1. Startseite
  2. Management
  3. Wie Firmen von Autisten profitieren: Ziemlich direkte Kollegen

Wie Firmen von Autisten profitierenZiemlich direkte Kollegen

Sie gelten als Sonderlinge, die meisten sind arbeitslos. Dabei verfügen gerade Asperger-Autisten über Fähigkeiten, die Firmen in Zeiten von Big Data gut gebrauchen können. Ein Tag mit Volker Poddey, der bei Henkel Lücken in der Lizenzverwaltung findet.Anna Gauto 17.04.2017 - 09:10 Uhr Artikel anhören

Sein Autismus lässt den Fachinformatiker Muster erkennen, die anderen verborgen bleiben.

Foto: Uta Wagner für Handelsblatt

Düsseldorf. Nachts um eins hat Volker Poddey Gewissheit. Der IT-Berater sitzt in seinem Bett in Essen, neben ihm schläft seine Freundin Melanie Siehl. Sie ist Ärztin. Die halbe Nacht hat er Autismus-Seiten im Netz durchforstet. Siehl vermutet, seine zu dem Zeitpunkt zehnjährige Tochter könnte betroffen sein. Das Mädchen aus Poddeys erster Ehe benahm sich seltsam. Mal spuckte sie Siehl (Name von der Redaktion geändert) Traubenkerne ins Gesicht, mal schrie sie ohne erkennbaren Anlass.

Poddey, ein zierlicher Mann mit dunklen Augenringen, klappt das Notebook auf seinem Schoß zu und weckt seine Lebensgefährtin. „Ja“, sagt er, „die Beschreibung passt. Meine Tochter ist Autistin.“ Doch der heute 36-Jährige hat noch mehr erkannt, und das hat mit ihm zu tun. Er versteht plötzlich, warum auch er häufig rätselt, was seine Mitmenschen von ihm wollen, warum er nicht weiß, wann er am Telefon sprechen und wann er zuhören soll. Warum andere ihn ablehnen, wenn er sagt, was er denkt.

Und warum er so oft den Arbeitsplatz wechselte, ihn Stressphasen wochenlang ins Bett zwingen. Dass er sein Gegenüber nicht richtig hören kann, weil das Gespräch am Nebentisch in seinen Ohren dröhnt. Warum ihm Berührungen Unbehagen bereiten, sich Briefe bei ihm stapeln und er sie nicht beantworten kann. Fast erleichtert sagt er den Satz, der alles verändert und Melanie Siehls Welt erst einmal verdunkelt. Denn sie weiß, was seine Worte bedeuten: „Wenn meine Tochter Autistin ist, dann bin ich auch einer.“

Das soziale Miteinander fordert Autisten heraus

Zwei Jahre ist das her. Poddey hat genau wie seine Tochter inzwischen eine Diagnose, sie gehören zu den 1,5 Prozent der Weltbevölkerung, die ins Autismusspektrum fallen. Das sind laut der US-Behörde „Zentren für Krankheitskontrolle und Prävention“ (CDC) ein bis zwei Menschen von 100. Wissenschaftler sprechen von „Spektrum“, da die Symptome je nach Person stark variieren. Daher gilt die Maxime: Kennt man einen Autisten, kennt man genau einen. Trotzdem lassen sich anhand von Typologien, wie sie etwa Ludger Tebartz van Elst, Autismusexperte und leitender Oberarzt am Universitätsklinikum Freiburg, beschreibt, Merkmale ableiten.

Demnach fordert Autisten das soziale Miteinander heraus. Sie können die Gesichtszüge anderer Menschen nur schwer entschlüsseln. Wut, Angst oder Trauer nicht oder nur schwer erkennen. Sie seien wie Blinde, die nicht sehen, wie es anderen gehe, obwohl sie durchaus mitfühlen könnten. Ihnen fehle es zudem an „kognitiver Empathie“, sagt van Elst, also „der Fähigkeit, zu antizipieren, wie ihre Aussagen auf andere wirken“. Auch gebe es Besonderheiten der Wahrnehmung. Geräusche, Gerüche, Berührungen, Licht erlebten sie umso intensiver und teils ungefiltert. Eine echte Reizüberflutung.

Die Geschichte hinter der Geschichte
Über das IT-Beratungsunternehmen Auticon, das Asperger-Autisten in den Arbeitsmark vermittelt, entstand der Kontakt zu Volker Poddey. Andere Kollegen waren im Gegensatz zum Essener nicht bereit, Einblick in ihr Leben zu gewähren. Zu groß ist die Angst vor Stigmatisierung. Zudem verursacht die Begleitung durch eine unbekannte Person Autisten Stress. Auch Poddey stimmte einem Treffen nur unter der Voraussetzung zu, dass ihm der gesamte Artikel zur Autorisierung vorgelegt werde. Das ließ er sich schriftlich geben. Damit wollte er den Schutz seiner Familie sicherstellen. Dieser Praxis stimmte das Handelsblatt ausnahmsweise zu, um Lesern diese besonderen Einblicke zu ermöglichen. Ändern wollte Volker Poddey am Text später nur wenig.
Autisten tun sich schwer, die Gefühle ihrer Mitmenschen intuitiv zu erfassen. Die Angst vor negativen Rückmeldungen und Überforderung führt etwa dazu, dass Menschen wie Volker Poddey einen strukturierten Tagesablauf brauchen. Der mindert das Risiko sozialer Unfälle. Konkret äußerte sich dieser Kontrollwunsch darin, dass Poddey sich vor dem Treffen gründlich über die bisherige Arbeit unserer Journalistin Anna Gauto informierte. Trotz aller Vorkehrungen empfand er die Begegnung als anstrengend. Auf einer Skala von eins (niedrig) bis zehn (hoch) gab er dem Tag eine Sieben. Auf die Frage, was seinen Stress reduzieren könnte, sagte er lächelnd: „Nicht viel, Sie könnten gehen.“

Um sich zurechtzufinden, brauchen Betroffene einen geregelten Tagesablauf ohne viele Unterbrechungen. In einer hochflexibilisierten Arbeitswelt mit Dienstreisen und Großraumbüros, in denen Telefone schrillen, Mails pingen und Neonröhren blenden, in der ein Termin den nächsten jagt, geraten nicht nur Autisten, besonders aber sie an ihre Grenzen. So sind schätzungsweise 85 Prozent der 800.000 in Deutschland lebenden Autisten arbeitslos. Dabei haben viele von ihnen besondere Begabungen und Spezialinteressen, die sie für Firmen äußerst wertvoll machen.

Auch Volker Poddey ist wegen seiner Talente inzwischen ein geschätzter Kollege. Nach mühsamen Jahren als Krankenpfleger und vielen stressbedingten Auszeiten ließ er sich zum Fachinformatiker ausbilden. Poddey liebt Computerprogramme, wühlt sich gern durch Datensätze, begeistert sich für künstliche Intelligenz. Wie die meisten seiner Kollegen erkennt er Muster, die anderen Menschen verborgen bleiben. Weil er gründlich arbeitet und kein wichtiges Detail übersieht, verpflichtete ihn Auticon 2015 als IT-Berater.

Das Unternehmen beschäftigt hochspezialisierte Fachkräfte mit Asperger-Syndrom, einer eher unauffälligen Form von Autismus, und schickt sie zu Kunden. Neben Auticon haben sich auch andere Zeitarbeitsfirmen wie Specialisterne oder seit kurzem Diversicon auf die Vermittlung von Autisten spezialisiert.

Zu Auticons Kunden gehören Dax-Konzerne wie Siemens, die Allianz oder Henkel. Auticon beschäftigt inzwischen 100 Mitarbeiter an sieben Niederlassungen in Deutschland. Die Bezahlung sei „branchenüblich“, konkreter wird Auticon nicht. Im Frühjahr 2016 eröffnete die Firma zwei Tochtergesellschaften in London und Paris. Das Konzept überzeugte auch den Virgin-Gründer Richard Branson, der sich im Herbst an der Londoner Filiale beteiligte.

Hochbegabt, aber unbeholfen

Volker Poddey sitzt morgens in seiner Küche in Essen und mahlt Kaffee, bevor er zur Arbeit fährt. Seine inzwischen zwölfjährige Tochter huscht vorbei, kramt in einer Schublade, sagt kein Wort und verschwindet in einem Taxi, das sie zur Schule bringt. Obwohl sie hochbegabt ist, kann sie sich kaum selbst anziehen. Kleidungsstücke mit dem richtigen Körperteil zu kombinieren, passend zu Wetter und Anlass, fällt ihr schwer.

Poddey kann das nachempfinden. Seine Mutter legte ihm als Kind „Anziehstraßen“ zurecht. In der richtigen Reihenfolge fand er erst Socken auf dem Boden, dann Unterwäsche, schließlich Hose und Pullover. Dass er anders war, merkte Poddey früh. Sogar in seiner anthroposophischen Schule verzweifelten die Lehrer an ihm.

Mitschreiben erschien dem Jungen unlogisch, er hatte sich das Tafelbild längst eingeprägt. Wenn die Lehrerin fragte, was der Renaissancemaler wohl mit einem bestimmten Rotton ausdrücken wollte und seine Mitschüler sich in das Gemälde hineininterpretierten, sagte er: „Wahrscheinlich gab es zu der Zeit nur dieses Rot.“ Das kränkte die Pädagogin. Mit zwölf Jahren sammelte er genau wie seine Schulkameraden Zigarettenschachteln. Sie befüllten einen Schrank im Kinderzimmer, er eine halbe Garage.

Während die meisten Menschen das Gesamtbild „Tannenzweig“ erfassen ...

Foto: Auticon

Mit Beginn der Pubertät verzichtete er auf den Unterricht. Ihm gelang das Kunststück, von einer Waldorfschule zu fliegen. Im Beruf lief es nicht besser. Das Gefühl, missverstanden zu werden, andere zu enttäuschen, weil man ungeschriebene Gesetze nicht versteht, es begleitete Poddey.

Auticon ist der erste Arbeitgeber, der Rücksicht auf seine Besonderheit als Asperger-Autist nimmt, sie sogar als Alleinstellungsmerkmal vermarktet. Auticon setzt Poddey derzeit beim Konsumgüterhersteller Henkel ein. Auf dem großflächigen Firmengelände in Düsseldorf riecht es, als hätte ein Riese sein Badewasser ausgekippt. Job-Coach Sabine Koch begleitet Poddey an diesem Tag ins Büro. Sie ist Ansprechpartnerin für Auticons IT-Berater und Kunden, denen sie etwa zeigt, wie sie Stressoren am Arbeitsplatz reduzieren.

Je nach Empfindsamkeit kann das bedeuten, Hintergrundgeräusche oder Flimmerlicht zu vermeiden, einen festen Ansprechpartner zu wählen, ein klares Ziel zu benennen. Auf Sprachbilder zu verzichten. Wer etwa „den Computer in Gang gebracht“ haben will, könnte seinen Rechner auf dem Flur wiederfinden. Außerdem, so Koch, machten Autisten „keine Schleifchen“ um ihre Antworten. Sie seien direkt.

... nehmen Autisten die Struktur über Details wahr und erkennen erst dann das Gesamtkonzept.

Foto: Auticon

Lohnt die Beschäftigung von Autisten bei all dem Aufwand für Henkel? „Das zeitliche Investment ist zu Beginn hoch, rentiert sich aber in jeder Hinsicht“, sagt Irmgard Arends-Koch, Poddeys Chefin und Leiterin des Bereichs Service Integration bei Henkel. Im Lizenzmanagement, „wo Poddey Licht in jedes Detail“ bringe, sei das besonders wichtig. Hier können Unternehmen wegen Unter- oder Überlizenzierung viel Geld verlieren. Besonders in Konzernen mit mehreren Standorten wächst über Jahre ein Geflecht an Softwarezulassungen, etwa für Datenbanken oder Betriebssysteme.

Nutzungsbedingungen seien mitunter so kompliziert, dass Lizenzen eventuell versehentlich mehrfach bezahlt würden, sagt Arends-Koch. Poddey fasst daher alle Lizenzen im Konzern zusammen, sucht nach Dopplungen oder Nutzungsfehlern. Die Henkel-Managerin sagt: „Andere kommen nicht zu derart detailgetreuen Ergebnissen wie Poddey.“ Der Essener ist der dritte Auticon-Berater, mit dem Henkel zusammenarbeitet. Alle seien „absolut ehrlich“. Auch das ist typisch für Autisten. Ihre Integration funktioniert wohl auch deshalb so gut, weil Arends-Koch „Vielfalt“ nicht als Floskel missbraucht, sondern vom Erfolg gemischter Teams überzeugt ist. Sie nennt Poddey einen Mitarbeiter mit „autistischer Begabung“, von Störung ist keine Rede.

Leben ohne Intuition

Seine Anwesenheit verbessert auch die Atmosphäre im Team. Sie zwingt die Chefin und ihre Kollegen, Wünsche und Bedürfnisse klar auszudrücken, was die Arbeit für alle effizienter macht. Weil sie wisse, dass Poddey auch mal ausfallen könne, übertrage sie ihm keine zeitkritischen Aufgaben und erspare ihm Präsentationen, da er sich als Referent in Details verlieren würde.

Poddey beschreibt sein Leben ohne Intuition so: Um soziale Unfälle zu vermeiden, laufe in seinem Gehirn ein Co-Pilot. Der überprüfe jede Situation auf mögliches Fehlverhalten. Er warnt Poddey davor, seinen Gesprächspartner mitten im Satz stehen zu lassen, weil ihn das Thema langweilt. Oder zwingt ihn, die eigenen Gedanken erst auf Sozialverträglichkeit zu überprüfen, bevor sie wie Brandsätze aus seinem Mund fallen.

Erst als Poddey am Nachmittag mit seiner Freundin in deren Lieblingscafé sitzt, entspannt er sich. Melanie Siehl ist nun seine Co-Pilotin. Sie interveniert, wenn er sagt, andere seien ihm zu langsam oder dumm. Sie lachen viel, streichen einander über die Arme. Erzählen von ihrer Liebe. So harmonisch war es nicht immer.

Verwandte Themen
Deutschland

Die Nacht, in der sich Poddey als Autist outete, löste eine Lebenskrise bei der Ärztin aus. „Ich wusste, dass sich Menschen wie er anpassen, um nicht aufzufallen. Wer also war der Mann neben mir?“ Zwischenzeitig beendete sie die Beziehung, Trennungsgrund: Unfreundlichkeit. Poddey sagte Dinge, die sich für Siehl anfühlten, als würde er ihr einen Fußball in den Magen treten. „Du wiederholst dich“, war so etwas, was sie verletzte. Im Kino weigerte er sich, ihr in den Mantel zu helfen. „Das kannst du doch selbst.“

Nach Jahren sind beide eine Einheit. Siehl, braunes Haar, freundliches Gesicht, hilft Poddey mit der Korrespondenz, er amüsiert sie mit seinem schwarzen Humor. Geholfen hat ihnen die vom US-Psychologen Marshall Rosenberg entwickelte Gesprächstechnik Gewaltfreie Kommunikation. In Ich-Botschaften teilen die Partner einander Gefühle und Bedürfnisse mit. Urteile und Interpretationen entfallen. Das funktioniere bestens, sagt Siehl. Sie müsse nur deutlich sagen, wie sie empfinde, denn Mitgefühl habe ihr Freund. So lernten sich beide neu kennen.

Nicht alle Autisten gehen eine Beziehung ein, erwirtschaften ihren Lebensunterhalt. Wer immer Ablehnung erfährt, bleibt verschlossen. „Autismus kommt als Thema gerade erst in der Erwachsenenpsychiatrie an“, sagt van Elst. Daher seien Diagnosen und Unterstützung selten. Dabei sei die besondere Art zu denken nicht nur für Firmen ein Gewinn. „Nehmen Sie Albert Einstein“, sagt Autismusexperte van Elst. „Für mich ein autistisch strukturierter Mensch. Er konnte nicht sprechen, bis er fünf war, keine Socken auf der Haut ertragen. Doch gerade weil er autonom dachte, entwickelte er die Relativitätstheorie.“

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt