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GastkommentarDie Autoproduktion in Deutschland ist in Gefahr

Die Vorstände der deutschen Autoindustrie gefährden den Produktionsstandort Deutschland. Hunderttausende gutbezahlter Arbeitsplätze könnten schon bald verschwinden.Hasan Allak 25.09.2020 - 09:00 Uhr Artikel anhören

Hasan Allak ist Vorsitzender des Konzernbetriebsrats des Autozulieferers Continental.

Foto: Katrin Kutter

„In 30 Jahren wird es in Deutschland keine Reifenproduktion mehr geben.“ Mit dieser Prognose hat der damalige Vorstandsvorsitzende der Continental AG, Manfred Wennemer, im Jahr 2004 einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Der Chef des traditionsreichen deutschen Reifenherstellers hatte einen Nerv getroffen. Keine Reifenwerke mehr in Deutschland? Unvorstellbar!

Tatsächlich? Gerade erst hat sein Nachfolger Elmar Degenhart der Belegschaft in Aachen Pläne verkünden lassen, das Reifenwerk bis Ende 2021 zu schließen. Aus und vorbei nach 90 Jahren Industriegeschichte. Der Continental-Vorstand betreibt wie seine Vorgänger Profitmaximierung und löscht mit einem Federstrich Industrie aus, übrig bleibt Geschichte.

Landauf, landab verkünden gerade traditionsreiche Unternehmen aus der deutschen Automobilindustrie derartige Schreckensszenarien: Continental stellt in Deutschland 13.000 Arbeitsplätze zur Disposition und will neben Aachen weitere Zulieferwerke unter anderem in Karben, Roding und Mühlhausen schließen. Schaeffler kündigt den Abbau von 4400 Arbeitsplätzen hierzulande und in Europa an und schließt möglicherweise Standorte in Wuppertal und Clausthal-Zellerfeld. Die VW-Tochter MAN will 9.500 Jobs in Deutschland und Österreich abbauen, BMW 6000.

Man muss kein Hellseher sein, um vorherzusagen: Diese Liste wird sich in den kommenden Wochen und Monaten Eintrag um Eintrag verlängern. Niemand wird das bestreiten, Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) ebenso wenig wie die Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen, Markus Söder (CSU), Winfried Kretschmann (Grüne) und Stephan Weil (SPD) – eine Art „große Koalition der Autoländer“.

Sie alle waren kürzlich beim virtuellen „Autogipfel“ dabei. Viel herausgekommen ist bisher leider nicht, ähnlich wie bei den diversen vorhergehenden „Gipfeln“. Zur Erinnerung: Die Bundesregierung hatte sich im „Nationalen Entwicklungsplan Elektromobilität“ im Jahr 2009 das Ziel gesetzt, dass bis zum Jahr 2020 eine Million Elektrofahrzeuge in Deutschland zugelassen sein sollen. 2020 ist jetzt, aber es gibt weder eine Million Elektrofahrzeuge noch eine flächendeckende Ladeinfrastruktur.

Milliarden für Skandalbewältigung fehlen in der Transformation

Während der „Nationale Entwicklungsplan“ nie so recht Fahrt aufnahm, hat die deutsche Automobilindustrie gleichzeitig einen Visionär wie Elon Musk (zu) lange belächelt und zudem einen folgenschweren Skandal produziert. Tesla hat digitale Automobil-Technologie entwickelt und baut bei Berlin eine Riesenfabrik, während gleichzeitig deutsche Vorzeigehersteller hohe zweistellige Milliardensummen zur Skandalbewältigung aufwenden müssen. Das Geld steht nicht für Technologie-Entwicklung und Transformation zur Verfügung.

Mancher mag sogar ein gewisses Maß an Verständnis für den Mix aus Misstrauen und Schadenfreude bei manchem Politiker wie auch NGO-Vertretern haben, wären die mittel- und langfristigen Folgen für den Wirtschaftsstandort Deutschland nicht so verheerend: Hunderttausende Familien machen sich angesichts der angekündigten Entlassungswellen Sorgen um ihre Zukunft, mit jeder Werksschließung werden es mehr.

Tatsächlich verschwinden in der Automobilindustrie gerade mindestens 100.000 der bestbezahlten Arbeitsplätze auf Nimmerwiedersehen aus Deutschland. Wo sonst werden in der Produktion Stundenlöhne von 30 oder 40 Euro und mehr gezahlt? Damit geht in den betroffenen Standorten massiv Kaufkraft verloren. Zugleich entgehen der Volkswirtschaft erhebliche Einnahmen bei Steuern, Krankenkassen und Sozialversicherungen.

Vielleicht hilft dieser Kassandraruf als „Hallo-Wach-Effekt“: „In 30 Jahren wird es keine Automobilproduktion mehr in Deutschland geben!“ Wer das mit einem Schulterzucken abtut, muss sich nur den Untergang der deutschen Textilindustrie oder das Aus der Hersteller von Unterhaltungselektronik in Deutschland vor Augen führen: Steilmann-Gruppe, Nordmende, Grundig und Co., sie alle sind Industriegeschichte.

Allein in der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie gingen seit 1980 rund 450.000 Arbeitsplätze verloren. Nur noch fünf Prozent aller in Deutschland verkauften Textilien werden in Deutschland hergestellt. Das Ziel muss also für Politik, Gesellschaft und Automobilindustrie lauten: jetzt endlich in die Offensive gehen und gemeinsam die industriepolitischen Weichen für die Zukunft stellen.

Hochtechnologiestandort Deutschland in Gefahr

Die Handlungsfelder sind lange bekannt: Digitalisierung und Vernetzung in Produktion und Fahrzeug, assistiertes beziehungsweise automatisiertes und autonomes Fahren sowie emissionsfreie Antriebe. Doch das sind die Fakten: Die Hersteller bezahlen Skandal- und Dividendenmilliarden und verschieben Investitionen in die Zukunft. Zugleich schenken sie ihren Zulieferern gerade in der jetzigen Lage nichts. Erst kürzlich klagte mir einer unserer Top-Ingenieure: „Die Hersteller brauchen unsere Arbeit, die Entwicklungsabteilungen schätzen den direkten und persönlichen Austausch mit uns in Deutschland, aber bezahlen wollen sie nur Stundensätze wie in Rumänien oder Indien.“

Folge: Die Zulieferer verlagern Entwicklungsabteilungen, wie schon seit Langem die Produktion. Sie streichen wie die Hersteller Investitionen in die Zukunft, damit die Profite stimmen. Die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie haben diese unheilvollen Prozesse noch erheblich beschleunigt. Das bedeutet für den Hochtechnologiestandort Deutschland, dass mit zunehmender Geschwindigkeit nicht nur Produktion, sondern auch Wissensarbeit verloren geht. Das wirkt wie eine toxische Mischung, sowohl quantitativ wie qualitativ, auf unsere Beschäftigung in Deutschland.

Die deutsche Automobilindustrie hat viel über stetig steigende staatliche Vorgaben insbesondere bei den immer strengeren Emissionsvorgaben geklagt. Tatsächlich ist zum einen die Grenze des technisch Machbaren erreicht. Zum anderen gingen beim Dauerjammern aber berechtigte Sorgen unter: Die Energiekosten sind im internationalen Vergleich immens hoch. Die Förderung von Investitionen in Forschung und Entwicklung und ganz besonders in unser Bildungssystem und die Qualifizierung lässt dagegen seit Jahren stark zu wünschen übrig. Dabei machen uns vor allem Erfindungen, Technologie, Qualifizierung und Bildung zukunftsfähig.

Angesagt sind also Mut und Kraft, jetzt! Weiteres Abwarten, Aussitzen und Verzögern womöglich bis über die Bundestagswahl 2021 hinaus kann sich Deutschland nicht leisten. Wir haben seit Beginn der Corona-Pandemie bewiesen, dass wir dazu in der Lage sind, zu agieren und große Aufgaben erfolgreich zu bewältigen.

Nutzen wir die Chance der größten Krise seit 75 Jahren nicht nur für einen Zwischenspurt, sondern für einen dauerhaften Kraftakt. Die IG BCE hatte schon 2006 einen passenden Slogan dafür: „Modell Deutschland – zuerst der Mensch!“ Der Mensch muss in der Sozialen Marktwirtschaft im Zentrum stehen.

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Investieren wir also mächtig in Forschung und Entwicklung von Zukunftstechnologien, auch wenn sie nicht sofort Profite abwerfen. Die Börse hat schließlich die Visionen eines Elon Musk belohnt. Investieren wir mächtig in Bildung und Qualifizierung. Wissen ist ein Wettbewerbsvorteil. Handeln wir entschlossen und geschlossen, damit wir nicht unseren Kindern und Enkeln in 30 Jahren erklären müssen, warum in Deutschland keine Autos mehr produziert werden – auch Teslas nicht.

Mehr: Der Zulieferer verdoppelt wegen der Folgen der Corona-Pandemie seine Sparziele. In Deutschland stehen nun rund 13.000 Arbeitsplätze auf der Kippe.

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