Energie: Die Aktien chinesischer Solarkonzerne sind im freien Fall
Düsseldorf. Die Solarindustrie steckt in der Krise – selbst in China. Der ruinöse Preiskampf der vergangenen Monate macht sich auch bei den Marktführern bemerkbar.
Die wichtigsten Photovoltaikproduzenten sitzen allesamt in China. Auf Platz eins ist aktuell Jinko Solar, dicht gefolgt von Longi, Trina Solar, JA Solar und Canadian Solar. Bis auf JA Solar sind alle an der Börse gelistet, und die Aktienkurse der Branchengrößen kannten in den vergangenen Monaten nur eine Richtung: nach unten.
Von den geschätzten 800 Gigawatt, die Fabriken weltweit jährlich an Modulen produzieren können, könnten 600 in China gebaut werden. Die Nachfrage lag im vergangenen Jahr aber gerade mal bei 300 bis 400 Gigawatt. Die dramatische Überversorgung des globalen Photovoltaikmarkts hat die Preise innerhalb des vergangenen Halbjahres um mehr als 50 Prozent sinken lassen und die gesamte Industrie in Schwierigkeiten gebracht.
Während in Europa erste Hersteller aufgeben oder wie Meyer Burger in die USA abwandern, ist über die Krise in der chinesischen Solarindustrie nur wenig bekannt. „Im Moment bluten alle“, sagte Dennis She, stellvertretender Präsident von Longi nun überraschend deutlich in einem Gespräch mit der „Financial Times“. Überleben würden nur die Großen.
Im dritten Quartal 2023 brach der Nettogewinn des Solarkonzerns um fast 50 Prozent ein. „Mit dem raschen Ausbau neuer Produktionskapazitäten in allen Segmenten der Industriekette und dem kontinuierlichen Preisverfall wird der Wettbewerb in der PV-Industrie immer härter“, heißt es dazu in dem Bericht des chinesischen Konzerns. Seine Produktion hat Longi mittlerweile auf 70 bis 80 Prozent gedrosselt.
China investierte 120 Milliarden Euro
Obwohl die sinkenden Preise nicht nur europäische Solarhersteller in Bedrängnis bringen, sondern mittlerweile auch den eigenen Markt hart treffen, subventioniert die chinesische Regierung die heimische Industrie mit Milliarden. Die Solarenergie ist neben Windkraft, E-Autos und Batterien eine von Peking selbst auserkorene Schlüsselbranche.
Laut einer Analyse von Wood Mackenzie hat die Regierung unter Xi Jinping allein im vergangenen Jahr 130 Milliarden US-Dollar in den Ausbau der PV-Industrie investiert. Die Subventionen haben die chinesischen Produktionskapazitäten weit über das hinaus gesteigert, was der Markt an Nachfrage eigentlich hergibt. In der Folge überschwemmen chinesische Hersteller Europa mit Billigmodulen. Und schaden damit mittlerweile auch sich selbst.
Das macht sich auch am Aktienkurs bemerkbar. Innerhalb von einem Jahr ist der Kurs des Unternehmens mit Sitz in Xi’an zeitweise um über 53 Prozent abgerauscht. Beim Wettbewerber Trina Solar ist das Minus sogar noch heftiger: Um mehr als 61 Prozent ist die Aktie in den vergangenen zwölf Monaten gesunken. Trina-CEO Gao Jifan warnte: „Es gibt keinen Gewinn in der gesamten Lieferkette.“
Die Aktienkurse von Jinko Solar und Canadian Solar haben innerhalb von zwölf Monaten ebenfalls 50 beziehungsweise 45 Prozent an Wert verloren. Und das, obwohl sie mit Ausbruch der Energiepreiskrise im Herbst 2021 nach Abflauen der Coronapandemie zunächst auf einem Rekordhoch angekommen waren. Seit dem Spätsommer 2022 geht es allerdings rapide bergab.
Dabei konnte Marktführer Jinko Solar im dritten Quartal 2023 nicht nur seinen Umsatz im Vergleich zum Vorjahr verdoppeln, sondern auch seinen Nettogewinn. Ganz so gut dürften die Zahlen im vierten Quartal dann allerdings nicht mehr aussehen, schätzen Branchenkenner. Viele kleinere Unternehmen in China sind bereits in die Pleite gerutscht.
Auch im Januar zeigte der Trend bei den Großhandelspreisen für Solarmodule weiter nach unten. Wie die Seite pvxchange.com dokumentiert, kostete das günstigste Billigmodul im Januar gerade mal neun Cent je Watt Peak.
Laut Branchenkennern liegen die Produktionskosten aber selbst bei den günstigsten Anbietern aus China bei mindestens 15 Cent. Die europäischen Hersteller werfen ihren chinesischen Wettbewerbern deswegen „unfaire Marktverzerrung“ vor und forderten Unterstützung von der Politik. Die kann sich bislang zumindest in Berlin allerdings nicht darauf einigen, ob und wie man den heimischen Produzenten helfen soll.
Das hatte am vergangenen Freitag dazu geführt, dass einer der letzten verbliebenen europäischen Solarkonzerne Meyer Burger ankündigte, seine Modulproduktion im sächsischen Freiberg zu schließen und sich auf den Aufbau seiner Fabrik in den USA konzentrieren zu wollen. Dort bauen gerade auch einige chinesische Produzenten neue Fabriken auf.
Erstpublikation: 26.02.2024, 16:12 Uhr.