und benannte den Tag entsprechend.
Am Mittwoch nun befürchteten Anleger, Trump werde die USA auch von ihrem Notenbankchef Jerome Powell „befreien“. Mit dessen Geldpolitik ist der Präsident unzufrieden, weil Powell nicht seiner Aufforderung folgt, die Leitzinsen deutlicher und schneller zu senken. Schon häufiger drohte der Präsident dem Notenbankchef daher mit Entlassung.
Mitte dieser Woche berichteten Medien, die Entlassung stehe kurz bevor. Weil eine unabhängige Notenbank aber ein Stabilitätsgarant für eine Volkswirtschaft ist und weil nicht alle Ökonomen deutliche Zinssenkungen für ähnlich sinnvoll halten wie der US-Präsident, sorgte dies für Beunruhigung an den Märkten.
Trump selbst sagte dann jedoch, die Entlassung sei „sehr unwahrscheinlich“, was die Verkaufsreflexe an den Märkten wieder umdrehte. Trotzdem hat der Vorfall Finanzmanager beunruhigt. Diese Fragen stellen sie sich nun:
Powell-Schock für Märkte – Experte ordnet Trumps Spiel mit der Fed ein
1. War es ein Testballon?
Trump testet häufig provokante Ideen in der Öffentlichkeit, bevor er eine endgültige Entscheidung trifft. Das könnte auch diesmal der Fall gewesen sein, glaubt etwa Joe Gilbert, Portfoliomanager bei Integrity Asset Management.
Dass ein Präsident den Chef der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) entlässt, war an der Wall Street lange Zeit praktisch unvorstellbar. Schließlich gilt eine unabhängige Notenbank als „ein Grundpfeiler der westlichen Welt“ und als Voraussetzung für funktionierende Märkte, wie Professor Scott Galloway von der New York University bereits im Mai betonte.
Dass der US-Präsident die Grenzen seiner Aktionsmöglichkeiten gegenüber Powell ausloten will, werde an der Wall Street aber „als glaubhafte Drohung“ angesehen, so Gilbert gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg. Ein neuer Fed-Chef könnte die Zinsen senken, so wie es Trump schon seit Monaten fordert. „Das ist beunruhigend, und es bleibt abzuwarten, ob Trump damit nur einen Versuchsballon steigen lässt, um die Reaktion der Märkte zu testen – für den Fall, dass er Powell tatsächlich entlässt.“
Eine Reihe von Bank-CEOs stärkte Powell den Rücken. Jamie Dimon, CEO der größten US-Bank JP Morgan Chase, erklärte bereits am Dienstag vor Journalisten: „Die Unabhängigkeit der Notenbank ist absolut kritisch, und das gilt nicht nur für den aktuellen Fed-Chairman, den ich respektiere, sondern auch für den nächsten“, sagte Dimon am Dienstag bei der Vorstellung der Quartalszahlen seiner Bank. Mit der Notenbank „herumzuspielen“, habe oft „schädliche Auswirkungen“. Am Tag darauf pflichteten die CEOs von Goldman Sachs, der Bank of America und der Citigroup ihm bei.
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Brian Moynihan, CEO von Amerikas zweitgrößtem Institut, Bank of America, betonte: „Die Fed ist eine unabhängige Behörde und soll außerhalb des Einflussbereichs der Exekutive und des Kongresses agieren.“ Die Notenbanker würden „zur Rechenschaft gezogen, überwacht und überprüft“. Aber Fakt sei, dass die Fed „als unabhängige Institution geschaffen“ wurde.
2. Welche Schäden hätte die Entlassung?
Der Vorfall am Mittwoch löste auch eine neue Diskussion über ungewollte Konsequenzen aus, falls Trump den Fed-Chef tatsächlich feuern würde. Trump moniert schon seit Wochen, dass Powell das Land „hunderte Milliarden Dollar“ kosten würde. Damit spielt Trump darauf an, dass die Fed den Leitzins schon das ganze Jahr über auf dem derzeitigen Niveau von 4,25 bis 4,5 Prozent belässt, statt die Zinsen zu senken.
Der Präsident hofft darauf, dass niedrigere Zinsen es einfacher machen würden, die hohen Staatsschulden zu bedienen, die durch das neue Haushaltsgesetz noch einmal deutlich ansteigen dürften. Doch diese Hoffnung ist möglicherweise unberechtigt, warnt ein Portfoliomanager in New York. Schließlich könne die Fed nur die Zinsen von Staatspapieren mit kurzfristiger Laufzeit beeinflussen.
Sie waren am Mittwoch gesunken, im Gegenzug stiegen die Kurse an. Das spiegelte die Erwartung der Investoren wider, dass ein neuer Fed-Chef die Zinsen schneller senken würde als Powell. Doch die Renditen auf längerfristige Staatspapiere zogen an – das spiegelt die Sorge der Investoren wider, dass ein neuer Fed-Chef weniger entschlossen gegen den Anstieg der Verbraucherpreise vorgehen würde und somit längerfristige Inflationserwartungen steigen.
Da die US-Regierung Anleihen mit verschiedenen Laufzeiten herausgibt, könnten die von Trump geforderten Zinssenkungen am Ende nicht billiger, sondern teurer für die Finanzierung der Staatsschulden werden, so der Portfoliomanager. „Bleibt zu hoffen, dass dies nun alle in der Regierung begriffen haben.“
Powells Amtszeit als Fed-Chef läuft bis Mai 2026. Sollte Trump Powell tatsächlich vorher feuern und einen eigenen Kandidaten installieren, könnte das erst recht eine Inflationswelle auslösen, warnen Ökonomen. Schließlich gäbe es dann erhebliche Zweifel daran, dass Powells Nachfolger unabhängig von politischem Druck aus dem Weißen Haus agiert.
Nobelpreisträger und Trump-Kritiker Paul Krugman verwies in einer aktuellen Analyse auf die Türkei, wo die Notenbank die Zinsen deutlich gesenkt und damit einen hohen Anstieg der Verbraucherpreise ausgelöst hatte. Die Notenbank habe dann die Zinsen auf 50 Prozent anheben müssen. Krugman geht daher davon aus, dass selbst ein Notenbank-Chef, der so handelt, wie es Trump gern hätte, „am Ende gezwungen sein wird, die Zinsen anzuheben, um den Schaden zu begrenzen“.
3. Was wäre der Worst Case?
Der Supreme Court hat deutlich signalisiert, dass Trump den Fed-Chef nicht nur wegen geldpolitischer Differenzen entlassen kann. Sollte Trump dies dennoch versuchen, würde das zunächst zu einem „riesigen Durcheinander“ führen, warnen Analysten von Wolfe Research. Sie gehen davon aus, dass der gelernte Jurist Powell gegen seine Entlassung klagen würde. Und am Ende müsste der Supreme Court darüber entscheiden.
Für die Märkte würde dies eine neue Phase der Unsicherheit mit sich bringen, so die Analysten. Denn die Gerichte müssten auch darüber entscheiden, ob Powell während des Verfahrens im Amt bleiben könnte oder nicht. Ein solcher Fall wäre ohne historisches Vorbild.
Das schlimmste Szenario wäre laut den Wolfe-Ökonomen, wenn Powell regulär seiner Arbeit nachginge, während Trump anordnete, ihn aus der Fed entfernen zu lassen. „Es versteht sich von selbst, dass Bilder, auf denen Powell entweder von der Polizei oder von Bundesbeamten aus der Fed eskortiert wird, für die Märkte äußerst beunruhigend wären.“