Deutscher Leitindex: Es regt sich Widerstand gegen den Dax 40
Bis Mittwochabend sammelt die Börse Einschätzungen zur Dax-Reform.
Foto: Marc-Steffen UngerFrankfurt. Theodor Weimer hat kein Problem damit anzuecken. Schon wenige Monate nach seinem Amtsantritt als Chef der Deutschen Börse schlug er 2018 eine Erweiterung des Dax vor – und sorgte damit auch im eigenen Haus für Irritationen. Das Unternehmen hatte sich mit dem Thema schließlich schon mehrfach beschäftigt – und am Ende stets an einem Leitindex mit 30 Werten festgehalten.
Gut zwei Jahre später kommt nun Bewegung in das nach wie vor umstrittene Thema. Deutschlands größter Börsenbetreiber prüft im Rahmen einer Dax-Reform nun ganz offiziell eine Aufstockung des Leitindexes auf 40 Unternehmen.
Einen größeren Dax soll es den Planungen zufolge aber nur geben, wenn gleichzeitig der MDax der mittelgroßen Unternehmen von 60 auf 50 Unternehmen verkleinert wird. Anleger, Unternehmen und Verbände hatten bis Mittwochabend Zeit, sich zu den Plänen im Rahmen einer Marktbefragung zu äußern. Eine Entscheidung soll Ende November fallen. Schon jetzt zeichnet sich ab: Der Widerstand gegen eine Aufstockung ist groß.
Viele institutionelle Investoren, aber auch namhafte MDax-Unternehmen wie Evonik, die Commerzbank und der Düngemittelhersteller K+S sprechen sich gegen eine Dax-Vergrößerung aus. Durch die Aufstockung würde sich am Kräfteverhältnis im Leitindex wenig ändern, argumentieren sie. Der MDax würde dagegen massiv an Marktkapitalisierung und Bedeutung verlieren.
Die Kritik vieler Unternehmen und Investoren fasst der Deutsche Investor Relations Verband (DIRK), der nach eigenen Angaben 90 Prozent des börsengelisteten Kapitals in Deutschland vertritt, so zusammen: Bei der geplanten Aufstockung des Dax würde die Zahl der Titel zwar um 33 Prozent zunehmen, die Marktkapitalisierung der frei handelbaren Aktien jedoch lediglich um rund acht Prozent.
Der auf 50 Werte geschrumpfte MDax würde dagegen 31 Prozent seiner Marktkapitalisierung verlieren. „Der neue MDax 50 wäre der große Indexverlierer“, konstatiert der DIRK – und spricht von einer „indextechnischen Verzwergung“.
Das Deutsche Aktieninstitut (DAI), die Lobby der börsennotierten Unternehmen in Deutschland, sieht das ähnlich. Die Organisation, deren Mitglieder 85 Prozent der Marktkapitalisierung deutscher börsennotierter Unternehmen vertreten, spricht sich für eine umfassende Diskussion über die Dax-Erweiterung aus.
Für einen größeren Dax gebe es durchaus gute Argumente, erklärt das DAI. Aber: Sinnvoll wäre die Aufstockung nur, wenn der MDax deutlich vergrößert und der Schwund an Marktkapitalisierung so zumindest teilweise kompensiert würde.
Auch vonseiten der Investoren regt sich Widerstand. Der MDax würde zu sehr entwertet, heißt es bei einem großen US-Fondshaus. Das sieht auch Christoph Berger, Leiter des Teams für deutsche Aktien bei Allianz Global Investors (AllianzGI), so. „Der MDax hat sich als Indexkonzept etabliert“, sagt Berger. „Bei einer Verkleinerung würde er nur noch etwa zehn Prozent statt wie bislang 19 Prozent der Marktkapitalisierung aller im Börsensegment Prime Standard gelisteten Unternehmen abbilden.“ Unternehmen, die im streng regulierten Qualitätssegment Prime Standard notieren, müssen besondere Transparenzpflichten erfüllen.
Hinzu kommt laut Berger: Mit dem HDax, der rund 100 Unternehmen umfasst, gebe es bereits einen breiten Marktindex. Deshalb erscheine eine Vergrößerung des Dax unter dem Aspekt der breiteren Marktabdeckung „nicht zwingend notwendig“.
Was die Befürworter sagen
Die Befürworter einer Dax-Aufstockung argumentieren unter anderem, dass nicht nur in den USA, sondern auch in europäischen Ländern wie Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien mehr Unternehmen in den Leitindizes vertreten sind. Außerdem sehen sie die Chance, den Index inhaltlich breiter und damit stabiler aufzustellen, wie Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei der Fondsgesellschaft Deka Investment, sagt. Die für börsengehandelte Indexfonds (ETFs) zuständigen Strategen des Asset-Managers Amundi meinen ebenfalls, dass ein Dax mit 40 Werten den Markt für große deutsche börsennotierte Unternehmen besser abbildet.
Darüber hinaus betonen die Befürworter, zu denen auch Dax-Konzerne wie Heidelberg Cement und der Pharmakonzern Merck gehören, dass bei einer Aufstockung mehr Unternehmen aus zukunftsorientierten Branchen Chancen auf den Aufstieg in die erste Börsenliga hätten und der Dax dadurch moderner würde. Zu den Firmen, die bei einer Dax-Erweiterung aufrücken könnten, gehören der Onlinehändler Zalando, der Essenslieferdienst Hellofresh, das Vergleichsportal Scout24 und das Biotechunternehmen Qiagen.
Der Deutsche-Börse-Chef befürwortet eine Dax-Erweiterung.
Foto: dpa„Die Idee, über eine Indexreform mehr Branchenvielfalt und eine bessere Abbildung der deutschen Wirtschaft zu erreichen, ist im Grundsatz richtig und sinnvoll“, sagt Götz Albert, Chefanlagestratege bei der auf Nebenwerte spezialisierten Fondsgesellschaft Lupus alpha. Doch auch Albert schränkt ein: „In der Praxis wird die Aufnahme von zehn neuen Unternehmen wenig an der bisherigen Dominanz der Großkonzerne im Dax ändern.“ Auch was den Branchenmix angehe, werde es nur kleine Veränderungen geben.
So würden laut Indexexperten die ohnehin stark vertretenen Branchen Pharma und Chemie ihr Gewicht im Leitindex durch potenzielle Aufsteiger wie den Chemiehändler Brenntag, den Medizintechnikhersteller Siemens Healthineers und den Laborausrüster Sartorius eher erhöhen als verringern.
Aufsteiger weniger sichtbar?
Das sieht auch AllianzGI-Manager Berger so: „Oft hört man, dass ein Dax 40 die deutsche Wirtschaft besser abbilden würde, doch die Unternehmen auf den Plätzen 31 bis 40 hätten im erweiterten Dax zusammen nur ein Gewicht von etwa acht Prozent.“ Die Aufsteiger wären damit im Dax wenig sichtbar.
Nach Berechnungen des Investor-Relations-Verbands DIRK käme bei einer Aufstockung des Dax das kleinste Unternehmen in der ersten deutschen Börsenliga gerade mal auf eine Marktkapitalisierung von acht Milliarden Euro. Einige Dax-Titel hätten damit im internationalen Vergleich eher den Charakter von mittelgroßen Unternehmen – und in einem Leitindex somit eigentlich nichts verloren. Zum Vergleich: Das Dax-Schwergewicht SAP ist rund 116 Milliarden Euro wert, die Deutsche Telekom 64 Milliarden Euro.
Die Aufstockung des Leitindexes ist nicht der einzige, aber der umstrittenste Punkt beim geplanten Dax-Umbau, den die Deutsche Börse auch als Reaktion auf den Wirecard-Skandal angestoßen hat. Der Zahlungsdienstleister, der über Jahre seine Bilanz geschönt hatte, war knapp zwei Jahre lang Mitglied in der ersten Börsenliga – und auch noch Wochen nach seiner spektakulären Pleite.
Künftig sollen Unternehmen, die wie Wirecard nicht fristgerecht einen testierten Jahresbericht vorlegen, innerhalb von zwei Werktagen aus dem Leitindex fliegen. Zudem müssen Dax-Konzerne einen unabhängigen Prüfungsausschuss im Aufsichtsrat vorweisen. Bei Investoren kommt das gut an. „Ein solches Qualitätssignal ist wünschenswert“, sagt Fondsmanager Berger. „Als Investor kann ich keinen Wirtschaftsprüfer befragen, das kann nur ein Prüfungsausschuss.“
Andere Reformvorschläge werden dagegen kontrovers diskutiert – etwa der Plan, Unternehmen mit umstrittenen Waffengeschäften aus allen Indizes der Dax-Familie zu verbannen. „Der Begriff ‚umstrittene Waffen‘ legt nahe, dass Meinungen oder Ermessensentscheidungen als Grundlage für die Aufnahme in Dax-Indizes genommen werden sollen“, moniert der Investor-Relations-Verband. Das widerspreche dem erklärten Ziel, nur messbare Kriterien anzulegen. Stattdessen werde „ohne Not eine Diskussion über die ethische Akzeptanz einzelner Geschäftsmodelle provoziert“.
Andere Investoren sind dagegen der Ansicht, dass im Dax Themen wie Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung (ESG) noch stärker berücksichtigt werden müssten. Der Investor-Relations-Verband argumentiert wiederum, für auf Nachhaltigkeit bedachte Investoren gebe es spezielle Indizes wie den Dax 50 ESG.
Umstrittenes Gewinnkriterium
Umstritten ist unter Investoren auch die Forderung, nur noch profitable Unternehmen in den Leitindex aufzunehmen. „Der Dax soll ein Qualitätsindex sein, aber die Börsenbewertung zielt auf die Zukunft, nicht auf die Vergangenheit“, sagt Berger. Unternehmen, die stark wachsen, aber noch nicht profitabel sind, würden somit im MDax bleiben und dort den Index dominieren. Deshalb ist der Leiter des Teams deutsche Aktien bei AllianzGI eher gegen einen solchen Schritt.
Die Commerzbank sieht die Einführung eines Profitabilitätskriteriums ebenfalls kritisch, da „die Finanzierung von Wachstumsmodellen über den Aktienmarkt schwieriger werden könnte“. Außerdem sei eine branchenübergreifende Definition von Profitabilität sehr komplex, moniert die Bank, die 2018 von Wirecard aus dem Dax verdrängt wurde.
Die Deutsche Börse schlägt vor, dass Unternehmen nur in die erste Liga aufgenommen werden, wenn sie in den zurückliegenden beiden Jahren ein positives Betriebsergebnis (Ebitda) erzielt haben. Während manche Investoren diese Auflage zu streng finden, plädieren andere für noch härtere Kriterien. Sie pochen darauf, dass Unternehmen auch unter dem Strich einen positiven Jahresüberschuss vorweisen müssen.
Die Entscheidung über die Reform des Dax fällt am Ende das Indexkomitee der Börsen-Tochter Stoxx. Das Gremium wird die Ergebnisse der gut vierwöchigen Marktkonsultation berücksichtigen, ist an diese jedoch nicht gebunden.
Wie der Dax umgebaut wird, will die Deutsche Börse in der Woche ab dem 23. November bekanntgeben. Umgesetzt werden die Maßnahmen frühstens im kommenden März. Eines ist jedoch bereits heute klar: Egal, wie die Entscheidung am Ende ausfällt: Viele werden damit nicht zufrieden sein.