Gastkommentar: Die Zentralbanken gefährden ihre Unabhängigkeit
Die heftigen Angriffe von US-Präsident Donald Trump auf US-Notenbankchef Jerome Powell haben weltweit Aufmerksamkeit erregt, die Märkte verunsichert und (was vielleicht am wichtigsten ist) eine Debatte über die Bedeutung der Unabhängigkeit von Zentralbanken ausgelöst.
Der unabhängige Status, den viele Zentralbanken heute haben, ist eine historische Ausnahme. Erst um das Jahr 1989/90 herum wurde diese Unabhängigkeit für notwendig erachtet, um die Geldwertstabilität zu gewährleisten.
Nach den zweistelligen Inflationsraten der 1970er- und frühen 1980er-Jahre begannen westliche Politiker zu erkennen, dass eine höhere und volatilere Inflation unvermeidlich ist, wenn die Geldpolitik in den Händen der Exekutive liegt. Die Versuchung, Wachstum und Beschäftigung auf Kosten der Preisstabilität zu fördern, ist zu groß. Die Regierungen entschieden sich bewusst dafür, sich selbst zu entmachten.
Die aktuelle Debatte über die Unabhängigkeit der Zentralbanken kam wieder auf, als diese Institutionen auf dem Höhepunkt ihres Ansehens waren. Tragischerweise schürten die Währungshüter das Feuer, indem sie ihr Mandat auf den Parlamenten und Regierungen vorbehaltene Bereiche ausdehnten.
In der Finanzkrise wurden die Zentralbanken Helden
Nachdem sie einen bedeutenden Beitrag zu einer jahrzehntelangen Periode niedriger Inflation und stetigen Wachstums geleistet hatten, wurden die Währungshüter nach ihrem entschlossenen Handeln im Gefolge des Zusammenbruchs von Lehman Brothers und der globalen Finanzkrise von 2007/08 als Retter gefeiert. Schließlich hatten sie – gemeinsam mit den Finanzpolitikern – verhindert, dass die Welt in eine zweite Große Depression stürzte.
Während der Personenkult um Alan Greenspan, der von 1987 bis 2006 den Vorsitz der US-Notenbank innehatte, schon zuvor groteske Ausmaße angenommen hatte, weitete sich diese Verehrung nun auf die gesamte Zentralbankwelt aus.
Die Akteure an den globalen Finanzmärkten begrüßten die expansive Geldpolitik der Zentralbanken nach der Krise von 2007/08 und schraubten die Erwartungen an das, was sich dadurch erreichen ließ, in die Höhe. Das lag zum einen an dieser Heldenverehrung und zum anderen daran, dass sie die Hauptnutznießer der Zinssenkungen und Anleihekäufe waren.
Diese überzogenen Erwartungen führten unweigerlich zu Enttäuschungen, die das Ansehen der Zentralbanken stark in Mitleidenschaft zogen. Sowohl die Theorie als auch die Erfahrung haben gezeigt, dass eine expansive Geldpolitik langfristig nicht zu mehr Beschäftigung und Wachstum führen kann.
Was die Geldpolitik jedoch tun kann, ist, Geldwertstabilität und niedrige Inflation zu gewährleisten – die Grundlagen für stetiges Wachstum und soziale Gerechtigkeit.
Die Währungshüter lösten eine Inflation aus
Indem sie ihr eigenes Verständnis ihres Mandats erweiterten, verstrickten sich die Währungshüter in die Finanzpolitik und lösten eine Inflation aus – also genau das, was die Unabhängigkeit der Zentralbank eigentlich verhindern soll.
Zwar trug die Entscheidung für drastische Zinssenkungen und den massiven Ankauf von Staatsanleihen während der globalen Finanzkrise maßgeblich dazu bei, eine wirtschaftliche Katastrophe zu verhindern.
Doch je länger die quantitative Lockerung nach Abklingen der akuten Krise und selbst bei einer Inflation über dem Zwei-Prozent-Ziel fortgesetzt wurde, desto weniger war sie zu rechtfertigen. Die Zentralbanker wurden verdächtigt, die langfristigen Zinssätze senken zu wollen, um so die Staatsfinanzierung zu erleichtern (und, womöglich, schwache Banken zu unterstützen).
Etwa zeitgleich wurden den Zentralbanken zudem zusätzliche Aufgaben in den Bereichen Bankenaufsicht und makroprudenzielle Politik übertragen, was die Grenzen zwischen Geld- und Regierungspolitik weiter verwischte. Angesichts ihrer wachsenden Autorität werden die Währungshüter zunehmend in politische Debatten verwickelt.
Jahrelang wurde die Unabhängigkeit der Zentralbanken als selbstverständlich betrachtet. Diese Zeit scheint jedoch vorbei, was zum Teil auf die Maßnahmen der Währungshüter selbst zurückzuführen ist.
Je weniger die Zentralbanken die Grenzen ihres Mandats überschreiten, desto weniger setzen sie ihre Unabhängigkeit aufs Spiel. Die ausschließliche Konzentration auf das Mandat erfordert ein gewisses Maß an Bescheidenheit und eine ständige Erinnerung daran, was die Geldpolitik leisten kann und was nicht.
Der Autor: Otmar Issing war Chefvolkswirt und Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank. Er ist Ehrenpräsident des Center for Financial Studies an der Goethe-Universität in Frankfurt.
