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GeldpolitikEZB-Ratsmitglied Villeroy: Optionen für Zinsentscheid sind offen – OECD fordert strikten Kurs

Vor dem Zinsentscheid will sich Frankreichs Notenbankchef nicht festlegen. Sein niederländischer Kollege warnt derweil davor, dass die Märkte einen neuen Schritt unterschätzen könnten. 06.09.2023 - 20:12 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Die Zentralbank hat seit Sommer 2022 die Zinsen bereits neun Mal in Folge angehoben, zuletzt im Juli um 0,25 Prozentpunkte.

Foto: dpa

Paris. Die Europäische Zentralbank (EZB) kann laut Frankreichs Notenbankchef Francois Villeroy de Galhau auf den nächsten Zinssitzungen in alle Richtungen entscheiden. „Unsere Optionen sind offen für dieses wie für das folgende Treffen“, sagte das Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB) am Mittwoch dem Radiosender BFM Business. Ob er selbst eine weitere Zinserhöhung favorisiert oder eine Zinspause, sagte Villeroy nicht.

Die Währungshüter kommen Donnerstag in einer Woche in Frankfurt zu ihrem ersten Zinstreffen nach der Sommerpause zusammen. Die darauffolgende Zinssitzung findet dann am 26. Oktober in Athen statt.

Villeroy betonte am Mittwoch, dass er überzeugt sei, dass die EZB sich bereits nahe oder sehr nahe am Zinsgipfel befinde. „Wir hatten erste Erfolge im Kampf gegen die Inflation, aber wir müssen weitermachen.“ Die Währungshüter würden die Inflation bis 2025 auf zwei Prozent senken. Die Inflation bleibe eine große Sorge für das französische Volk. „Und das ist unsere absolute Priorität“, merkte er an.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bestärkte die EZB am Mittwoch in ihrem restriktiven Kurs. In der Euro-Zone sollte die Geldpolitik nach Ansicht der OECD die Inflation nachhaltig bremsen und zugleich die Finanzstabilität gesichert werden, teilte die OECD in einem Bericht zur Lage der Wirtschaft in der Europäischen Union und dem Euroraum mit.

Die Jahresteuerung habe zwar abgenommen und liege im August bei 5,3 Prozent, die Kerninflation etwa ohne die schwankungsanfälligen Energie- und Lebensmittelpreise sei jedoch mit ebenfalls 5,3 Prozent vergleichsweise hoch. Deshalb müssten sogenannte Zweitrundeneffekte begrenzt werden, damit es nicht zu einer Lohn-Preis-Spirale komme.

Weiterer Zinsschritt im September möglich

Die Zentralbank hat seit Sommer 2022 die Zinsen bereits neun Mal in Folge angehoben, zuletzt im Juli um 0,25 Prozentpunkte. Der am Finanzmarkt richtungsweisende Einlagensatz, den Geldhäuser für das Parken überschüssiger Gelder von der Notenbank erhalten, liegt inzwischen bei 3,75 Prozent.

Auf ihrer nächsten Sitzung am 14. September könnte die Notenbank die Zinsen erneut um 25 Basispunkte anheben. Die OECD erklärte, dass hohe Zinsen Anfälligkeiten im Finanzsektor verstärkten – vor allem in Ländern mit hoher privater Verschuldung und einem hohen Anteil an variablen Hypotheken.

Auch wenn die Banken weiter gut kapitalisiert und ihre Bilanzen solide seien, sollten die Behörden Risiken des Finanzsektors notfalls gezielt angehen. Mittelfristig sollten Maßnahmen zur Behebung langjähriger Schwächen des Bankensektors, wie Überkapazitäten und geringe Rentabilität, sowie die Vollendung der Bankenunion fortgesetzt werden.

Der französische Notenbankchef zeigt sich überzeugt, dass sich die EZB nahe am Zinsgipfel befinde.

Foto: Reuters

Aus Sicht des niederländischen Notenbankchefs Klaas Knot unterschätzen die Finanzmärkte womöglich die Wahrscheinlichkeit einer Zinsanhebung der EZB. Zwar werde eine Konjunkturabschwächung die Nachfrage sicherlich bremsen, aber die zur Zinssitzung vorliegenden neuen Inflationsprognosen der EZB-Volkswirte würden nur wenig von den Juni-Prognosen abweichen, sagte das Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank der Nachrichtenagentur Bloomberg in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview. Ob ein derartiger Ausblick eine zehnte Zinserhöhung in Folge rechtfertige, sei eine „enge Entscheidung“.

Laut Knot mühen sich die Märkte derzeit ab. „Sie machen wahrscheinlich einen ähnlichen Kampf durch, wie wir ihn nächste Woche durchmachen müssen. Aber ich kann Ihnen versichern, dass es am Ende dieses Ringens eine Entscheidung geben wird.“ Aus den Kursen an den Terminmärkten geht derzeit hervor, dass Investoren die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung nächste Woche nur auf etwa 32 Prozent taxieren. „Wir haben die Feinabstimmungsphase des Straffungszyklus erreicht“, sagte Knot. Eine weitere Anhebung sei immer noch eine Möglichkeit, aber keine sichere Sache.

Italiens Notenbankchef Ignazio Visco sagte hingegen am Mittwoch, es bestehe die Gefahr, dass die EZB die Zinsen zu stark erhöhe. „Das Risiko, zu viel zu tun, ist klar“, so Visco. Die jüngsten Zinsanhebungen stellten eine starke und schnelle Straffung der Geldpolitik dar. Laut dem Chef der Banca d'Italia befindet sich die EZB bei den Zinssätzen nahe dem Punkt, an dem sie ihren Straffungszyklus beenden müsse.

Laut Knot unterschätzten die Finanzmärkte die Wahrscheinlichkeit, dass die EZB in der kommenden Woche die Zinssätze erneut anheben wird.

Foto: Bloomberg

„Ich bin nach wie vor der Auffassung, dass das Erreichen unseres Inflationsziels von zwei Prozent bis Ende 2025 das absolute Minimum ist, das wir schaffen müssen“, sagte Knot.

In ihren Juni-Projektionen hatten die EZB-Volkswirte für 2025 noch einen Anstieg der der Verbraucherpreise von 2,2 Prozent vorausgesagt. Damit würde die Inflationsrate noch immer oberhalb des Stabilitätsziels von 2,0 Prozent liegen, das die EZB mittelfristig als optimales Niveau für den Währungsraum anstrebt.

Nach Ansicht des slowakischen Notenbankchefs Peter Kazimir sollte die EZB kommende Woche die Zinsen womöglich ein letztes Mal anheben. Eine Option sei, am 14. September eine Pause einzulegen und nötigenfalls im Oktober oder Dezember eine weitere und hoffentlich letzte Erhöhung um einen viertel Prozentpunkt zu beschließen, schrieb das EZB-Ratsmitglied in einem Meinungsbeitrag, der am Mittwoch auf der Internetseite der slowakischen Notenbank veröffentlicht wurde.

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„Die zweite Option scheint mir vorzuziehen und vernünftig zu sein“, führte er aus. „Sie besteht darin, nächste Woche eine weitere Erhöhung um 25 Basispunkte vorzunehmen und danach eine Verschnaufpause einzulegen.“ Das sei eine einfachere und effiziente Lösung.

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