Öl: Größter Kurssprung seit Jahrzehnten – Trump-Tweet lässt Ölpreis um 30 Prozent steigen
Der Anstieg der Ölpreise hielt nur kurz an.
Foto: dpaFrankfurt, Wien, Berlin. Lange haben die Märkte darauf gewartet: US-Präsident Donald Trump schaltet sich in den Ölpreiskrieg zwischen Saudi-Arabien und Russland ein. An diesem Donnerstag schrieb er beim Kurznachrichtendienst Twitter, er habe soeben mit seinem Freund Mohammed bin Salman, Kronprinz von Saudi-Arabien, telefoniert.
Der habe dann wiederrum mit Russlands Präsident Putin telefoniert und einen Deal vorgeschlagen: „Ich erwarte und hoffe, dass sie rund zehn Millionen Barrel kürzen, vielleicht mehr“, schrieb der US-Präsident. „Sollte das passieren, wird das großartig für die Öl- und Gasindustrie sein.“ Er ergänzte in einem zweiten Tweet: „Es könnten bis zu 15 Millionen Barrel sein.“
Trump dürfte die zehn bis 15 Millionen Barrel auf die tägliche Produktion der beiden Staaten bezogen haben. Das wäre mindestens ein Fünffaches der Förderkürzungen, über die sich Saudi-Arabien und Russland seit Anfang März streiten. Der Ölpreis sprang nach diesen Mitteilungen in der Spitze um mehr als 40 Prozent in die Höhe.
Einer Auswertung der „Financial Times“ zufolge war es der größte Kurssprung innerhalb eines Tages in einer bis 1988 zurückreichenden Datenreihe der New Yorker Rohstoffterminbörse. Brent-Öl notierte am Donnerstag kurzzeitig über der Marke von 36 Dollar pro Barrel (rund 159 Liter). Vor Trumps Twitter-Botschaften lag der Preis bei rund 25 Dollar pro Fass.
Aus Moskau kam jedoch postwendend das Dementi: Putin habe nicht mit MbS, wie der saudische Kronprinz kurz genannt wird, gesprochen. Auch aus Saudi-Arabien kamen zurückhaltende Statements. Die staatliche Nachrichtenagentur verbreitete eine Meldung, wonach sich das Königreich lediglich für neue Gespräche der 24 Staaten umfassenden Opec-plus-Allianz aussprach, an dem auch „andere Länder“ teilnehmen könnten – eine Andeutung, dass die Amerikaner möglicherweise künftig mit über Förderkürzungen verhandeln könnten.
Bedingung sei, dass sich weitere Ölproduzenten aus der Reihe der G20-Staaten den Förderkürzungen anschließen, etwa die USA, Kanada oder Mexiko, hieß es aus Saudi-Arabien weiter. In der Folge gab der Ölpreis einen Teil seiner Gewinne wieder ab und fiel zurück auf rund 30 Dollar pro Fass.
Verhandlungserfolg für Trump
„Trump hat sich nun direkt in die Krise in der Ölbranche eingebracht“, sagte Daniel Yergin, einer der prominentesten Ölexperten in den USA. Die Regierung sei sehr besorgt über den Preiseinbruch und die Zukunft der US-amerikanischen Ölindustrie. Trump hatte zudem angekündigt, sich mit den Bossen der amerikanischen Ölkonzerne und Schieferölfirmen treffen zu wollen. Noch am Mittwoch hatte der Preis für Brent-Öl mit 22 Dollar den tiefsten Stand seit 2002 markiert.
Nun kann Trump den CEOs einen möglichen Verhandlungserfolg präsentieren. Zudem hat Trump eine Sonderbeauftragte für den Ölmarkt benannt, Victoria Coates. Sie war früher Beraterin des US-Energieministers Dan Brouillette für die Beziehungen zwischen den USA und Saudi-Arabien im Ölsektor.
Yergin zufolge strebt Trump einen Drei-Wege-Pakt zwischen den USA, Russland und Saudi-Arabien – eine Art Super-Opec-plus – an. Die aktuelle Situation sei „anders als alles in der Geschichte der Ölindustrie bisher“, so Yergin. Goldman Sachs zufolge ist der neue Ölpreiskrieg „nicht nur der größte wirtschaftliche Schock unseres Lebens“.
Die Ölindustrie stehe „im Fadenkreuz“, obwohl sie historisch gesehen als Eckpfeiler der Globalisierung gedient habe. Doch die Meinung über die Erfolgsaussichten von Trumps Vorstoß sind geteilt. „Aus heutiger Sicht darf bezweifelt werden, dass die Initiative von Trump den gewünschten Erfolg bringen wird“, sagte Ölexperte Hannes Loacker, Rohstoffanalyst bei Raiffeisen Capital Management.
Ölexperten zufolge liegt die weltweite Ölnachfrage im April um 20 bis 25 Prozent niedriger als noch im Februar. Gleichzeitig weiten die Ölförderer ihre Produktion massiv aus. Gerade erst hat der weltgrößte Ölkonzern eine Rekordproduktion verkündet: Saudi Aramco habe am Mittwoch zum ersten Mal in seiner Geschichte 12,3 Millionen Barrel Rohöl an einem Tag gefördert, teilte das Unternehmen mit. Das sind 30 Prozent mehr als noch Ende Februar.
Russland leidet
Zudem habe der Konzern an einem Tag 18,8 Millionen Barrel auf 15 Tanker verladen, um sie zu verschiffen. Über den offiziellen Twitter-Account verbreitete Aramco Bilder von Tankern, die im Hafen von Ras Tanura im Persischen Golf mit Öl befüllt werden.
Der Schritt unterstreiche die Wettbewerbsfähigkeit der saudischen Ölindustrie, sagte Robin Mills, Chef der Energieberatungsfirma Qamar. „Wenn Saudi-Arabien dies aufrechterhält, wäre es eine beispiellose Demonstration seiner Fähigkeiten.“ Wenn man davon ausgehe, dass es sich um die Produktion und nicht nur um die Nutzung von Lagerbeständen handele, „dann ist das ein beeindruckend schnelles Hochfahren der Produktion“, so der Experte.
Auch Russland trifft der jüngste Ölpreisverfall hart: Öl der russischen Marke Urals kostete zu Wochenbeginn 13 Dollar pro Barrel. Das ist der tiefste Preis seit März 1999.
Zudem ist der Abschlag, den Händler gegenüber Öl der ebenfalls gebeutelten Marke Brent verlangen, auf 4,75 Dollar gestiegen. So viel Rabatt mussten die Russen zuletzt vor zwölf Jahren auf ihren Rohstoff geben. Hinzu kommen Stornierungen für Öl, das Russland über die Druschba-Pipeline nach Europa liefert.
Die Folgen sind verheerend: Der Staatsetat wird tiefdefizitär. Inzwischen gehen das Institut für Volkswirtschaft (IfV) an der Akademie der Wissenschaften und das Institut für Wirtschaftswachstum in einer gemeinsamen Berechnung davon aus, dass das Defizit bei 1,8 Prozent der Wirtschaftsleistung liegt. Das entspricht rund 25 Milliarden Dollar. Dabei nehmen die Volkswirte allerdings noch einen Durchschnittspreis von 35 Dollar pro Barrel als Grundlage.
„Es ist zu beachten, dass die Berechnung auf einem Nullwachstum beruhte. Wenn sich die Lage verschlechtert, wird das Defizit noch größer“, räumte IfV-Vizedirektor Alexander Schirow ein. Eine Rezession scheint angesichts der Coronakrise unausweichlich, die Frage ist eher, wie verheerend sie am Ende ausfallen wird.
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