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Gastkommentar EU-Kommissarin Valean: Wir brauchen ein neues Verkehrssystem

Flexible Verkehrsknotenpunkte, sichere Wege für Fußgänger und Fahrradfahrer sowie smarte Apps: Wie eine nachhaltige und intelligente Mobilität aussieht.
09.12.2020 - 13:59 Uhr Kommentieren
Adina Valean ist EU-Verkehrskommissarin. Quelle: EC - Audiovisual Service
Die Autorin

Adina Valean ist EU-Verkehrskommissarin.

(Foto: EC - Audiovisual Service)

Eines sonnigen Apriltages im Jahr 1881 bahnte sich ein eigentümliches Gefährt unter den erstaunten Blicken der Pariser seinen Weg durch die Fußgänger und Pferdekutschen. Bei dem Gefährt handelte es sich um ein Dreirad mit Motor und bei dem Fahrer um Gustave Trouvé, dem es weder an Einfallsreichtum noch an Mut mangelte.

Zum ersten Mal wurde ein Mensch von einem elektrischen Fahrzeug befördert – dank eines wahrhaft transeuropäischen Unterfangens. Der französische Erfinder hatte Verbesserungen an einem Elektromotor vorgenommen, der von einem österreichisch-ungarischen Bürger erdacht und von einem deutschen Unternehmen entwickelt worden war, und eine wiederaufladbare Batterie eingesetzt, um ein von einem Engländer erfundenes Dreirad anzutreiben. Der Lauf der Geschichte zeigt: Diese Erfindung hat sich nicht durchgesetzt.

Doch wie so oft wurde auch in diesem Fall die Technik später von anderen genutzt. Innovative Technik hat dann Erfolg, wenn aus Marktdynamik, verfügbarer Finanzierung, dem Rechtsrahmen und dem Verbraucherverhalten insgesamt ein günstiges Umfeld entsteht.

Am 9. Dezember habe ich unsere Strategie für nachhaltige und intelligente Mobilität vorgestellt. Bei der Ausarbeitung dieser Strategie, mit der die Zukunft der Mobilität neu gestaltet werden soll, war für uns eine der grundlegenden Fragen: Wie sorgen wir dafür, dass neue Technik eingesetzt wird und einen effizienten Beitrag zum Wandel leistet?

Wir stehen heute vor zahlreichen Herausforderungen: Bis 2050 müssen wir die Emissionen im Mobilitätssektor um 90 Prozent verringern. In der Luftfahrt muss der Anteil an erneuerbaren und CO2-armen Brennstoffen 2050 bei 60 Prozent, in der Schifffahrt bei 80 Prozent liegen. In unseren Städten, die sich entwickeln und immer größer werden, müssen wir das Problem der Verkehrsüberlastung angehen. Alles in allem brauchen wir ein sichereres, zuverlässigeres, saubereres und leichter zugängliches Verkehrssystem.

Wir brauchen eine Veränderung, durch die unser Verkehrssystem und unsere Verkehrsträger den Bedürfnissen der europäischen Bürgerinnen und Bürger besser gerecht werden.

Vom Auto zum Roller

Jede Generation hat ihre eigenen Mobilitätswünsche. Die Babyboomer träumten vom eigenen Auto und der Freiheit, die es mit sich bringt. Die Generation der Millennials wählt den Wohnort nach der Verfügbarkeit öffentlicher Verkehrsmittel aus. Ein junger Mensch in der U-Bahn, den Blick auf ein mobiles Gerät geheftet – dieses Bild ist der Inbegriff des Mobilitätsverhaltens der Millennials. Der etwas jüngeren Altersgruppe, der Generation Z, liegt die Mikromobilität am Herzen. In ihr haben zahlreiche Start-ups, die elektrische Roller, Fahrräder und Skateboards auf unsere Straßen gebracht haben, eine gute Kundschaft.

Zweifelsohne gibt es immer mehr Auswahl und Möglichkeiten, und wir verfügen über die notwendige Technik, um diese unglaubliche Vielfalt zu erhalten, zu optimieren und auszubauen. Doch es gilt auch, diese Technik in großem Umfang einzusetzen, damit sie allen Bürgerinnen und Bürgern Europas zur Verfügung steht und für sie erschwinglich ist.

Eines unserer Ziele im Rahmen der Strategie für nachhaltige und intelligente Mobilität besteht darin, unseren Bürgerinnen und Bürgern eine nahtlose Multimodalität zu bieten. Es sollte uns möglich sein, Fahrkarten für unterschiedlichste Reisen zu kaufen, ineinandergreifende Zahlungsweisen zu nutzen und auf die verschiedenen Beförderungsdienste im Einklang mit dem Konzept Mobilität als Dienstleistung (Mobility as a Service – MaaS) bedarfsorientiert („on-Demand) zuzugreifen.

Mobil durch Jelbi

In Berlin bietet die Jelbi-App Zugang zu den in der Stadt verfügbaren Beförderungsdiensten, und zwar von der Planung der Fahrt über die Buchung bis hin zur Bezahlung. Die App greift auf Echtzeit-Verkehrsdaten zu, zeigt auf dieser Grundlage alle Möglichkeiten an, von A nach B zu gelangen, und vergleicht diese nach Dauer und Preis.

Über die Whim-App können die Bürgerinnen und Bürger in Finnland aus Tages- und sogar Monatspaketen wählen, die Taxifahrten, den öffentlichen Verkehr und elektrische Roller oder Fahrräder umfassen. Sogar zu Autos bietet Whim Zugang: zu Mietwagen statt zu einem eigenen.

Die in Hamburg entwickelte App Wunder City analysiert Mobilitätsmuster, um die Verkehrsplanung in Städten zu optimieren.

All diese Beispiele sind Lösungen für die zahlreichen Probleme, die sich uns heute im Bereich der Mobilität stellen. Werden sie zum Erfolg führen? Werden sie den Menschen in den nächsten Jahren einen Nutzen bringen? Die Antwort lautet ja – wenn wir die verbleibenden Hemmnisse abbauen, die ihrer breiteren Verwendung noch im Wege stehen. Wir wollen einen gemeinsamen europäischen Mobilitätsdatenraum schaffen, der unter Gewährleistung der Cybersicherheit in Synergie mit anderen zentralen Systemen funktionieren wird.

Integrierter Verkehr

Wir werden die Integration von Verkehrsträgern in ein zweckmäßiges, multimodales System fördern und uns die intelligenten Verkehrssysteme in vollem Umfang zunutze machen. Wir werden die derzeitigen Rahmenbedingungen der städtischen Mobilität verbessern: Wir brauchen Verkehrsknotenpunkte, Park-and-Ride-Anlagen und sichere Infrastruktur für Fuß und Fahrrad.

Wir werden mit Rechtsinstrumenten und Finanzierung daran arbeiten, unser Verkehrssystem wahrhaft intelligent und nachhaltig zu gestalten.

Und auch die Zeit für Gustave Trouvés Erfindung ist inzwischen gekommen: Zehn Prozent aller von Juli bis September dieses Jahres verkauften Neuwagen waren elektrisch – gegenüber drei Prozent im Vorjahreszeitraum. Im Jahr 2030 sollen etwa drei Millionen öffentlich zugängliche Ladestationen zur Verfügung stehen.

In Göteborg wird Geofencing eingesetzt, um sicherzustellen, dass Hybridfahrzeuge auf bestimmten Straßen auf den Elektromotor umschalten und so Umweltzonen entstehen, in denen der Verkehrslärm und die Luftverschmutzung geringer und die öffentlichen Räume sicherer sind. In ganz Europa stellen Plattformen für Mitfahrgelegenheiten auf sauberere, elektrische Alternativen um.

Nicht jede neue Technik wird auf dem Markt mit offenen Armen empfangen, und nicht jede bahnbrechende Erfindung wird über Nacht zum Erfolg. Doch unsere Pflicht in der Politik ist es, die richtigen Bedingungen zu schaffen, damit den Bürgerinnen und Bürgern sowohl aus dem Einsatz neuer Technik als auch aus der Innovation schnell ein Nutzen entsteht.

Mehr: Jeder Dritte würde in Deutschland zur E-Mobilität wechseln.

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