Geldpolitik: Lagarde sieht neue Phase im Inflationsprozess – weitere Zinserhöhungen wahrscheinlich
„Unsere Aufgabe ist indes noch nicht erfüllt. Sofern sich die Aussichten nicht wesentlich ändern, werden wir die Leitzinsen im Juli erneut anheben“, sagt Lagarde in Sintra.
Foto: ReutersFrankfurt. Investoren müssen sich auf weiter steigende Zinsen im Euro-Raum einstellen. Darauf zumindest deuten Aussagen von EZB-Präsidentin Christine Lagarde am Dienstag auf dem Notenbankforum der Europäischen Zentralbank (EZB) im portugiesischen Sintra hin. „Wir werden die Leitzinsen auf ein ausreichend restriktives Niveau anheben und dieses Niveau so lange aufrechterhalten müssen wie erforderlich“, erklärte sie.
Gemeint ist ein Zinssatz, der die Wirtschaft so stark bremst, dass die Inflation wieder dauerhaft auf den EZB-Zielwert von zwei Prozent sinkt. Es sei unwahrscheinlich, dass die Währungshüter in naher Zukunft mit absoluter Überzeugung erklären könnten, dass die Leitzinsen ihren Höchststand erreicht haben, erklärte Lagarde.
„Sofern sich die Aussichten nicht wesentlich ändern, werden wir die Leitzinsen im Juli erneut anheben.“ Ob es danach noch weitere Zinsschritte geben wird, ließ sie offen.
Lagardes Rede in Sintra war mit Spannung erwartet worden. Schon oft haben Beiträge dort eine große Richtungswirkung gehabt. In den kommenden Monaten steht die EZB vor schwierigen Debatten. Nach acht Zinserhöhungen in Folge ist die Frage, wie lange sie den Straffungskurs fortsetzen will.
Kritiker fürchten, dass die Notenbank es übertreibt und mit ihrer Politik eine schwere Rezession verursacht. Verfechter einer weiteren Straffung verweisen hingegen auf die nach wie vor hohe Kerninflation, also die um Energie- und Nahrungspreise bereinigte Preissteigerung, und auf die stärker steigenden Löhne.
Kerninflation weiter im Fokus
Aus Sicht des Research-Chefs des Schweizer Vermögensverwalters Pictet, Frederik Ducrozet, stützen Lagardes Äußerungen eher die Verfechter einer straffen Geldpolitik. Er hält eine Zinserhöhung der EZB im Juli nun für nahezu beschlossene Sache.
Vor der Entscheidung am 27. Juli kommen allerdings noch einmal neue Daten zu den Kreditvergabestandards der Banken. Laut Ducrozet wird die EZB bei der Bestimmung des Zinshöhepunkts stark auf die Inflationserwartungen und die Kerninflation achten.
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Lagardes Äußerungen deuten darauf hin, dass sich die Notenbank auf ihrer Juli-Sitzung die Option einer weiteren Zinserhöhung im September offenhalten wird. Hierfür hatte sich bereits Bundesbank-Präsident Joachim Nagel ausgesprochen. Er warnte davor, den Kampf gegen die hohe Inflation zu früh zu beenden.
Noch konkreter äußerte sich der lettische Notenbankchef Martins Kazaks. „Meines Erachtens werden wir die Zinsen weiterhin anheben müssen, und ich glaube nicht, dass wir uns im Juli so wohlfühlen werden, um zu sagen: ‚Wir sind durch.‘“ Er gehe davon aus, dass die Zinsen über den Juli hinaus angehoben werden müssten, aber wann und um wie viel, werde von den Daten abhängen.
Der für die Finanzmärkte entscheidende Zins, den Banken für ihre Einlagen bei der EZB bekommen, liegt aktuell bei 3,5 Prozent. Am Geldmarkt wird damit gerechnet, dass die EZB ihn bis Jahresende auf 4,00 Prozent anheben wird.
„Inflation wird noch lange hoch bleiben“
Im Euro-Raum ist die Inflation im Mai zwar auf 6,1 Prozent von zuvor 7,0 Prozent im April gesunken. Die Kernrate sank allerdings in der 20-LänderGemeinschaft nur leicht von 5,6 auf 5,3 Prozent. Laut den jüngsten Prognosen der EZB-Volkswirte wird die Inflation voraussichtlich bis Ende 2025 über dem Ziel der Europäischen Zentralbank von zwei Prozent liegen. EZB-Präsidentin Lagarde erwartet, dass die hohe Teuerung im Euro-Raum länger anhält, wie sie in Sintra ausführte. „Die Inflation ist zu hoch und wird dies auch noch zu lange bleiben“, sagte sie.
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In einer ersten Phase hätten die Unternehmen in Reaktion auf steigende Kosten ihre Preise angehoben. Dabei haben sie laut EZB zum Teil auch ihre Gewinnmargen erhöht. Nun geht Lagarde jedoch davon aus, dass in einer zweiten Phase höhere Löhne die Preise treiben werden. Sie verwies darauf, dass die EZB in ihren eigenen Prognosen davon ausgeht, dass die Löhne im Euro-Raum bis Ende 2025 um 14 Prozent steigen.
Zwei Gründe sprechen aus Sicht der EZB-Präsidentin dafür, dass sich die steigenden Löhne stärker auf die Inflation auswirken als in der Vergangenheit. Erstens: die Arbeitskräfteknappheit. Diese führe möglicherweise dazu, dass die Löhne selbst dann stärker steigen, wenn die Wirtschaft kaum wächst. Und zweitens: der zuletzt vergleichsweise geringe Produktivitätsfortschritt.
Laut Lagarde geht es für die EZB nun darum, die Inflationserwartungen angesichts des absehbaren stärkeren Lohnanstiegs stabil zu halten. Außerdem müsse die Notenbank dafür sorgen, dass die Unternehmen steigende Arbeitskosten durch geringere Gewinnmargen kompensieren. Hierfür sei es nötig, die Nachfrage für eine gewisse Zeit zu dämpfen, „damit es bei den Unternehmen nicht länger zu dem jüngst beobachteten Preissetzungsverhalten kommt“.