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Interview mit Christian Hecker Trade-Republic-Mitgründer: „Vielen unserer Anleger geht es nicht nur um Rendite und Risiko“

Der Berliner Neobroker Trade Republic will die europäische Expansion vorantreiben. Kritik am Geschäftsmodell wiegelt Co-Gründer Christian Hecker im Interview ab.
19.07.2021 - 17:06 Uhr Kommentieren
Das junge Unternehmen ist zu einem ernst zu nehmenden Spieler im Wertpapiergeschäft geworden. Quelle: Trade Republic
Trade Republic

Das junge Unternehmen ist zu einem ernst zu nehmenden Spieler im Wertpapiergeschäft geworden.

(Foto: Trade Republic)

Frankfurt Seit der jüngsten Finanzierungsrunde im Mai ist der Berliner Neobroker Trade Republic das wertvollste Finanz-Start-up in Deutschland. Mit einer Bewertung von über fünf Milliarden Dollar und über einer Million Kunden ist das junge Unternehmen längst zu einem ernst zu nehmenden Spieler im Wertpapiergeschäft mit Privatkunden geworden – und zu einem bedeutenden Konkurrenten der etablierten Broker.

Dass nun die EU-Aufseher die Geschäftsmodelle der Neobroker unter die Lupe nehmen und prüfen wollen, ob die Firmen auch im besten Interesse ihrer Kunden handeln, begründet Trade-Republic-Mitgründer Christian Hecker daher auch mit einem Lobbyismus gegen die Start-ups. Er ist überzeugt, dass die Prüfung zeigen wird, dass die Nutzer bei Trade Republic das bestmögliche Angebot im Markt bekommen.

Während der US-Anbieter Robinhood auf dem Sprung an die Börse ist, hat Hecker dies für Trade Republic noch nicht im Blick. Man müsse zuerst noch einiges an Aufbauarbeit leisten. Klar ist für ihn aber auch: Sollte einmal ein Börsengang anstehen, sollen davon auch deutsche Sparer profitieren.

Deren Altersvorsorge liegt dem Trade-Republic-Mitgründer besonders am Herzen. An die neue Bundesregierung hat Hecker daher einige Forderungen. Besonders wichtig ist ihm dabei die Einführung eines steuerbefreiten Sparportfolios, mit dem die Bundesbürger einfach und ohne komplexe Regeln mit Aktien sparen können.

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    Interessant auch: Hecker zufolge hat sich die Finanzbildung der jungen Anleger in Deutschland im Vergleich zur Jahrtausendwende deutlich verbessert. Er erkennt bei der Geldanlage ein ähnliches Verantwortungsbewusstsein wie beim Klimawandel.

    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Herr Hecker, haben Sie einen Tipp für uns: Was wird denn über Trade Republic derzeit am meisten gehandelt?
    Das ändert sich täglich. Seit Langem stark gefragt sind aber die Aktien von US-Techfirmen wie Alphabet, Apple und Facebook. Bei den Indexfonds investieren viele unsere Anleger im Bereich erneuerbare Energien.

    Was lesen Sie daraus ab?
    Ich denke, dass es vielen unserer Anleger nicht nur um Rendite und Risiko geht, sondern auch um das, was sie mit ihren Investitionen beeinflussen können, das fällt unter den Begriff Impact-Investing. Viele junge Menschen sorgen sich aber nicht nur wegen des Klimawandels, sondern auch darüber, wie sie im Niedrigzinsumfeld langfristig und nachhaltig sparen können.

    Zahlreiche Kunden haben sich während der Coronakrise erstmals für die Aktienmärkte interessiert. Werden diese auch dauerhaft Aktionäre bleiben?
    Den Menschen wir zunehmend bewusst, dass die Rente in der jetzigen Form nicht reichen wird. Die einzige Möglichkeit, wie sie mit einer auskömmlichen Rendite sparen können, finden sie am Aktienmarkt. Wir haben heute deutlich über eine Million Nutzer, davon hat die Hälfte zuvor noch nie an der Börse investiert. 80 Prozent unserer Kunden haben mindestens einen Aktien- oder ETF-Sparplan, in den sie im Schnitt zwischen 150 und 500 Euro im Monat investieren. Trade Republic wird als ein neues digitales „Sparschwein“ genutzt.

    Wir haben eine lange Börsenrally hinter uns. Wie lässt sich verhindern, dass diese Kunden ihre Anlagen verkaufen, wenn es einmal abwärts geht?
    Sparpläne haben den Vorteil, dass in Abwärtsphasen günstig Anteile zugekauft werden. Dass es kurzfristig auch Schwankungen geben kann, ist unseren Kunden bewusst. Das Finanzwissen ist heute viel ausgeprägter als um die Jahrtausendwende, als die Dotcom-Blase geplatzt ist. Bei Sparplänen sollte man einen Anlagehorizont von 10, 20 oder 30 Jahren haben.

    Woran machen Sie fest, dass es mehr Finanzbildung gibt? Das wird doch häufig kritisiert.
    Im Coronajahr 2020 haben viele unserer Kunden auf eine breite Diversifikation geachtet und stark in ETFs investiert, während sich in früheren Krisen die Anleger meist sofort vom Aktienmarkt verabschiedet haben. Das Risikoprofil unserer Kunden als Kennzahl ging um 20 Prozent nach unten, trotz eines der volatilsten Aktienmärkte seit Jahren.

    Dennoch ist die Zahl der Aktienanleger in Deutschland noch ausbaufähig. Wenn Sie auf die anstehende Bundestagswahl schauen: Was müsste die Politik tun, damit noch mehr Menschen mit Aktien sparen?
    Aus meiner Sicht fehlt es bei allen Parteien an einem echten Zukunftsprogramm für die Altersvorsorge. Keine Partei sticht hier positiv hervor. Deutschland hinkt im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wie Schweden und den Niederlanden aber auch Frankreich und Italien deutlich hinterher. Ich lese aus den meisten Programmen nur mehr Steuern in Form der Abschaffung der Abgeltungsteuer und höhere Komplexität durch wieder neue Ausnahmen heraus. Das ist natürlich schlecht.

    Was machen diese Länder denn besser?
    In Frankreich gibt es beispielsweise den sogenannten Plan d’Epargne en Actions (PEA). Die Bürger können in französische und europäische Aktien und Fonds investieren. Halten sie ihr Portfolio mit einem Volumen von bis zu 150.000 Euro pro Person für mindestens fünf Jahre, sind die Erträge steuerbefreit. Das ist für jeden einfach, verständlich und transparent. Der deutsche Staat hingegen erhebt auch für Kapitalerträge, die der Altersvorsorge dienen, eine Abgeltungsteuer von 25 Prozent auf Zinserträge, Kursgewinne und Dividenden. Im Jahr der Wahl diskutieren wir nun sogar wieder die Einführung der Einkommensteuer auf Kapitalerträge – für den Durchschnittsverdiener also höhere Steuern. Das passt nicht zusammen.

    Was fordern Sie von einer neuen Bundesregierung konkret?
    Die steuerlichen Rahmenbedingungen müssen sich deutlich verbessern. Es fängt bei kleinen Sachen an: Der Sparerpauschbetrag von 801 Euro pro Person wurde seit zehn Jahren nicht erhöht – trotz Inflation. Wir brauchen dringend auch ein steuerbefreites Sparportfolio ohne komplexe Regeln, das übrigens neben Frankreich nun auch Italien umsetzen will.

    Meinen Sie wirklich, dass steuerliche Vorteile allein ausreichen, um Menschen zum Aktiensparen zu bewegen?
    Es ist ein Anfang, der Anreize schafft und zeigt, wo wir gedanklich hinwollen. Wir benötigen dazu auch einen Neustart bei der Riester-Rente, sozusagen ein Riester 2.0. Mit diesem Produkt sollten alle Arbeitnehmer am Kapitalmarkt investieren müssen – egal ob das dann ein staatlich oder privat organisierter Fonds ist. Die USA, Großbritannien und Schweden machen uns vor, wie die Bürger direkt über den Arbeitgeber sparen.

    Eine verpflichtende zusätzliche Altersvorsorge wäre also richtig?
    Ich denke, dass das unausweichlich ist. Ähnlich wie der Klimawandel ist auch die massive Rentenlücke ein Fakt, der nicht zu leugnen ist. Private, kapitalmarktgebundene Altersvorsorge ist ähnlich unausweichlich wie höhere CO2-Limits. Nur so können wir verhindern, dass später viele Menschen mit Altersarmut konfrontiert sind. Es bedarf einer großen gesamtgesellschaftlichen Anstrengung, um das zu verhindern.

    Ist es nicht zu riskant, die Altersvorsorge stark auf den Kapitalmarkt auszurichten?
    Wir sollten uns nicht fragen, ob und wann der nächste Börsenabschwung kommt, sondern unter welchen Voraussetzungen die Weltwirtschaft weiterwachsen wird. Dann können wir ohne Bedenken langfristig am Kapitalmarkt investieren. Für die deutsche Wirtschaft ist dabei wichtig, den digitalen Anschluss nicht zu verlieren.

    Der Trade-Republic-Mitgründer steht mit seinem Neobroker auf Platz vier der wertvollsten deutschen „Unicorns“. Quelle: Trade Republic
    Christian Hecker

    Der Trade-Republic-Mitgründer steht mit seinem Neobroker auf Platz vier der wertvollsten deutschen „Unicorns“.

    (Foto: Trade Republic)

    Deutsche Finanztechnologiefirmen, kurz Fintechs, sind doch gerade in aller Munde. Fürchten Sie trotzdem, dass Deutschland hier den Anschluss verliert?
    Im Finanzbereich gibt es den Vorteil, dass die Einstiegshürden relativ hoch sind. In Europa gibt es daher bereits große Fintechs wie den britischen Zahlungsdienstleister Checkout oder den schwedischen Konkurrenten Klarna. Wenn diese Firmen an die Börse gehen, dürfen deutsche Anleger nicht verpassen, dort zu investieren. Da es in Europa keine großen Venture-Capital-Investoren gibt, sondern vorwiegend die Angelsachsen und Asiaten Geld in europäische und auch deutsche Start-ups stecken, profitieren aktuell nur Sparer in den USA oder China von den Entwicklungen hierzulande – wenn beispielsweise Versicherungen das Geld aus ihrer Altersvorsorge bei den VCs anlegen. Auch bei Trade Republic kommen die Investoren größtenteils aus dem angelsächsischen Raum.

    Da Sie schon das Thema Börsengang angerissen haben: Der US-Anbieter Robinhood steht kurz vor dem Sprung an die Börse. Wann steht das bei Ihnen an?
    Wir müssen zuerst noch einiges an Aufbauarbeit leisten. Sollte bei uns einmal ein Börsengang anstehen, sollen aber auch deutsche Sparer davon profitieren.

    Nach der großen Finanzierungsrunde über 900 Millionen Dollar, die Sie im Mai verkündet haben, haben Sie auch erst mal genug Geld. Was haben Sie damit vor?
    Wir stellen gerade sehr viele hochtalentierte Mitarbeiter aus der ganzen Welt ein und bereiten die weitere europäische Expansion vor. Bis Ende nächsten Jahres wird sich unsere Mitarbeiterzahl auf dann rund 800 verdoppelt haben. Wir sind bereits in Frankreich und Österreich aktiv und wollen im Lauf der nächsten zwei Jahre in der gesamten Euro-Zone vertreten sein. Interessante Märkte sind vor allem auch Italien und Spanien.

    Wie ist das Geschäft in Frankreich denn angelaufen?
    In Frankreich sind wir sehr gut gestartet. Unsere Marke ist dort zwar noch nicht so bekannt wie hierzulande. Unser Vorteil ist aber, dass Aktienhandel dort sehr teuer ist. Viele Franzosen haben in den letzten Jahren gar nicht in die großen US-Techwerte investiert, weil ihnen die Ordergebühren von mindestens 25 Euro zu hoch waren.

    Sie setzen die Altersvorsorge in den Mittelpunkt. Dennoch hat Trade Republic zuletzt Kryptowährungen eingeführt und das Angebot an Derivaten ausgeweitet. Das spricht doch eher Zocker an.
    Aktuell sind weniger als fünf Prozent unserer Kunden in Derivaten investiert. Selbst auf dem Höhepunkt des Hypes rund um spekulative Aktien wie Gamestop haben weniger als acht Prozent der Kunden diese sogenannten Meme-Stocks gehalten. Der Fokus unserer Plattform liegt eindeutig auf dem Sparen. Das ist auch der Grund, warum sehr erfahrene VC-Investoren wie Sequoia oder Peter Thiel bei uns investiert haben – das Marktpotenzial ist hier sehr groß. Im Übrigen können auch Kryptowährungen Teil einer langfristigen Anlagestrategie sein.

    Wie das?
    Das sieht man schon daran, dass vermehrt institutionelle Investoren in Kryptowährungen wie den Bitcoin investieren. Auch unsere Kunden nehmen das Angebot gut an. Ein Grund ist, dass vielen Menschen die steigenden Staatsschulden in Europa kritisch sehen. Einige Anleger wollen einen Teil der Liquidität auch langfristig gegen Inflation schützen. Es ist zudem wichtig, dass die Menschen heute Berührungsängste gegenüber dieser neuen Anlageklasse verlieren. Sonst laufen wir – typisch deutsch – Gefahr, dass wir irgendwann feststellen, dass sich Kryptowährungen ohne unsere Beteiligung fest am Markt etabliert haben.

    Derzeit setzen nahezu alle Neobroker auch auf Bitcoins. Wie wollen Sie sich dauerhaft von den Wettbewerbern abheben?
    Wir sind der einzige Anbieter in Europa mit eigener Banklizenz und eigener Bank-Infrastruktur. Zudem haben wir das breiteste Produktangebot, egal ob es um Sparpläne, Bruchteilaktien oder den vollregulierten Kryptohandel geht. Während sich manche unserer Wettbewerber in Nischen aufhalten, bedienen wir den Massenmarkt. Wir wollen Trade Republic zur Homescreen-App für das Vermögen der Zukunft machen – und zwar europaweit.

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    Wollen Sie auch zukaufen, um beispielsweise einen Robo-Advisor im Angebot zu haben?
    Robo-Advisors haben aus unserer Sicht bisher nicht so gut funktioniert. Auch darüber hinaus sind Übernahmen für uns nicht relevant. Im Fintech-Bereich sind die regulatorischen Hürden sehr hoch. Es ist schwer, Synergien zu heben. Wir entwickeln uns lieber organisch weiter.

    Immer wieder stehen die Neobroker wegen der Rückvergütungen in der Kritik, die sie von den Handelspartnern erhalten. Auch die EU schaut Ihrer Branche nun genauer auf die Finger. Was erwarten Sie da?
    Zunächst einmal haben wir die Rückvergütungen nicht erfunden. Die erhalten seit Langem viele Banken und Versicherungen – insbesondere die etablierten. Wir gehen mit dem Thema seit jeher sehr transparent um. Wir konzentrieren uns zudem darauf, das beste Angebot für den Kunden aufzubauen. Das heißt, durch technologische Innovation Prozesse so günstig anzubieten, dass Kunden Kosten sparen. Unsere Kunden bekommen daher aus zwei Gründen das bestmögliche Angebot am Markt. Wir verlangen keine Ordergebühren, nur eine Fremdkostenpauschale von einem Euro, Sparpläne sind komplett kostenfrei. Und: Bei einem großen Teil unserer Transaktionen stellen wir den Kunden sogar bessere Kurse als die, die Xetra als Referenzmarkt bietet.

    Was bedeutet die Untersuchung der Neobroker durch die EU-Kommission und die EU-Finanzmarktaufsicht Esma also für Sie?
    Wir begrüßen es ausdrücklich, dass die Esma die Rückvergütungen genauer unter die Lupe nimmt. Es ist wichtig, dass wir das Thema entmystifizieren und Transparenz geschaffen wird. Wir haben das beste Angebot für den Kunden – insbesondere für die vielen Millionen Menschen, die mit kleinen Beträgen nun erstmals sparen können. Wie bei jeder großen Innovation wird häufig auch Lobbyismus gegen die Neobroker betrieben.

    Eine Konsequenz wird also nicht sein, dass Sie beispielsweise künftig mehrere Börsenplätze zur Auswahl anbieten?
    Die Wahl zwischen mehreren Börsen war früher sinnvoll. Heute sind die Kurse an den verschiedenen Handelsplätzen sehr ähnlich. Uns ist es wichtiger, Komplexität rauszunehmen und dadurch die Kosten für den Kunden zu senken. Daher konzentrieren uns auf unseren einen Handelspartner. Grundsätzlich ist der Wettbewerb zwischen den Börsen und Handelsplätzen aber gut. Konkurrenz führt zu einer besseren Qualität für den Kunden.

    Mehr: Robinhood muss erwachsen werden – und die Börse ist der richtige Platz dafür

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