Evergrande und Co.: In China strauchelt ein Immobilienkonzern nach dem anderen
Der zweitgrößte chinesische Immobilienentwickler ist in Zahlungsschwierigkeiten.
Foto: ReutersPeking. Die Krise um den chinesischen Wohnungsbaukonzern Evergrande weitet sich immer mehr aus. Das in Zahlungsverzug geratene Unternehmen ließ die Frist für weitere Zinszahlungen für in US-Dollar gehandelte Offshore-Anleihen verstreichen, wie mehrere Medien am Dienstag unter Berufung auf einige Anleihegläubiger berichteten. Demnach hätten Kuponzahlungen in Höhe von insgesamt 148 Millionen Dollar für Anleihen mit den Laufzeiten April 2022, April 2023 und April 2024 angestanden.
Evergrande hat mehr als 300 Milliarden Dollar Schulden in seiner Bilanz angehäuft. Zudem gibt es Spekulationen über weitere außerbilanzielle Schulden. Am 23. September hatte das Unternehmen Zinszahlungen für in US-Dollar gehandelte Anleihen nicht geleistet. Die Anleihe gilt jedoch erst nach einer 30-tägigen Nachfrist als ausgefallen.
Zwar macht Evergrande gerade die meisten Schlagzeilen, doch das Problem sitzt tiefer: Laut Bloomberg-Daten machen die versäumten Zahlungen von Immobilienunternehmen inzwischen 36 Prozent der rekordverdächtigen 175 Milliarden Yuan (27,1 Milliarden Dollar) aus, die in diesem Jahr bei Onshore-Unternehmensanleihen ausgefallen sind.
Mehrere andere Immobilienentwickler sind inzwischen ins Straucheln geraten.
- Sinic Holdings aus Schanghai teilte am Dienstag mit, eine am 18. Oktober fällige Anleihe im Wert von 250 Millionen Dollar voraussichtlich nicht zurückzahlen zu können.
- Der Immobilienentwickler Modern Land hatte am Montag berichtet, er wolle Investoren um die Verschiebung eines Rückzahlungsdatums für ausstehende Anleiheschulden bitten.
- Wettbewerber Fantasia versäumte es am 4. Oktober, fällige US-Dollar-Anleihen in Höhe von 206 Millionen US-Dollar zurückzuzahlen. In der Folge traten zwei Mitglieder des Direktoriums zurück. Nun besteht der Vorstand von Fantasia nur noch aus einem Mitglied, was gegen Börsenzulassungsvorschriften verstößt. Das Unternehmen hatte am Freitag mitgeteilt, dass es Houlihan Lokey als Finanzberater angeheuert hat, um seine Kapitalstruktur zu prüfen und die Liquiditätskrise zu überwinden.
Der Sturm dürfte noch lange nicht vorüber sein
Grund für die Bereinigung in Chinas Immobilienmarkt ist die zunehmende Regulierung der Branche durch die chinesische Staatsführung. Diese hatte in den vergangenen Monaten einige Maßnahmen ergriffen, um den heiß gelaufenen Immobilienmarkt des Landes abzukühlen. So wurden Hauskredite restriktiver vergeben und insbesondere auf lokaler Ebene mehr Beschränkungen für Privatpersonen für den Kauf von Wohneigentum erlassen.
Als Schlüsselmoment, in dem der gesamte Sektor ins Wanken geriet, wird jedoch eine Maßnahme Ende 2020 gesehen. Damals erlegte die Staatsführung den Immobilienentwicklern neue Kreditbeschränkungen auf, die sogenannten „drei roten Linien“. In der Folge musste die gesamte Branche ihre Finanzierung neu aufstellen.
Und der Sturm dürfte noch lange nicht vorüber sein, denn der Umbau des Sektors ist in vollem Gange. Laut einer Analyse der „Financial Times“ verstießen im Juni 2021 noch immer fast die Hälfte der 30 größten Bauträger Chinas gegen mindestens eine der neuen Regeln, die die Immobilienentwickler bis zum Jahr 2023 erfüllt haben müssen.
Diese besagen erstens, dass das Verhältnis von Verbindlichkeiten zu Vermögenswerten unter der Marke von 70 Prozent liegen muss. Zweitens dürfen die Entwickler maximal einen Nettoverschuldungsgrad von 100 Prozent haben, und drittens darf das Verhältnis von Barmitteln zu kurzfristigen Schulden eine bestimmte Grenze nicht unterschreiten.
Hinzu kommt jedoch, dass aufgrund der anhaltenden Krise in der Branche die Renditen für chinesische Dollar-Schrottanleihen, die mehrheitlich von Immobilienunternehmen begeben wurden, laut Bloomberg auf 17,5 Prozent gestiegen sind – der höchste Stand seit etwa einem Jahrzehnt. Für die Branche bedeutet dies, dass die wichtige Finanzierungsquelle über Anleiheemissionen praktisch versiegt ist.
Falls es zu stark bergab geht mit dem Immobilienmarkt, bleiben der chinesischen Staatsführung laut Einschätzung von Experten einige Möglichkeiten, den Sektor zu stabilisieren. So könnte sie etwa die Frist, bis zu der die Entwickler die „drei roten Linien“ einhalten müssen, weiter in die Zukunft verschieben. Sie könnte auch dafür sorgen, dass Häuserkredite wieder schneller und leichter vergeben werden, um die Kaufnachfrage anzukurbeln. Auch der Bau von Sozialwohnungen könnte den Markt unterstützen. Doch solange der Druck auf den Sektor nicht zu stark wird, so die Einschätzung der meisten Analysten, wird Peking den eingeschlagenen harten Kurs nicht ändern.
Peking kündigt eine Prüfung der Aufsichtsbehörden an
Für weitere Unruhe sorgte unterdessen eine Mitteilung der Zentralen Kommission für Disziplinarinspektion der Kommunistischen Partei am Montag. Demnach sollen in der Volksrepublik zum ersten Mal seit sechs Jahren die Finanzaufsichtsbehörden des Landes, die größten staatlichen Banken, Versicherungen und Verwalter notleidender Kredite geprüft werden, um gegen Korruption vorzugehen.
Ein Team unter der Leitung der Zentralen Kommission für Disziplinarinspektion werde eine zweimonatige Überprüfung der chinesischen Banken- und Versicherungsaufsichtsbehörde (China Banking and Insurance Regulatory Commission, CBIRC) einleiten und bis zum 15. Dezember Beschwerden von Hinweisgebern entgegennehmen, hieß es am Montag in einer Erklärung.
Beobachter fürchten, dass die Kontrolle auch dazu führen könnte, dass es in der Folge zu Strafmaßnahmen wie Geldbußen oder eine stärkere Regulierung der Kreditvergabe kommen könnte, was sich negativ auf die Finanzunternehmen auswirken könnte.