Gastkommentar: Der Wasserstoffhochlauf braucht eine strategische EU-Industriepolitik
Bis 2045 soll Deutschland Treibhausgas-neutral sein. Das kann nur gelingen, wenn mindestens zwei Voraussetzungen erfüllt sind: Erstens muss der kostengünstige und sichere Zugang zu erneuerbarer Energie gewährleistet sein, denn Dekarbonisierung bedeutet Elektrifizierung. Zweitens benötigen wir Wasserstoff – und zwar in Massen.
Erst mithilfe von Wasserstoff und seinen Derivaten Ammoniak und Methanol können auch jene Branchen auf dem Dekarbonisierungspfad vorankommen, für die die direkte Elektrifizierung keine Lösung bereithält. Ohne Wasserstoffhochlauf kann die Energiewende nicht gelingen.
Strategische Industriepolitik zählt nicht zu den deutschen und europäischen Tugenden
Zunächst sind wir vor allem auf Importe angewiesen – vollständig auf diese verlassen dürfen wir uns hingegen nicht. Die Gaskrise des vergangenen Winters hat die strategische Dimension einer diversifizierten Energieversorgung eindrucksvoll vor Augen geführt. Neben internationalen Partnerschaften benötigen wir eine deutsche und europäische Wasserstoffwirtschaft.
Deutschland hat die Chance, auf diesem Feld eine führende Position einzunehmen. Noch sind wir in zentralen Bereichen führend – etwa bei Elektrolyseuren zur Gewinnung grünen Wasserstoffs, Power-to-X-Anlagen und Verfahren zur Green-Fuels-Gewinnung. Während aber die USA mit den Vergünstigungen des Inflation Reduction Act (IRA), dem größten Investitionspaket für Klima und Energie in der amerikanischen Geschichte, locken und China Forschung und Industrie in der Green Tech massiv ausbaut, hadert die deutsche Industrie zunehmend mit dem Standort.
Strategische Industriepolitik zählt nicht zu den deutschen und europäischen Tugenden. Das zeigt aktuell das Trauerspiel um die letzten Reste der europäischen Solarindustrie. Waren deutsche Hersteller in diesem Segment Anfang des Jahrtausends noch marktführend, ist der Vorsprung Chinas heute nicht mehr aufzuholen: 2022 produzierte das Land fast 90 Prozent der Solaranlagen weltweit. Europa ringt um das schiere Überleben einer letzten heimischen industriellen Reserve.
In Deutschland sind wichtige Akteure der gesamten Wasserstoffwirtschaft ansässig
Eine mit der damaligen Solarenergie vergleichbare Wasserstoffbranche existiert bislang noch nicht. Das Pflänzchen ist noch klein, aber es muss wachsen. Denn die Produktion von grünem Wasserstoff benötigt künftig massive Kapazitäten. Eine dekarbonisierte Luft- und Schifffahrt, chemische Industrie, Energiegewinnung und viele andere Bereiche sind darauf angewiesen. Grüner Wasserstoff wird zum vielleicht volkswirtschaftlich wichtigsten Zukunftsrohstoff und seine Verfügbarkeit zum Standortfaktor.
Heimische Wasserstoffproduktion sichert diese Verfügbarkeit und schützt die Wirtschaft vor den Auswirkungen externer Schocks. Sie erweitert außerdem die industrielle Basis und ermöglicht Know-how und hochqualifizierte Arbeitsplätze – auch in einem Feld, auf dem deutsche Unternehmen bislang ihren Führungsanspruch erfolgreich verteidigen: im Maschinen- und Anlagenbau.
Der Wasserstoffhochlauf bietet Deutschland die Chance, eine globale Vorreiterrolle in einer Zukunftstechnologie einzunehmen. Die Voraussetzungen sind gegeben, wichtige Akteure entlang der gesamten Wertschöpfungskette sind hier ansässig.
Zugleich sind aber die weltweiten Wasserstoffmärkte hochgradig reguliert, und die Entwicklung der Branche ist maßgeblich durch staatliche Mechanismen beeinflusst. Dies kann sich frühestens ab dem Zeitpunkt ändern, an dem ein weltweit gültiger CO2-Preis greift, doch der Weg dahin ist weit und ungewiss. Stand heute entfalten zahlreiche industriepolitisch gesteuerte Mechanismen unserer ausländischen Partner und Konkurrenten eine wettbewerbsverzerrende Wirkung.
Ein Beispiel: Ausgeschriebene Fördermittel werden nicht selten auf Preisbasis vergeben. Wer aber außerhalb der Europäischen Union (EU) vom eigenen Staat gefördert wird, kann günstiger anbieten und erhält den Zuschlag. So finanzieren europäische Fördermittel-Ausschreibungen letztlich nicht selten ausländische Industriepolitik.
Ein deutscher und europäischer Erfolg braucht marktkonforme innereuropäische Anreizsysteme und zugleich einen regulativen Rahmen, der europäische Anbieter vor strukturellen und industriepolitischen Wettbewerbsnachteilen schützt.
2023 hat die Europäische Kommission das Konzept des „Net Zero Industry Act“ (NZIA) vorgestellt. Als europäische Antwort auf den amerikanischen IRA soll der NZIA den strategischen Aufbau einer heimischen Net Zero Industry sichern, die in der Lage ist, mindestens 40 Prozent des europäischen Bedarfs zu decken. Noch gibt es viele Fragen zur Umsetzung.
Aber der NZIA gäbe dem Dekarbonisierungspfad der EU eine robuste industriepolitische Leitplanke und würde die notwendige Skalierung der europäischen Green-Tech-Industrie sichern – und damit wiederum deren Wettbewerbsfähigkeit auch außerhalb der europäischen Grenzen stärken. Bleibt zu hoffen, dass das Europaparlament und der Ministerrat das NZIA-Konzept nun auch offiziell annehmen.
Der Autor:
Uwe Lauber ist Vorsitzender des Vorstands der MAN Energy Solutions SE.